29. März 2008
Zorn ist die zweite Trauerphase: The Violent Years in Offenbach
Wie soll man bloß jemals über den Verlust einer großen Liebe hinwegkommen? Wo es doch so klar ist, dass die geliebte Person in unsere Arme gehört und nirgendwo anders? Warum will der Schmerz einfach nicht aufhören?
Antworten auf diese kaum zu lösenden Fragen haben auch The Violent Years aus Norwegen nicht. Aber mit den vier Phasen des Trauerns kennen sie sich aus: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen haben sie hinter sich gelassen. Sie sind in der zweiten Phase des Trauerns: Voller Zorn, Aufbegehren, Wüten. Und es tut geradezu körperlich weh, ihnen dabei zuzuhören. Aber auf eine wunderbar intensive Art.
Aber spulen wir kurz zurück: Für Konzertveranstalter ist dies einer dieser Abende, an denen man an seinem Job verzweifeln könnte: Gerade einmal 14 zahlende Zuschauer haben sich an diesem kalten Abend in den supersympathischen Club Hafen 2 in Offenbach aufgemacht, um das Quintett aus dem südnorwegischen Mandal zu hören. Nur dass die netten Betreiber des Clubs die Sache mit Gelassenheit nehmen. Wird ihr alter Lokschuppen doch sowieso spätestens im Herbst abgerissen, um im schlimmsten Fall einem überflüssigen Einkaufszentrum Platz zu machen. Irgendwo wird der Club weiterleben. Und bis dahin wollen wir den Endzeit-Charme mit Flussblick in down and out Offenbach, dem Stiefkind des Rhein-Main-Gebietes, gebührend genießen.
Schüchtern und ungelenk klettern The Violent Years auf die Bühne.
Äußerlichkeiten uninteressant, karierte Hemden und schluffige Jeans. Dunkel ist es, und das passt zur Grundfarbe der Songs. Denken wir Nick Cave, denken wir den düsteren Johnny Cash, denken wir den countryesken frühen Dylan, denken American Music Club und denken wir Einsamkeit und weite Landschaften. Dann sind wir schon ziemlich genau da, wo die Norweger anfangen. Bei den klassischen Verlierern. Ich wünschte so sehr, dass du bis in alle Ewigkeit zu mir gehören würdest, fleht Sänger Kenneth Bringsdal. Natürlich wird er vergeblich flehen. Aber zumindest formulieren darf er seinen Anspruch.
Das ist nicht unbedingt neu oder originell. Aber an diesem Abend machen Intensität, Wahrhaftigkeit und Können den Unterschied. Hier spielen zurückgenommene Virtuosen, die sich gegenseitig respektvoll Raum lassen. Der wunderbare Basser Jack van der Hagen, der schier mit seinem bauchigen Instrument verschmilzt. Der präzise Schlagzeuger Per Bertrand, der alles diszipliniert zusammenhält, ein Tier von Mann von erstaunlicher Zartheit. Die flirrend-strukturierten Pianoeinwürfe von W. Sjolingstad. Die einfühlsam-wütende Gitarre von Andreas Hoff. Und Kenneth Bringsdal, der hingebungsvoll und ohne Eitelkeit den schwierigsten Part von allen mit Leben füllt: Den des charismatischen Frontmanns. Er leidet, er schreit, er begehrt auf, er kämpft, er fällt, er steht wieder auf.
Er verliert die Hoffnung nicht, dass es trotzdem irgendwann einmal gut sein wird. An diesem Abend wollen wir ihm glauben.
14 Zuhörer. Mit der Barfrau und den Betreibern 17. Wo sich die Katze versteckt hat, das weiß ich nicht. Die Norweger trinken süddeutsches Tannenzäpfle-Bier auf der Bühne. Rühren Herzen. Draußen hängen schon wieder Regen und die Drohung eines anstrengenden neuen Arbeitstages in der Luft. Drinnen spielen die Norweger noch eine letzte Zugabe.
14 Zuhörer. The Violent Years sind in diesen Tagen auf Deutschland-Tour. Ein paar mehr haben die Musiker unbedingt verdient.


sind der Hauptact des Abends und schlagen die braven Mainzer Buben nicht nur frisurmäßig um Längen. Stilbewusstsein ist den jungen Herren aus Karlstad ein inneres Bedürfnis. Ist ja nichts gegen einzuwenden, aber man wird das Gefühl nicht los, dass ein Großteil der künstlerischen Energie der Band in die äußere Geste, nicht in die musikalische Substanz fließt. Poser eben. Der Anspruch dieser vier ist jedenfalls himmelhoch: Wir wollen Stars werden und ihr dürft uns jetzt dabei erleben, wie wir noch kleinklein sind, aber das dürfte sich bald ändern! Denken wir also ein bisschen
Kein Song will so richtig hängenbleiben. Trotz aller inszenierten Leidenschaft und der beschwörenden Zwischenansagen. Denn eines muss sich noch bis Karlstad herumsprechen: Wer zu viel will, verliert den Blick auf das Wesentliche: Dass Inhalt mehr zählt als äußere Form. Obwohl es natürlich bewunderswert ist, wie die Frisuren hier unter vermehrter Schweißabsonderung noch perfekt sitzen.
Nicht weil das Quintett, das auf wundersame Weise die Suche aller Romantiker nach der blauen Blume postrockkompatibel macht, durch musikalische Innovationskraft oder eingängige Melodien mit hohem Wiedererkennungswert punktete. Nichts davon. Das interessiert die Fünf nicht: Sie versinken in episch ausufernden Klangwelten. Zelebrieren mit der naiven Ernsthaftigkeit aller Parsivals dieser Welt die totale Hingabe. Immense Zartheit und exzessive Exstase. Das geht. Mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und dem zärtlichen Cello von Jonatan Hammar.
Denn im Gegensatz zu den Labelkollegen von
Und dann kann Cellist Jonatan zur E-Gitarre greifen und strahlend über die Bühne toben. Ein Abend der starken Adjektive und des intensiven Zuhörens. Viel zu kurz, wenig verwunderlich angesichts der naurgemäßen Begrenztheit des Repertoires der jungen Band. Völlig nebensächlich, dass sich Claes´ Stimme bereits Tage zuvor auf der Tour in Polen verabschiedet hat.
