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Foto nordische Landschaft

24. September 2011

Krawalle und Liebe: Reeperbahn Festival 2011

Eine seltsame Mischung konträrer Emotionen an diesem Freitag Abend auf dem Reeperbahn Festival: Enttäuschte Fußbfallfans, da St. Pauli ganz unerwartet sein Heimspiel gegen Erzgebirge Aue verloren hat, Kegelclubs aus der Provinz auf Großstadtour mit dem Glanzlicht leichte Mädchen gucken, eine Demo gegen die Vertreibung von Obdachlosen, die einfach nur unter der Brücke schlafen wollten – und jede Menge Musikfans, die sich zwischen den Clubs treiben lassen. Polizeisirenen, blinkerndes Blaulicht und martialisches Auftreten beider Seiten – da passt es doch bestens, als Einstieg die norwegischen Düster-Jünglinge von Honningbarna zu goutieren, die Arbeiterlieder aus den 20ern oder 30ern auflegen, bevor sie wie Wikinger auf Raubzug auf die Bühne stürmen und mit einer energetischen Melange aus Punk und Heftigerem eine Art der gesunden Aggressions-Abfuhr betreiben. Die Honigkinder sind jung und wild und rennen, in ihrer Landessprache singend, alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Sänger und Cellist Edvard Valberg muss fein den alten Apocalyptica-Scheiben gelauscht haben und bearbeitet seinen Cellobogen mit Berserker-Stärke, so dass man sich ernsthaft Sorgen um das gute Teil machen muss. Honningbarna sind die wütenden Kerle aus Kristiansand mit den politischen Texten, wollen Palästina befreien und singen Kinderlieder über Spinnen, und irgendwie scheinen sie aus dem Jahrzehnt gefallen zu sein: In Maggie Thatchers England würden sie bestens passen und wahrscheinlich bei jeder Solidaritätsveranstaltung zu Gunsten der Minenarbeiter spielen. Die Jungspunde lassen das Herz schmerzhaft schneller schlagen.

Sehr viel gesitteter und definitiv stylisher geht es bei den vier dänischen Retro-Elektronik-Popstern When Saints Go Machine zu, die passenderweise im Café Keese aufspielen, wo die Tanzfläche so bunt blinkert wie in den legendären Tagen des Saturday Night Fever. Man würde sich nicht wundern, wenn John Travolta im weißen Anzug mit Schlag um die Ecke böge. Sänger Nikolai Manuel Vonsild ist von überwältigend ungelenker Introvertiertheit und windet sich schlangengleich um sein Mikrofon. Die Dänen halten fast gottesdienstartig die hehren Werte der 80er hoch, mit crooniger Eleganz und hingebungsvollem Hedonismus. Vonsild klingt abweschselnd wie Jimi Somerville und Roland Gift und seine sehr blauen Augen sind so groß wie Zwei-Euro-Stücke und werden im Verlauf des Konzertes immer größer. Die Dänen bewegen sich so geschmeidig und souverän wie Katzen auf Raubzug in ihrem Elektrobeat-Universum – aber sind dabei von einer wunderbar untergründigen Zärtlichkeit zu sich selbst und zur Welt getrieben. Erzählen trotz aller Brüche tröstliche Geschichten. Wie ihr Landsmann Hans-Christian Andersen. Gefällt!

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24. September 2011

Summer Breeze 2011: Samstag – Schwedentag

Melodic Death Metal klingt sehr gut, um in der Mittagshitze langsam in den Tag zu starten und so schaue ich mir zuerst die Göteborger Engel an. Melodic ja, aber wo ist der Death Metal?

Der Sänger Magnus Klavborn grunzt zwar zwischen den längeren gesungenen Passagen mal kurz und die Gitarren sind manchmal ziemlich hart. Aber selbst das fällt bei »Sense The Fire« weg. Ich sah schon Leute zu Metallica Ausdruckstanz vorführen, jetzt seh ich Leute zu Pop bangen. Lustig.

Aber eins muss man Magnus Klavborn lassen: Er kann immerhin singen. Im Gegensatz zu Sabine Scherer, Sängerin der nächsten Band Deadlock, die sich beim ersten Lied zunächst einsingen muss und als sie den Ton dann trifft nicht gerade mit Stimmvolumen glänzt. Zum Glück helfen ihr die zahlreichen Fans, die lauthals mitsingen.

Wie auf dem Breeze 2009 schaffen Grand Magus es wieder, das gerade in Fahrt gekommene Publikum auszubremsen. Ich nutze die Gelegenheit für eine Pause im Schatten.

Danach guck ich im Partyzelt vorbei, wo ebenfalls Schweden spielen – Adept. Passender Name: Sie klingen tatsächlich wie Schüler älterer amerikanischer Hardcore-Bands. Aber da die Band erst 2004 gegründet wurde, besteht noch Hoffnung auf eine eigenständigere Entwicklung. Sie haben auf jeden Fall sichtlich Spaß am Spielen.

Auf der Main Stage feiern die Farmerboys gerade ihre Rückkehr, das einzige Konzert in diesem Jahr. Ich komme rechtzeitig zum letzten Lied – dem wohl größten Erfolg der Band: „Here Comes the Pain“. Dazu Rufe aus dem Publikum nach einem neuen Album – das letzte ist von 2004. Zurecht: endlich mal eine Band mit einem eigenen Stil.

Da die schwäbischen Bauernjungs hier Heimspiel haben, ist die Zuschauermenge bei Demonical im Partyzelt recht überschaubar. Wenn man nichts Neues erwartet, sondern einfach klassischen schwedischen Old School Death Metal, ist man hier genau richtig. Für mich klingt es einfach wie schon einmal gehört.

Die Musik ihrer Landsmänner Wolf ist ebenfalls keine Überraschung. Dass sie von den typischen Heavy Metal Bands der 80er Jahre wie Iron Maiden inspiriert sind, ist allzu offensichtlich. Aber immerhin behaupten sie nicht, was nie Gehörtes zu sein. Und die Kuttenträger können sich auf diesem Festival zum ersten Mal wieder zu Hause fühlen.

Da Metalcore absolut nicht meine Musikrichtung ist und mit As I Lay Dying und Caliban gleich zwei Bands diese Genres auf den Hauptbühnen hintereinander spielen, beschließe ich, das Festival für mich hier zu beenden.

Text: Yvette / Fotos © natte

23. September 2011

Nekrophilie, Euphorie, Phantasie: Reeperbahnfestival 2011

Mit fliegenden Haaren nachmittags gerade noch den Zug nach Hamburg erwischt, den Herrn im Abteil mit literarischen Rätseln entlang der Strecke erfreut (welches Bruderpaar hat seine Jugendjahre in Steinau an der Straße verbracht? Welcher Romanautor stammt aus Gelnhausen?). In der Dämmerung vergnügt die Straßen von St. Pauli entlanggehüpft und um halb neun eine Punktlandung vor der Hasenschaukel auf dem Kiez gemacht. Die Dämmerung, die Dunkelheit, dies sind die Tageszeiten von Mirel Wagner, der jungen finnischen Sängerin, die just an diesem Abend ihr erstes Deutschlandkonzert gibt. Ein freudig aufgeregter Quintus Kannegießer von Bone Voyage/BB*Island übernimmt die Ansage für die Künstlerin, deren Debütalbum in diesen Tagen bei seinem Label erscheint. Mirel Wagners Stimme klingt so, als sei sie in den tiefsten Mangrovensümpfen von Louisiana aufgewachsen, in denen die Grenzen zwischen Toten und Untoten fließend sind und die Gewissheiten schwinden. Gehaucht, zurückgenommen und rauh erzählt sie kleine Schauergeschichten, in denen sexuelle Handlungen mit Toten wegen obsessiver Liebe keineswegs als Perversion erscheinen. Es sind Geschichten vom Fallen in Zeitlupe in bodenlose, tiefschwarze Tiefen. Lebendige Todeswunschmusik. Geht das? Irgendwie schon. Der kleine Club ist voll, und es ist andächtig still.

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22. September 2011

Summer Breeze 2011: Freitag – auf in die Metalschlacht!


Die Bandfolge ist heute sehr gelungen: Singend und jubelnd zieht man mit Turisas in die Schlacht. Doch bald kommt die erste Kriegskritik von Bolt Thrower. Die Hämmer fallen bis die alles zerstörende Katastrophe Kataklysm über uns hereinbricht. Und übrig bleiben die gefallenen Krieger Einherjer. Aber die kommen der Sage nach ins Kriegerparadies, wo der Met in Strömen fließt. Happy End.

… doch bevor die Schlacht beginnt, spielen noch einige Bands, auf die ich neugierig bin, Nervecell zum Beispiel. Sie sind leider nicht besonders originell, aber in dem Fall entschuldbar, da die Vereinigten Arabischen Emirate nicht gerade die Death Metal-Hochburg sind.

Für die meisten beginnt der Freitag jedoch mit Skeletonwitch, eine der eher jüngeren Bands – was das Gründungsdatum (2003) betrifft, nicht das Alter der Mitglieder.

Sie wissen selbst nicht, welche Metalrichtung sie eigentlich spielen: »It seems the only description everyone can agree on is ‘metal’ and that suits us just fine.«, so der Gitarrist Scott Hedrick. Egal, Hauptsache es rockt – denkt sich das Publikum und feiert die Hexengerippe. Ganz passender Name übrigens.

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21. September 2011

Rubik oder: Wir irrlichtern trotz Offenbacher Ignoranz

Es gibt viele Unterschiede zwischen Helsinki und Offenbach, aber einer davon besteht in der Tatsache, dass in der finnischen Hauptstadt an die 500 Besucher beim Flow Festival die Experimental-Indierocker Rubik sehen wollen und in Offenbach nur 15. Schade, Offenbach. Oder Frankfurt auf der anderen Mainseite. Ihr habt Aufregendes, Anregendes verpasst. Denn die vielköpfige Truppe um Mastermind und Sänger Artturi Taira ist eine der wenigen finnischen Bands, die in den vergangenen Jahren konsequent über Grenzen gegangen ist, sich weiterentwickelt hat und auf beste Weise unberechenbar ist.

Es mag am Montag liegen. Oder an der plötzlichen nächtlichen Endseptemberkälte. Oder daran, dass der wunderbare, todgeweihte Hafen2 so weit ab vom Schuss liegt. Man kann weiter munter mutmaßen, aber dadurch wird der Publikumszuspruch auch nicht besser. Rubik passen an diesem Abend zu siebt (oder acht) kaum auf die kleine Bühne des Hafens. Und reagieren wunderbarerweise so, wie jede Band mit Charaker auf diese Situation reagieren muss: Sie spielen vor 15 Leute ebenso leidenschaftlich wie vor 500. Artturi Taira, der Chef-Waldschrat dieser Frisuren-und-Bärte-Alptraum-Truppe, er schließt die Augen und singt sich die Seele aus dem Leib. Und verschwindet nach dem Gig spurlos in den Gemächern des abrissreifen Offenbacher Lokschuppens, so dass man ihm noch nicht mal danke für den Gig sagen kann.

Vom Konzept radiokompatibler Songverträglichkeit wollten Rubik seit ihrem wunderbaren ersten Album »BAD CONSCIENCE PATROL« nichts wissen. Zu sperrig, zu eigenwillig kommen sie daher, was nun bitte nicht heißen soll, dass das Endergebnis nicht auf unerwartete Weise schön klingt. In der weitesten Interpretation von schön. Mit ihrem jüngsten Album »SOLAR« entziehen sich die Finnen sowieso eigensinnigen allen Verortungen. Braver Indierock ist es sicher nicht, was diese Acht zelebrieren, die ausscheren und ins Irgendwo abdriften, wo die Bläser und Gitarren plötzlich eine Liebesheirat eingehen, die gleichermaßen feierlich und groovy klingt. Wo das Glockenspiel zum Hauptakteuer wird und sowieso sämtliche Beteiligten alle Instrumente spielen. Wo Psychedelik und Vaudeville Bruderschaft trinken und Artturi Tairas irrlichternde Stimme Moritaten in Cinemascope singt und die einzige Konstante bildet. Und aus der kollektiven Energie entstehen ganze Melodramen, unerwartet, flüchtig, merkwürdig, großartig. Was kann man Besseres über eine Band sagen, als nach Worten zu ringen, um das Gehörte zu beschreiben und natürlich scheitern, weil die Übertreibung und Überraschung von dem, was Rubik in ausugfernden Songs wie »The Dark Continent« beim Hören auslösen, einfach überwältigen.

Rubik bringen zum Nachdenken. Über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens etwa. Ist es vorstellbar, dass diese wunderbare, herausfordernde Musik acht bis zwölf Leute finanziert, ernährt und kleidet? Eher nicht. Soll es Bands wie Rubik aus diesem Grund nicht geben? Grauenvoller Gedanke, bitte weiter experimentieren, ihr Verrückten! Bitte weiter zum Staunen bringen! Und ach ja, Rubik sind diese Woche noch auf Tour, unter anderem beim Reeperbahn-Festival in Hamburg, zu dem sich die Polarbloggerin morgen aufmacht. Bitte hingehn!

Rubik – World Around You (official video) from Fullsteam Records on Vimeo.

 
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