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Foto nordische Landschaft

24. April 2016

Ein Festival als Musiklabor: Tape to Zero, Tag 1

Auch wenn Norwegen reich an Jazzfestivals ist, eines wie »Tape to Zero« (TtZ) fehlte — bis vor wenigen Jahren. Ähnlich wie PUNKT in Kristiansand verfolgt in Oslo das von den Machern als »Minifestival« bezeichnete »Tape to Zero« ein ganz eigenes Konzept, und gerade deshalb ist es ein wenig bedauerlich, dass TtZ (noch) nicht bekannter ist und größere Aufmerksamkeit bekommt.

Der Name »Band auf Null« soll sagen: »Wir vergessen jetzt mal, was wir bislang abgeliefert haben und probieren etwas Neues aus. Etwas, das wir so eben bisher noch nicht gemacht haben.« So präsentiert TtZ seit fünf Festivaljahrgängen Projekte, die es so zuvor noch nicht gab, oder Leute, die zuvor noch nicht zusammengearbeitet haben, oder Performances, die eine einmalige Sache bleiben. Projektideen mit ungewissem Ausgang eben. In Vorjahren traten hier beispielsweise Splashgirl gemeinsam mit Stian Westerhus auf (es war veröffentlichungsreif, sollte eigentlich auch veröffentlicht werden, aber einer der Mitwirkenden war mit dem Mix nicht zufrieden) oder Deathprod & Biosphere, die 2014 sogar ein Auftragswerk fürs Festival produzierten (das später bei Touch veröffentlicht wurde oder Susanna und Jessica Sligter in einem spontanen Duo.

Nach vier Jahren, in denen der Pianist und Elektronikbastler Kjetil Husebø Tape to Zero mit Terje Evensen kuratierte, gab es 2015 ein Jahr Pause aufgrund u.a. von Finanzierungsproblemen. Doch nun, wieder im beginnenden Frühling des sonnigen Osloer Aprils findet das zweitägige Minifestival einen Neubeginn mit dem Generationen übergreifenden Kuratorenduo aus Husebø und Hilde Marie Holsen, die erst vor einem Jahr ihr Studium im Kurs »Live Electronics« an der Osloer Musikakademie beendete, als Schülerin von Maja S. K. Ratkje. Und sogleich beeindruckte sie mit ihrem von Ratkje produzierten, hervorragenden Debütalbum »ASK«, das bei Hubro, aber nur als limitierte LP veröffentlicht wurde.

Peter Baden (Foto: Ruben Olsen Lærk)

An zwei Abenden präsentiert TtZ jeweils drei Konzerte im (Grenz-)Gebiet von Elektronik, Jazz und Ambient im Osloer »Victoria / Nasjonal Jazzscene«, dem zentralen Veranstaltungsort für etablierte nationale und internationale Jazzmusiker. Für TtZ ist der Raum und die Lage des mitten in Zentrum Oslos gelegenen Jazzclub ein Gewinn, weil er Aufmerksamkeit garantiert und aufgrund der direkten Zusammenarbeit erstaunlich günstige Ticketpreise für diese Art von Angebot bietet, auch für Nicht-Norweger sind die Eintrittspreise für einen oder beide Abende absolut erschwinglich. Und das Programm wartet mit einer gelungenen Mischung aus etablierten norwegischen Namen und jungen, zumindest im internationalen Rahmen noch ziemlich unbekannten Nachwuchskünstlern auf.

Eröffnet wird der erste Abend von Peter Baden, dessen Name vermutlich nur wenigen etwas sagt — der Perkussionist agierte u.a. als Thea Hjelmelands »One Man Band« und produzierte Alben mit Mari Boine, Hanne Hukkelberg oder Mungolian Jet Set. Er bespielt die zur anderen Hälfte verhängte Bühne, solo mit Schlagzeug, Perkussion und diverser Elektronik. Da der Interpret von Tord Knudsens Bühnenlichtdesign vorwiegend in dunkle Stimmungen gehüllt wird, kann man kaum verfolgen, was Peter Baden eigentlich eigentlich konkret treibt. Markant ist zumindest, dass er sein Instrumentenarsenal in steter Kombination von elektronischen und mechanisch-akustischen Elementen verwendet. Dies ist bezeichnend für das komplette Festivalprogramm, auch wenn das Verschmelzen bei den einen Performern weiter ins Extrem getrieben wird, bei anderen, wie eben bei Baden, weniger radikal bleibt. Obwohl Baden nur 45 Minuten spielt, fällt doch ein wenig ins Gewicht, dass dies sein erstes Solokonzert sein zehn Jahren ist, denn auch wenn er sich um Abwechslung bemüht, mäandert sein Auftritt phasenweise ein wenig umher. Auch greift er des öfteren zu Klang-, Loop- und Rhythmusideen, die man gerade bei Soloperformances von Schlagzeugern und Perkussionisten dieser Szene in den letzten Jahren schon oft gehört hat. Baden verbindet diese mit Elektronik im IDM-Stil, auch wenn seine Beats und Soundeffekte letztlich mehr Design und Atmosphäre bleiben als stringente Tracks und findet so zu einer Ausdrucksform wie Humcrush oder Kannegård/Strønen.

Hilde Marie Holsen & Thomas Strønen (Foto: Ruben Olsen Lærk)Weitaus spannender ist dagegen der erste gemeinsame Auftritt von Hilde Marie Holsen und eben jenem seit knapp zwanzig Jahren in etlichen Gruppen produktiven Schlag- zeuger Thomas Strønen (Food, Humcrush u.v.a.). Auch hier wird Organisch-Akustisches mit digitalen Sounds verwoben, verschmolzen, mit vertrackten Rhythmen, wie man das aus Strønens bisherigen Projekten kennt. Man merkt, dass die beiden gerne miteinander spielen, sie tasten sich aber auch hörbar noch gegenseitig ab. Holsen gehört zu jener neuen Musikergeneration, für die Grenzen von Stilen und Instrumenten keinerlei Bedeutung mehr hat, zwar spielt sie Trompete, mal ganz klar, doch ebenso nutzt sie die geblasenen Sounds als Material für radikale Verzerrungen und Verfremdungen und bringt fremde Klänge mit ins Spiel. Es macht ebenso viel Spaß, den beiden dabei zuzusehen und -hören, wie es ihnen offenkundig macht. den Laborcharakter dieser Livesituation auszukosten. Viel Gefiepse und Geschnurpse.

Øvyind Brandtsegg & Siv Øyunn Kjenstad (Foto: Ruben Olsen Lærk)Als Abschluss des ersten Abends dürfen wir einen tollen Trip erleben, mit Maja Ratkje, Øyvind Brandtsegg und Siv Øyunn Kjenstad mit ihrem noch jungen, Experimental-Projekt Brak Rug, das aus einer spontanen Idee heraus entstand und bislang nur sehr wenige Auftritte erlebte. Während Ratkje und Brandtsegg eine ganze Menge an technischem Equipment herumstehen haben, ist die 25-jährige Kjenstad wohl die einzige des Festivals, die ihr Instrument, ein einfaches Schlagzeug, rein mechanisch, ohne elektronische Verfremdungen spielt – diesen Part übernimmt allerdings Brandtsegg, der seit Jahren nur noch selten auftritt (er spielte bei Krøyt und u.a. auf Motorpsychos Klassiker »Timothy’s Monster«), mittlerweile vor allem die jungen Innovativen an der renommierten Musikakademie ausbildet. Er spielt auch eine elektronische Marimba, auf der er für geisterhafte Klänge sorgt. Das Konzert von Brak Rug entwickelt sich schnell zu atavistischem Krach, »art brut« könnte man denken, also rau, atonal und permissiv. Ein dunkler, radikal abgespaceter Trip, der das Publikum begeistert. Einige wackeln gar munter im (nicht vorhandenen) Takt mit. Der Tag hatte eine starke Dramaturgie, und die gelungene Performance von Brak Rug beendet ihn mit einem berauschenden Sound-Fest.

Viele weitere Fotos von »Tape to Zero« von Ruben Olsen Lærk in seinem ausführlichen Fotoalbum.

07. Februar 2016

5.000 Laternen mit Oakland Rain

Ich bin ein großer Fan der Schweiz. Eine grandiose Nation der Fußballtorhüter! Roman Bürki, wir vermissen dich beim SC Freiburg! Und dass Gladbach-Goalie Yann Sommer neuerdings ein eigenes Kochblog schreibt, das ist sehr cool! Merci vielmals für das tolle Kuchenrezept letztens! Ich finde im Übrigen, dass die Schweiz in diesem Jahr Fußball-Europameister werden soll. Oder Zweiter hinter Island. Die Schweiz ist auch deshalb so wunderbar, weil dort jedes Jahr im Februar in St. Gallen das feine Nordklang-Festival stattfindet. Die Eidgenossen haben ein sehr gutes Händchen dafür, interessante Newcomer aus dem hohen Norden zu entdecken. In diesem Jahr sind mir im Line-Up besonders die rothaarigen Zwillingsschwestern aus Norwegen aufgefallen. Oakland Rain heißen die beiden 19jährigen Grazien mit den Kulleraugen, die frischen, sehr romantischen und mitunter rotzfrechen Folkpop zelebrieren. Mit der Betonung auf Pop! Mit Betulichkeit haben Charlotte und Maren Wallevik Hansen nichts zu tun, und Scheu vor Grenzüberschreitungen kennen sie auch nicht. So flirten im Disco-Track »Elephant Nation« offenkundig mit dem Mainstream, aber hey! Zumindest sind sie keine langweiligen Klampenliesen, wie es sie zuhauf gibt! im Song »Shotgun« umarmen sich Country und Electronica und harmonieren erstaunlich. Die Zwillinge sind bekennende Kalifornien-Fans, seitdem sie ein Jahr an der Westküste verbracht haben. Die offene Attitüde der Kalifornier haben sie sich zu eigen gemacht, und Angst vor großen, überkandidelten Tönen haben sie auch nicht. Im vergangenen Jahr haben sie eine erste EP vorgelegt. Die ruhige, herzschmerzige Piano-Ballade »5000 Lanterns« gefällt sehr.

27. Januar 2016

Altmodische Tugenden mit Josefin Öhrn + The Liberation

Keine Angst vor altmodischen Tugenden: Denn Musikern, die den erzcoolen, leidenschaftlichen und präzisen 60ies-Pop mit deutlichem Psychedelik-Rock-Einschlag hochhalten, ist höchster Respekt zu zollen. Vor allem dann, wenn sie nicht bloß als blödaugige Nachahmer daherkommen, sondern dazu noch ihr eigenes Köpfchen haben. Josefin Öhrn aus Stockholm und ihre bestens aufgelegten fünf männlichen Mitstreiter jedenfalls überraschen beim Eurosonic Festival in Groningen mit Lärm, Schweiß und Hingabe. Und bringen es dabei noch fertig, sehr poetisch zu klingen! Kollege Ingo von Nordische Musik wählte das neue Öhrn-Album »HORSE DANCE« unlängst unter seine zehn besten Platten des Jahres 2015 und bescheinigte den Schweden die besten Voraussetzungen dafür, die nächste Hipster-Band zu werden. Auf die sich alle einigen können! Klar, dass ich nach solchen Lobeshymnen neugierig war, die Musikerin und ihre Mannen live zu sehen! Und erstmal laut lachen musste, weil die Band auf den ersten Blick alle Klischees zu erfüllen schien, die so im Kopfe herumschwirrten: Einheitlich in apartes Tiefdunkelschwarz gekleidet, klar! Und natürlich hat Josefin Öhrn lange, schwarze Haare und ist so klein und zierlich wie Joan Jett und Suzie Quatro. Damit enden aber die Gemeinplätze auch schon, denn Miss Öhrn etpuppt sich jenseits der dunklen Ledermontur als empfindsame Träumerin, die gerne zu den Sternen hochguckt und tiefen Gedanken nachhängt. Und dabei unbestreitbar superlebendig ist! Und es schafft, eine nachdenkliche Form der Ausgelassenheit zu zelebrieren. Und Songs mit Sogwirkung hat diese Dame im Gepäck! Allein für den strunzcoolen Bass im wunderbaren Track »Take Me Beyond« könnte man diese Band küssen!

21. Januar 2016

Kein hundeäugiger Klampfer: Axel Flóvent

Das Eurosonic Festival im niederländischen Groningen ist ein wunderbares Entrée ins neue Jahr: Das Musikspektakel präsentiert immer im Januar viel versprechende Newcomer aus allen Ecken Europas. Jedes Jahr wundert man sich aufs Neue, wie viele Veranstaltungsstätten in der Studentenstadt existieren. Selbst die ehrwürdige AA Kerk wird zur Venue umfunktioniert. Die Kirchenleute verkaufen an einer improvisierten Bar eifrig Rotwein und Bier. Wer hätte das von den prüden Protestanten gedacht! Weit über 300 Bands und Musiker spielen an vier Tagen, wobei der Samstag exklusiv für die niederländischen Bands reserviert ist. Es ist immer nützlich, sich beim Eurosonic von Anfang an bewusst zu machen, dass man nur einen Bruchteil des Angebots nutzen kann. Umso wichtiger ist es, auf Empfehlungen zu setzen! Eine meiner derzeitigen isländischen Lieblingsbands, die putzmunteren, fröhlichen und selbstironischen Youngsters Rhytmatik, hatten mir ihren Freund Axel Flóvent ans Herz gelegt, der auch aus den abgelegenen Westfjorden kommt, und zwar aus dem Örtchen Húsavík. Der strubbelhaarige 19jährige spielt am ersten Tag im kuscheligen Obergeschoss des Grand Theatre am Markt, wo man dicht gedrängt auf Klappsitzen sitzend entspannt lauschen und ein leckeres Vedett-Bier schnabulieren kann. Axel Flóvent ist ein Singer-Songwriter, die auf der Atlantikinsel so zahlreich vertreten sind wie Geysire oder Gletscher. Gleichwohl! Herr Flóvent ist kein braver, hundeäugiger Klampfer, gottseidank! Sondern hat an diesem Abend seine Band mitgebracht, die ihn nicht nur akustisch, sondern auch mit elektronischen Gerätschaften unterstützt. Und das ist gut so! Im musikalischen Universum des jungen Mannes geht es zwar nachdenklich und melancholisch zu. Aber am wolkenverhangenen Himmel bricht immer wieder die Sonne durch und wärmt mit lichten Strahlen. Nein, es ist nicht die Folkecke, in die es diese Nachwuchskraft drängt. Sondern eher in Richtung des gehobenen, schwärmerischen Pop. Ein kleiner Troubadour, der Herr! Der kürzlich seine neue EP “Forest Fires” vorgelegt hat. Romantik für Fortgeschrittene: Gut, dass es dieses feine Piano gibt! Das sind keine simplen Songs, die der junge Isländer im fernen Holland vorträgt, das sind Tracks voller Zwischentöne. Besonders gefallen tun die Harmoniegesänge auf dem butterweichen, sehnsüchtigen “Your Ghost”. Die Festivalbesucher stehen an diesem Abend jedenfalls zwei Stockwerke hinunter Schlange, um Axel Flóvent zu sehen!

06. Januar 2016

So wundervoll traurig: Antler

Was ist nur im Moment in Norwegen los? Die interessantesten neuen Töne kommen aus dem Fjordland. Das fällt nicht nur bei der Vorbereitung auf das Eurosonic Festival in Groningen statt, das genau in einer Woche startet, wo ich bei den norwegischen Künstlern besonders häufig ein Kreuzchen mit “unbedingt sehen” gemacht habe. Stöbern in Festivalprogrammen ist sowieso eine große Inspirationsquelle. Denn beim digitalen Flanieren durch das Programm von Trondheim Calling, das Anfang Februar in der nördlichen Metropole stattfindet, bin ich über das neue Elektronikpoptrio Antler aus Oslo gestolpert. Und länger hängegeblieben! Allein die himmlisch fragile Stimme von Sängerin Natali Abrahamsen Garner ist ein Grund, Tracks wie die das traumtänzerische “Quiver” lange auf Repeat zu stellen. Die irische Bloggerkollegin DervSwerve fragt sich verwundert, wie das bloß kommt: Dass norwegische Chanteusen die klarsten Stimmen der Welt haben? Ich kann nur die Frage anschließen: Und die zärtlichsten Stimmen dazu? Antler liefern jedenfalls den perfekten Soundtrack für die dunkellblaue Zeit zwischen Tag und Traum. Und sind dabei von einer wundervollen Grenzwert-Traurigkeit. Das ist Synthie-Chanson-Romantik fern allen Kitsches! Antler werkeln derzeit an ihrem Debütalbum, da voraussichtlich im Frühjahr herauskommen soll. Unbedingt im Auge zu behalten!

Foto: Marius Svaleng Andresen

 
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