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Foto nordische Landschaft

17. August 2011

Flow Festival 2011: Minä Ja Ville Ahonen

»Was war das denn?« denkt man sich und sinnt noch ein Weilchen darüber nach, wie man die 45 Minuten beschreiben soll, die man mit Minä Ja Ville Ahonen am letzten Tag des Flow Festivals in Helsinki verbracht hat. Chansonnier und Singer-Songwriter, Waldschrat und Nerd, Indiepopper und Elektronik-Schamane: Alles Begriffe, die durchaus einige Minuten lang auf den kurzbehosten (nicht wirklich schmeichelnd, das), stechäugigen, ungelenken finnischen Musiker zutreffen. Fast verhalten, durchaus schüchtern fängt er an, die Klampfe in der Hand, die Gliedmaßen eckig-unbequem zusammengefaltet. Begleitet von drei männlichen Mitmusizierern, die alle so aussehen, als ob sie beim Völkerball als allerletzte in die Mannschaft gewählt werden, und einer sehr attraktiven blonden Schlagzeugerin, der die kurzen Hosen unbedingt besser stehen als dem Namensgeber der Band.

Es geht hier zunächst um Liebe und unerfüllte Sehnsüchte, aber immer mit diesem feinen Sprung im Porzellan, der die Songs vor flacher Oberflächlichkeit bewahrt. Nein, hier wohnt lockend Unbekanntes hinter den Klischees, lauert eine leise Bedrohung hinter Bäumen. Ja, die Bäume, der Wald, ein finnischer Identitätsort, in dem sich Ville Ahonen gern verschanzt. Und langsam, langsam, wird man im blauen Zelt mitten am Nachmittag auf Abwege geleitet, bis der Boden unter den Füßen leise zu wanken beginnt. Das Geheimnisvolle, das gerade so Nicht-Begreifliche ist genau das Element, in dem Schrulligkeit des Herrn Ahonen bestens gedeiht. Der zwischendurch ins Rockige wechselt, aber eben nur flirrend und flüchtig. Um dann ebenso schnell wieder ins indiepoppig Hymnische zu wechseln.

Herr Ahonen folgt an diesem Nachmittag dem Spannungsbogen, den er auf seinem selbstbetitelten Debütalbum vom vergangenen Jahr aufbaut. Und so ist es nur folgerichtig, mit dem Achtminüter »Musta Virta« (Black Power) zu enden, der samtpfötig beginnt, aber dann auf raffinierte Weise plötzlich in elektronische Tanzmusik umschwenkt, die jedem heidnischen Waldritual bestens anstehen würde. Und der ganze dürre Mensch ergibt sich plötzlich und lässt los, läuft wie besessen im Kreis und tanzt, tanzt, tanzt, als ob ihn die Kobolde rund ums Lagerfeuer jagen würden. Sehr merkwürdig. Sehr eigenwillig. Sehr intensiv. Danach tritt man in Helsinkis Nachmittagssonne und braucht einige lange Sekunden, um wieder in der Realität anzukommen. Etwa so, wenn man morgens aus lebhaften Träumen erwacht.

25. Juli 2011

Hel(l) aktuell XIII: Tuska 2011, Sonntag


Und auch Platz zwei meiner Albumcharts 2010 spielt dieses Jahr auf dem Tuska: Kvelertaaaaaaaak! Ein perfekter Einstand für den letzten Tuska-Tag 2011; die finnischen Impaled Nazarene registriere ich nur im Vorbeilaufen.

Kvelertak (=Würgegriff) gewinnen den »Besucher-Magnet-um-14-Uhr«-Wettbewerb, sie locken die meisten Zuschauer vor die Bühne – und ich wage zu behaupten mehr als alle anderen Bands heute.

Die Norweger beherrschen nicht nur die Clubs (siehe Konzert in Stuttgart), sondern rocken auch Open Air mächtig, verstärkt durch einen dritten Gitarristen.

Kvelertak haben derzeit einen ähnlichen (Festival-)Höhenflug wie Volbeat vor zwei Jahren – was ist eigentlich aus denen geworden? – zu Recht: Heute knallen die Mannen um Erlend Hjelvik der Meute gleich zu Beginn den Killersong »Sjøhyenar (Havets Herrer)« um die Ohren, gefolgt von »Fossegrim«.

Einfach geil. Und im Gegensatz zum Stuttgarter Gig haben die Fans hier wenigstens (überwiegend) lange Haare.

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24. Juli 2011

Hel(l) aktuell XII: Tuska 2011, Samstag

Enslaved-Fans am Samstag.

Moonsorrow (FIN)

Der zweite, nicht ganz so heiße Tuska-Tag 2011 (siehe Freitag) beginnt für mich erst mit Moonsorrow. Die Order an die Fotografen lautet dieses Mal: »Nur das erste Lied – das dauert zehn Minuten!«, das ganze Set eine Dreiviertelstunde. Hat jemand die Lieder gezählt?

Die finnischen Langsongfetischisten gefallen auch auf Tuska; für Details siehe Paganfest 2011.

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23. Juli 2011

Hel(l) aktuell XI: Tuska 2011, Heißer Freitag

Tuskaaaaa!

Lange angekündigt, jetzt ist es passiert: Das Tuska Open Air ist vom Zentrum (Kaisaniemi) nach Osten (Kalasaatama) gezogen: »Helvetistä Itään«. Das Gelände hat Industriecharakter, hier regieren Beton und Asphalt, keine grünen Hänge mehr zum entspannten Abhängen – dafür gibt es jetzt eine Bühne mehr, also insgesamt vier.

Schatten ist Mangelware … und das bei höllischen Temperaturen. Oder um es mit den Worten von yahoo auszudrücken: »Wo ist eigentlich der Sommer? Der Sommer macht derzeit Urlaub. Helsinki – wohlgemerkt Finnland – schwitzt aktuell bei 31 Grad und reichlich Sonne nur so vor sich hin.«

Arch Enemy (S)

Tuska 2011 beginnt für mich am Freitag erst um 15 Uhr mit Arch Enemy, die hier mächtig schwitzen. Fronterin Angela Gossow: »Letztes Mal hab ich gesagt ‘kein Regen’ … jetzt wäre ich dankbar für etwas Nässe von oben!«

Und weiter: »Finland, the hottest country in metal!«, ‘bildlich gesprochen’, verdeutlicht die deutsche Sängerin, die es schafft trotz dieser frühen Spielzeit (warum eigentlich so früh?) die Fans in ihren Bann zu ziehen.

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16. Juli 2011

When Saints Go Machine, oder: Twittern hilft!

Besorgte Schlaumenschen wie FAZ-Obermufti Frank Schirrmacher werden nicht müde, vor den Gefahren zu warnen, die von sozialen Netzwerken ausgehen und wie angreifbar und gläsern wir uns doch damit machen. Danke für den gut gemeinten Ratschlag! Dass man seine intimsten Geheimnisse oder seine kompletten Kontodaten samt Passwörtern nicht ins Netz stellen sollte, dürfte jedem einigermaßen intelligenten Zeitgenossen einleuchten. Dass Werkzeuge wie Twitter aber hin und wieder zur besseren Kommunikation und zur raschen Klärung von Missverständnissen beitragen, fällt dabei unter den Tisch. Schade! Es gibt eine Geschichte dazu, und die hat sich so zugetragen:

Die dänischen Neo-Synthiepopper When Saints Go Machine spielen eines von wenigen, handverlesenen Deutschlandkonzerten im hochgeschätzten Heidelberger Karlstorbahnhof. Natürlich muss ich hin! Dass das Konzert erst sehr spät beginnt, weil das Heidelberger Schloss an diesem Abend melodramatisch beleuchtet und über dem Neckar ein feines Feuerwerk abgebrannt wird – geschenkt und danke!

When Saints Go Machine – ADD ENDS from Dawn Carol Garcia on Vimeo.

Dass die Dänen aber nur knappe 40 Minuten spielen, zwischen den Songs kaum den Mund aufbekommen und ohne Zugabe von der Bühne verschwinden, das verärgert wirklich. Geht gar nicht, das! Die Arctic Monkeys haben es sich mit der Polarbloggerin auf Lebenszeit verdorben, weil sie anno 2005 bei ihrem ersten Frankfurt-Konzert nach 26 gefühlten Minuten wortlos von der Bühne abtreten und mitleidlos das grelle Deckenlicht über verschwitzten Zuschauergesichtern einschalten lassen. Ich halte es an dieser Stelle mit Jane Austens Romanhelden Mr. Darcy aus »Stolz und Vorurteil«, der den schönen Satz spricht: »My good opinion once lost is lost forever«.

Einigermaßen angesäuert lasse ich die Welt über Twitter wissen, dass die Saints kein Freund von Zugaben sind. Damit könnte diese Geschichte enden. Sie tut es aber nicht. Die jungen Dänen reagieren, twittern zurück und erklären, dass sie die offizielle Vorgabe hatten, nur 40 Minuten zu spielen. Sorry. Und dass sie nicht elf Stunden von Kopenhagen nach Heidelberg fahren, um zu enttäuschen. Nun, dann geht das in Ordnung. Gut, dass wir uns ausgetauscht haben.

Und Grund genug, darüber nachzudenken, warum man oft geneigt ist, Schüchternheit mit Arroganz zu verwechseln. When Saints Go Machine stehen ganz am Anfang. Haben sich sehr viel Zeit genommen, das wunderbar verschachtelte und wie eine Wundertüte von skurillen Einfällen überquellende Album »KONKYLIE« aufzunehmen. Von dem wir alle bei »Nordische Musik« so überzeugt waren, dass wir es zu unserem Album des Monats Juli kürten. Natürlich ist es schwierig, diese sehr komplex aufgebauten Songs auf die Bühne zu bringen. Die fein zwischen Tanzbarkeit und Eigensinn oszillieren und auf eine zurückhaltende Art große Gefühle erzeugen, mit freundlicher Unterstützung wehrmauernhoher Synthesizer. Warum die 80er Jahre bei den heutigen Mitzwanzigern eine so große Faszination ausüben, gehört zu den Fragen, die wir heute nicht mehr beantworten müssen. Wir versinken lieber in den herzbrechenden Streicher-Arrangements von »Fail Forever« und der sensiblen Falsett-Stimme von Nikolaj Manuel Vonsild.

Fail Forever – When Saints Go Machine from LaFee Berde on Vimeo.

 
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