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Foto nordische Landschaft

02. Dezember 2008

Es bleibt in der Postrock-Familie: Halo Of Pendor

Die Göteborger Postrock-Szene muss man sich wohl wie einen sehr überschaubaren, familienähnlichen Verbund vorstellen: Jeder kennt jeden und jeder spielt irgendwie neben der eigenen Band noch im Nebenprojekt des besten Kumpels mit.  So wundert es also nicht, dass eine der neueren Formationen aus der Hafenstadt, nämlich Halo Of Pendor, aus alten Bekannten und ihren engsten Freunden besteht: Im Grunde handelt es sich hier um das bereits länger vor sich hinköchelnde Soloprojekt von Daniel Öhman. Der ist engstens mit den Lokalheroen EF verbandelt und hat zur Verstärkung deren Cellisten Jonatan Hammar mitgebracht. Dieser wiederum hat bereits nach Kräften seinen EF-Bandkumpel Claes bei dessen eigener Kapelle Immanu El beim Debüt »THEY´LL COME THEY COME« unterstützt. Andere Halo-Of-Pendor-Aktivisten sind wiederum bei The Gentle Act Incident aktiv. Über die inzestuösen Verästelungen der Göteborger Postrocker ließen sich sicherlich ganze Doktorarbeiten verfassen.

Halo OF Pendor also an einem frostigen Vorweihnachtsabend im Offenbacher Hafen 2. Geradezu schüchtern, verhalten kommen sie daher. Scheinen sich zunächst hinter ihren elektronischen Stimmensamplern zu verstecken. Ein Daniel Öhman, der so zerbrechlich aussieht, dass man ihm am liebsten eine Tasse heißen Kakao und ein dickes Stück Marmorkuchen anbieten möchte. Noch ein wenig unfertig wirken die in bester Postrock-Manier ausufernd-suchenden Stücke. Romantisch suchend. Die blaue Blume vielleicht?

Stockend erzählt Öhmann von den jüngsten Tourkatastrophen: Von einem auf nächtlicher Autobahnfahrt geplatzten Reifen und dass gottseidank niemanden etwas passiert ist. Nur dass er jetzt vollkommen pleite ist. Die Reisekasse überstrapaziert. Und dass er zur Aufbesserung höchstens Demoversionen seiner Songs verkaufen kann. Ein Album gibt es noch nicht.

Erst zum letzten Stück scheint den melancholischen Göteborgern endlich warm zu werden. Vielleicht weil sie das Sampelei-Gefrizzel und und Apple-Notebook-Rumgefrickele endlich lassen und sich von den selbst produzierten Tönen in andere Sphären wegtragen lassen. Und endlich kann Jonatan Hammar zeigen, dass ein Glockenspiel eine empfindsame Seele hat und so klingen kann wie ein kleines Symphonieorchester.

Dass die superlebendigen, überwältigenden, leidenschaftlichen Anathallo aus Chicago die kleinen Göteborger anschließend an die Wand und in einer völlig anderen Liga spielen, soll nur der Vollständigkeit halber festgehalten werden. Denn klein angefangen haben alle mal.

(Foto: Emilie Bjork)

15. November 2008

Vier Freunde, laut: Lukestar im Bett in Frankfurt

»Diese Schweden und Norweger spielen immer so laut«, brummelt der Wirt des einzig heimeligen Clubs in der Äbbelwoikneipenkulissenwelt Frankfurt-Sachsenhausen und verkauft noch ein Ökobier mehr an die politisch korrekte Kundschaft. Lieber Wirt, auch wenn es schwerfällt und die nörgeligen Nachbarn mit bösen Anrufen beim Ordnungsamt drohen: Lukestar muss man laut hören!

Die Norweger sind in diesen Tagen erstmals auf Deutschlandtournee – und wer sie verpasst hat, sollte sich jetzt ärgern: Denn dieser eigenwillig aus allen Zeiten fallende Indierock, der seltsam glamourös ist (obwohl die vier Musiker das genaue Gegenteil davon sind!), entwickelt eine unerwartete Dynamik. Lukestar, deren Album »LAKE TOBA« sich in ihrer Heimat sehr, sehr ordentlich verkaufte, sind engagierte Spielkinder mit der positivesten Ausstrahlung einer Band seit dem sommerlichen Auftritt von Sigur Rós in Wiesbaden. Psychedelik, Power, Pathos,  Pop, – zwischen diesen Polen richten sich Lukestar entspannt ein und feiern. Feiern die Falsett-Stimme von Sänger Truls Heggero und die Tatsache, dass sie einen unglaublichen Spaß daran haben, zusammen zu spielen. Vier Freunde sollt ihr sein!

Es ist einer dieser Abende im bett, an denen es einem merkwürdig warm ums Herz wird: Weil gerade mal geschätzte 30 Leute den Weg in die Klappergasse gefunden haben und diese 30 so unterschiedlich sind, wie man sich das Publikum auf Konzerten sonst immer wünscht: Klar, die unvermeidlichen Indierocknerds, männlich, jung, die meistens in Grüppchen auftauchen. Aber auch das Pärchen jenseits der 45, das in der ersten Reihe begeistert tanzt. Das minderjährige Mädel, das seine Mutter oder eine andere Aufsichtsperson mitgebracht hat – und beide jammen angeregt. Die sehr rustikalen Typen, die aussehen wie norwegische Ölfeldarbeiter, es aber bei näherem Hinhören doch nicht sind. Die Handvoll echte Norweger (etwa die halbe norwegische Population der Mainstadt?) Die bunte Truppe, die aussieht wie von einer Balkanparty entfleucht. Wäre das Publikum doch immer so interessant durchmischt!

Lukestar, so fern allen modischen Schnickschnacks, so fern aller egoistischen Eitelkeiten, so fern aller dummen aufgesetzten Posen, sind mit ihrer ungekünstelten Freude an dem, was sie tun, die wahren Helden. Vielleicht sind so hoffungslos altmodische Eigenschaften wie Bescheidenheit und Sympathischsein in diesen Tagen die neuen Gradmesser für Coolness. Die Norweger also die Trendsetter?

06. November 2008

Die Isländer sind die neuen Finnen: Bang Gang in Heidelberg

Barði Jóhannsson hätte an diesem Abend dem legendären finnischen Skispringer Janne Ahonen Konkurrenz machen können: Der isländische Musiker, derzeit mit seinem Projekt Bang Gang auf Tour, verzieht während des gesamten Konzert im Heidelberger Karlstorbahnhof keine Miene. Lächeln? Was ist das? Kleine Zwischenansagen, ein bisschen Smalltalk? Kann er nicht, will er nicht. Geradezu ein Gefühlsausbruch, dass er Heidelberg pflichtschuldig als»beautiful city« bezeichnet. Die Einheimischen quittieren das Kompliment mit Achselzucken.

Barði Jóhannsson kommt an diesem Abend wie der König aller Nerds daher: Strähniges Fransenhaar, überdimensionierte Brille, eckige Ungelenkheit. Ein großer, dürrer Mensch, der sich selbst im Wege zu stehen scheint, mit streng hochgeknöpftem Hemd, gekleidet in gedeckten Farben und den obligatorischen engen Jeans. Ein Mann, der nur aus spitzen Ellenbogen zu bestehen scheint.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend ein Magier des Melodramas. Ein Zauberer der großen Gefühle. Denn sein in diesem Jahr erschienenes, großartiges Album »GHOSTS FROM THE PAST« ist eine einziges großes Aufarbeiten eines gewaltigen Liebeskummers. Ein Aufschrei eines grandios verletzten Herzens. Ein Wüten, ein Flehen, ein Aufbegehren. Nur, und so lautet die große Frage des Abends: Wie ist das live zu vermitteln?

Barði Jóhannsson weiß die Antwort: Mit einer verhaltenen Hingabe. Mit einer zurückgenommenen, ernsten, auf den Punkt fokussierten Begleitband. Mit weißer Wut und Zartgefühl. Mit emotionalen Ausbrüchen und introvertierter Zurückgezogenheit. Und mit Rock! So laut, so ungestüm losstürmend – so hätten wir den romantischen Popgrübler nicht erwartet.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend im spärlich gefüllten Konzertsaal ein Meister der Überraschungen. Dem von Ville Valo und Natalia Avelon im letzten Jahr zu neuen Radiorotationen verholfenen Hazlewood-Sinatra-Klassiker »Summer Wine« als letzte Zugabe zu bringen – augenzwinkernd, ironisch, hingebungsvoll – dazu gehört etwas. Vielleicht ein Lächeln, Herr Jóhannsson?

30. Oktober 2008

(Bite The) Bullet: Nieten, Leder, Flying V

Freitag, 17.Oktober. Das Kölner Luxor ist gut gefüllt. Anscheinend können die Backyard Babies, trotz eher lauen Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren, immer noch auf ihre Fans in Deutschland zählen. Im Vorprogramm haben sie dieses Mal ihre Landsmänner Bullet. Die Jungspunde spielen weder Punkrock, noch Punk’n'Roll, nein ihr Herz schlägt für 80er Metal mit starker AC/DC-Schlagseite des Fronters.

Nieten blitzen, Leder glänzt, mehr oder minder üble 80er Frisuren flattern hin und her. Dag Hell Hofer kreischt in Brian Johnson-Tonlage, mal mit einem Hauch Rob Halford nicht nur den Titeltrack der aktuellen zweiten Scheibe »BITE THE BULLET«. Die Instrumentalisten lassen es in bester Accept-Judas Priest-Saxon-Manier krachen. Sobald es die Breaks erlauben, recken die Jungspunde in Röhrenjeans ihre teils Nietenband-bestückten Arme in die Höhe. Kompletten Beitrag lesen …

27. Oktober 2008

Psychopunch: Karlsruhe wird zur »Moonlight City«

So, noch schnell einen Blick auf Bettie Ford geworfen, genauer gesagt: Deren letzte drei Lieder angehört, bevor die Schwedenpunk’n'roller am 16. Oktober um 22 Uhr das Substage rocken sollen. Die Kölner machen ihre Sache nicht schlecht, doch so rechte Stimmung kommt nicht auf: Zu wenige Leute, die dann auch noch drei Meter Sicherheitsabstand von der Bühne halten.

Weniger Berührungsängste haben Psychopunch, die ihrem dreimaligen Support-Act zum letzten Song ein Tablett mit Drinks auf die Bühne bringen.

Umbaupause. Die Gelegenheit um die Zuschauerzahl von 70 auf endgültige 80 Personen zu steigern – und den Alkoholpegel soweit anzuheben, dass sich die Lücke zwischen diesen und Bühne bis zum dritten Lied schließt.

Psychopunch lassen sich davon nicht stören, sie wollen beim letzten Gig dieser Tour noch mal richtig Spaß haben und posen als stünden sie in einem ausverkauften Stadion – statt in der nicht mal zu einem Fünftel gefüllten, ehemaligen Unterführung in Karlsruhe. Kompletten Beitrag lesen …

 
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