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Foto nordische Landschaft

23. April 2019

Siesta in Stockholm mit den Bodega Sisters

Erzcool und tiefenrelaxt zugleich: Passt bestens! Die vielköpfige Stockholmer Indiepopband Bodega Sisters hat die Ruhe weg, kann aber trotzdem gehörig Fahrt aufnehmen. Beim Definieren des eigenen Stils beweisen die Schweden einige Kreativität, indem sie mit dem Wortungetüm »Post-Krautrockpopgaze« auftrumpfen. Da muss man erstmal draufkommen, aber dafür trifft es die Sache noch ziemlich genau. Die Bodega Sisters haben kürzlich beim kleinen, aber feinen Bristoler Indielabel Breakfast Records ihre Debüt-EP »SMALL WORSHIPS, OTHER NOISES« herausgebracht, das mit putzmunterer Neo-Hippieseligkeit punktet und frecherweise noch in Disco-Nostalgie schwelgt. Mit Informationen in eigener Sache halten sich die Fünf (oder Sechs?) auffällig zurück. Selbst den Namen des samststimmigen Dandys an den Vocals verraten die Bodega Sisters nicht. Und um die Sache noch geheimnisvoller zu machen, schwören sie tausend heilige Eide, dass sie niemals. niemals Näheres verraten werden. Interessante Strategie in Zeiten des permanenten Selbstmarketings auf allerlei Kanälen. Der Track »Our Disco« ist frühlingshaft-verspielt, aber erfreulicherweise nicht hochglanzpoliert. Die Bodega Sisters sind hier für ihre Verhältnisse ziemlich poppig, aber auf eine liebenswert schluffige Art. Klingt ein bisschen so, als würden sie bei offenen Fenstern durch die heimische Küche steppen und sich danach auf eine ausgedehnte Siesta aufs Sofa fallen lassen. Fein!

06. Oktober 2018

Der Soundtrack fürs gehobene Nachdenken: Henrik Lindstrand auf dem Reeperbahn Festival 2018

Zart dahingetupfte Pianoklänge. Sanfte elektronische Klangspielereien. Und daraus entwickeln sich ganz eigene Geschichten! Henrik Lindstrand, seit 1997 Mitglied der dänischen Indierocker Kashmir, ist seit dem vergangenen Jahr auch als Solokünstler unterwegs. Denn Kashmir pausieren derzeit auf unbestimmte Zeit. Der Pianist, der auch Gitarre und Mellotron spielt, zeigt auf dem Reeperbahn Festival 2018, dass er neben dem gehobenen Indierock noch eine zweite Leidenschaft hat: Die Filmmusik. In der Vergangenheit hat Lindstrand bereits an verschiedenen Soundtracks mitgewirkt, zuletzt beim Thriller »GREYZONE« mit der dänischen Borgen-Schauspielerin Birgitte Hjort Sørensen. Wer neugierig geworden ist: Die Serie ist aktuell in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Im vergangenen Jahr hat der bescheiden auftretende Schwede mit Wohnsitz in Kopenhagen sein Solo-Debütalbum »LEKEN« herausgebracht: Ein feinfühliger, unsentimentaler Rückblick auf seine Kindheit und seine ersten Erfahrungen am Piano. Leken ist der Name des kleinen Waldsees, wo Lindstrand als Kind mit Vorliebe spielte. An diesem Abend im angenehm un-hippen Resonanzraum im Hochbunker an der Feldstraße schafft es der Musiker, dass ihm das Publikum konzentriert zuhört. Lindström, ein Bär von einem Mann, ist unbedingt ein Mensch der leisen Töne, dessen Soundtracks an Martin Kohlstedt und Ólafur Arnalds erinnern. Aber hier kommt noch ein kleiner Schuss Kammerjazz dazu! Und eine Prise romantischer Empfindsamkeit. Kann schon sein, dass an diesem lauten Hamburger Abend Ernsthaftigkeit und Kontemplation das neue Cool sind. Man hätte dem angenehm sympathisch wirkenden Musiker noch lange lauschen mögen. Wer an grauen und verregneten Novembertagen einen Soundtrack fürs gehobene Nachdenken sucht: In »LEKEN« kann man via Soundcloud ausführlich hineinhören. Und Anfang Januar 2019 soll bereits das zweite Album erscheinen. Bitte bald wiederkommen, Herr Lindstrand!

(Foto: Robin Skjoldborg)

04. Oktober 2018

Die Gedanken sind frei! Hugar auf dem Reeperbahn Festival 2018

Hach, das hätte so schön sein können mit diesen atmosphärischen Kammerpop zwischen Ambient, Elektronik und Neoklassik in der stimmungsvollen St. Pauli Kirche auf dem Reeperbahn Festival 2018. Wenn die beiden Jungspunde des isländischen Projektes Hugar nicht bei ihren Zwischenansagen penetrant darum gebeten hätten, man möge doch bitte seine Instagram-Stories teilen. Liebe Jungs, wir wollen doch diesen wundervoll nachdenklichen Tönen lauschen und bewusst die Augen schließen, um kurzzeitig in schönere Welten abzutauchen. Handys in die Luft recken passt nicht so recht dazu. Aber vielleicht wird man heute nur mit Instagram Stories berühmt? Sei´s drum. Die Gedanken sind frei.

Denn diese ungelenke Werbung in eigener Sache passt nicht so recht zu Bergur Þórisson und Pétur Jónsson alias Hugar, die ihr selbst betiteltes Debütalbum bereits im Jahr 2014 vorgelegt haben und seitdem in typisch isländischer Weise an verschiedenen Projekten mitgewirkt haben. Dass Bergur beim preisgekrönten Soundtracks von »Broadchurch« seines berühmten Landsmanns Ólafur Arnalds aktiv war, glaubt man unbenommen. Hugar bedeutet übrigens in der deutschen Übersetzung Gedanken, was bestens passt: Zu diesen ruhigen, schwebenden Klängen kann man seine Gedanken bestens schweifen lassen und in die Kirche passen diese Sounds mit Piano- und Streicherfokus ganz wundervoll. Dass die großen isländischen Landsleute von Sigur Rós als Einfluss nicht fern sind, das ist geschenkt. Denn Hugar pflegen diese fast schon typisch isländischen Sounds zwischen Tag und Traum ganz vorzüglich, auch wenn sie das Rad nicht unbedingt neu erfinden. Einen größeren Meilenstein haben die Zwei mit oder ohne Instagram Stories bereits geschafft: Sie haben kürzlich einen Plattenvetrag mit dem Major Label Sony Music Masterworks unterschrieben und werden demnächst ausgiebig quer durch Europa touren. Als Gastsänger für ihren neuen Track »Waves« konnten sie keinen Geringeren als Árnor Dan gewinnen, den Sänger von Agent Fresco. Und der hat beim »Broadchurch«-Titelsong mitgewirkt. Die Wege auf Island sind eben kurz!

(Foto: Inga & Lilja Birgisdóttir)

28. September 2018

Her mit den jungen finnischen Wilden! Reeperbahn Festival 2018

So richtig aufregende neue Indierock-Bands aus Finnland? In den vergangenen Jahren kam nicht sehr viel. Umso erfreulicher, sich beim Reeperbahn Festival 2018 mal so richtig von Newcomern aus Suomi begeistern zu lassen: Hineingedrängt ins Gewühle im neuen (?) Club namens Thomas Read, der eigentlich einen irische Trinkhalle ist. Und dort halten die Jungspunde aus Helsinki namens “>The Holy (Foto: Tero Ahonen) mit höchstem Stimmen- und Körpereinsatz den guten alten Stadion-Indierock hoch, und das peinlichkeitsfrei! Große Gefühle, griffige Refrains und jede Menge Leidenschaft haben diese vier Herren und Basserin Laura im Köcher. Und zwei Schlagzeuge, was der ganzen Sache noch mehr Dringlichkeit verleiht. Die Gitarren klingen durchaus melodisch, aber stechen wie die Wespen!

Mit Eetu Henrik Iivari besitzen The Holy einen Sänger mit beachtlicher Bühnepräsenz – die überstrapazierte Vokabel charismatischer Frontmann wäre hier fehl am Platze. Diese Jungspunde brennen voller spätpubertärer Energie, jeder Menge Teenage Angst und noch viel mehr Euphorie. Das Publikum an der Reeperbahn haben The Holy binnen Minutenfrist auf ihrer Seite. Voll ist es! Was angesichts einer Konkurrenz von mindestens zehn oder mehr Bands, die etwa zeitgleich spielen, ganz schön beachtlich ist. Sind hier nach all den Jahren endlich die würdigen Nachfolger der großartigen Landsleute Joensuu 1685 gefunden? Durchaus möglich!

NEØV sind zwar ganz genau genommen keine echten Newcomer, aber sie waren in den letzten Jahren wohl auf der grünen Weide und sind in Ruhe erwachsen geworden. Oder so ähnlich. Die Band um die Brüder Anssi und Samuli Neuvonen wirkt bei ihrem Gig in einem der Keller im Club-Haus am Spielbudenplatz frisch und voller Spielfreude. Und wenn Musiker so schön pfeifen können wie diese Jungs, dann haben sie mich sowieso sofort auf ihrer Seite! Die Jungs aus dem mittelfinnischen Seengebiet wirken trotz des mittlerweile erschienen dritten Albums immer noch erfreulich jung, naiv und begeisterungsfähig. Und durchaus stadionpoppig! Sie schwelgen, sie schmachten und leiden ein wenig am Leben und an der Liebe. Aber nicht zu sehr, gottseidank. Sind peinlichkeisfrei romantisch. Positiv fallen hier die abwechslungsreichen Arrangements auf. Vor allem die Bläsereinsätze gefallen. Sollten hier endlich die legitimen Nachfolger der wundervollen Delay Trees gefunden sein? Durchaus möglich!

28. August 2018

Das Mädchen mit der Sommerdepression: Girl In Red

»Ich bin 19 Jahre alt. Ich sitze in meinem Zimmer und schreibe Songs«. So lakonisch und gleichzeitig poetisch kann man das eigene künstlerische Schaffen auch beschreiben! Wer auch mitten im August in den eigenen vier Wänden sitzt, der darf auch eine kleine Sommerdepression pflegen und das eigene Leben in Frage stellen. Was man mit 19 mitunter tut. Bei der Stubenhockerin handelt es sich um die junge norwegische Singer-Songwriterin Marie Ulven, die sich als Musikerin Girl In Red nennt. Klingt jedenfalls lebensfroher als Girl In Grey!

Die Nachwuchskraft überzeugt mit einem selbstbewussten Lo-fi-Ansatz und zelebriert eine eigenwillige Form der Mädchenmusik. Nichts da rosa, eher angedüstert, aber nicht zu sehr. Von den norwegischen Sommerfestivals wird glaubhaft berichtet, dass das U-18 Publikum die Lyrics zu ihrem Song »Summer Depression« textsicher mitsingt. Das Thema Teenage Angst wird hier jedenfalls ironisch behandelt. Mit einem kleinen Augenzwinkern. »Summer depression comes every year. I just want to disappear«. Sehr schön gereimt! Dass Miss Ulven ein großer Smiths-Fan ist, darf nicht wirklich verwundern. »I love happy melodies and miserable lyrics«: Wenn das die Dinge nicht auf den Punkt bringt! Das Mädchen in Rot kann aber auch anders: Gehörig Fahrt aufnehmen, wie im schlunzigen »I Wanna Be Your Girlfriend«, wo sie die Angebete eher beleidigt denn anschwärmt. I wanna be your bitch, sonst nichts! Aber da die Sonne noch warm scheint, widmen wir uns doch lieber der Sommerdepression und zeigen dem August den Stinkefinger!

 
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