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Foto nordische Landschaft

30. Oktober 2008

(Bite The) Bullet: Nieten, Leder, Flying V

Freitag, 17.Oktober. Das Kölner Luxor ist gut gefüllt. Anscheinend können die Backyard Babies, trotz eher lauen Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren, immer noch auf ihre Fans in Deutschland zählen. Im Vorprogramm haben sie dieses Mal ihre Landsmänner Bullet. Die Jungspunde spielen weder Punkrock, noch Punk’n'Roll, nein ihr Herz schlägt für 80er Metal mit starker AC/DC-Schlagseite des Fronters.

Nieten blitzen, Leder glänzt, mehr oder minder üble 80er Frisuren flattern hin und her. Dag Hell Hofer kreischt in Brian Johnson-Tonlage, mal mit einem Hauch Rob Halford nicht nur den Titeltrack der aktuellen zweiten Scheibe »BITE THE BULLET«. Die Instrumentalisten lassen es in bester Accept-Judas Priest-Saxon-Manier krachen. Sobald es die Breaks erlauben, recken die Jungspunde in Röhrenjeans ihre teils Nietenband-bestückten Arme in die Höhe. Kompletten Beitrag lesen …

27. Oktober 2008

Psychopunch: Karlsruhe wird zur »Moonlight City«

So, noch schnell einen Blick auf Bettie Ford geworfen, genauer gesagt: Deren letzte drei Lieder angehört, bevor die Schwedenpunk’n'roller am 16. Oktober um 22 Uhr das Substage rocken sollen. Die Kölner machen ihre Sache nicht schlecht, doch so rechte Stimmung kommt nicht auf: Zu wenige Leute, die dann auch noch drei Meter Sicherheitsabstand von der Bühne halten.

Weniger Berührungsängste haben Psychopunch, die ihrem dreimaligen Support-Act zum letzten Song ein Tablett mit Drinks auf die Bühne bringen.

Umbaupause. Die Gelegenheit um die Zuschauerzahl von 70 auf endgültige 80 Personen zu steigern – und den Alkoholpegel soweit anzuheben, dass sich die Lücke zwischen diesen und Bühne bis zum dritten Lied schließt.

Psychopunch lassen sich davon nicht stören, sie wollen beim letzten Gig dieser Tour noch mal richtig Spaß haben und posen als stünden sie in einem ausverkauften Stadion – statt in der nicht mal zu einem Fünftel gefüllten, ehemaligen Unterführung in Karlsruhe. Kompletten Beitrag lesen …

26. Oktober 2008

Da ist Leben unterm Beton: Nina Kinert in Ludwigshafen

Beinahe hätten wir nicht hingefunden. Alle Amok laufenden Stadtplaner und Architekten der letzten 50 Jahre müssen sich speziell vorgenommen haben, die pfälzische Metropole Ludwigshafen nach Kräften zu entstellen. Übereinandergeschachtelte Betonungetüme von Umgehungsstraßen, die konsequente Navisystemverweigerer durch eine völlig undurchsichtige Wegführung ins Nirgendwo führen. Selbst der Bahnhof taugt nicht als Orientierungspunkt, da er sich wie ein Fremdkörper unter den Betonbarock duckt.

Irgendwie haben wir die Bahnhofstraße (die, merke: NICHT am Bahnhof liegt!) und den Veranstaltungsort das haus dann doch noch gefunden. Sind viel zu spät in den aparten Saal in seiner anregenden Betonästethik gehuscht und kamen sogar für umsonst rein, da das Konzert schon mehr als zur Hälfte vorbei war. Und jetzt genug geschimpft über unwirtliche Innenstädte, denn jetzt kommt Nina Kinert, die konzentriert an den Tasten sitzt und sich in ihrem seltsamen grauen Kapuzenkleidchen bestens an die Umgebung anpasst. Alles Äußerlichkeiten. Denn die eigenwillige Chanteuse, die einigen Zuhörern vielleicht als Backup-Sängerin von Ane Brun bekannt sein könnte, präsentiert sich hier als sehr eigenständige Musikerin mit eigenm Kopf.

Die Vergleiche liegen nahe, aber ebenso leicht daneben: Tori Amos und Fiona Apple. Die merkwürdigen Damen, die in ihrer eigenen Welt leben und komische Dinge sehen, die wir vielleicht nicht ganz so verstehen wie sie. Nina Kinert ist sicherlich auch eine Bewohnerin dieser merkwürdigen Zwischenwelt. Aber eine, die sich irgendwie ihre naive Mädchenhaftigkeit bewahrt hat. Auch wenn sie gleichzeitig sehr, sehr garstig sein kann.

Unterstützt von einer bestens aufgelegen Band – aber fast noch besser solo. Wenn sie zur Zugabe mit ungelenker Grazie nochmal auf die Bühne steigt und ganz bei sich ist und fast in das Keyboard hineinzukriechen scheint. Spätestens dann wissen wir, dass wir Ludwigshafen nicht mehr böse sein dürfen. Danke für diesen Abend!

19. Oktober 2008

Der Herbst unseres Missvergnügens: Popkomm-Nachlese

Wird die Musikbranche, die wie ein angezählter Boxer taumelt, nochmal auf die Füße kommen und zurückschlagen? Antworten auf diese Frage gab es auf der diesjährigen Berliner Popkomm nicht. Nur Beobachtungen, Schlussfolgerungen. In den beiden Messehallen unterm Funkturm, wo der offizielle Teil des Spektakels stattfindet, schienen in diesem Jahr noch weniger Aussteller als sonst ihre Produkte und Künstler anpreisen zu wollen. Das ist ein gefühlter Eindruck. Aber offenkundig bleibt: Das große Geld sitzt hier nicht mehr. Es wird gespart. Vieles wirkt billig. Aber trotzdemwird eifrig genetzwerkt rund um die Stände der Skandinavier, die selbstbewusst auftreten.

Kommen wir zur Musik, zu den Bands. Irgendwie der Eindruck, dass der große Knall ganz anderswo stattfindet. Dass das Mittelmaß vorherrscht. Oder vielleicht einfach Pech gehabt und zu den falschen Konzerten gegangen? Wir können nur mutmaßen.

Die Schweden sind viel zu stylish. Sagen die Finnen. Legen viel zu viel Wert auf ihr Äußeres. In den finnischen Äußerungen schwingt ein nicht geringer Minderwertigkeits- und Neidfaktor mit, weil man die Moden des Nachbarn gerne erst fünf Jahre später übernimmt. Aber die Beobachtung ist ansonsten völlig korrekt. Äußerlichkeiten zählen in Schweden sehr viel mehr als bei den eher rustikalen Finnen. Was hat das mit Musik zu tun? Sehr viel! Wie auf der Swedish Night im Roten Salon zu beobachten war.

Denn wie es es anders erklärbar, dass bei dem Auftritt einer Band mehrere Ventilatoren die Hauptrolle spielen? Mit Hilfe derer melodramatisch ein weißes Leintuch gebläht wird, vor dem ein Duo mit dem Namen Zeigeist sich zum Narren macht? Instrumente? Sind wir viel zu cool dazu, brauchen wir nicht. Die Beats kommen aus der Konserve. Dazu singt das grotesk gekleidete Pärchen mit dünnen Stimmchen und hampelt theatralisch herum. Er in kurzen Hosen, und das sieht nicht wirklich gut aus. Sie mit einem ihr wenig schmeichelnden 80er-Jahre-Ungetüm von Kleidchen mit Puffärmel. Mit viel gutem Willen kann man den Stil dieser talentfreien Dilettanten als Elektropop bezeichnen. Der Tag, an dem die Musik stirbt, könnte mit einem Song von Zeigeist beginnen. Grauenvoll gruselig.

Auf stylishes Auftreten legt auch ein dem Schminken nicht abgeneigter Herr mit Namen Moto Boy einigen Wert. Im Gegensatz zu den unsäglichen Zeigeists aber verfügt Oscar Humlebo zumindest über eine gewisse Fähigkeit zur Selbstironie. Inszeniert sich als den Bikerboy mit nicht eindeutigen sexuellen Präferenzen und legt einen gekonnten Spagat zwischen Glam Rocker und großäugig-poppigem Singer-Songwriter hin. Ola Salo von The Ark muss ein großes Vorbild für Humlebo sein. Bei Moto Boy ist die Musik noch akustisch – und allein für die Tatsache, dass er sich allein mit seiner Gitarre vors Publikum traut und auch noch Spaß dabei hat, gibts Extra-Symapathiepunkte.

Dass die 80er derzeit das Leitjahrzehnt für schwedische Nachwuchskünstler sind, ist nichts wirklich bahnbrechend Neues. Juvelen haben sich eine Ecke zwischen Prince und Police gesucht und pflegen den Falsettgesang. Sänger Jonas Pettersson gefällt sich in der Rolle des coolen Dandys. Endlich kann man tanzen, ohne sich schämen zu müssen! Wer unter den Hörern in den 80ern allerdings nicht in den Windeln lag oder mit Bauklötzen auf die anderen Kinder warf, dem wird so manches aus dem Juvelen-Fundus sehr, sehr bekannt vorkommen. Es lebe das Recycling!

Endgültig die Flucht ergreifen wir bei Apollo Drives wenig inspirierenden klassischen Powerrock. Gähn. Tausend Mal so oder ähnlich gehört. Wenigstens sitzen die Frisuren bei den Herren, wie es sich für richtige Schweden gehört. Äußerlichkeiten zählen eben. Und sehr viel mehr gibt es hier auch nicht zu sehen und zu hören. Wenn das die Zukunft von Rock und Pop sein soll, kann einem  bange werden.

Aber zum Abschluss doch ein versöhnender Auftritt. Nein, nicht der Schweden. Der Finnen! Rubik aus Helsinki, die mit BAD CONSCIENCE PATROL bereits ein überragendes Debüt hingelegt haben, überzeugen live am nächsten Abend in der Kulturbrauerei mit unbändiger Spielfreude, ungewöhnlichen Ideen und einem unwiderstehlich vielseititigen Sänger Artturi Taira. Dessen wandlungsfähiger Stimme und reinem Spaß an der Sache man noch Stunden hätte lauschen und zuschauen können. Artturi Taira würde in niemals in einem stylishen schwedischen Musikmagazinabgebildet werden. Dazu schert er sich viel zu wenig um sein Äußeres. Und das ist in diesem Fall auch gut so.

30. September 2008

Schöner schreien: Wildbirds & Peacedrums beim Reeperbahnfestival

Nirgendwo anders als in die Hamburger Prinzenbar hätten die zwei Musiker von Wildbirds & Peacedrums an diesem Abend besser hingepasst. Als in diesen grandios in Stuckgirlanden erstickenden, rot ausgeleuchteten neobarocken Konzertsaal, diesen lebendig gewordenen Traum jedes Vampirfilmfanatikers.

Ein Mann. Eine Frau. Mariam Wallentin and Andreas Werliin. Ein Ehepaar. Und ein wenig Schlagwerk und einige an ungewöhnliche Instrumente aus der Kinderzimmer-Grabbelkiste. Bei der Konstellation Schlagzeug und Gesang denkt man sofort an die White Stripes, womit man aber völlig danebenliegt. Oder an die Dresden Dolls, was ebenso wenig hinkommt. Denn in der ungewöhnlichen Musikmischung von Wildbirds & Peacedrums spielen Blues und Jazz und Improvisation und das Melodrama die entscheidende Rolle. Und wenn Mariam Wallentin einmal richtig loslegt, dann stehen einem eher die Kompromisslosigkeit und die an Selbstentäußerung grenzende Hingabe der jungen Patti Smith vor Augen.

Die beiden Musiker entwickeln inmitten des hektischen Getümmels, des Rennens von Bar zu Bar auf dem Reeperbahnfestival, eine erstaunliche intensive Atmosphäre um sich und ihre Musik herum. Der man sich nicht entziehen kann. Schaukeln sich gegenseitig hoch. Allein die Blicke, die sich Mann und Frau hier zwischendurch zuwerfen, um sich ihrer selbst in ihrer kontrollierten Raserei zu versichern, sind von atemberaubender Intimität und machen Herzklopfen.

Mariam Wallentin ist bereits heute eine junge Diva auf viel zu hohen Schuhen und im herausfordenendem Glitzerkleidchen. Sie haucht, sie flüstert, sie säuselt. Sie beschwört, sie leidet, sie schreit. Und wenn sie noch einen draufsetzen will, dann greift sie selbst zu den Trommelstöcken. Diamanda Galas hätte ihre  Freude daran.

Einfache, eingängige musikalische Kost (wie sie etwa Lykke Li später an diesem Abend bieten wird) ist die Sache der beiden Schweden nicht. Dafür ist sind die Songs aber ebenso sperrig wie aufregend. Und was sich aus einem harmlosen Anfang entwickeln kann, ist ebenso wenig vorhersehbar wie die berserkerhaften Ausbrüche von Andreas Werliin am Schlagzeug. Gewissheiten schwinden. Neues, Überraschendes entsteht.

Die Zuhörer wollen Wildbird & Peacedrums nach dem viel zu kurzen Auftritt kaum von der Bühne lassen. Eine letzte Zugabe vom angenehm uneitlen Duo, ein letzter Ausflug ins Dickicht, eine letzte Expedition zu neuen Ufern.  Dann stelzt Mariam Wallentin souverän auf geschätzten 30-Zentimeter-Absätzen Richtung Backstage, begleitet von einem freundlich sich bedankenden und winkenden Gatten. Bitte bald mehr.

 
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