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Foto nordische Landschaft

06. Januar 2009

Pippi Langstrumpf, erwachsen: Miss Li

Das neue Jahr hat mit allerlei Trübsinn angefangen. Weltuntergangsszenarien, pessimistischen Ausblicken und allerlei mahnenden Worten, wir mögen uns bitte auf schwere Zeiten einstellen.  Wir mögen uns bitte ganz klein machen und am besten die Klappe halten und betreten zu Boden blicken.

Was der Welt Anfang 2009 fehlt, ist ein großes Quantum Trost – und nicht die Sorte, die Herr Bond zu bieten hat. Sondern Föhlichkeit, Übermut und Spaß. Und da kann uns Miss Li aus Schweden bestens weiterhelfen.

Denn wenn Pippi Langstrumpf heute erwachsen wäre. Und die Männer, die Musik und die anarchischen Freuden kleiner Gemeinheiten entdeckt hätte, dann könnte sie heute heute Linda Carlsson alias Miss Li heißen. Vielleicht sogar Annika den Boyfriend ausspannen, aber Annika dürfte nicht schmollen. Der Kerl passt sowieso besser zu Linda und der kann man nicht lange böse sein bei diesen Kulleraugen.

Linda Carlsson hat in ihrem Leben bereits Oper, Musical, Jazz, Soul, Pop, Electro, Blues, Rock und Heavy Metal gesungen, und all diese disparaten Elemente finden sich heute in ihrer Musik wieder. Plus einem gehörigen Schuss aus Kabarett, Swing und Balkanexpress. Das Ergebnis klingt wie Kirmesmusik, wie liebe-böse Mädchenmusik, wie Tanzmusik. Ist rotzfrech und macht unwiderstehlich gute Laune. Miss Li hinter ihrem Klavier ist ein Entertainerin von hohen Gnaden und exzessivem Temperament. Unterstützt wird die Sängerin von einer famosen Männerkapelle, die sich live um die Sängerin schmiegt wie ein angewärmter Bademantel.

Mit dem mitreißenden Konzert in Ludwigshafen kurz vor Weihnachten gabs Ende vergangenen Jahres einen Teil der Geschenke schon vor der eigentlichen Bescherung. Strahlende Gesichter bei den Teeniemädels und angegrauten Swingonkels im Publikum gleichermaßen. Einer der schönsten Songs, nämlich »Why Don´t You Love Me?« stellt natürlich nur eine rhetorische Frage. Diese Frau muss man lieben.

15. Dezember 2008

Wir kommen um uns zu beschweren: Ein kleiner Brief an Tiger Lou

Lieber Rasmus Kellerman,

Du bist Künstler und das ist schön so. Denn Du als Tiger Lou hast einige bleibende Alben vorgelegt, die gerade wegen ihrer Mischung aus Härte, Wut und Sensibilität überzeugten.  Die Deine Liebe zum intelligenten, empfindsamen Powerpop trotz aller Rocklust nie ganz verbergen konnten.

Aber eines Tages musst Du Dir gedacht haben, dass Du eigentlich doch einer von den harten Jungs sein willst. Und hast ziemlich lange an Deinem aktuellen Veröffentlichung »A PARTIAL PRINT« herumgewerkelt. Und hast das Album schließlich es im Alleingang eingespielt, wohl im Vertrauen auf Dein unbestreitbares Talent. Das kann klappen. Das kann aber auch daneben gehen. Und, sorry: Das ist es. Denn Du dachtest vielleicht, dass Du Dich entscheiden musst, wer Du sein willst: Der coole Rocker oder der verständnisvolle Versteher. Und Du hast gedacht, ach, der coole Rocker, schwarz, schwarz, schwarz, das ist es. Und dabei ist etwas Wichtiges auf der Strecke geblieben.

Denn kein Song von »A PARTIAL PRINT«will wirklich hängenbleiben. Beliebigkeit regiert.

Du bist Künstler und dachtest vielleicht, wow, ich bin so viel getourt in meinem Leben und dieses Mal mach ich mal was völlig anderes. Richtig innovativ wie die großen Jungs, die sich das leisten dürfen: Ich spiele auf der aktuellen Tour das neue Album vom ersten bis zum letzten Stück in chronologischer Reihenfolge. Aber es ist etwas Wichtiges auf der Strecke geblieben. Denn Du hast ignoriert, dass Live-Konzerte aus Spannungsbögen leben. Und eben diese fehlen auf »A PARTIAL PRINT«. Im Ergebnis heißt das, dass das Konzert im Wiesbadener Schlachthof in der ersten Stunde stupend unbefriedigend war. Der schlimme Sound (wer stand denn da hinter dem Mischpult? AUA!), der gab den Songs den Rest. Es kam einfach nichts herüber. Kein Gefühl, nirgends.

Dass das Publikum bei den Zugaben plötzlich leidenschaftlich abgeht, das sollte Dir zu denken geben. Denn der viel zu kurze Zugabenblock bestand ausschließlich aus Songs Deines Vorgänger-Albums »THE LOYAL«. Und plötzlich sangen alle textsicher mit. Einschließlich mir. Und ich bin mir sicher, das lag nicht daran, dass Dein Publikum aus innovationsfeindlichen Traditionalisten bestand. Deine Hörer wären Dir gerne zu neuen Ufern gefolgt. Aber da war nichts Überzeugendes.

Und noch ein letzter Satz. Einer Deiner schönsten Songs, »Oh Horatio«, den hast Du nicht mal im Zugabenblock gespielt. Der ist sehr, sehr poppig. Kein Song, dessen man sich heute als zu weich schämen müsste. Wirklich nicht.

Beste Grüße

die besorgte Immer-Noch-Fannin

02. Dezember 2008

Es bleibt in der Postrock-Familie: Halo Of Pendor

Die Göteborger Postrock-Szene muss man sich wohl wie einen sehr überschaubaren, familienähnlichen Verbund vorstellen: Jeder kennt jeden und jeder spielt irgendwie neben der eigenen Band noch im Nebenprojekt des besten Kumpels mit.  So wundert es also nicht, dass eine der neueren Formationen aus der Hafenstadt, nämlich Halo Of Pendor, aus alten Bekannten und ihren engsten Freunden besteht: Im Grunde handelt es sich hier um das bereits länger vor sich hinköchelnde Soloprojekt von Daniel Öhman. Der ist engstens mit den Lokalheroen EF verbandelt und hat zur Verstärkung deren Cellisten Jonatan Hammar mitgebracht. Dieser wiederum hat bereits nach Kräften seinen EF-Bandkumpel Claes bei dessen eigener Kapelle Immanu El beim Debüt »THEY´LL COME THEY COME« unterstützt. Andere Halo-Of-Pendor-Aktivisten sind wiederum bei The Gentle Act Incident aktiv. Über die inzestuösen Verästelungen der Göteborger Postrocker ließen sich sicherlich ganze Doktorarbeiten verfassen.

Halo OF Pendor also an einem frostigen Vorweihnachtsabend im Offenbacher Hafen 2. Geradezu schüchtern, verhalten kommen sie daher. Scheinen sich zunächst hinter ihren elektronischen Stimmensamplern zu verstecken. Ein Daniel Öhman, der so zerbrechlich aussieht, dass man ihm am liebsten eine Tasse heißen Kakao und ein dickes Stück Marmorkuchen anbieten möchte. Noch ein wenig unfertig wirken die in bester Postrock-Manier ausufernd-suchenden Stücke. Romantisch suchend. Die blaue Blume vielleicht?

Stockend erzählt Öhmann von den jüngsten Tourkatastrophen: Von einem auf nächtlicher Autobahnfahrt geplatzten Reifen und dass gottseidank niemanden etwas passiert ist. Nur dass er jetzt vollkommen pleite ist. Die Reisekasse überstrapaziert. Und dass er zur Aufbesserung höchstens Demoversionen seiner Songs verkaufen kann. Ein Album gibt es noch nicht.

Erst zum letzten Stück scheint den melancholischen Göteborgern endlich warm zu werden. Vielleicht weil sie das Sampelei-Gefrizzel und und Apple-Notebook-Rumgefrickele endlich lassen und sich von den selbst produzierten Tönen in andere Sphären wegtragen lassen. Und endlich kann Jonatan Hammar zeigen, dass ein Glockenspiel eine empfindsame Seele hat und so klingen kann wie ein kleines Symphonieorchester.

Dass die superlebendigen, überwältigenden, leidenschaftlichen Anathallo aus Chicago die kleinen Göteborger anschließend an die Wand und in einer völlig anderen Liga spielen, soll nur der Vollständigkeit halber festgehalten werden. Denn klein angefangen haben alle mal.

(Foto: Emilie Bjork)

15. November 2008

Vier Freunde, laut: Lukestar im Bett in Frankfurt

»Diese Schweden und Norweger spielen immer so laut«, brummelt der Wirt des einzig heimeligen Clubs in der Äbbelwoikneipenkulissenwelt Frankfurt-Sachsenhausen und verkauft noch ein Ökobier mehr an die politisch korrekte Kundschaft. Lieber Wirt, auch wenn es schwerfällt und die nörgeligen Nachbarn mit bösen Anrufen beim Ordnungsamt drohen: Lukestar muss man laut hören!

Die Norweger sind in diesen Tagen erstmals auf Deutschlandtournee – und wer sie verpasst hat, sollte sich jetzt ärgern: Denn dieser eigenwillig aus allen Zeiten fallende Indierock, der seltsam glamourös ist (obwohl die vier Musiker das genaue Gegenteil davon sind!), entwickelt eine unerwartete Dynamik. Lukestar, deren Album »LAKE TOBA« sich in ihrer Heimat sehr, sehr ordentlich verkaufte, sind engagierte Spielkinder mit der positivesten Ausstrahlung einer Band seit dem sommerlichen Auftritt von Sigur Rós in Wiesbaden. Psychedelik, Power, Pathos,  Pop, – zwischen diesen Polen richten sich Lukestar entspannt ein und feiern. Feiern die Falsett-Stimme von Sänger Truls Heggero und die Tatsache, dass sie einen unglaublichen Spaß daran haben, zusammen zu spielen. Vier Freunde sollt ihr sein!

Es ist einer dieser Abende im bett, an denen es einem merkwürdig warm ums Herz wird: Weil gerade mal geschätzte 30 Leute den Weg in die Klappergasse gefunden haben und diese 30 so unterschiedlich sind, wie man sich das Publikum auf Konzerten sonst immer wünscht: Klar, die unvermeidlichen Indierocknerds, männlich, jung, die meistens in Grüppchen auftauchen. Aber auch das Pärchen jenseits der 45, das in der ersten Reihe begeistert tanzt. Das minderjährige Mädel, das seine Mutter oder eine andere Aufsichtsperson mitgebracht hat – und beide jammen angeregt. Die sehr rustikalen Typen, die aussehen wie norwegische Ölfeldarbeiter, es aber bei näherem Hinhören doch nicht sind. Die Handvoll echte Norweger (etwa die halbe norwegische Population der Mainstadt?) Die bunte Truppe, die aussieht wie von einer Balkanparty entfleucht. Wäre das Publikum doch immer so interessant durchmischt!

Lukestar, so fern allen modischen Schnickschnacks, so fern aller egoistischen Eitelkeiten, so fern aller dummen aufgesetzten Posen, sind mit ihrer ungekünstelten Freude an dem, was sie tun, die wahren Helden. Vielleicht sind so hoffungslos altmodische Eigenschaften wie Bescheidenheit und Sympathischsein in diesen Tagen die neuen Gradmesser für Coolness. Die Norweger also die Trendsetter?

06. November 2008

Die Isländer sind die neuen Finnen: Bang Gang in Heidelberg

Barði Jóhannsson hätte an diesem Abend dem legendären finnischen Skispringer Janne Ahonen Konkurrenz machen können: Der isländische Musiker, derzeit mit seinem Projekt Bang Gang auf Tour, verzieht während des gesamten Konzert im Heidelberger Karlstorbahnhof keine Miene. Lächeln? Was ist das? Kleine Zwischenansagen, ein bisschen Smalltalk? Kann er nicht, will er nicht. Geradezu ein Gefühlsausbruch, dass er Heidelberg pflichtschuldig als»beautiful city« bezeichnet. Die Einheimischen quittieren das Kompliment mit Achselzucken.

Barði Jóhannsson kommt an diesem Abend wie der König aller Nerds daher: Strähniges Fransenhaar, überdimensionierte Brille, eckige Ungelenkheit. Ein großer, dürrer Mensch, der sich selbst im Wege zu stehen scheint, mit streng hochgeknöpftem Hemd, gekleidet in gedeckten Farben und den obligatorischen engen Jeans. Ein Mann, der nur aus spitzen Ellenbogen zu bestehen scheint.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend ein Magier des Melodramas. Ein Zauberer der großen Gefühle. Denn sein in diesem Jahr erschienenes, großartiges Album »GHOSTS FROM THE PAST« ist eine einziges großes Aufarbeiten eines gewaltigen Liebeskummers. Ein Aufschrei eines grandios verletzten Herzens. Ein Wüten, ein Flehen, ein Aufbegehren. Nur, und so lautet die große Frage des Abends: Wie ist das live zu vermitteln?

Barði Jóhannsson weiß die Antwort: Mit einer verhaltenen Hingabe. Mit einer zurückgenommenen, ernsten, auf den Punkt fokussierten Begleitband. Mit weißer Wut und Zartgefühl. Mit emotionalen Ausbrüchen und introvertierter Zurückgezogenheit. Und mit Rock! So laut, so ungestüm losstürmend – so hätten wir den romantischen Popgrübler nicht erwartet.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend im spärlich gefüllten Konzertsaal ein Meister der Überraschungen. Dem von Ville Valo und Natalia Avelon im letzten Jahr zu neuen Radiorotationen verholfenen Hazlewood-Sinatra-Klassiker »Summer Wine« als letzte Zugabe zu bringen – augenzwinkernd, ironisch, hingebungsvoll – dazu gehört etwas. Vielleicht ein Lächeln, Herr Jóhannsson?

 
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