Der zweite, nicht ganz so heiße Tuska-Tag 2011 (siehe Freitag) beginnt für mich erst mit Moonsorrow. Die Order an die Fotografen lautet dieses Mal: »Nur das erste Lied – das dauert zehn Minuten!«, das ganze Set eine Dreiviertelstunde. Hat jemand die Lieder gezählt?
Die finnischen Langsongfetischisten gefallen auch auf Tuska; für Details siehe Paganfest 2011.
Lange angekündigt, jetzt ist es passiert: Das Tuska Open Air ist vom Zentrum (Kaisaniemi) nach Osten (Kalasaatama) gezogen: »Helvetistä Itään«. Das Gelände hat Industriecharakter, hier regieren Beton und Asphalt, keine grünen Hänge mehr zum entspannten Abhängen – dafür gibt es jetzt eine Bühne mehr, also insgesamt vier.
Schatten ist Mangelware … und das bei höllischen Temperaturen. Oder um es mit den Worten von yahoo auszudrücken: »Wo ist eigentlich der Sommer? Der Sommer macht derzeit Urlaub. Helsinki – wohlgemerkt Finnland – schwitzt aktuell bei 31 Grad und reichlich Sonne nur so vor sich hin.«
Tuska 2011 beginnt für mich am Freitag erst um 15 Uhr mit Arch Enemy, die hier mächtig schwitzen. Fronterin Angela Gossow: »Letztes Mal hab ich gesagt ‘kein Regen’ … jetzt wäre ich dankbar für etwas Nässe von oben!«
Und weiter: »Finland, the hottest country in metal!«, ‘bildlich gesprochen’, verdeutlicht die deutsche Sängerin, die es schafft trotz dieser frühen Spielzeit (warum eigentlich so früh?) die Fans in ihren Bann zu ziehen.
Besorgte Schlaumenschen wie FAZ-Obermufti Frank Schirrmacher werden nicht müde, vor den Gefahren zu warnen, die von sozialen Netzwerken ausgehen und wie angreifbar und gläsern wir uns doch damit machen. Danke für den gut gemeinten Ratschlag! Dass man seine intimsten Geheimnisse oder seine kompletten Kontodaten samt Passwörtern nicht ins Netz stellen sollte, dürfte jedem einigermaßen intelligenten Zeitgenossen einleuchten. Dass Werkzeuge wie Twitter aber hin und wieder zur besseren Kommunikation und zur raschen Klärung von Missverständnissen beitragen, fällt dabei unter den Tisch. Schade! Es gibt eine Geschichte dazu, und die hat sich so zugetragen:
Die dänischen Neo-Synthiepopper When Saints Go Machine spielen eines von wenigen, handverlesenen Deutschlandkonzerten im hochgeschätzten Heidelberger Karlstorbahnhof. Natürlich muss ich hin! Dass das Konzert erst sehr spät beginnt, weil das Heidelberger Schloss an diesem Abend melodramatisch beleuchtet und über dem Neckar ein feines Feuerwerk abgebrannt wird – geschenkt und danke!
Dass die Dänen aber nur knappe 40 Minuten spielen, zwischen den Songs kaum den Mund aufbekommen und ohne Zugabe von der Bühne verschwinden, das verärgert wirklich. Geht gar nicht, das! Die Arctic Monkeys haben es sich mit der Polarbloggerin auf Lebenszeit verdorben, weil sie anno 2005 bei ihrem ersten Frankfurt-Konzert nach 26 gefühlten Minuten wortlos von der Bühne abtreten und mitleidlos das grelle Deckenlicht über verschwitzten Zuschauergesichtern einschalten lassen. Ich halte es an dieser Stelle mit Jane Austens Romanhelden Mr. Darcy aus »Stolz und Vorurteil«, der den schönen Satz spricht: »My good opinion once lost is lost forever«.
Einigermaßen angesäuert lasse ich die Welt über Twitter wissen, dass die Saints kein Freund von Zugaben sind. Damit könnte diese Geschichte enden. Sie tut es aber nicht. Die jungen Dänen reagieren, twittern zurück und erklären, dass sie die offizielle Vorgabe hatten, nur 40 Minuten zu spielen. Sorry. Und dass sie nicht elf Stunden von Kopenhagen nach Heidelberg fahren, um zu enttäuschen. Nun, dann geht das in Ordnung. Gut, dass wir uns ausgetauscht haben.
Und Grund genug, darüber nachzudenken, warum man oft geneigt ist, Schüchternheit mit Arroganz zu verwechseln. When Saints Go Machine stehen ganz am Anfang. Haben sich sehr viel Zeit genommen, das wunderbar verschachtelte und wie eine Wundertüte von skurillen Einfällen überquellende Album »KONKYLIE« aufzunehmen. Von dem wir alle bei »Nordische Musik« so überzeugt waren, dass wir es zu unserem Album des Monats Juli kürten. Natürlich ist es schwierig, diese sehr komplex aufgebauten Songs auf die Bühne zu bringen. Die fein zwischen Tanzbarkeit und Eigensinn oszillieren und auf eine zurückhaltende Art große Gefühle erzeugen, mit freundlicher Unterstützung wehrmauernhoher Synthesizer. Warum die 80er Jahre bei den heutigen Mitzwanzigern eine so große Faszination ausüben, gehört zu den Fragen, die wir heute nicht mehr beantworten müssen. Wir versinken lieber in den herzbrechenden Streicher-Arrangements von »Fail Forever« und der sensiblen Falsett-Stimme von Nikolaj Manuel Vonsild.
Arnór Dan Arnársson muss unter irgendeiner Zwangsneurose leiden. Er kann einfach nicht stillstehen. Während der Zwischenanansagen marschiert er manisch auf der Bühne auf und ab, wie ein eingesperrter Eisbär im Zoo. Der Sänger der isländischen Experimentalcore-Band Agent Fresco wirkt angespannt wie ein Pfeil kurz vorm Abschießen. Es ist der letzte Tag einer längeren Europa-Tour, und am nächsten Morgen früh um vier geht der Flieger zurück auf die Vulkaninsel. An diesem warmen Sommerabend im ferienleeren Frankfurt sind höchsten dreißig Leute in den Club das bett gekommen. Aber Arnársson entdeckt bekannte Gesichter im Publikum. Einige sind zum wiederholten Mal auf einem Agent-Fresco-Konzert. Und überhaupt: Langhaarige, Kurzhaarige, Junge, Ältere, Gesetztere, Flippigere. Wie geht das denn zusammen?
Warum das funktioniert, wird im Lauf des Konzertes klar, in dem die ganz in schwarz gekleideten Vier sich geschmeidig wie die Schlangen durch die Stile winden, ohne sich auch irgendwo festlegen zu wollen. Die da heißen: Glamrock, Progressive Rock, Jazziges, Screamo, Metal, Mathpop und Melodrama. Und noch diverse Unterströmungen. Diese disparaten Elemente bilden überraschenderweise kein beliebig zusammengemischtes Stückwerk, sondern ein leidenschaftliches, komplexes Ganzes. In dem die Farbe Schwarz eine bestimmende Rolle spielt, die Melancholie nie vergeht, aber der Trotz und das Aufbegehren in Schönheit den selbstverständlichen Gegenpol dazu bilden. Arnásson erzählt vom Krebstod seines Vaters vor einigen Jahren, und wie diese Erfahrung in die Musik des Quartetts mit eingeflossen ist. Das sehr hörenswerte Debütalbum »A LONG TIME LISTENING« ist Endes vergangenen Jahres in Island herausgekommen. In ihrer Heimat haben die Jungs schon mehrere Preise abgeräumt.
Beschauliches Konsumieren ist hier nicht. Agent Fresco fordern durch ihre Vielseitigkeit und ihre Hingabe. Durch Hoffnung und Leidenschaft. Durch lärmigste Ausbrüche und zarteste Piano-Augenblicke. Schwarz ist hier keine pessimistische, sondern eine hochlebendige Farbe. Das Publikum wird gehörig durchgeschüttelt, die Ohren unerbittlich lärmend und energisch durchgespült. Danach hört man besser. Und andere Dinge als zuvor. Und lächelt vielleicht. Die Band trocknet sich derweil die Gesichter mit schwarzen Handtüchern.
In Bergen gibt es einige Konstanten: Die eine ist der Regen, die andere die Musik. Man gibt es hier auf, an die Illusion trockener Füße zu glauben, und belastet das Reisekonto mit dem Kauf durchaus eleganter roter, knöchelhoher Gummistiefel. Wenn die Sonne scheint, füllt sich die Stadt mit Musik, die zwischen den sieben Bergen widerhallt. Man steht oben auf einem der zahlreichen Aussichtspunkte und wundert sich doch sehr über das plötzlich einsetzende Trommelgewirbel, das sich Stadtteil für Stadtteil fortsetzt. Praktiziert wird es von halbwüchsigen Burschen, die zum guten Dutzend aufgereiht rhyhtmisch ihre vor den Bauch geschnallte Trommeln bearbeiten, in durchaus militärischer Tradition. Wie die Einheimischen glaubhaft versichern, ist die jugendliche Trommelei geschichtsträchtig und hatte vor Jahr und Tag die Funktion, vor dem Annähern des Feindes zu warnen. Heute geht es eher um Rhythmus, Lebenslust und Wettstreit zwischen rivalisierenden Quartieren. An guten Drummern dürfte in Bergen kein Mangel herrschen! Musik ist hier überall präsent: Wie sich herausstellt, spielt Kristian, Betreiber des netten Bed & Breakfast, in der Band Kong Klang. Elektronische Musik, zu der man gut einschlafen kann, beschreibt er das Projekt selbstironisch.
Aber nun denn: In einer Stadt, in der jede vierte Einwohner Student ist, passiert Mitte Juni in den Semesterferien nicht viel, was Konzerte in Clubs betrifft. Mit einer Ausnahme: Im stylishen Café des Kunstmuseums stellen die drei eigenwilligen Stilpiraten-Rocker von Ungdomskulen ihr Projekt GIMME TEN vor. Das experimentierfreudige Trio hat zehn Stücke eingespielt, die allesamt nur eine Minute dauern, und zu jedem dieser Track ein Video gedreht. Für die künstlerische Umsetzung war Carlos Vasquez zuständig. Der Videodreh fand in Berlin statt, der offenkundigen Sehnsuchtsstadt aller skandinavischen Indiebands, die es zu Hauf in die deutsche Hauptstadt zieht. Zehn Songs. Zehn Minuten. Es ist eine Achterbahnfahrt im Schnelldurchgang absolviert, ein wilder Ritt durch die Stile.
An diesem Abend, an dem es nicht dunkel wird, werden im Kunstmuseum selbstredend erst die zehn Videos gezeigt, und dann erst kommen die Maestros selbst. Sänger Kristian hat schon die kurze Bermudas an, denn am nächsten Morgen geht es in aller Frühe los in die Türkei. Ins Schwitzen kommen die Grenzüberschreiter auch so: Sie machen irritierenden Lärm, eine krude, aber sehr tanzbare Mischung aus Art Rock und Prog Rock, aus Albernheit und Anarchie, aus Rotzwave und Jazzigem und Hip Hop und viel, viel Rocklust. Lassen sich nicht fassen, sind hochenergetisch und sehr schweißtreibend. Dem Publikum steht der Mund offen. Oder es tanzt. Und es jubelt. Puuuh! Ungdomskulen beweisen hier, dass schlau sein und Spaß haben keine Widersprüche sind. Warum auch?
Da Bergen eine kleine, aber feine Musikszene hat, trifft man auf Konzerten Musiker, die es bereits über die Stadtgrenzen hinausgeschafft haben. An diesem Abend gesichtet: Pål von den in Deutschland derzeit sehr angesagten Anarcho-Poppern Kakkmaddafakka und Omar von den wunderbaren Elekronikwunderkindern Casiokids. Die Bergener Welt ist eben klein.
Und noch eine kleine modische Nachbemerkung sei erlaubt: Das Bergener Indiepopmädel kleidet sich eher bescheiden. Jeans, T-Shirt, Turnschuhe. Nichts vom stylishen Aufgemotze ihrer schwedischen Nachbarinnen zu sehen, aber auch nichts vom frechen und buntvogeligem Auftreten ihrer isländischen Schwestern. Ins finnische Nachtleben würden die Grazien dagegen bestens passen.