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Foto nordische Landschaft

01. April 2008

Finalfieber: Dänemark, dein Superstar

 Wie ein sehr erfolgreiches Franchise-Produkt hat sich das Castingfieber seinen Weg durch die Welt gebahnt. Nicht nur in Afghanistan und Deutschland ist derzeit die aufgeblähte Unterhaltungsmaschinerie ächzend unterwegs, auch im ansonst betulichen Dänemark war bis zum Wochenende die Hölle los. Fast 45% aller dänischen Haushalte verfolgte bibbernd und sympathisierend den Weg ihres Favoriten in das Finale.  Das erstmalig so starke Bündnis bestehend aus Öffentlich rechtlichem Fernsehen und dem Boulevardblattkonglomerat beschien der Sendung „X-Factor“ nie da gewesene Quoten und sorgte für den Musikhype der dänischen Historie. Niemand, der sich dieser medialen Allgegenwart für ein paar Wochen entziehen konnte. Selbst die Kurzauftritte der Finalisten sorgte für Verkehrsstau in der Kopenhagener Innenstadt, als vor dem Rathaus 60.000 meist weibliche Fans jubelnd Einzug hielten. Man darf getrost Superlative in Erwägung ziehen, um diesen Wahn zu charakterisieren.

Am Freitag fiel die Entscheidung zwischen dem 15-jährigen Martin („Little Jackson“) mit der sehr speziell knödeligen Stimme und der nicht viel älteren Laura,  die in Dänemark weniger liebevoll als „Schwester von Shrek“ tituliert wird. Anders als in der mit Werbung und Anruf-Aufrufen vollgestopften Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ wird bei „X-Factor“ vor allem wirklich eins: Gesungen. Ganze vier Titel durfte jeder der Kandidaten zum Besten geben – und das in einer Show, die zwar in ihrer Gesamtkonzeption ebenso fraglich ist wie alle Casting-Sendungen, aber erfrischend stringent und skelettiert daherkam. Ohne Werbung, nur durch halbstündige (!) Nachrichtenpausen unterbrochen und dadurch kurzweilig genug, um die halbe Nation zu fesseln.

Wie wohl überall erwiesen sich letztlich die weiblichen und jungen SMS-Votingteilnehmer am aktivsten. Martin gewann überlegen das Finale und darf sich mit seiner Debütsingle wohl ab nächster Woche ganz oben in den dänischen Charts bequem machen. Aber nicht dieser Auftritt gehörte zum Höhepunkt der Sendung, nein, vielmehr die All Stars-Variante der im ersten Casting ohne die erbärmliche Bohlen’sche Rhetorik Aussortierten sorgte für Standing Ovations. Kein Wunder, wenn die arthritische Oma mit dem vollkommen „akzentfrei“ singenden Opa eine Extrarunde drehen darf. Diese 15 Minuten Ruhm und Sternstunde der Selbstironie sollte man sich nicht entgehen lassen, der Rest ist wie ehedem vergessenswert.

22. Dezember 2007

Huuhkaja! Teil 2: Ein Uhu macht Karriere

Kurz vor Weihnachten wird es uns unerwartet friedlich ums Herz und wird uns klar, dass jetzt die Zeit für eine nette Geschichte gekommen ist. Und die geht so: Dass ein riesiger Uhu (huuhkaja in der Landessprache)  im Juni durch einen eindrucksvollen Auftritt im Olympiastadion zu Helsinki den zwischenzeitlichen Abbruch eines Fußball-Länderspiels erzwang, ist noch in bester Erinnerung. Die finnische Nationalmannschaft fasste durch den couragierten Auftritt des im Stadion lebenden Uhus neuen Mut und rang das gegnerische belgische Team schließlich mit 2:0 nieder.  Seitdem ist der Vogel (lateinisch Bubo Bubo) in Finnland ein Held und es gibt nicht wenige einheimische Touristen, die eigens ins Olympiastadion pilgern, um vielleicht einen Blick auf »Bubi« zu erhaschen. Jawohl, der Uhu brauchte natürlich einen Namen. Da er sich bevorzugt auf den Reporterplätzen niederlässt, musste der legendäre Radiokommentator Bror-Erik »Bubi« Wallenius schließlich als Namenspate herhalten.

Jedes Jahr kurz vor Weihnachten küren die Journalisten der in Helsinki tätigen Lokalredaktionen den »Bürger des Jahres« der Hauptstadt. Anno 2007 gab es einen einsam an der Spitze liegenden Gewinner: »Bubi«, den Uhu! Erstmals in der Geschichte dieser Auszeichnung ging Platz eins also an einen Vogel. Klar, schreibt der »Helsingin Sanomat« , die größte Tageszeitung des Landes, klar hätte es auch einige verdienstvolle menschliche Kandidaten gegeben, aber »Bubi« hat sie alle lässig abgehängt. Ein Uhu ist also die Persönlichkeit, über die man in Helsinki in diesem Jahr am meisten gesprochen hat.

Die Auszeichnung ist natürlich mit einem Geschenk verbunden:  Einer signierten Lithografie der Künstlerin Tuula Juuti. Da »Bubi« den Preis schlecht persönlich abholen kann, soll das Werk jetzt im Olympiastadion aufgehängt werden. Viele Fans des Vogels hoffen indessen, dass er seine Flugkünste bald wieder vor einer internationalen Kulisse zeigen wird. Etwa bei den Qualifikationsspielen zur Fussball-Weltmeisterschaft 2010, wenn das deutsche Team kommt. Ballack und »Bubi« etwa gäben ein schönes Bild ab.

08. Juni 2007

Huuhkaja! Wie ein Uhu ein Fußballspiel entscheiden kann

»Huuhkaja! Huuhkaja!« könnte sich zum neuen Favoriten unter den Fangesängenn finnischen Stadien etablieren. Dass die finnische Fußballnationalmannschaft der Männer im Qualifikationsspiel gegen Belgien ihre theoretische Chance gewahrt hat, im kommenden Jahr zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft teilzunehmen, hat das Team  nicht zuletzt dem spekakulären Auftritte eines riesigen Uhus (Huuhkaja in der Landessprache) im Olympiastadion zu Helsinki zu verdanken.

Der imposante Uhu (Flügelspannweite zwei Meter) meinte zur Mitte der ersten Halbzeit, dass das bis dahin torlose finnische Team die Unterstützung der heimischen Fauna dringend nötig hatte. Wíe der Helsingin Sanomat berichtet, flog der im offenkundig im Olympiastadion lebende Nachtvogel mit mächtigem Flügelschlag vom Dach aufs Spielfeld, um sich ein genaues Bild von den Geschehnissen auf dem Rasen zu machen.  Der britische Schiedsrichter Mike Riley unterbrach die Partie. Keiner der Fussballer wagte sich in die Nähe des mächtigen Vogels (lateinisch Bubo Bubo), der es immerhin auf eine Größe von deutlich über einen halben Meter bringt. Eine rote Karte gegen das Tier hätte wohl wenig genutzt. Die belgischen Spieler staunten, die finnischen grinsten, und die 30.000 Zuschauer sangen begeistert einen neuen Song: »Huuhkaja! Huuhkaja«! Der Uhu ließ sich nicht lumpen, kreiste lässig über das Spielfeld und ließ sich theatralisch nacheinander auf beiden Toren nieder, bevor er schließlich in einigem Abstand im Seitenaus verharrte und die Partie weitergehen konnte. Wenig später schoss Johansson für Finnland zum 1:0 ein.

Der Uhu verschwand dann zur zweiten Halbzeit, hatte sich aber als Glücksbringer und wichtigster Mann auf dem Platz bereits in den finnischen Herzen unsterblich gemacht. Die Gastgebeber gewannen mit 2:0. Auf Youtube gibt es wunderbare Amateurvideos mit dem Helden des Abends in der Hauptrolle zu sehen.

Die Fotos haben Markus Jokela und Sami Keros vom Helsingin Sanomat gemacht.

20. Mai 2007

Grey’s Anatomy oder: Frau Patsavas liebt skandinavischen Indiepop

Wenn in Filmen der Abspann läuft, erscheint irgendwann unter ferner liefen der/die Music Supervisor. Das sind die Leute, die die passenden Songs zum Film auswählen. Die etwa dafür verantwortlich sind, dass im britischen Gangsterfilm Layer Cake der Held im Sportwagen zum Treffen mit dem Big Boss fährt und punktgenau The Cults »She Sells Sanctuary« einsetzt. Das lässt einem fast aus dem Kinosessel hochspringen, so gut ist das. Music Supervisor sind die Leute, die ganz zum Ende im ironischen  Seeforscherdrama Die Tiefseetaucher dafür sorgen, dass sich die Crew zu den Klängen von Sigur Ros´ (Foto) »Staralfúr« endlich wieder liebhat. Atemberaubend schön.

Was für ein Leben. Music Supervisor verdienen ihr Geld damit, den lieben langen Tag Musik zu hören und über den perfekten Song für die jeweilige Szene nachzudenken. Sich im Team mit den Drehbuchschreibern und Produzenten darüber abzustimmen, welches die optimale Lösung für den Soundtrack ist. Die Wahl kann und muss sogar manchmal unorthodox ausfallen.

Music Supervisor hinterlassen ihre Spuren auch in Fernsehserien. So ist die Jugendseifenoper O.C. California dafür bekannt, dass ihre Music Supervisorin Alexandra Patsavas ein ausgesprochener Indiepop-Fan ist. Patsavas hat es fertiggebracht, Tiger Lous (Foto) Song »Warmth«  zur besten Sendezeit zu spielen. Allein dafür liege ich ihr schon zu Füßen. Die Dame ist auch Music Supervisor unserer derzeitigen Lieblingsseifenoper Grey´s Anatomy, einem ironischen Dramolett um die erotischen Liebeswirren aufstrebender Assistenzärzte.

Patsavas hat weiterhin ein ausgesprochenes Faible für skandinavischen Pop. Seit in der letzten Folge von Grey´s doch tatsächlich Peter Bjorn and Johns Sommerhit »Young Folks« erklang, ist Bestandsaufnahme angesagt. Eine kleine Recherche erbringt, dass sich diese Music Supervisorin erstaunlich gut auskennt mit Pop aus Schweden, Norwegen und Island. Die Cardigans werden ebenso zur musikalischen Untermalung der melodramatischen Amouren im Krankenhaus gespielt wie die Legends oder die Moonbabies. Schöne, traurige Frauenstimmen stehen ganz weit oben in der Gunst von Patsavas. Emiliana Torrini, Susanne And The Magical Orchestra (Foto)  mit dem wunderbaren Joy-Division-Cover »Love Will Tear Us Apart« und völlig unangefochten an der Spitze: Die norwegische Chanteuse Kate Havnevik , die bislang fast zehn Songs zur Serie beigesteuert hat. Neuerdings hat Patasvas The Whitest Boy Alive und vor allem die Labrador-Labellieblinge Mary Onettes zu Grey´s beigesteuert.

Schau einer an, und wir dachten, die Amerikaner hätten keine Kultur! Nur noch ein kleiner Tipp, Frau Patsavas: Auch in Finnland gibt es wunderbaren Indiepop! Wenn Sie mal eine Anregung brauchen: Mail an mich genügt!

Wer jetzt genau wissen möchte, wie er oder sie am besten Music Supervisor wird, ob man das studieren kann und dazu Tipps von der Expertin selbst bekommen will: Alexandra Patsavas hat inzwischen ihr eigenes Plattenlabel gegründet (!)  und gibt auf ihrer myspace-Seite ausführlich Auskunft über ihre Karriere.

10. Mai 2007

Sonderangebot: Rednex for sale!

 Sie sind Multimillionär und haben ein großes Herz für die kulturellen Machenschaften der Welt. Deswegen unterstützen sie Kulturprojekte, kaufen Hektoliterweise Pils, um den Regenwald zu retten und engagieren sich in der Denkmalspflege, damit greuliche Kriegsdenkmal mit dem unbekannten Soldat in Trudenhausen nicht volends den Geist aufgibt.

Wir unterbreiten Ihnen nun einen weiteren Vorschlag, wie Sie ihr Geld sinnstiftend einbringen können. Kaufen Sie Musik! Kaufen sie nicht nur Musik, sondern gleich die ganzen Rechte der Songs, den kompletten Backkatalog, die Bühnengestaltung, das Outfit, das Marketing, den Projektnamen und die Homepage. Kaufen Sie eine Band (Kleingedrucktes: Und deren Schulden). Kaufen Sie die scheußliche 90er-Jahre-Schundband REDNEX! Verbieten Sie sodann die Aufführung und das Wiederkäuen unsäglicher Klassiker wie »Cotton Eye Joe«, »Spirit Of The Hawk« oder »Wish You Were Here« (okay, hier könnte eine Ausnahmeklausel geltend gemacht werden) und sämtliche gleichklingenden B-Seiten.

Lassen Sie daraufhin alle Verträge ruhen, bis die Band all ihre 379 Cowboyhüte abgenommen hat, die Indianerklamotten ausgezogen hat und bei McDoof am Tresen steht, um endlich mal mit Arbeit ihr Geld zu verdienen. Bewahren Sie so mit unendlichem Gutmenschentum unmündige Kinder und Schlagerfans vor dem Kauf weiterer Nullnummern dieser Ausnahmekapelle. Bewahren Sie die Unmündigen davor, dass sie das Elend per Massenticket auch live mitbekommen. Leisten Sie ihren Beitrag zur musikalischen Qualitätssicherung und klicken Sie hier. Das Team vom Polarblog dankt es Ihnen.

 
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