Home
Foto nordische Landschaft

13. Mai 2012

Das Feuerwerk ist schuld: Satellite Stories

Einfach übermütig sein, loslegen und Spaß haben: Um nichts anderes geht es den Power-Indiepoppern Satellite Stories, die bei ihrem ersten Frankfurter Auftritt im schlunzigen Ponyhof daherkommen wie ein kleines Rudel unruhiger Jagdhunde, kurz bevor sie von der Leine gelassen werden. Alltagsabenteuer wollen sie erzählen, mit einem Glitzern in den Augen und dezidiert britischen, bissigen Gitarren. Eleanor hat hier ihre Stiefelchen schon angezogen und jammt nach Herzenslust. Dass die großen Brüder The Wombats, Franz Ferdinand und Arctic Monkeys hier nie allzu ferne sind, tut nichts zur Sache, denn diese vier Jungs aus der nordfinnischen Provinzstadt Oulu machen das Einsatz und Begeisterungsfähigkeit mehr als wett. Es geht hier ureigentlich ums Jungsein. Und ums Lebendigsein.

Auch wenn die noch nicht ganz ausgewachsenen wirkenden Vier bisweilen ungelenk daherkommen, so wirkt das unausgesprochen charmant. Die Sache mit den Zwischenansagen müssen sie unbedingt noch üben. Oder dass man den hübschen Mädchen in der ersten Reihe auch mal zulächeln kann. Aber diese Jungs können bereits jetzt schon schön garstig sein, sich über die Schicki-Micki-Kunstszene in Helsinki lustig machen, oder über ungeahnte Gefahren, die auf Kids in der U-Bahn lauern. Das kommt alles frisch daher, gar nicht verkopft, sondern sehr präzise auf den Punkt gegart, und hey! man kann so schön mitsingen, wenn diese vier Jungs, die nicht ganz vorne standen, als der liebe Gott die männliche Schönheit verteilte, einfach so nach Mexiko ausbüxen wollen. Oder eben alles auf das Feuerwerk schieben wollen, wenn die Chose gegen die Wand fährt. Ach, dann holen wir uns eben eine kalte Dusche und schütteln uns so heftig wie Jagdhunde, dass die Tropfen nur so spritzen. Und flitzen weiter, nach Hundeart grinsend.

Aber ach, hinter all dieser unbekümmerten Nonchalance verbirgt sich dann doch wieder die infame finnische männliche Schüchternheit. Die Mädchen in der ersten und auch die in der zweiten und dritten Reihe fordern eine Zugabe. Laut und lange. Die Herren Satellite Stories aber verkriechen sich wie die Kaninchen im Bau und tauchten an diesem Abend auch nicht wieder auf. Schade!

06. Mai 2012

Kings Of Black Metal 2012: Endlich neue Bands auf der Bühne

Tatort: … zu idyllisch für True Black Metal?
Tatverdächtige: True Black Metaller
Tatzeit: Tagesfüllend
Tat-Zeugen: 99,9 % Black (Metaller)

Zum zweiten Mal findet das Kings Of Black Metal-Festival am 21. April 2012 im (zu) beschaulichen oberhessischen Alsfeld statt – man munkelt Watain (genauer: die Reinigungskosten nach deren letzten Auftritt) sind schuld daran, dass die Halle in Gießen fürs KOBM nicht länger zur Verfügung steht.

Wie der gut gefüllte Parkplatz und die Nebenstraßen beweisen, reis(t)en Fans aus Frankreich, Italien (Freunde/Fans von Forgotten Tomb?), sogar aus Wien oder von Sylt an, um die Kings Of Black Metal zu sehen –  nicht nur für mich ein Festival, auf dem ich einige Bands zum ERSTEN MAL live sehe.

Sehr klischeehaft ist das zu 99,9% komplett schwarz angezogene Publikum; ich zähle hier exakt zwei rote T-Shirts und zwei grau-weiß-schwarze Armeehosen.

Die Essener (Mor Dagor) habe ich verpasst, Glorior Belli aus Frankreich sind solala – und dann muss ich dringend was essen. Von den Italienern (Forgotten Tomb) sehe ich nur noch das letzte Lied, klingt ganz ordentlich.

Die dänischen Angantyr finde ich ziemlich gut (noch nie live gesehen), die norwegischen Bömbers (Immortals Abbath kopiert Motörheads Lemmy) sind eine echte Spaßkapelle, ihre Landsleute Tsjuder gut, die finnischen Impaled Nazarene gewohnt brachial, Dark Funeral sind okay – ich stecke nicht tief genug drin, um beim Live-Auftritt einen großen Unterschied zum ehemaligen Line-Up zu erkennen … ich Banause.

Kompletten Beitrag lesen …

01. Mai 2012

Herr Heine und Frau Hansdóttir

Eigentlich sollten viel mehr Konzerte nachmittags stattfinden. Denkt man sich, Kirschstreuselkuchen mampfend und an einem Glas Weißweinschorle nippend. Und reckt das Gesicht in die Frühlingssonne. »Open Air Bühne am Hafenbecken« nennt sich die Location großartig, dabei sind es die nur acht Quadratmeter auf der Außentreppe des Hafen2 in Offenbach, wo sich sonst immer die Raucher tummeln. Guðrið Hansdóttir macht sich in diesen letzten Apriltagen nichts aus Äußerlichkeiten. Einfühlsam unterstützt von ihrem Gitarristen, wagt sich die Sängerin von den Faröer Inseln daran, ihre warmen, wolkenverhangenen Gegenwelten zu entwerfen, in denen sich Folk, Pop und harsche Windstöße die Hände reichen. Bewusst zurückgenommen, mit souveräner Ruhe erzählt die Sängerin kleine Geschichten, in denen der Himmel immer grau ist, aber die Dinge alles andere als melancholisch oder hoffnungslos sind. Da ist Feuer untern Eis!

Überkandidelte, hektische Alternativgören in teuren Einzelstück-Eso-Klamöttchen rennen vor der Bühne um die Wette, stolz verfolgt von ihren spätgebärenden Müttern und schwitzenden Vätern. Ältere Paare aus dem Viertel halten bei ihrem Nachmittags-Spaziergang überrascht inne und bleiben ein, zwei Songs lang stehen. Klingt doch ganz gut, was es hier umonst und draußen gibt! Selbst die verbissenen Zwangsradler mit ihrem Overkill an teuren Bike-Outfits auf ihrer 200-Kilometer-Tour entlang des Mains legen einen Stopp ein und hören zu. Irgendwann verändert sich ihre Gesichtsfarbe von Purpurrot zu Altrosa.

Frau Hansdóttir lässt sich ihrerseits inspirieren. Vom deutschen Poeten Heinrich Heine, dessen Gedichte sie gleich mehrfach als Grundlage eigener Songs verwendet hat. Aufmüpfig, empfindsam und klug. Da steht sie nun, in ihrem kurzen Blumenkleidchen, und singt Songs vom Ertrinken faröischer Fischer, und im Hintergrund plätschert harmlos der Main und recken sich die neuen und alten Frankfurter Bankentürme in den Himmel. Frau Hánsdottir erzählt die einfachen Geschichten, die alles andere als harmlos sind, von Schatten, von Nebel, von Ungewissheiten. Sie covert The Cure und es geht natürlich um immerwährende Liebe, ironisch natürlich, aber hier klingt es echt. Und fast wünscht man sich, die Sonne möge endlich hinter Wolken verschwinden.

29. April 2012

Just Another Snake Cult: Herr Schwarzenegger und Herr Bogason

Icelandic Music Export ist weiterhin fleißig um die Verbreitung isländischen Liedguts weltweit bemüht, und beglückt uns in diesen Tagen mit der fünften Auflage von »MADE IN ICELAND«, einer aktuellen Bestandsaufnahme von Populärmusik von der Atlantikinsel. 18 Künstler und Bands also. Einigen schon Bekannteren wie FM Belfast, Sóley oder Retro Stefson. Einigen aufstrebenden Newcomern wie Árstíðir oder Lockerbie. Und einigen hierzulande noch weitgehend unbeschriebenen Blättern wie Just Another Snake Cult oder Samaris. Wer neugierig geworden ist, kann der Compilation auf Soundcloud in Gänze lauschen. Und sich wie immer darüber wundern, wie kreativ die Musiker dieses Landes mit seinen knapp 300.000 Einwohnern sind. Wohlgemerkt: Das entspricht ungefähr der Bevölkerung von Städten wie Mannheim, Bonn oder Münster.

Gefallen unter den Unbekannten hat hier vor allem Just Another Snake Cult, das sich live auf Großgruppengröße aufspreizende Solo-Projekt des Reykjaviker Musikers von Þórir Bogason. Der eben nicht die Elfen-Klischees bedient oder die sphärischen Klänge anschmachtet, sondern sich mit Schmackes der verrückteren Seite des psychedelischen Wundertüten-Pops widmet. Bisweilen herrlich verschwurbelt und verdreht daherkommt. Das klingt bisweilen so, als wollten Mott The Hoople, das Electric Light Orchestra, Cockney Rebel und Brian Wilson gemeinsam kiffen gehen, mit weitem Blick auf die rollenden Wogen des Pazifik. Der Bandname ist stark vom jungen Herrn Schwarzenegger inspiriert und ein wörtliches Zitat aus einem der frühen Conan-Filme. Sagt Herr Bogason. Der sein Soloalbum mit dem schönen Namen »THE DIONYSIAN SEASON« (gefällt!) natürlich, wie es sich gehört, in seinem Wohnzimmer in der isländischen Hauptstadt aufgenommen hat. Seinen Sinn für Skurriles lebt der junge Meister etwa in einer beseelten instrumentalen Ballade namens »Your Orgasms Will Deteriorate« aus. Großes schräges Kino. Chopin klingt weichgespült dagegen!

Auf dem letzten Iceland-Airwaves-Festivak kamen Just Another Snake Cult in Großbesetzung daher und lebten lustvolles Hippietum aus. Neugierig, hingebungsvoll, voller schräger Energie. So wie in ihrem Video zu »I Know She Does«. So soll es sein: Lass uns hotten gehn, Baby!

18. April 2012

Little Talks, plötzlich ganz groß: Of Monsters And Men

Manchmal gibt es sie noch, die Aschenbrödel-Geschichten im strauchelnden Musikgeschäft, und eine davon geht so: Vor anderthalb Jahren stolpert die Polarbloggerin per Zufall beim Iceland Airwaves Festival in Reykjavik in eine Kneipe, weil ein anderer Konzertbeginn sich kurzfristig verschoben hat. Außerdem regnet es. Wie eigentlich dauernd. In einer Ecke eben dieser Kneipe spielt eine putzmuntere Folkpoptruppe vor gerade mal 20 Leuten auf, mit lauter unwiderstehlichen gute-Laune-Stückchen und einigen innigen Americana-Preziosen im Programm. Mit einer Sängerin von ruhiger äußerer und stimmlicher Schönheit und einem Sänger, der aussieht wie ein Metzgergeselle. Of Monsters And Men spielen mit Hingabe, Verve und, hm, großen Gefühlen. Foppen sich ständig gegenseitig und lassen das Publikum an ihrer spielerischen Leichtigkeit teilhaben. Irgendwie wird es einem hier unvermutet ganz warm ums Herz, und man ertappt sich bei einem breiten Lächeln. Schön, unverhofft auf diese Nachwuchsband gestoßen zu sein!

Vor einem halben Jahr freut sich die Polarbloggerin beim Airwaves-Festival darauf, Of Monsters And Men nochmals im kleinen Rahmen zu erleben. Und wundert sich: All die Off-Venue-Konzerte der Band in der Jugendherberge oder im Café sind so knallevoll, dass an ein Hereinkommen nicht zu denken ist. »Was ist denn hier passiert?«, denkt man sich erstaunt. Und findet heraus, dass die Band inzwischen den wichtigsten Nachwuchswettbewerb der Atlantik-Insel gewonnen hat und das scheinbar ein ganzes Land die Großgruppe mit den karierten Hemden ins Herz geschlossen hat. Auf dem Konzert am Abend, im zweitgrößten Saal des neuen Konzerthauses Harpa am Hafen, ist es ebenfalls knallevoll. Punks und Tussen gleichermaßen singen den größten Teil de Songs strahlend und textgenau mit. »Holla!«, denkt man.

Gestern ist die Polarbloggerin auf der schönen deutschen Autobahn unterwegs und zu faul, nach dem Verkehrsfunk gleich eine der zahlreichen CDs einzulegen. Und das ist gut so. Denn nach dem Verkehrsfunk kommt im staatlichen Dudelsender, der hier den Namen SWR3 trägt, folgende professionell muntere Ansage: »Als nächstes hören Sie den aktuellen Hit von Of Monsters And Men, nämlich Little Talks«. Hallo? Was ist denn hier passiert? Denkt man sich mit heruntergeklappter Kinnlade. Die kleinen Isländer zur besten Sendezeit, gleich nach den Stau auf der A5? Und freut sich sehr und singt die nächsten vier Minuten lauthals mit, ebenso wie die Reykjaviker im vergangenen Oktober. Der Song ist tatsächlich ein unverschämt unwiderstehliches Stückchen Folkpop. Und das schicke neue Video zum Song sieht so aus, als sei Aschenbrödel mittlerweile im Ballkleid unterwegs.

 
Seite 1 von 9112345678...Letzte »