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Foto nordische Landschaft

20. November 2016

Liebeskummer ist überbewertet: Iceland Airwaves 2016

Sitzengelassen werden und üblen Liebeskummer zu haben, das ist keine schöne Sache. Es sei denn, man beschließt, die elendige Leiderei dadurch zu bekämpfen, dass man sie zur Kunstform erhebt. Katrín Helga Andrésdóttir alias Kriki hat sich für diese Strategie entschieden. Kriki ist eine dieser wunderbaren Zufallsentdeckungen auf dem Iceland Airwaves Festival 2016, über die man unversehens stolpert, wenn man nur seinen Ohren nachgeht. Eigentlich wollte ich nachmittags einen minikleinen Mittagsschlaf einlegen, weil es am Vorabend so spät geworden war. Aber dann klangen diese sanften, liebevoll verspielten Töne aus der Ananasbar, und ich musste einfach hineingehen. Es sind naive, verträumte kleine Songs, mit denen die junge Frau gegen die Fröste des Erwachsenenlebens aufbegehrt. Und wenn sie öffentlich von ihren Liebesgeschichten erzählt, die alle im Desaster endeten, dann wird aus der Tragik unversehens eine zärtliche, federleichte, sich selbst liebende Attitüde. Lavalampen glühen, die Gitarre puckert, leise Synthies seufzen und Windharfen streicheln die verwundete Seele. Und irgendwie wird einem bei diesen ruhigen Lo-Fi-Songs wie »Apollo« plötzlich sehr warm ums Herz. Und vielleicht lächelt man mit Kriki auch ein ganz klein wenig über dieses ganze emotionale Chaos. Wenn daraus so wunderbare Songs entstehen, dann hatte es doch noch etwas Gutes!

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14. November 2016

Ab in den Keller zu den Elfen! Iceland Airwaves 2016

Dass Studenten weltweit ihre Freizeit in Kellern verbringen, ist ein universelles Phänomen. In Reykjavík ist es nicht anders, denn hier trifft sich der akademische Nachwuchs im Stúdentakjalarinn unter der Mensa, wo man außer Biertrinken (erschwinglich sogar für isländische Verhältnisse!) solch nette Dinge tun kann wie Premier League gucken oder beim Star-Wars-Quiz mitmachen. Zum Iceland Airwaves Festival 2016 hat der Studentenkeller erfreulicherweise offen und wartet abseits der Innenstadt und der großen Menschenströme mit einem angenehm entspannten Ambiente auf. Wer sich bislang erfolglos auf die Suche nach isländischen Elfen gemacht hat, wird hier endlich fündig: RuGl nennen sich die beiden 14jährigen Mädchen, die es beim diesjährigen nationalen Nachwuchswettbewerb weit nach vorn geschafft haben. RuGl, diese zarten Elfenwesen, spielen verträumten, federleichten Folkpop und überraschen mit wunderbaren Harmoniegesängen und gelungen Arrangements. Einen Rekord verbuchen sie schon mal beim Festival: Sie sind offiziell die jüngsten Teilnehmerinnen! Seit Anfang des Jahres bilden Ragnheiður María Benediktsdóttir und Fríða Helgadóttir Folkmann ein Duo, dem man wünscht, dass sie sich viel Zeit zum Wachsen nehmen. Und da wir hier in Island sind, hat sich die Verwandtschaft der jungen Musikerinnen zahlreich eingefunden. Ich sitze neben der stolzen Großmutter eines der Mädchen, die schier nicht aufhören kann, von der begabten Enkelin zu schwärmen. Auch das ist so eines dieser Airwaves-Erlebnisse, die man sonst nirgendwo findet!

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09. November 2016

Falling a little bit out of love mit dem Iceland Airwaves 2016

Der Verkehr oben an der Hallgrímskirkja in Reykjkavík morgens um neun: Vor lauter Urlaubsbussen kommt man kaum über die Straße. Das Gedränge auf der einzigen ernsthaften Einkaufs- und Vergnügungsmeile des Landes, dem Laugavegur: Wenn die chinesischen Touristen ihrem Guide mit dem Fähnchen folgen, wird es arg eng. Die Zahl neuer Hotels und Hostels, die seit dem vergangenen Jahr entstanden sind: Man verliert langsam den Überblick. Von den Baustellen für Hotel-Neubauten ganz zu schweigen. Die Bierpreise: Sind seit dem letzten Festival nochmals so stark gestiegen, dass es an Unverschämtheit grenzt. Island wird von seinem Erfolg als Urlaubsziel derzeit überrollt. Vor allem die Engländer scheinen die Insulaner nach der legendären Niederlage im diesjährigen Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft als neues Lieblingsvölkchen im Norden adoptiert zu haben. Halb Liverpool und Manchester wälzt sich durch die sehr überschaubare Innenstadt von Reykjavík. Souvenirläden und überteuerte Design-Geschäfte säumen die Straßen. Wo sind die improvisierten Lädchen geblieben, die es früher mal gab?

Dieses Gefühl des leichten Unbehagens setzt sich auch auf dem Iceland Airwaves Festival 2016 fort. Trotz Festivalpass nochmal anstehen müssen für viele Konzerte, die etwas exklusiver sind, wie etwa den gemeinsamen Auftritt von Múm und dem Kronos Quartett etc etc? Macht keinen Spaß. Und für das Konzert von Björk nochmal 150 Euro auf den Tisch legen, das mag auch nicht jeder. Plus: Die Idee, wichtige Gigs in den abgelegenen Komplex Vallshöllin zu verlegen, wo man per Bus hingefahren werden muss, die ist schlecht: Denn ein Teil des Charmes beim Iceland Airwaves besteht ja darin, dass man schnell zu Fuß von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort wechseln kann. Hat missfallen!

Bevor ich jetzt den Ruf einer Miesepetra erlange, die sich starrköpfig nach der guten alten Zeit sehnt, bleibt zu betonen: : Natürlich war es wieder großartig auf des Iceland Airwaves Festival und natürlich gab es wieder viele wunderbare Momente und inspirierende Entdeckungen zu machen. Wo sonst würde ich mich nachts um eins angeregt mit dem Pfarrer der örtlichen Adventistengemeinde unterhalten, der sein Gotteshaus neben dem Supermarkt für Kórus geöffnet hat? Unter dem Anführer Pétur Ben, dem wirbeligen Godfather des isländischen Indierock, haben sich hier 30 Musiker aller Stilrichtungen zu einem Chor zusammengeschlossen. Zu den Mitstreitern gehören Kira Kira, Ex-Múm-Sängerin Gyða Valtýsdóttir, María Huld von Amiina und Valgeir Sigurðsson, um nur einige zu nennen. Diesen Kórus in einer Kirche auftreten zu lassen, das ist eine blendende Idee. Spirituell, hingebungsvoll, feierlich, eigenwillig, innig, beseelt und harmonisch: Mit diesen Worten mag man diesen Chor charakterisieren, und elfenhaft dazu. Gesungen werden Kompositionen der Kórus-Mitglieder, plus einige Cover. Wie das klingt, kann ich hier nur unangemessen mit Worten beschreiben: Noch sind keine Sounds in den Tiefen des Netzes zu finden.

Eine weitere aufregende Entdeckung, nachmittags im Nordic House, das wie immer ein exzellentes Off-Venue-Programm auf die Beine stellt: Die grönländischen Indierocker Small Time Giants, die vor 30 Zuhörern so leidenschaftlich aufspielen, als gelte es die Welt. Tut es auch für die Band um Sänger Miki Jensen! In Grönland sind die Vier so populär, dass das Airwaves-Konzert live im Radio übertragen wird. Jensen grüßt seine ehemalige Highschool-Lehrerin aus dem südgrönländischen Örtchen Qaqortoq, die ihm noch dringend von einer Musikerkarriere abgeraten hat. Diese Geschichte könnte nun furchtbar klischeehaft klingen, aber man nimmt dem jungen Musiker jedes Wort davon ab. Die Songs sind pathetisch, aber auf eine wunderbar ehrliche Weise! Der Text von »Heart Beats a Broken Heart« geht in der Tat sehr ans Herz. »Make more room for me in your heart«! Jawohl! Und wer sagt, dass eingängige Refrains uncool sind? An den Song wird man sich erinnern! Die Small Time Giants sind inzwischen nach Kopenhagen gezogen und wollen sich nicht mit ihrem Ruhm in Grönland zufriedengeben. Gut so! Diese Band sollte hier auf Festivals spielen!

03. Oktober 2016

Enslaved im Club Cann: Geil war’s!

Tatort: Club Cann – Bad Cannstatt, Stuttgart
Tatverdächtige: Extreme Metal Urgesteine
Tatzeit
: 30.09.2016
Tatzeugen: keine Trachtentrottel

Als wir ankommen spielt gerade Enslaveds australische Vorband Ne Oblivicaris. Da wir sie schon auf Tuska gehört und gesehen haben, widmen wir uns lieber dem goldenen Gerstensaft und sehen uns die Show von weiter hinten an. Wobei hinten immer noch ziemlich nahe an der Bühne ist: Der Konzertsaal hat doch recht schnuckelige Ausmaße.

Nach einer kurzen Umbaupause beginnen Enslaved fulminant mit »Roots oft he Mountain« vom Album »RIITIR«. Das richtige Stück um sich auf das Set einzustimmen. Kompletten Beitrag lesen …

01. Oktober 2016

Ein wenig Nostalgie mit Tiger Lou: Reeperbahn Festival 2016

Letzens war ich im Angeber-Architektur-Areal am Offenbacher Hafen unterwegs. Das Grauen! Wo früher der verwilderte Charme einer vergessenen Industriebrache lebte, gibt es heute eine profitmaximierte städtebauliche Verdichtung plus einfallsloser Gestaltung zu bestaunen. Aber hier leben, nein danke! Leicht melancholisch wurde mir ums Herz, als ich den Ort zumindest grob wiedererkennen wollte, wo sich früher der alte Lokschuppen des Hafen2 befand. Damals wie heute einer der sympathischsten Veranstaltungsorte im ganzen Rhein-Main-Gebiet! Der alte Lokschuppen, mein zweites Wohnzimmer, ist längst abgerissen. Der Hafen2 ist rund 500 Meter weiter flußabwärts als Neubau wiedererstanden. Aber die unvergesslichen Konzerte damals im alten Hafen! Vielleicht sind die Gigs von Tiger Lou am meisten aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben: Mitreißender, intensiver, hingebungsvoller schwedischer Indierock. Die Songs der beiden ersten Tiger-Lou-Alben kann ich bis heute textsicher mitsingen. Und Schnitt. Verlassen wir Offenbach, düsen wir nach Hamburg zum Reeperbahn Festival. Auch an der Amüsiermeile hat sich die Gentrifizierung plus mittelmäßiger Architektur leider ausgebreitet wie Algen bei Hitze. Aber eine Konstante ist geblieben: Das deutsche Publikum hat Tiger Lou nicht vergessen. Nach jahrelangem Schweigen hat sich der Schwede wieder mit seiner alten Band zusammengetan und legt mit »THE WOUND DRESSER« ein neues Album vor. Das Uebel & Gefährlich ist bis auf das letzte Eckchen voll. Tiger Lou und seine Mitmusiker treten in Berufsschwarz auf, natürlich. Aber wie Rasmus Kellerman leuchtet! Wieder an dem Ort zu sein, an dem er hingehört: Auf die Bühne. Und er tut uns nicht den Gefallen, die alten Stücke zu spielen, oh nein. Die neuen Tracks stehen im Mittelpunkt, allen voran das wunderbar berührende »Homecoming«. Blödnasen werden nun kritteln, dass Tiger Lou genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat: Beim gehobenen Indierock. Klappe halten, ihr krawalljournalistischen Intro-Idioten! Schreibt erstmal einen so stimmigen, hymnischen Track über die Selbstfindung! Sich selbst treu bleiben, ist das so uncool? Und eine Geste ans deutsche Publikum macht Rasmus Kellerman natürlich zum Schluss und spielt das wunderbare »Nixon«. »Is this is how it feels to be special? I wanted to kill you the next day«. Ja, so wird es wohl sein.

Tiger Lou Homecoming Music Video from Mike McMillin on Vimeo.

 
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