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Foto nordische Landschaft

20. September 2006

Würfelzucker

Ich bin maßgefertigt und ordentlich zusammengepresst. Ich wiege 2.5 Gramm. Meine Anwesenheit wird in den meisten Inhaltslisten ganz schön verschleiert. Seit Anfang September habe ich sogar einen eigenen, leider genauso verzichtbaren Musikclipkanal wie MTVIVA. Immerhin gibt´s bei mir keine amerikanisch frisierten Kuppelshows oder grenzdebile Dokus über Autos mit Springbrunnen im Kofferraum. Worüber ich mich heute aber am meisten gefreut habe: dass meine Lieblingsband die Friedenspfeife geraucht hat und vierzehn Jahre nach der Auflösung und ganze zwanzig Jahre nach ihrer Gründung wieder für ein Reunion-Konzert in Reykjavik die Instrumente schwingt. Darauf erst mal ´ne Tasse Tee!

15. September 2006

Peter Bjorn And John verzaubern im Bett

Peter ist leicht angekränkelt, Bjorn erzählt von der langen Anreise aus Jämtland und John ist gar zuhause geblieben. Dafür ist aber ein sehr blonder und wuseliger Ersatz-Schlagzeuger namens Lars dabei, der ständig an seinem schwarzen T-Shirt zuppelt. Eigentlich nicht die idealen Voraussetzungen für das Konzert im heimeligen Club  Das Bett, einem der wenigen erträglichen Orte in Frankfurts gruseliger Äbbelwoi-Meile in Sachsenhausen. Nachdem der Song »Young Folks« es nicht nur beim Kollegen Markus auf die Liste der besten Sommertracks 2006 geschafft hat, wollen die Frankfurter Buben und Mädchen doch zu gerne wissen, was Peter Bjorn And John denn noch so zu bieten haben. Man könnte ja den jüngsten Hype verpassen.

 Den Mädchen, die so gerne junge Schweden anhimmeln, erteilt das Trio erstmal eine Lektion in  Sachen »Was zählt, sind die inneren Werte«: Bjorn könnte von der Statur her auch der Roadie sein, Peter verunstaltet sich durch ein Ungetüm von Kassengestell-Brille und ist so recht ein Ritter von der traurigen Gestalt. Erstmal fein das Understatement pflegen und verhalten loslegen – aber kaum fängt Peter an zu pfeifen -  wir ahnen, was kommt! – da gibts im Publikum kein Halten mehr,  »Young Folks« macht den Tänzern Beine und die hässliche Brille fliegt in die Ecke. 

Danach wird der Abend erst richtig gut: Powerpop im Sixties-Gewand, ein immer mehr in Laune kommender Peter, heftige Schweißabsonderungen bei Band und Publikum. Songs, die man mitsummt, auch ohne sie zu kennen. Und plötzlich ein seliges Lächeln auf allen Gesichtern. Und lustig wirds. Bjorn erwischt eine Dummbacke im Publikum, die während des Konzerts Handy-Radio hört und lässt sich gehörig darüber aus, um dann doch zu fragen, wer die US Open gewonnen hat. Peter erkundigt sich nach deutschen Hausmitteln gegen seine Erkältung und wird mit Tipps versorgt, die allesamt etwas mit Alkohol zu tun haben. Das Liebeswerben des Publikums verleiht dem zunehmend fidelen und spielfreudigen Trio mächtig Rückenwind: Zwei längere Zugaben entlocken die sonst so zurückhaltenden Frankfurter den Schweden. Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden.

15. August 2006

Finnischer Popsommer Teil 3

Der finnische Popsommer neigt sich seinem Ende zu  – und gemeinerweise spielen zwei meiner Lieblingsbands an diesem Abend fast gleichzeitig, aber an verschiedenen Orten. Da helfen nur ruckartiges Losreißen und ein schnelles Fahrrad.

 Boomhauer im Dynamo in Turku oder: Wer spricht schneller als Saku Krappala?

Ein Extrastoß Adrenalin gefällig? Geht ganz einfach: Das heftigste Garagenrock-Trio der Welt beim Heimspiel zu erleben. Wer vorher schon dachte, dass Sänger und Gitarrist Saku Krappala ziemlich hippelig ist, der wird seine Meinung rasch ändern. Saku muss der unangefochtene finnische Rekordhalter im Schnellsprechen sein: Atemlose, mit Lichtgeschwindigkeit heruntergeratterte Zwischenansagen, deren Absurdität und Skurrilität es mit dem Tempo aufnehmen können, versichert meine hilfreiche Übersetzerin Elina.

Wer Feinsinniges in der Populärmmusik mag, ist bei Boomhauer an der falschen Adresse. Es geht hier um den maximalen Energieausstoß während der Drei-Minuten-Songs und um die Höchtmenge Schweißabsonderung in diesem Zeitfenster. Und es macht einen Riesenspaß, den Jungs bei der Arbeit zuzuschauen, wie sie sich gekonnt die Bälle zuspielen und mit Präzision, Spielfreude und Leidenschaft bei der Sache sind und vor Begeisterung brennen. Saku hüpft wie ein Springteufel, Schlagzeuger Mikko schafft ein dynamisch treibendes Grundgerüst und Basser Marko zeigt sogar Anzeichen von Emotionen. Das ist die Essenz des Rock´n´Roll – bis zur Erschöpfung mitzutanzen und sich völlig verausgabt in den frühen Morgenstunden  nach Hause zu trollen.

Matti Johannes Koivu beim Down By The Laituri-Festival in Turku oder: Vorstellung und Realität

Matti Johannes Koivu, Sänger von Ultramariini. hat mit »PUUHASTELLEN« bislang eines meiner Lieblingsalben des Jahres vorgelegt: Souveräner, federleichter Singer-Songwriterpop mit einem wunderbaren Chanson-Einschlag. Geeignet für alle Dämmerstunden dieser Welt.

Irgendwie hatte ich mir Koivu als einen zarten, blassen, sehr jungen Poeten mit sensiblen Gesichtszügen vorgestellt. Auf der Bühne eines kleinen, recht altmodischen Klubs in Turkus Innenstadt aber steht ein ungelenker, verkrampfter, dürrer Mitzwanziger mit langem, strähnigen Blondhaar und merkwürdig stechenden Augen. Eher der Hippie-Hängerecke zuzuordnen. Ausstrahlung: Fehlanzeige. Den Rotwein trinkt er vorsorglich gleich aus der Flasche, eine der weniger sympathischen, aber durchaus häufig zu beobachtenden finnischen Eigenheiten.

Den Charme seines Albums kann Koivu an diesem Abend live nur in Ansätzen vermitteln. Begeitet wird er von einem ähnlich ausdrucksarmen Kollegen an der Zweitklampfe. Trotz viel guten Willens meinerseits gibt es von diesem Auftritt nur wenig Positives zu berichten. Die Songs laufen fast allesamt ins Leere, was hauptsächlich an der lauen und lustlosen Bühnenpräsenz des Herrn Koivu liegt. Auch wenn wir ihm milde zugestehen, dass er vielleicht einen schlechten Tag hatte: Matti, es gibt dringenden Handlungsbedarf, denn so wird das nichts. Geh mal bitte ein paar Blocks weiter und schau dir genau an, was Saku Krappala dir als Persönlichkeit auf der Bühne voraus hat. Es wäre schade, wenn sich das Koivu´sche Talent nur auf Platte entfalten könnte.

11. August 2006

Petrus, Peter, Björn und der Rest

 Gerade verwandelt Petrus meine Strasse in einen veritablen Jachthafen. Der perfekte Moment mal wieder meiner Lieblings-Sommerplatte des Jahres anzuschalten und im gnadenlos guten Logbuch der werten Radiokollegin zu stöbern. Ach, und bitte gleich mal diese Tourtermine mit liebevollem Gekringel und doppelroter Unterstreichung auf den eigenen Kalender schmaddern!

Peter Bjorn And John auf Tour

11. September:  Köln – Gebäude 9
12. September:  Hamburg – Molotow

13. September: München – Atomic Cafe
14. September: Berlin – Privatclub

08. August 2006

Finnischer Popsommer Teil 2

An Konzerten herrscht selbst im Hochsommer, wenn das ganze Land auf Mökki-Urlaub ist, kein Mangel. Steigen wir doch gleich mal in Bus nach Helsinki.

Magenta Skycode im Tavastia in Helsinki oder: Darkpop rules ok

Zum ersten Mal den traditionsreichsten Rockclub Helsinkis zu besuchen und gleich auf der Gästeliste zu stehen…sehr cool! Ein großes Dankeschön an Tomi Mäkila, Keyboarder von Magenta. Für die Ferienzeit ist das Tavastia sehr gut gefüllt. Kein Wunder, denn Magenta Skycode, das neue Projekt von Jori Sjöroos, hat mit »IIIII« bislang eines der überzeugendsten Alben des Jahres aus der Düster-Pop-Ecke vorgelegt. Ganz klar zu spüren: Die Band, die erst seit kurzer Zeit zusammen spielt, muss erst noch zusammenwachsen, den Feinschliff entwickeln. Der Intensität tut dies keinen Abbruch. Die Songs entwickeln eine Sogwirkung, die sich auch live entfaltet. Der Gig im Tavastia eines der Konzerte, auf das ich besonders gespannt war – und die fünf Magentas bestätigen das Potenzial der Platte. Hoffnungslosigkeit, Melancholie, die  wundervolle Kunst des fortgeschrittenen Verzweiflungsanfalls: Sjöroos und seine Mitmusiker zelebrieren den gehobenen Weltschmerz und rocken die blauen Stunden um Mitternacht. Die Interaktion mit dem Publikum stimmt auf den Punkt: Die potenziellen Hitsingles des Albums wie »People« oder »Go Outside Again« werden inbrünstig mitgesungen. Magenta Skycode haben sich in Finnland ihre Fangemeinde schaffen können. Jetzt wäre es an der Zeit, über den Tellerrand Richtung Resteuropa zu schauen. Die Voraussetzungen stimmen.

Samae Koskinen beim Down By The Laituri-Festival in Turku oder: Weißer Lärm

Der Club ist ziemlich altmodisch und abgeranzt, der Publikumszuspruch hält sich in Grenzen, und draußen ist es um Mitternacht sowieso noch hell. Samae Koskinen, Frontmann der Popträumer Sister Flo aus der Weltstadt Rihiimäki, steht mit seiner Gitarre alleine auf der Bühne. Der untersetzte junge Mann mit einem Topf-Haarschnitt wie aus dem »Namen der Rose« und einem unsäglichen karierten Hemd traut sich was als Solokünstler. Sein Album »Vol. 1« überzeugte im Frühjahr durch Leichtigkeit, Selbstbewusstsein, perfekten Sinn für Popmelodien und literarischen Anspruch: Basis waren Texte junger finnischer Lyriker. Koskinen ist ein Meister des Understatement, er ist souverän, er lächelt auf der Bühne in sich hinein und beherrscht  seine Zwischentöne. Ach dumme Welt, was willst Du von mir, ich hebe einfach ab und fliege davon und froh macht mich das sowieso. Diesem unterkühlten Charme kann sich auch die tumbste Dumpfbacke in der Ecke nicht entziehen. Die Botschaft erschließt sich selbst Zuhörern, die das Finnische nur in Ansätzen beherrschen: Hier gibt es eine kleine Kostbarkeit zu entdecken. Und als ultimativen Glückskeks fürs Publikum singt Koskinen noch eines der schönsten Lieder von Sister Flo, »White Noise«. Ein Song, der es unbedingt unter die 20 besten Popsongs aller Zeiten schafft. Mein Lächeln ist selbst am nächsten Tag noch da.

 
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