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Foto nordische Landschaft

07. Mai 2007

Willkommen Eurovision Teil 2

Das Großereignis des Jahres in Helsinki rückt näher, und vorm ersten Abträllern eines Schlagers und vorm ersten »Finland Twelve Points« steht schon ein Gewinner des diesjährigen Eurovision Song Contest fest. Dieser ist kein anderer als unser alter Bekannter Markku from Finland, über den wir schon Anfang des Jahres gebloggt hatten. Wir erinnern uns: Das ist dieser skurile Mensch, der selbstgemachte Videos auf seine myspace-Seite stellt, die dem Rest der Welt finnische Eigenheiten näherbringen soll. Markku hat in den letzten Monaten im Rahmen seines Kreuzzugs in Sachen nationale Eigenwerbung so viele Fans gewonnen, dass er auf dem Videoportal Youtube zu den kleinen Stars gehört. 60.000 Besucher haben sich an den eigenwilligen Machwerken des Mannes aus Tampere erfreut. Das ist in einem kleinen Land wie Finnland selbst den TV-Verantwortlichen nicht verborgen geblieben. 

 Markku macht jetzt also Karriere: Der Fernsehsender SubTV räumt dem Englisch radebrechenden Original in diesen Tagen des Countdowns zum Song Contest eine halbstündige Sendung ein, in der er in gewohnt unbeholfen-charmanter Art die finnische Haupstadt unsicher macht. 

Die größte Tageszeitung des Landes, der Helsingin Sanomat, enthüllt inzwischen genüsslich, dass es Markku gar nicht gibt. Markku ist nämlich eine Kunstfigur, ersonnen von einer Freundestruppe um den Werbefachmann Antti Toivonen, der selbst in die Rolle des Markku schlüpft und sich den charakteristischen Schnauzbart nur aufgeklebt hat. »Wir hätten nie gedacht,  dass die Welt Markku wirklich ernst nehmen könnte, aber genau das ist passiert«, zitiert das Blatt Toivonen. Und eigentlich richten sich die Videos gar nicht an die ausländischen Schlagerfestbesucher, sondern an die Finnen selbst, denen Markku in charakteristischer Weise den Spiegel vor die Nase hält. Denn tatsächlich ist es so, dass Markku ein Jedermann ist, den man an jeder Straßenecke treffen kann. Meint Koivonen. Und der muss es ja wissen.

Da bleibt nur noch zu sagen: Willkommen Eurovision! 

22. März 2007

Das Darmstädter Echo und Boomhauer

BoomhauerIrgendwann ist es für jeden das erste Mal. Auch für das Darmstädter Echo, die bekannte Qualitätszeitung aus der südhessischen Metropole – und die legendären finnischen Garagenrocker Boomhauer.

Da hat das Provinzblatt an einem Freitagabend doch tatsächlich die Kulturkorrespondentin ins 603qm geschickt, um über die Abgründe finnischer Verrückheit zu berichten.

Folgendes hat die Dame erlebt:

Das finnische Trio Boomhauer kommt da äußerst erfrischend daher: Die drei gehen der Frage nach, ob Schlangen Vögel fressen, werfen Anekdoten ein wie Konfetti oder fotografieren das Publikum mit dem Handy. »Die Familie zu Hause glaubt nicht, dass wir internationale Rockstars sind«, erläutert Mikko Lappaleinen diese Beweisaufnahme.

Im Gegensatz zu diesem schwergewichtigen Schlagzeuger kommt sein Instrument auffallend abgespeckt daher. Lediglich drei Trommeln und ein Becken braucht er, um die packende Musik voranzutreiben. Das entspricht ganz dem Weniger-ist-mehr-Prinzip, das die Band überzeugend zum Klingen bringt.

Dazu passt perfekt der hysterische Gesang des Gitarristen Saku Krappala. Das Organ des schmächtigen Kerlchens spricht mehr als es singt, und das in hochtöniger Überzeichnung. Zwischen den meist kurzen Stücken verbreitet er – »Ladies and Gentlemen!« – im Schnellsprechverfahren allerlei Nonsens und amüsiert das Publikum mit Geschichten von der Autobahn oder wie an einem Berg mal Goethe zu ihm sprach.

Doch die Grenze zur Albernheit überschreiten sie nicht. Denn auf der Bühne stehen drei ernst zu nehmende Musiker, die schräge Bluesakkorde mit kantigen Rockbeats mischen, von poppigen Melodien in raue Garagen-Sounds fallen oder eine plänkelnde Gitarre mit einem schnodderig gespielten Bass paaren. Das ist knackige Musik mit Köpfchen. Und am Ende des Konzerts haben sie dann doch noch gelernt, dass es »Darmstadt« heißt und nicht »Darmstein«.

Sehr aufmerkam beobachtet, Darmstädter Echo! Hauptsache, die Sache mit Darmstadt und Darmstein ist klargestellt!

Hinzuzufügen bleibt: Boomhauer-Sänger Saku Krappala ist für seine Verhältnisse an diesem Abend geradezu schüchtern.  Wenn der Mann richtig aufdreht, sieht die Sache anders aus. Hinzuzufügen bleibt: Die Spielfreude, Anarchie, Energie und Rotzfrecheit von Boomhauer gehen im Duell mit dem anfänglich sehr zurückhaltenden Darmstädter Publikum eindeutig als Sieger vom Platz. Faktum bleibt: Ein Boomhauer-Konzert ist immer unwiderstehlich. Auch wenn Herr Krappala mal wieder seine wunderbaren langsamen Songs nicht live spielt.

Nach dem Konzert verrät uns Saku noch, dass wir ihm gratulieren können: Der Mann hat vor kurzem seine Ausbildung in der Fachrichtung Ernährungswissenschaft in Turku abgeschlossen! Ob der Gitarrenwüterich und Meister der abstrusesten Anekdoten nun bald professionell den Kochlöffel schwingen wird, bleibt offen, aber zu Kartoffelbrei und gebratenem Elch wird es allemal reichen.

Außerdem dürften wir uns darauf einstellen, bald Sakus sanfte musikalische Seite kennenzulernen: Das »schmächtige Kerlchen« (nicht ganz korrekt beobachtet, Darmstädter Echo!) arbeitet unter dem Namen Pocket Knife an seiner Solo-Platte, die wohl noch in diesem Jahr beim 22-Pistepirkko-Label Bone Voyage Recordings herauskommen wird. Wir warten gespannt darauf, Saku! Und bitte bald wiederkommen, Jungs!

12. Februar 2007

Islands musikalisches Netzwerk: Plattenläden in Reykjavík

 Hände hoch! Wer kennt mehr als zwei Popbands aus Bonn? Und aus Island? Na eben. Bis auf die Einwohnerzahl von 300.000 Köpfen haben das Nordland und die ehemalige Bundeshauptstadt wohl eher wenig gemeinsam. Woran liegt es also, dass die musikalische Begeisterung in Island um ein vielfaches höher liegt, dass der kreative Output im Verhältnis so exorbitant hoch ist? Das Polarblog hat sich auf die Suche gemacht, mit diversen isländischen Künstlern gesprochen und festgestellt: Die isländische Szene bewegt sich um zwei Fixpunkte – die beiden Plattenladen/Label-Konglomerate 12 Tónar und Smekkleysa.

 Wir schalten den Fernseher ein. Zwar verstehen wir kein Wort, jedoch überrascht der Kulturblock vor dem Wetter aufs Ungewöhnlichste. Wir gucken aus dem Fenster. Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit in einer der 90 Musikschulen des Landes. Wir gehen raus. Kaum eine Veranstaltung kommt ohne Livemusik aus. Was überspitzt klingt und es gewiss auch ein wenig ist, zeigt schnell den hohen Stellenwert, den Musik als Kulturgut in Nachrichten, Erziehung und Freizeit in Island genießt.

Aber anregend ist nicht nur das öffentliche Interesse an Musik, sondern auch die Infrastruktur von Plattenläden und Labels, die schon vor Jahren erkannt haben, dass die Verfilzung zwischen Musikern, Labels und Vertrieb eine sinn- und manchmal sogar gewinnbringende Angelegenheit ist. Das gilt nicht nur, wenn man in musikindustriellen Kategorien denkt, sondern auch, wenn man als Isländer seinen Lebensunterhalt bestreiten will. Zwei Job s gelten als Mindeststandard – denn als Musiker fällt man aus dem Rahmen der staatlichen Förderprogramme, die immer noch diskriminierenden Charakter aufweisen, wie Jóhann Jóhannsson im Interview bedauert. Kaum einer könne ohne Nebenjob sein Leben finanzieren – in Island werde überdurchschnittlich viel gearbeitet. Und Musik ist Luxus. Denn im Gegensatz zu unbesteuerten Büchern werden fast 25% Abschlagssteuer auf Musikproduktionen fällig, was CDs zu einem Luxusgut ersten Ranges erhebt.

Aber nicht nur dort treffen gefühltes Selbstverständnis und Realität kollidierend aufeinander. Kaum als Außenstehender mit verklärenden Blicken zu glauben, dass auf Island nicht zuerst die inländischen Produktionen wertgeschätzt werden. Jóhannsson klärt auf, dass der Fokus immer noch allzu sehr auf ausländischen Bands liegt. Erst durch die Etablierung von Festivals wie dem exzellent besetzten Iceland Airwaves mit eigensinnigem Line-Up zwische n internationalen Großkalibern und isländischen Independent-Künstlern scheint sich so langsam ein Wandel zu ergeben. Dennoch: Im Vergleich zu Deutschland scheint in Island ein solches Problem eher herbeigeredet. Für 5000 verkaufte Alben (16,6 Alben pro 1000 Einwohner) bekam kürzlich Lay Low den Gold-Status verliehen. In Deutschland braucht man derzeit 100.000 Exemplare (1,21 Alben pro 1000 Einwohner)… Birgir von der derzeit inaktiven Formation Maus sieht trotzdem noch Potenziale. Vor allem sei die Radiolandschaft eher karg – und vor allem klassisch ausgerichtet. Ein Ärgernis sind ihm zudem die Monopolisten, die ihre seichte Musik unters Volks bringen, wie er in der Zeitschrift Intro 2001 erzählte: »Die größte Plattenladenkette des Landes beispielsweise, Skífan, hat ein eigenes Label, ein eigenes Studio und besitzt auch noch diverse Radiostationen. Die perfekte Vermarktungskette.«

 Die Plattenläden spielen in Island eine gewichtige Rolle. In sozialer, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht. »Um zu verstehen, wie die Dinge in diesem kleinen Markt hier funktionieren, muss man wissen, dass alle wichtigen Record Stores hier auch Label sind. Das ist eine unzertrennliche Einheit.«, erklärt Benni Hemm Hemm. Seine Meinung zu den großen Ladenketten wie Sena (ehemals Skífan) ist dabei differenzierender. »Die sind der Langzeit-Gigant, die größte Firma – aber auch die schlimmste. Sie bringen die erbärmlichsten Alben raus und behandeln ihre Künstler auch nicht wirklich gut. Aber wie das immer so ist: Natürlich haben sie auch patente Leute, die in einigen ihrer Läden arbeiten, so dass die Auswahl an Alben manchmal gar nicht so schlecht dort ist. Allerdings liegt auch dort der Fokus auf DVDs oder blöden Videospielen – also keine Läden, die man ernsthaft als guten Plattenladen bezeichnen würde. Trotzdem: Ich verkaufe meine meisten Alben in deren Shops.« Kompletten Beitrag lesen …

28. Januar 2007

Willkommen Eurovision!

Sie schaffen es nicht ganz, ihren Stolz zu verbergen, die Finnen: Ganz Europa ist im Mai zu Gast in Helsinki , wenn der Eurovision Song Contest erstmals in Finnland ausgetragen wird. Die Freude ist groß, der Enthusiasmus gewaltig, aber einer ist der König der Vorfreuer: Das ist Markku aus Tampere. Dieser entfernte Verwandte von Aki Kaurismäki ist auf einer Mission: Die Welt in Suomi willkommen zu heißen und weltweit das Verständnis finnischer Kultur zu fördern.

Markku from FinlandDazu scheut der Mann im Mika-Häkkinen-T-Shirt und den kurzen Hosen keine Mühe. Sein Werkzeug: Eine ganz normale Touristen-Videokamera, für einen guten Zweck eingesetzt. Das Ergebnis sind bislang 14 Episoden der von ihm selbst liebevoll-augenzwinkernd inszenierten Doku-Seifenoper »Welcome Eurovision 2007«. Ein Muss für jeden Freund trivial-intelligenter Unterhaltungskunst! Was die finnische Sprache mit dem »Herrn der Ringe« zu tun hat, wohin jeder in der Sauna starrt und es nie zugeben würde, warum Lordi nicht zum gesellschaftlichen Event des Jahres erschienen sind, dem Empfang der Präsidentin zum Unabhängigkeitstag, warum die traditionelle Osterspezialität Mämmi wie Scheiße aussieht – Markku klärt geduldig auf und lässt dabei kein Klischee vom Verhalten seiner Landslsleute aus. Allein sein dick finnisch eingefärbtes Englisch in den Videos ist ein Hochgenuss! Das Gesamtwerk des Mannes aus Tampere ist unter seiner myspace-Seite abrufbar.

Wie wohl den ewigen Verlierern des Schlager-Spektakels der triumphale Sieg der wirklich nicht weltbewegenden Maskenrocker Lordi getan hat, zeigt ein Blick in das Video-Portal youtube. Da hat sich doch einer die Mühe gemacht, unter dem Titel »Finland 12 points« ALLE zwölf-Punkte-Wertungen zusammenzuschnippseln, die während der Abstimmungs-Zeremonie im finnischen Fernsehen übertragen wurden. Zu verfolgen, wie die Kommentatoren immer mehr aus dem Häuschen geraten, ist auch ohne jegliche Kenntnisse der Landessprache ein echtes Erlebnis!

18. Januar 2007

Finnland, fröhlich

Kürzlich in der Straßenbahn. Eine junge Frau fragt nach dem Weg zur Uni. Den erkläre ich ihr freundlich. Sie bedankt sich herzlich und plaudert noch ein bisschen, deutet auf meine Umhängetasche mit dem charakteristischen Blumendesign.

»Coole Tasche, gefällt mir! Wo gibts die denn zu kaufen?«

Ich, erfreut. »Oh, das ist eine Marimekko-Tasche aus Finnland!«

Hinter ihrer Stirn laufen sichtbar die Assoziationsketten ab und dann bricht es aus ihr heraus:

»Finnland! Ach ja! Dunkel, kalt, Winter, besoffene Leute, Kaurismäki!«

Sie war noch nie in Finnland, wie sich auf Nachfrage herausstellt.

Bingo!

Die finnische Tourismusbehörde zieht mit Sicherheit in jedem Jahr, in dem ein neuer Kaurismäki herauskommt, seufzend zehn Prozent vom Umsatz ab. Herr Kaurismäki ist ein großer Künstler, aber er hat Stereotypen von den stets schweigenden Finnen und der urbanen winterlichen Unwirtlichkeit der finnischen Hauptstadt im kollektiven Unbewussten des weltweiten Kinopublikums zementiert.  Keiner bringt es fertig, Helsinki so depremierend aussehen zu lassen wie Kaurismäki. »Muss es denn immer alles so hässlich sein bei ihm?«, fragt selbst meine sonst so moderate Finnischlehrerin Liisa erzürnt.

Das heitere, lebenslustige, farbenflirrende, sommerliche Helsinki – bei Kaurismäki nicht vorhanden. Ebenso wenig wie das erwartungsvoll hüpfende, frühlingshafte Helsinki oder das wuselige, in satte Farben getauchte herbstliche Helsinki. Sicher: Auch die finnische Hauptstadt hat hässliche Ecken wie jede andere Metropole auch. Gebongt. Aber die Mär von den ewig pessimistisch vor sich hinstarrenden Landeskindern können wir doch ein wenig entmystifizieren: Mit fröhlicher finnischer Popmusik, zum Beispiel!

Eine kleine Auswahl für ein Anti-Kaurismäki-Mixtape:

• Paakon von Samae Koskinen

• Houston, Changing Manual von Since November

• Genius On The Run von Laurila

• Draw In The Reins von Cats on Fire

• White Noise von Sister Flo

• Vanha Auto von Maria Gasolina

• Valerie von The Tunes

• Tired Of All The Lovers von  Ultrasport

• Boy In A Glass Box von The Rollstons

• Go! von Daisy

• 20 Fingers 20 Toes von Goodnight Monsters

• Wear Out The Soles von Brightboy

• Candy Candy von I Was A Teenage Satan Worshipper

• Big Ass Love von The Crash

 
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