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Foto nordische Landschaft

13. Dezember 2006

Weihnachtszeit, Downloadzeit

 Der Expressen meldet: Nur noch knapp zwei Wochen bis Weihnachten und kein Schnee in Sicht! Die Wahrscheinlichkeit auf weiße Flocken an Weihnachten südlich des Norrlandes liegt unter 50 Prozent. Das sagt zumindest deren Wetterfrosch Lars Knutsson.

Und auch hier in Deutschland hat die globale Erderwärmung uns im Würgegriff. Das Glühweintrinken bei plus 12° ist eher eine kommunikative Aufgabe, denn Errettung vor dem Kältetod. Die Bratäpfel und gebrannten Mandeln eher Staffage denn Weihnachtsanheizer. Himmelhochjauchzend geht so die glöckchenschwingende und Kunstschnee berieselte Werbung im Fernsehen noch schneller auf den Geist als sonst. Und überhaupt: stimmungsmäßig sind wir noch gefühlte acht Wochen von den Feiertagen entfernt.  Was also dagegen unternehmen?

 Vielleicht hilft ja der Soundtrack zum Leben, der auch für solch verzwickten Situationen das Passende parat hat. Und da geben seit jeher seliger denn nehmen ist, gibt es auf diversen Bandhomepages derzeit Weihnachts-Songs zum kostenlos runterladen. Auf einen Versuch, sich mit gepantschtem Glühwein, acht Paketen Teelichtern und der passenden Musik kollektiv ins weihnachtliche Delirium zu stürzen, sollte man es ankommen lassen, oder?

The Knife waren mit ihrem Album »Silent Shout« die Indie-Elektro-Durchstarter des Jahres. Düstere Beats, morbide Stimmung und doch in stylischem Chic gekleidet. »Christmas Reindeer« macht da keine Ausnahme und überbrückt die Zeit zu den Re-Releases der ersten beiden Alben im Februar.

The Knife – Christmas Reindeer

Gewohnt charmant gibt sich auch Bobby Baby mit ihrer extra-indie Mischung aus Songwriting und elektronischen Sperenzchen.

Bobby Baby – Santa Claus Is Coming To Town 

Und wo ein Bobby Baby ist, ist ein Tiger Baby nicht weit. Die Nachfolgeband zu Polytone formierte sich vor sechs Jahren in Kopenhagen. 2006 erschien ihr zweites Album, was aber nicht in Deutschland veröffentlich wurde. Verhuschte Popmusik. Ihr nettes Giveaway heißt:

Tiger Baby – This Christmas

Wesentlich rockiger kommen da schon die Higher Elevations um die Ecke, die sich 1:1 dem Mando Diao-Prinzip bedienen. Unbändiger Verve, aufrührerischen Hybris, Uh-ah-Melodien und Handclaps. Und selbst stimmlich kann die Band nicht die Nähe zu den schwedischen Erfolgsgaranten verleugnen.

The Higher Elevations – All These Winter Nights

Eine Botschaft zum Fest verschickten auch die gänzlich unbekannten Celestial. 

We think a mixtape could be the greatest gift ever. We also think it’s a great idea to give away a beautiful Christmas song for free. That’s why we today make a song by celestial, called saving up her wishes (for another christmas), available for free download.

Bestimmt war das eine spontane Idee und ein besserer Aufnahmeraum als der hiesige Keller war nun eben nicht vorhanden. Daher klingt der nächste Song auch mehr nach Demo als nach Musik. Aber immerhin kommt er von Herzen – und als .zip-Datei mit winterlich-verschneitem Selbstbastel-Cover.

Celestial – Saving Up Her Wishes (For Another Christmas)

Aber die besten Kandidaten kommen erst noch! 

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10. Dezember 2006

Tollerei im Kollektiv – I’m From Barcelona auf Tour

Ist der Anspruch gering, ist die Stimmung gut. Die Formel von I’m From Barcelona ist gleichsam simpel und wirkungsvoll. Die Popsongs können nicht genug Popsong sein, die Melodien nicht genug Melodie und die gute Laune nicht gut genug. Es ist ein Fest, wenn die Schweden auf Europatour sind!

I’m gonna sing a song with all of my friends / And we’re all from Barcelona / Love is a feeling that we don’t understand / But we’re gonna give it to you / We’ll aim for the stars, we’ll aim for your heart / When the night comes / And we’ll bring you love, you’ll be one of us / When the night comes…

Als ein Hobbyprojekt zum Zeitvertreib von Emanuel Lundgren gestartet (es muss Sommer gewes en sein) wurde inzwischen aus den bis zu 29 Schweden und Schwedinnen so etwas wie das Kintergarten-Kollektiv der schwedischen Musikszene. Eigentlich nur für einen legendären Gig zusammengefunden, geben sie inzwischen europaweit spärlich Konzerte. Kein Wunder, wer bekommt schon vom Arbeitgeber mal einfach so frei – denn mit über zwanzig Freunden zu Touren ist nicht gerade ein lukratives Geschäft, so dass unterm Strich von I´m From Barcelona nicht viel mehr als ein Hobby übrigbleibt.

Dementsprechend waren die etwas schrägen Hippies auch nicht ganz vollständig angetreten – trotzdem konnte sich die Bühne des Gloria-Theaters in Köln nicht über gähnende Leere beschweren. Gleich fünfzehn Gesangsmikrophone, ein Instrumentarium von Tuba bi s Tröte und einundzwanzig in Hippie-Chic gekleidete Schweden. Die meisten trugen Vollbärte oder 70er Jahre Kleidchen mit urigen, viel zu großen Brillen. Ein bunter Haufen, eben mit viel Haar und Humor. Als Anheizer wurden die Seifenblasen-Maschinen auf die höchste Stufe gestellt, das Konfetti eimerweise durch den Raum geschmissen. Dann ging es los mit dem Nonsens-Reigen. Mit »Treehouse“, das gleich für Familienpackungen an »Na-Na-Naas« der geschätzten zehn Backgroundchor-Grüppchen auf der Bühne sorgte.

Obwohl es das einzige Deutschlandkonzert der Tour, waren gerade einmal 150 Leute im samtbehangenen Gloria anwesend. Und es dauerte z wei, drei Songs, bis die Euphorie auf das Publikum übersprang. Spätestens beim eingecoverten »Like A Virgin« bei »Rec & Play« war aus dem Funken eine Glutwelle geworden. Man hatte auch keine Wahl! Tummelte sich doch die Band wenn nicht auf der Bühne auch gerne im Publikum. Schwätzte ein bisschen rum und hielt einem dann selbst das Mikrophon unter die Nase. Kein Problem, wenn da nur ein zaghaftes Mitsummen zu hören war – unter der Masse an Sängern lässt sich ein Einzelner gar nicht mehr lokalisieren. Unter der Chorälen litten vor allem die Musiker, deren Instrumentenklang kaum mehr als Staffage waren.

Instrumente wurden getauscht, Mikrophone gewechselt, Gastmusiker auf die Bühne gehievt, gesprungen, getanzt, gelacht, Luftschlagen gepustet, Luftballons gepritscht und mitgesungen. Für Außenstehende muss es eine skurrile Situation der Entfesselung  gewesen sein – ein Kindergeburtstag für Erwachsene. Fast ausnahmslos wurden alle Songs des Debütalbums gespielt, nur unterbrochen vom neuen Stimmungsmacher »Grizzy Man« (genau so blöd natürllich, wie es der Titel vermuten lässt. Aber das ist ja einem auch die Erwartung schuldig) und »Bält Ros«. Die Erkennungshymne »We´re From Barcelona« geriet zum Siedepunkt einer leider zu kurzen, aber absolut  infantil-liebenswürdigen Vorstellung, die nur von der gleichnamigen Coverversion der»Original I´m From Barcelona-Coverband« im Zugabenblock übertroffen wurde. Als wirklich die Grenzen zwischen Band und Publikum verschwammen und man sich auf einmal selbst in einen emotionalen Glücks-Flash gewickelt und mit Kirmes-Ukulele spielend, tanzend und singend statt vor der Bühne auf ihr wiederfand

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15. November 2006

Generic Interviews

Vor einigen Wochen fiel mir beim alltäglichen Überfliegen der von den Plattenfirmen verschickten Pressemitteilungen erstmals folgende Formulierung auf:

Ab sofort neu im Musik-Promotion-Network: Generic Interview mit …

Dazu muss vielleicht kurz allen Nichtweingeweihten erklärt werden, was das »Musik Promotion Network « ist. Nun, dies ist eine Website des Phono-Nets, die wiederum eine 100%ige Tochter des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft ist, also ein Dachverband der Schallplattenindustrie. Die Website ist ein für Journalisten gedachter, per Paßwort geschützter Web-Informationsdienst, wo alle angeschlossenen (sprich: löhnenden) Plattenfirmen kommende CD-Veröffentlichungen als Sound-Dateien einstellen können.

Das Ding hat Unsummen gekostet – und wenn ich Unsummen sage, dann meine ich Unsummen –, ist umständlich zu bedienen (wer hat vom Phononet etwas wirklich anderes erwartet?) und wird von den Journalisten kaum angenommen, weil:

  • die Klangqualität der Sound-Dateien für eine CD-Besprechung nicht tauglich sind.
  • nur ein kleiner Teil aller erscheinenden CDs dort eingestellt sind
  • zu einer CD gottseidank derzeit noch mehr gehört als nur Real-Sounds, um sie auf sich wirken zu lassen und sie beurteilen zu können

Nun gut – das Musik Promotion Network existiert weiterhin; es wird toleriert, aber weitgehend ignoriert, und die Plattenfirmen verschicken eben doch weiterhin CDs für eine Besprechung – was sie ursprünglich mit der Einführung des MPN nicht mehr tun wollten.

Generic Interviews im Music Promotion Network

Soweit wäre das ganze keinen Blog-Kommentar wert, aber was zum Teufel sind denn nun »Generic Interviews«?

Offensichtlich von den Plattenfirmen angebotene Interviews, die dort als Sound-Files zur Verfügung stehen. Derzeit u.a. Rod Stewart, Oasis, P!nk, Evanescence, Justin Timberlake und einige andere.

Und wozu? Um Radio-Moderatoren die Arbeit zu erleichtern? Um sicherzugehen, dass die Künstler keinen Unsinn in einem unzensierten Interview reden? Um den Journalisten Hintergrund-Infos an die Hand zu geben? Warum dann nicht in schriftlicher Form wie bisher auch?

Ich rätsele weiterhin … 

12. November 2006

Wichtelzauberspielchen für Zwischendurch

 Nicht dass sie denken, uns sind die Finger verfroren und wir können nur noch unter Schmerzen hier mühsam einen Polarblog-Beitrag pro Woche abliefern, weil  wir gleichzeitig uns mit einer heißen Tasse Tee (antifrostige Wintermischung) und dicken Daunendecken von Innen und Außen wärmen müssen. Denn in Skandiavien ist es derzeit gar nicht so kalt, wie man vermuten könnte. Okay, Pudasjarvi, Mittelfinnland: Höchsttemperatur –5°, Schnee. Brrrr. Nicht viel besser: Nordschweden. Dauerfrost mit irgendwas unter Null. Aber sonst wärmen die Ozeane vorbildlich die Küstenregionen auf deutsche Temperaturen.

Nein, wir sitzen hier im Redaktionsbüro und daddeln uns die Finger wund. Schließlich haben wir die wunderbar ideenreich animierten Flash-Spielchen von Jakub Dvorsky wiederentdeckt. Noch einmal die kleinen Wichtel retten, Planeten vorm Kollidieren bewahren und dem bösen Endboss eins Auswischen. Wir vergessen einfach mal, dass der werte Webdesigner aus Tschechien kommt und stellen uns vor: Diese kleinen Zauberwesen hätten genau so gut auf Island oder sonst wo in den verhuschten Schratwäldern Skandinaviens hausen können. Und wer weiß, vielleicht tun sie es ja auch.

Zum Warmwerden (statt Tee) empfehlen wir »Quest For The Rest«, das als Teaser zum 2004er Album vom Kuttenkollektiv The Polyphonic Spree ins Netz gestellt wurde. Danach geht es etwas kniffeliger weiter – mit dem interstellaren Raumquiz »Samorost 1« und der noch besseren Fortsetzung »Samorost 2«. Wer es noch nicht kennt, der bereite sich auf eine gute Stunde Click-Spielereien vor. Wer es kennt, darf das Wasser aufsetzen gehen. Oder schreibt den nächsten Polarblog-Beitrag.

30. Oktober 2006

Von der Unkenntnis der »Deutschen Schallplattenkritik«

Dass der »Preis der Deutschen Schallplattenkritik« von Fachleuten (und Publikum) nicht ernst genommen wird, ist kein Geheimnis. Kein Wunder, denn die zur Abstimmung ausgewählten CDs erscheinen ebenso wie die Begründungen der Jury oft mehr als fragwürdig. Woran das liegt? Nun – man möge einfach mal einen Blick auf das Durchschnittsalter und die Qualifikationen der Jury werfen.

Es fällt auf, dass die dort vertretenen Juroren zum überwiegenden Teil den Zenith ihrer Karriere überschritten und oft den Anschluss an aktuelle Srömungen verpasst haben. Demzufolge wählen sie mit ihrem nicht sonderlich progressiven Musikgeschmack (aus Angst vor Fehlentscheidungen?) vor allem Mainstream-Themen aus, bzw. solche, bei denen man »nichts falsch machen« kann. Kleine Label werden nicht – oder erst ab einer bestimmten Größe – berücksichtigt. Gibt es im Jazz denn nur ECM und ACT als preiswürdige Label?

Diesjähriger Preisträger Geir Lsyne taucht ab

Freilich ist der oft gehörte Vorwurf, die Jury des »Preises der deutschen Schallplattenkritik« stünde bereits mit einem Bein im Grab, etwas böse. Doch: Frisches Blut in diesen Reihen wäre verdammt nötig, wenn sich diese Institution nicht weiter der allgemeinen Verspottung aussetzen will. Denn die Urteilsbegründungen der Juroren weisen erstaunlich wenig Musik-Sachverstand auf und klingen immer ein wenig so, als würde ein minder bemittelter Erwachsener einem Kleinkind etwas erklären wollen. Jüngstes Beispiel: der Begründungstext zur Preisverleihung an die CD »BOAHJENÁSTI – THE NORTH STAR« des Geir Lysne Listening Ensembles.

Dass das Ensemble »Listening Ensemble« heißt, hat ein wenig mit dem Namen des Bandleaders zu tun: Lysne wird wie das englische Listener ausgesprochen. Aber im Grunde ist der Name als Programm zu verstehen, als Aufforderung, sich auf die Klangwelt des norwegischen Bandleaders und Komponisten einzulassen und die Bilder, die sich unweigerlich beim Hören einstellen, zuzulassen. Zum dritten Mal gelingt es dem Ensemble, in dem die kreativsten Musiker Norwegens versammelt sind, seine unkonventionelle Synthese aus Archaischem und Experimentellen auf eine neue Ebene zu bringen. Hierbei spielt der aus Lappland stammende Johan Sara eine nicht unwesentliche Rolle. Er ist Spezialist jener samischen Gesangstechnik, die man Yoik nennt und die man irgendwo zwischen dem Jodeln, dem Obertongesang der Tuva und dem Scat des Jazz ansiedeln könnte. Er genießt es, seine Stimme nicht nur solistisch hören zu lassen, sondern setzt sie wie ein Instrument ein, das sich als zusätzliche Klangfarbe in virtuose Bläserpassagen schmiegt. Außergewöhnlich und virtuos auch der durch seine Musik auf Eisinstrumenten bekannte Terje Isungset, der mit seiner Maultrommel der Soloflöte von Tore Brunborg absolut Gleichwertiges entgegensetzen weiß. Wenn es also stimmt, dass Geir Lysne solche Klänge beim Kinderhüten erdacht hat, dann sollten mehr Männer in diesem kreativitätsfördernden Bereich tätig werden!

Ich erspare mir das Hinweisen auf Ungereimtheiten wie jene, dass der geografische Begriff »Lappland« seit langem als diffamierend betrachtet wird oder dass »Joik« sowohl im Deutschen wie im Samischen mit »J« geschrieben wird und nur im Englischen mit »Y«.

Mir geht es vielmehr darum, dass hier eine im Vergleich zum restlichen CD-Katalog von Geir Lysne eher schwache Aufnahme ausgewählt wurde, die in der Tat vor allem durch das Auftreten Johan Saras gewinnt. Doch warum gewährt man dann nicht Saras ohnehin viel besseren Solo-Aufnahmen einen Preis oder den spannenden »Ice-Recordings« des im Text ebenfalls lobend erwähnten Terje Isungset? Weil – man möge hier gern widersprechen – keiner der Jury-Mitglieder diese Aufnahmen kennt.

Muss man sich da als Musikjournalist nicht schämen, mit der Institution der »Deutschen Schallplattenkritik« auch nur in Verbindung gebracht zu werden?

P.S. Noch immer versuche ich mir vergeblich vorzustellen, wie sich eine »Klangfarbe in Bläserpassagen schmiegt« …

 
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