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Foto nordische Landschaft

12. September 2011

R.I.P. Hole In The Sky: Freitag – »The Dawn of a New Age« mit Satyricon, Nifelheim, Ghost

True Norwegian Black Candle


Requiescat in pace: Die zwölfte Ausgabe des Hole In The Sky-Festivals vom 24. bis 27 August 2011 im norwegischen Bergen ist zugleich die letzte. Aus. Schluss. Vorbei. Eines der besten (Black Metal) Festivals ist Geschichte.

Und ich wage zu behaupten Hole In The Sky 2011 bietet eines der besten Line-Ups in der Geschichte des Festivals, wenn nicht das Beste. Für »The Last Supper« stellen die Organisatoren DIE norwegischen Black Metal-Bands auf die Bühne: Satyricon, Immortal, Enslaved und Mayhem – oder was davon überlebt hat.

Die schwedischen Headliner Marduk am Mittwoch im Club Garage habe ich leider ebenso verpasst wie die norwegischen Wardruna im Logen Teater, da ich erst am Freitag auf das Festival gehen kann. Auch Archgoat (FIN), In Solitude (S) und Devil (N) hätte ich mir gerne angeschaut.

Den Anfang machen für mich also am Freitag, 26. August 2011, im USF Verftet die amerikanischen Negative Plan – die allerdings ungehört an mir vorbeigehen: Die Schlange am Akkreditierungsschalter ist seeehr lang, und die Spielzeit der Amis beträgt nur eine halbe Stunde.

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04. September 2011

Katzengesang mit Hasenmaske: Sleep Party People

Wenn Katzen singen könnten, dann würde sich das möglicherweise so anhören wie die schrägen, unberechenbaren Töne von Sleep Party People. Was Katzen als nächstes tun, lässt sich ebensowenig vorhersagen wie die Kapriolen, auf welche die drei Dänen verfallen könnten. Katzengesang ist hier nicht im Sinne von Katzenmusik gemeint, sondern eher in Bezug auf falsettbetonte Unberechenbarkeit. Sleep Party People erschaffen elektronische Kunstmärchen, die nicht weniger hintergründig ausfallen als das Gesamtwerk von E.T.A. Hoffmann oder Wilhelm Hauff. Also sehr 19. Jahrhundert, sehr romantisch sich in lichten Weiten verlierend, auf der Suche nach der unerreichbaren blauen Blume. Das Unheimliche schleicht sich aber hier hinterrücks heran wie ein bucklig Männlein ins Plüsch-Melodram. Nur dass die genialischen Künstler hier mit Laptops daherkommen und hochartifizielle, gleichwohl maunzige Gegenwelten erschaffen. Die Elektronik ist die neue, die wunderliche Innerlichkeit.

SLEEP PARTY PEOPLE – A Sweet Song About Love (by Tracy Maurice) from Brian Batz on Vimeo.

Nun denn! Bei ihrem Konzert in den Schwanengesangtagen des Offenbacher Hafen 2 (wird abgerissen, die Finanzierung des Neubaus ist gerade zur Hälfte geschafft, wem die Erhaltung von Indiepopkultur im besten Sinne am Herzen liegt, der möge bitte spenden!), hüllen sich die drei Protagonisten in schwarze Hoodies und Hasenmasken, mit sachte wippenden Ohren, was einen durchaus die Musik unterstützendes sanftes, lautloses Rauschen erzeugt. Einfach zu goutieren ist es nicht, was das Trio, angeführt von Mastermind Brian Batz, hier erzeugt: Eigenwillige Neuinterpretation, die selbst vor dem abgegriffensten Kitsch nicht zurückschreckt. Der Blick ins Youtube-Schatzkästlein ergibt, dass Sleep Party People tatsächlich eine pianodominierte Interpretation von Stille Nacht, Heilige Nacht eingespielt haben! Darauf verzichten die Drei aus dem Königreich im Spätsommer weise, um uns auf anderen Pfaden auf Abwege zu locken, so wie die Hexe die verirrten Kinder per Pfefferkuchenhaus in die Falle dirigiert. Mit Sirenenstimme, in diesem Fall!

Ohne Vocoder wäre Brian Batz so nackt wie Juliette Gréco ohne Lidstrich. Die Lust am Verfremden, sie steckt an ihrem Spaß am Schaffen von Paralleluniversen, die süß locken wie die Loreley. Herr Batz gestikuliert und fleht die Soundmänner an um mehr Licht, um mehr Wärme, um mehr Präzision an. Vor 20 Zuhörern an einem Wochentag, an dem der Mond über dem Main schief hängt wie eine kullernde Weinflasche. Man fremdelt zunächst mit dieser sehr künstlichen, sehr gefühligen Musik, den artifiziellen Tönen, der spielerischen Versteckerei. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem sich die Leidenschaft hier glutvoll einschleicht, die großen Gefühle mannshoch werden, und man sich bedingungslos ergibt und denkt, dass Andeutungen und nicht Tatsachen das Herz schneller schlagen lassen. Man kann es nicht wirklich greifen, was sich hier tut. Es ist dekadent, es ist überzüchtet, es ist merkwürdig und es ist irgendwie großartig.

Sleep Party People – Notes To You from Speed Of Sound on Vimeo.

19. August 2011

Flow Festival 2011: Cirko, der Lieblingsort

Um ganz ehrlich zu sein: Zuerst strande ich beim Flow Festival nur wegen schmerzender Füße im Cirko, weil man sich nach langem Stehen dort so schön auf den großzügig im halbdunklen Raum verteilten Liegekissen niederlassen und durchschnaufen kann. Bis dann ziemlich rasch dämmert, dass in diesem Zirkus, einem auf den ersten Blick wenig spektulären Nebengebäude auf dem Festivalgelände, der wunderbare Sami Sanpäkilä, Herz und Hirn des experimentellen finnischen Fonal-Labels, sich hier seine ganz eigene Spielwiese der verwirrenden Töne eingerichtet hat. In einer entspannten, offenen Atmosphäre. Schauen. Hören. Sich sachte wegpusten lassen. Oder von Melodramen rücklings überwältigen.

Die manischen Elekronik-Tüftler Fricara Pacchu sind ein solcher Fall. Der Großteil ihres Werkes ist bislang nur auf Kassette erschienen. Ein Album mit dem irreführenden Titel »STORIES OF OLD« ist selbstverständlich nirgendwo anders als bei Fonal erschienen. Fricara Pacchu nehmen uns mit auf eine Geisterbahnfahrt in die unberechenbare Welt anarchisch-wilder Töne, in der die Genregrenzen zwischen Synthie-Blubbermusik und psychedelischen Ausschweifungen mühelos fallen und die Spielekonsolenmusik-Ästhetik eindeutig auf die dunkle Seite der Macht überschwenkt. Ausruhen ist hier nicht, in diesem beunruhigen, unwirklichen, knallbunten Paralleuniversum, das selbstverständlich fast ohne Worte auskommt und trotzdem ganze Romane schreibt. Man sollte danach bloß nicht anfangen, Lovecraft-Romane zu lesen, sonst läuft man womöglich Gefahr, ernsthaft an die Existenz von Aßerirdischen zu glauben.

Fricara Pacchu: Bianca’s Beach Party by Fonal Records

Sami Sanpäkilä selbst lässt es sich am Sonntag nicht nehmen, bei Kemialliset Ystävät, dem ausufernden Projekt von Jan Anderzén aus Tampere, mit auf die Bühne zu steigen und zu demonstrieren, dass es elektronische Eigenbröteleien durchaus eine geschmeidige Eleganz entwickeln können. Wie eigentlich alle Fonal-Bands sind diese chemischen Freunde mit Vorliebe dabei, sich ins Unterholz zu schlagen und die Merkwürdigkeiten alltäglicher Töne herauszuarbeiten. In diesem Fall ist das Ergebnis sogar überaus tanzbar. Wenn nicht eine gesamter, vollbepackter Saal voller Zuhörer, im Halbdunkel auf Sitzkissen und aneinander geschmiegt, mit entspannter Konzentration zuhören würde. Tanzen werden wir später noch, keine Bange, und nicht zu wenig. Bei den wunderbaren Math-Rockern Battles aus New York City etwa, die sich nicht im geringsten davon stören lassen, dass Festival-Headliner Kanye West zeitgleich spielt. Die geschätzten 6,3 Prozent Flow-Besucher, die es nicht zu Herrn Wests ausgetüftelter Show gezogen hat, haben ihre Entscheidung nicht bereut.

Kemialliset Ystävät: Kivikasan rauhassa (2010) from M Petteri on Vimeo.

Ganz zum Schluss holt Meister Sanpäkilä im Cirko übrigens noch ein musikalisches Überraschungsei aus der Tasche: In Gestalt eines mir bislang völlig unbekannten Duos aus der bekannten deutschen Rockmetropole Saarbrücken: Pretty Lightning heißen die beiden langbemähnten Musiker an Gitarre und Drums, die mit ihrem psychdelischen, spacigen Bluesrock alle Teufel dieser Welt für immer in die Mississsippi-Sümpfe treiben könnten, cool lächelnd. Johhny Cash und Jack White dürften diese heftigen Töne aus der saarländischen Hauptstadt lieben. Das demnächst erscheinende Album der Zwei trägt den schönen Titel »THERE ARE WITCHES IN THE WOODS«, wodurch der Bogen zum Fonal-Label elegant gschlagen ist.

17. August 2011

Flow Festival 2011: Minä Ja Ville Ahonen

»Was war das denn?« denkt man sich und sinnt noch ein Weilchen darüber nach, wie man die 45 Minuten beschreiben soll, die man mit Minä Ja Ville Ahonen am letzten Tag des Flow Festivals in Helsinki verbracht hat. Chansonnier und Singer-Songwriter, Waldschrat und Nerd, Indiepopper und Elektronik-Schamane: Alles Begriffe, die durchaus einige Minuten lang auf den kurzbehosten (nicht wirklich schmeichelnd, das), stechäugigen, ungelenken finnischen Musiker zutreffen. Fast verhalten, durchaus schüchtern fängt er an, die Klampfe in der Hand, die Gliedmaßen eckig-unbequem zusammengefaltet. Begleitet von drei männlichen Mitmusizierern, die alle so aussehen, als ob sie beim Völkerball als allerletzte in die Mannschaft gewählt werden, und einer sehr attraktiven blonden Schlagzeugerin, der die kurzen Hosen unbedingt besser stehen als dem Namensgeber der Band.

Es geht hier zunächst um Liebe und unerfüllte Sehnsüchte, aber immer mit diesem feinen Sprung im Porzellan, der die Songs vor flacher Oberflächlichkeit bewahrt. Nein, hier wohnt lockend Unbekanntes hinter den Klischees, lauert eine leise Bedrohung hinter Bäumen. Ja, die Bäume, der Wald, ein finnischer Identitätsort, in dem sich Ville Ahonen gern verschanzt. Und langsam, langsam, wird man im blauen Zelt mitten am Nachmittag auf Abwege geleitet, bis der Boden unter den Füßen leise zu wanken beginnt. Das Geheimnisvolle, das gerade so Nicht-Begreifliche ist genau das Element, in dem Schrulligkeit des Herrn Ahonen bestens gedeiht. Der zwischendurch ins Rockige wechselt, aber eben nur flirrend und flüchtig. Um dann ebenso schnell wieder ins indiepoppig Hymnische zu wechseln.

Herr Ahonen folgt an diesem Nachmittag dem Spannungsbogen, den er auf seinem selbstbetitelten Debütalbum vom vergangenen Jahr aufbaut. Und so ist es nur folgerichtig, mit dem Achtminüter »Musta Virta« (Black Power) zu enden, der samtpfötig beginnt, aber dann auf raffinierte Weise plötzlich in elektronische Tanzmusik umschwenkt, die jedem heidnischen Waldritual bestens anstehen würde. Und der ganze dürre Mensch ergibt sich plötzlich und lässt los, läuft wie besessen im Kreis und tanzt, tanzt, tanzt, als ob ihn die Kobolde rund ums Lagerfeuer jagen würden. Sehr merkwürdig. Sehr eigenwillig. Sehr intensiv. Danach tritt man in Helsinkis Nachmittagssonne und braucht einige lange Sekunden, um wieder in der Realität anzukommen. Etwa so, wenn man morgens aus lebhaften Träumen erwacht.

25. Juli 2011

Hel(l) aktuell XIII: Tuska 2011, Sonntag


Und auch Platz zwei meiner Albumcharts 2010 spielt dieses Jahr auf dem Tuska: Kvelertaaaaaaaak! Ein perfekter Einstand für den letzten Tuska-Tag 2011; die finnischen Impaled Nazarene registriere ich nur im Vorbeilaufen.

Kvelertak (=Würgegriff) gewinnen den »Besucher-Magnet-um-14-Uhr«-Wettbewerb, sie locken die meisten Zuschauer vor die Bühne – und ich wage zu behaupten mehr als alle anderen Bands heute.

Die Norweger beherrschen nicht nur die Clubs (siehe Konzert in Stuttgart), sondern rocken auch Open Air mächtig, verstärkt durch einen dritten Gitarristen.

Kvelertak haben derzeit einen ähnlichen (Festival-)Höhenflug wie Volbeat vor zwei Jahren – was ist eigentlich aus denen geworden? – zu Recht: Heute knallen die Mannen um Erlend Hjelvik der Meute gleich zu Beginn den Killersong »Sjøhyenar (Havets Herrer)« um die Ohren, gefolgt von »Fossegrim«.

Einfach geil. Und im Gegensatz zum Stuttgarter Gig haben die Fans hier wenigstens (überwiegend) lange Haare.

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