Home
Foto nordische Landschaft

03. November 2010

Zwei mal Gylfi Sigurðsson und ein Trommlerpreis

So viele Artikel in deutschen Zeitungen über Island hat es seit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull im Frühjahr nicht mehr gegeben: Seitdem der Reykjaviker Jungspund Gylfi Sigurðsson für den deutschen Bundesligisten 1899 Hoffenheim spielt und trifft, singen die Postillen des Bildungsbürgertums von FAZ bis Süddeutsche Zeitung Loblieder auf den 21-jährigen. Wie es um den Musikgeschmack des neuen Mittelfeldhelden bestellt ist, verraten die Sportreporter indessen nicht. Kaum zu glauben, dass sich Sigurdsson einseitig nur für Bälle interessiert. Wo doch gefühlte drei Viertel seiner Altersgenossen aus der isländischen Hauptstadt in mindestens einer Band spielen!

Was Gylfi Sigurðsson, dem Fußballer, bislang noch fehlt, hat sein wohl gleichaltriger Namensvetter, der hinter den Drums in der putzmunteren Multikulti-Anarcho-Surfpopband Retro Stefson sitzt, bereits geschafft : Musiker-Gylfi hat unlängst den nationalen Tromarinn-Preis für das beste Trommelsolo gewonnen. Warum, erschließt sich unschwer aus dem entscheidenden Video: Wie Gylfi Sigurðsson seine Wohnung zum Klangkörper umgestaltet, vom Plastik-Dinosaurier über Fahrradspeichen, Wasserhahn und Heizkörper bis zur Müsli-Schüssel alles für seine (Trommel)-Zwecke einspannt, macht selbst im grauesten November gute Laune!

14. September 2010

»Fyr laus«: Feuer frei für Rammsund

4. September 2010: Rammsund alias Staal im Rockefeller, Oslo

Rammsund ist Nynorsk* und heißt auf Deutsch Rammstein – der Name ist Programm: Musik von Rammstein mit Texten auf Nynorsk.
Damit erreichen sie, was fast keiner Band in Norwegen gelingt: Das Publikum bewegt sich – vom ersten Lied an! Bei dieser Show ist es geradezu unmöglich stillzustehen: Mit Klassikern wie »Du duftar godt« (du riechst so gut), »Ikkje Lyst« (keine Lust) und »Engel« beginnt die Show und geht genauso temporeich weiter. Bei »Te Quiero Puta!« unterstützen sie zudem Trompeter, die endgültig für Tanzstimmung sorgen.

Die Pyroshow wirkt zwar zum Teil etwas improvisiert – »der Supermarktgrill dort vorne steht auch bei mir aufm Balkon« –, dafür sind die Feuerkanonen und Nebel-Maschinengewehre wirklich beeindruckend. Es wird so heiß, dass ein »Feuerwehrmann« auf die Bühne stürmt und sich beschwert. Diesen begießt die Band unter Jubel der Zuschauer kurzerhand mit »Benzin«, zündet ihn an und führt ihn mit dem Kommentar »For ein Pussy!« (»was für ne Pussy«) ab.

Kompletten Beitrag lesen …

20. Mai 2010

Eläkeläiset im Substage: Fotogalerie online

Die finnischen Rentner alias Eläkeläiset, reisten extra zur Substage-Abschiedsparty nach Karlsruhe. Dieses Mal gab es zwar kein »butt team of Germany«, aber (sehr) feuchtfröhlich wurde der Abend des 14. Mai 2010 trotzdem, seht selbst.

19. Mai 2010

Miss Li oder Minor Majority? Ist das Pärchenmusik?

Der Regen will einfach nicht aufhören, die Heizung läuft, der heiße Tee dampft und die Mails der finnischen und estnischen Freunde über aktuelle Temperaturen von 28 Grad und strahlenden Sonnenschein heben die Laune auch nicht gerade. Das perfekte Wetter, um über abstruse Fragen nachzudenken. Wie zum Beispiel die, warum manche Bands bei ihren Live-Auftritten eine überdurchschnittliche Anzahl an Pärchen anziehen. Das Argument, dass sich zu sanfter Popmusik am besten kuscheln lässt, greift sicherlich zu kurz. Wie ist es denn sonst zu erklären, dass männliche Rauhröhrensänger bei vielen innig Zweisamkeitdemonstrierenden besonders angesagt sind, wie etwa zuletzt bei den einsamen norwegischen Wölfen von Minor Majority? Am goldenen Herzen von Sänger Pål Angelskår allein kann das nicht liegen. Denn die komplizierten Liebesgeschichten, die Minor Majority erzählen, gehen seltenst gut aus. Ein Paradox also?

Noch erstaunlicher war der Jung- und Altliebesvögelchenanteil vergangenes Wochenende beim Konzert von Miss Li in der Frankfurter Brotfabrik. Also nun! Die quirlige Schwedin und ihre famosen Mitstreiter machen nun sicherlich keine brave Händchenhaltemusik. Und Miss Li ist eine ganze Menge, aber sicherlich kein liebes Mädchen, das bewundernd mit großen Augen zu seinem Partner aufblickt. Nein, diese Miss ist ein kleiner Satansbraten, der schwupps! der besten Freundin den Boyfriend ausspannt, weil der sowieso besser zu ihr passt als zur langweiligen Trutschenvertrauten. Und zu Miss Li muss man ausgelassen tanzen bitte, und nicht langweilig aneinanderkleben!

Rätsel über Rätsel. Vielleicht liegt eine mögliche Antwort am Veranstaltungsort Brotfabrik. Vielleicht leben im Frankfurter Norden besonders viele glücklich verpaarte Menschen. Wir wissen es nicht und werden dieses interessante Phänomen weiter verfolgen.

Zu Miss Li bleibt noch zu sagen, dass es immer wieder eine Freude ist, die superlebendige Musikerin mit den Kulleraugen live zu erleben. Und sich darüber zu freuen, dass sie nicht stehenbleibt. Die Schwedin möchte nicht nur die fröhliche Popderwischin sein, sondern viele verschiedene Facetten zeigen. Die schwierigen Seiten nicht ausblenden, wie etwa im Song »I Heard Of A Girl«, in dem es zwar viele Lalala-Gesänge gibt, aber in dem es um den Selbstmord eines jungen Mädchens geht. Auch musikalisch wird die Bandbreite eher noch größer: Bestens unterstützt von ihren spielwütigen Mitstreitern geht die Reise mit wehenden Bannern in Richtung Jazziges, Kabarettiges, geradezu Operettenhaftes. Großäugig-poppig war gestern.

Foto Minor Majority: Benoit Derrier.

15. März 2010

Island, ein Mixtape

Ich muss es gestehen: Ganz, ganz hinten in einer Schublade bewahre ich treu und brav meine alten Kassetten-Mixtapes auf. Vor vielen, vielen Jahren mit viel Liebe zusammengestellt. Da gibt es thematische Mixtapes (jawohl, die reichen von Musik zum Putzen bis hin speziellen Songs für traurige Seelenzustände!) Mixtapes für Freunde und andere wichtige Personen, Mixtapes zum Sommer und Mixtapes nach Jahren geordnet. Mit dem Tod der Kassette starben auch die Mixtapes. Schade! Das war eine Kunstgattung an sich. Viele Stunden damit verbracht, immer wieder nach den perfekten Stücken gesucht, den wunderbarsten, folgerichtigsten Übergängen. Um ein Tape schließlich fertigzustellen und vielleicht sogar zu verschenken und dann mitten in der Nacht mit dem Geistesblitz aufzuwachen: Verdammt, dieser Song hätte an dieser Stelle doch viel, viel besser gepasst!

mixDa es im Internet nichts gibt, was es nicht gibt, stolpert man ab und an dennoch wieder über neuzeitliche Enkel des guten, alten Mixtapes. Die Idee ist offenkundig gut und immer wieder voll des neuen Lebens.

103009

Sehr gefreut habe ich mich über die Entdeckung eines Island-Mixtapes! Da hat sich ein in Polen lebender schottischer Musikfreund doch tatsächlich die Mühe gemacht, in liebevoller Kleinarbeit zusammenzutragen, was an aktueller Musik momentan auf der Atlantikinsel interessant und hörenswert ist. Wer sich zwei Stunden Zeit nehmen mag, entdeckt vielleicht Vertrautes von Ólafur Arnalds bis Amiina, aber auch unerwartet Neues von Pixiegirl  Hafdís Huld bis zu den anarchischen Elektrotanznerds FM Belfast. Reinhören! Selber drüber nachdenken, welches Mixtape man selbst gerade zusammenstellen würde!

(Grafik: Kate)

 
Seite 1 von 1512345678...Letzte »