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Foto nordische Landschaft

19. Februar 2010

Digitale Bemusterung, oder: Der Tod des Päckchens

Frei nach Jane Austen ist es eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass der Mensch beim Nachausekommen gerne ein Päckchen in seinem Briefkasten findet. Aus Tampere, Göteborg, Reykjavik oder Kopenhagen. Ein wattierter Umschlag, der ein neues Album zum Besprechen für Nordische Musik enthält. Auspacken, sich in Ruhe die Covergestaltung anschauen, das Booklet herausnehmen und ein wenig darin blättern. Und endlich die CD aus ihrem Plastikgehäuse lösen, in den Player legen und die ersten Töne hören. Besonders bei bislang völlig unbekannten Musikern immer eine Erfahrung, die dem Öffnen eines Kinderüberraschungs-Eies gleicht. Gefällt die CD, gefällt das Artwork, dann wird das betreffende Exemplar an prominenter Stelle ins Regal gestellt, damit es bloß immer gleich griffbereit ist.

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Diese konkrete und sehr sinnliche Päckchen- Erfahrung ist leider ein im Aussterben bedrohtes Phänomen. Immer mehr gehen die Labels dazu über, die digitale Bemusterung voranzutreiben und simple Download-Links anzubieten. Das kann nicht nur allein daran liegen, dass es Portokosten spart. Oder wird auch bei den größeren Labels jetzt schon auf jeden Pfennig geachtet?

Faktum ist, dass die digitale Versendung von Rezensionexemplaren eine sicherlich nachvollziehbare Sache ist. Aber es ist einfach nicht dasselbe. Das Konkrete, das Haptische fehlt. Vielleicht bin ich altmodisch, aber so sei es. Oder einfach nur sentimental. Päckchen ist einfach schöner!

Zudem scheint mit der Praxis des digitalen Bemusterns ein neues Phänomen aufzutreten: Die Überfülle. Jede hoffnungsvolle Band zwischen Trelleborg und Oulu sendet inzwischen digitale Geschenkpakete ihrer ersten EP an Redaktionen und prominentere Blogger, in der Hoffnung, Aufmerksamkeit zu wecken. Die Währung, die zählt. Seufzend lädt man dies oder jenes herunter und ist nicht so richtig amüsiert dabei. Manchmal kommt der Eindruck auf, dass etwa drei Viertel der schwedischen Jugendlichen unter 20 in einer Band oder auch in dreien spielt. Aus der Überfülle wird Beliebigkeit, auch wenn dieser Eindruck ungerecht sein mag.

Genug den guten alten Päckchen-Zeiten nachgejammert! Positiv denken! Das Konzert von Pétur Ben, dem isländischen Klampfentroubadour, in der Darmstädter Guten Stube gestern musste beinahe wegen Überfüllung geschlossen werden, so viele Besucher wollten den selbstironischen Schwärmer sehen! peturWas Pétur Ben fassungslos machte, ihm aber nicht der  Leidenschaft beraubte, über die verschiedenen Arten der Liebe zu sinnieren oder den Einfluss von Skype auf das eigene Beziehungsleben zu skizzieren. Schön! Auf das zu jedem Pétur-Ben-Konzert auf seiner aktuellen Tour über hundert Leute kommen mögen! Details zu finden unter unseren Tourterminen. Hingehn!

(Fotos: Ben40, Carsten Cramer)

13. Februar 2010

Schwül und cool: Die Raveonettes

Wer an diesem Abend im Offenbacher Hafen2 ist, hat eine bewusste Entscheidung getroffen: Nein, ich gehe nicht zu den Arctic Monkeys, die just zur gleichen Zeit ein paar hundert Meter weiter im Capitol spielen! Nein, wir sind wegen der Raveonettes hier! Voll ist es im Hafen trotzdem. rave1Die Monkeys hatten es mit der Verfasserin dieser Zeilen vor einigen Jahren nachhaltig verdorben, als sie bei ihrem ersten Frankfurter Gig (als die allgemeine Affenliebe gerade losbrach mit dem ersten Album) die Rekordminimal-Spielzeit von 26 Minuten spielten und die Bühne zugabenlos verließen, neee,  so geht das nicht!

Das dänische Duo (mittlerweile in New York und Los Angeles ansässig) hat sich für die Tour verdiente Begleitmusiker mit an Bord geholt, was Sängerin Sune Rose Wagner nicht davon abhält, die Gitarre abzulegen und zwischendurch unter maximalem Körpereinsatz mit Riesentrommelschlägern die Drums zu bedienen. Schwül ist es im Reich von Wagner und ihrem musikalischen Partner Sharin Foo, schwül und cool. Die beiden bewegen sich geschmeidig wie die Raubtiere im Dschungel des 6oer-Powerpop, den sie mit abgeklärter Raffinesse und mit einer gehörigen Portion Emma-Peel-Ästhetik in die Gegenwart befördern. Selbsbewusst auf den großen Effekt setzen, im Gewittergeflacker mächtiger Stroboskoplichter. Sehr selbstbewusst. Die Ohren gehen weit auf. Die Füße setzen sich in Bewegung, ganz von selbst.

Die rave2Pose spielt im Schaffen der Rave0nettes eine große Rolle, von der 50e-Jahre-Filmplakat-Ästhetik bis zum exakt geschnittenen blonden Pagenkopf von Sune Rose Wagner. Harmlose Zitierfreunde sind sie nicht, dieses Boy-Girl-Duo. Hinter all diesem Power-Säuseln, das live deutlich härter daherkommt als auf Platte, verbergen sich Abgründe und Garstigkeiten. Kuscheltierchen sind die beiden nicht. Eher untergründig aggressiv, von einer unterkühlten Härte. Hat etwas!

Wir schlagen zu mit konzentriertem Understatement, mit kontrollierter Leidenschaft. Mit scheinbarer Harmlosigkeit, mit viel Stilgefühl. Mit leise simmernder Wut. Mit Hingabe. Haben das die Monkeys an diesem Abend geschafft? Es steht zu bezweifeln.

(Fotos: Davey Webster).

01. Februar 2010

Dúné im Karlsruher Substage: Ich bin enttäuscht…

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Ich bin enttäuscht, dass nur 200 Leute ihren Weg zu Dúné ins Karlsruher Substage finden – und außerdem erst nach dem halben Set richtig auftauen. Glücklicherweise lassen sich die Dänen davon nur minimal beirren: Sänger Mattias Kolstrup schlüpft erst nach drei Vierteln des regulären Sets aus seiner Jacke.

Doch von Anfang an: Nach dem langsamen ersten Stück »Time To Leave« zieht das Synthie-Rock-Septett via »Heat«, »A Blast Beat« und »Bloodlines« langsam das Tempo an, wirbelt kurz darauf wie gewohnt über die Bühne: Mattias widmet sich dem Publikum, während Keyboarderin, Gitarristin, Mitsängerin Cecilie »Cille« Dyrberg tänzelt und Keyboarder Ole Bjørn Sørensen und Gitarrist Danny Jungslund sich klischeehaft in Rockstarposen suhlen.

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25. Januar 2010

Eurosonic, 2010: Redselige Finnen, tanzwütige Isländer

Wer immer das Vorurteil in die Welt gesetzt hat, dass die Finnen ein Volk von Schweigern sind, hat noch nicht Bekanntschaft mit Jaakko & Jay geschlossen. Das anarchische Duo aus Tampere redet mit einer Geschwindigkeit, dass selbst dem italienischen Meister des intelligenten Schnellsprechens, Signore Roberto Benigni, schier schwindlig werden könnte. jaakkoDie beiden werfen sich die Stichworte zu wie Pingpongbälle, zählen bis drei und punkrocken dann mit minimalsten Mitteln los, das einem Hören und Sehen vergeht. Gitarre, ein auf das Wesentliche reduziertes Schlagzeug, sonst nichts. Die reine Kraft der Rebellion lodert bei diesen beiden wie ein Großbrand. Eine unwiderstehliche Live-Band, die einen gesamten Groninger Club binnen Minutenfrist zum Tanzen bringt. Bitte bald nochmal nach Deutschland auf Tour kommen!

Wieder einer dieser holländischen Winterabende, an dem sich die gesamte Groninger Innenstadt in eine einzige Clubmeile verwandelt. Man schliddert durch den Schnee, trifft zwischendurch immer wieder Bekannte, tauscht Tipps aus, steht an vor dem nächsten Konzertsaal, den Faltzettel mit den Bands des Abends immer fest in der Hand.

Einen Schwall eiskalter Atlantikluft bringen Orka von den Faröer Inseln mit. Musizieren hauptsächlich mit selbstgebauten Instrumenten, der Fama nach in einer Scheune zusammengebastelt. Gewalttätige, hypnotisch in den Bann ziehende Songs, durch die unsichtbare Inselgespenster wabern, gefährlich!Grobe, ursprüngliche Kraft, und Blixa Bargeld ist hier der präsente Pate. Im Line-up muss es Veränderungen gegeben habe, die Morticia-Doppelgängerin als Sängerin ist wohl neu an Bord auf dem Orka-Fischkutter. Schleift die rauhesten Kanten ab, mögen wir das wirklich? Das Minus an männlicher Seemansgarn-Härte? Hmmm. Veränderung, gewöhnungsbedürftig.

Viel, viel stylisher wird es bei Serena Maneesh. Die mit Verspätung starten, weil es endlose Probleme mit dem Sound gibt. Leichter Unmut im Publikum, die unausgesprochene Frage. »Wie stellen die sich denn an, die anderen Bands müssen sich im Rahmen eines Festivals doch auch exakt an den Zeitplan halten.« serenaÜberkandidelt? Der Eindruck verstärkt sich noch während des Gigs. Sicher, die Norweger entwerfen gewalttätige, repetitive Soundwände in bester Tradition von My Bloody Valentine & Sonic Youth. Aber dem Sänger scheint der Sitz des Stirnbands auf der dunklen Wallemähne mindestens ebenso wichtig zu sein wie die Töne, die er auf der Gitarre spielt. Entschuldigung: Den Gitarren, denn er wechseltim Laufe einer halben Stunde  gefühlte ein Dutzend Mal das Instrument. Nicht dass ein großer Unterschied zu hören wäre. Es scheint hier die Pose zu sein, die zählt. Und dieses Phänomen beeinträchtigt den Musikgenuss dann doch erheblich. Toni Ritonen von der finnischen Fullsteam Agency fasst es nach dem Gig treffend zusammen. »They have the songs, but they lack the attitude«. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Harmloser wird es bei den norwegischen Landsleuten von Donkeyboy, die sich mit vielstimmigen Falsettgesang anschicken, in die großen Fußstapfen von A-ha zu treten. Suhlen sich wohllüstig im fetten 80ies-Popsongbonbonrosahimmel und sind angenehm anzuhören & anzusehen. Etwa so wie die Teddybärsammlung auf einem Jungmädchenbett. Nett, ausbaufähig.

Für das zweite echte Glückserlebnis an diesem Abend sorgen FM Belfast. Dass die Isländer einfach nie, nie mit nur zwei, drei musikalischen Protagonisten auftreten können, sondern immer gleich in der Stärke einer halben Vorschulklasse antreten müssen! Auf der Bühne herrscht ein unübersichtliches Gewusel, und schnell ist klar: fm-belfastHier wird tiefatlantischer, elektronischer, zutiefst ironischer Karneval zelebriert! Mit bewusst naiver, selbstbewusster Attitüde wollen diese Nerds mit modischer Fliege einen solchen Spaß haben, dass selbst Cyndi Lauper dagegen wie ein Trauerkloß wirkt. Die Mittel sind einfach, der Effekt unwiderstehlich ungeheuer. Die machen irgendwie intelligente Tanzschlagermusik, denkt man lächelnd, mit einfachsten Mitteln, und es funktioniert! Den scheinbar albernen Song über die Wonnen des Karibikurlaubs summt man noch Tage später unwillkürlich vor sich hin. Zum Abschluss springen noch die isländischen Landsleute von Seabear halbnackig als Verstärkung auf die Bühne, und in dem ohnehin schon völlig überfüllten Club gibt es kein Halten mehr, alles tanzt ausgelassen.

(Foto Serena Maneesh: Morten Andersen).

20. Januar 2010

Eurosonic 2010: Krise, welche Krise?

Die Musikindustrie ist in der Krise. Darüber gab es auf der Konferenz der diesjährigen Ausgabe des Eurosonic Festivals im niederländischen Groningen jede Menge Diskussionen, jede Menge unterschiedliche Standpunkte und nur sehr wenige überzeugende Antworten. Wird es in fünf Jahren noch Platten geben, Alben geben, oder wird sich dieses Konzept völlig überholt haben? Den großen Labels bleibt, so scheints, nur das Prinzip Hoffnung. Deutlich wird eines: Die alten Sicherheiten, wie die Dinge im Geschäft zu laufen haben, verlieren sich im digitalen Nebel. Klar ist nichts. Außer vielleicht der Tatsache, dass wir immer mehr Abschied vom Mainstream nehmen müssen. Die Nischen regieren.

Geblieben ist das Gefühl, das Festivals stets prägt: Welche Bands aus dem schier unüberschaubaren  Angebot soll man an diesem kalten, verschneiten Winterabend wählen? Was ist aufregend, wo lohnt es sich hinzugehen? Über wen wird am meisten geredet? Von angesagten Kapellen sollte man sich aber nicht unbedingt anziehen lassen. Der beste Weg: Sich treiben lassen und vielleicht ein paar Tipps von Freunden auf dem Weg mitnehmen.

Beim spontanen Entscheidungsprozess kann man auch danebenliegen. Wie beim schwedischen Quartett Royal Republic, die in den leergefischten Gewässern von Übervätern wie The Hives räubern und zu markigen Männergesten tendieren. Ordentlich ehrlichen Schweiß vergießen, wie es sich gehört, mit viel Stil und Pose, versteht sich. Aber nach Publikumsanbiederung ist der Nachtschwärmerin heute nicht, deshalb schnell entfleucht um die letzten Song der verträumten norwegischen Indierocker I Was A King mitzubekommen, die immer noch die feinen Verästelungen des Gefühlslebens pflegen, aber an Härte gewonnen haben. Steht ihnen nicht schlecht!

Mit dem Fahrrad an der Kirche vorbei auf die andere Grachtenseite gerutscht um nachzuschauen, was sich hinter all den netten Vorankündigungen von Pony The Pirate verbirgt, wo Norwegen doch sowieso das ausgewählte europäische Land ist, das im Zentrum des Festivals steht. ponyUff,  eine dieser vielköpfigen Spaßtruppen, die sich Fröhlichkeit und Tanzbarkeit auf die Fahnen geschrieben haben: Acht Protagonisten mit einer Überzahl Instrumente tummeln sich auf der Bühne und singen sich die Seele aus dem Leib. Das ist angenehm, das ist übermütig, dieses Gewirbel und diese wunderbar funktionierende Gruppendynamik. Das bringt die Beine zum Steppen, das lässt die Mundwinkel nach oben ziehen, das ist ein sympathisches Völkchen. Aber, hmm, um das Herz der Nachtaktiven zu gewinnen, braucht es etwas mehr.

Etwa das Unerwartete. Fast widerwillig den Gig von Nicolai Dunger sausen lassen, um auf Empfehlung von Mikko und Florian von der Frankfurter Solarpenguin Agency die finnische Sängerin Manna anzuhören.  mannaEin Beweis dafür, dass man auf den Rat von Experten hören sollte! Manna ist eine zerbrechlich-harte Mischung aus Barschlampe, Femme Fatale und gutem Mädchen.  Keiner hat je wirklich geglaubt, dass Debbie Harry eine Frau ist, die viel zu viel vom schlechten Leben weiß. Dazu war sie immer viel zu intelligent und überlegen. Dazu hatte sie immer zu viel dieser gesunden Zerbrechlichkeit, die sie entschieden auf die Seite der Überlebenden und Kämpferinnen zog. So könnte es bei Manna sein. Gefühl und Härte, intensiv, unfertig, im Aufbruch. Aufregend! Im Club stehen das Wasser, das Bier zentimeterbreit auf dem Boden, aber das ist egal in diesem Fall. Ein selbstbewusstes Lächeln der Sängerin. Kein anbiederndes. Macht einen Unterschied, tastsächlich!

Die wunderbaren Seabear aus Island gießen den sanften, sternenfängerischen Folkpop in der Großgrupppe, so sehr, dass die Augen leuchten. Pflegen das Improvisierte, das Unfertige, das Zärtliche und gewinnen Herzen damit. Zu einfach gestrickt? Von wegen! Naivität und Ernsthaftigkeit regieren!

Der eigentliche emotionale Höhepunkt des Abends aber kommt mit den finnischen Psychedelik-Rockern Joensuu 1685 nachts um Viertel nach eins im Vera. Verschroben. Intensiv. Bar jeder Eitelkeit. joensuuSänger Mikko Joensuu trägt Rosenkranz auf weißem Bauernhemd, garniert mit Streberbrille anno 1979. Würde keinem schwedischen Musiker je einfallen, so was. Überrollen das Publikum mit der Unwiderstehlichkeit reiner Schwerkraft. Kein Widerstand möglich. Reptetitive Klangmuster, bis zur Explosion vorangetrieben. Visionen, Innerlichkeit, ehrliche Abgehobenheit. Krautrock, Drone, alles Begriffe, mit denen sich Joensuu nie wirklich fassen lassen. Die Finnen bringen es fertig, rohe Gefühle auf ihr Grundraster zu reduzieren und dann etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Der Bass sitzt noch Stunden später fest im Bauch. Der starke Eindruck wirkt nach. Noch Tage später.

Fotos: Dalai Lamula

 
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