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Foto nordische Landschaft

09. November 2016

Falling a little bit out of love mit dem Iceland Airwaves 2016

Der Verkehr oben an der Hallgrímskirkja in Reykjkavík morgens um neun: Vor lauter Urlaubsbussen kommt man kaum über die Straße. Das Gedränge auf der einzigen ernsthaften Einkaufs- und Vergnügungsmeile des Landes, dem Laugavegur: Wenn die chinesischen Touristen ihrem Guide mit dem Fähnchen folgen, wird es arg eng. Die Zahl neuer Hotels und Hostels, die seit dem vergangenen Jahr entstanden sind: Man verliert langsam den Überblick. Von den Baustellen für Hotel-Neubauten ganz zu schweigen. Die Bierpreise: Sind seit dem letzten Festival nochmals so stark gestiegen, dass es an Unverschämtheit grenzt. Island wird von seinem Erfolg als Urlaubsziel derzeit überrollt. Vor allem die Engländer scheinen die Insulaner nach der legendären Niederlage im diesjährigen Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft als neues Lieblingsvölkchen im Norden adoptiert zu haben. Halb Liverpool und Manchester wälzt sich durch die sehr überschaubare Innenstadt von Reykjavík. Souvenirläden und überteuerte Design-Geschäfte säumen die Straßen. Wo sind die improvisierten Lädchen geblieben, die es früher mal gab?

Dieses Gefühl des leichten Unbehagens setzt sich auch auf dem Iceland Airwaves Festival 2016 fort. Trotz Festivalpass nochmal anstehen müssen für viele Konzerte, die etwas exklusiver sind, wie etwa den gemeinsamen Auftritt von Múm und dem Kronos Quartett etc etc? Macht keinen Spaß. Und für das Konzert von Björk nochmal 150 Euro auf den Tisch legen, das mag auch nicht jeder. Plus: Die Idee, wichtige Gigs in den abgelegenen Komplex Vallshöllin zu verlegen, wo man per Bus hingefahren werden muss, die ist schlecht: Denn ein Teil des Charmes beim Iceland Airwaves besteht ja darin, dass man schnell zu Fuß von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort wechseln kann. Hat missfallen!

Bevor ich jetzt den Ruf einer Miesepetra erlange, die sich starrköpfig nach der guten alten Zeit sehnt, bleibt zu betonen: : Natürlich war es wieder großartig auf des Iceland Airwaves Festival und natürlich gab es wieder viele wunderbare Momente und inspirierende Entdeckungen zu machen. Wo sonst würde ich mich nachts um eins angeregt mit dem Pfarrer der örtlichen Adventistengemeinde unterhalten, der sein Gotteshaus neben dem Supermarkt für Kórus geöffnet hat? Unter dem Anführer Pétur Ben, dem wirbeligen Godfather des isländischen Indierock, haben sich hier 30 Musiker aller Stilrichtungen zu einem Chor zusammengeschlossen. Zu den Mitstreitern gehören Kira Kira, Ex-Múm-Sängerin Gyða Valtýsdóttir, María Huld von Amiina und Valgeir Sigurðsson, um nur einige zu nennen. Diesen Kórus in einer Kirche auftreten zu lassen, das ist eine blendende Idee. Spirituell, hingebungsvoll, feierlich, eigenwillig, innig, beseelt und harmonisch: Mit diesen Worten mag man diesen Chor charakterisieren, und elfenhaft dazu. Gesungen werden Kompositionen der Kórus-Mitglieder, plus einige Cover. Wie das klingt, kann ich hier nur unangemessen mit Worten beschreiben: Noch sind keine Sounds in den Tiefen des Netzes zu finden.

Eine weitere aufregende Entdeckung, nachmittags im Nordic House, das wie immer ein exzellentes Off-Venue-Programm auf die Beine stellt: Die grönländischen Indierocker Small Time Giants, die vor 30 Zuhörern so leidenschaftlich aufspielen, als gelte es die Welt. Tut es auch für die Band um Sänger Miki Jensen! In Grönland sind die Vier so populär, dass das Airwaves-Konzert live im Radio übertragen wird. Jensen grüßt seine ehemalige Highschool-Lehrerin aus dem südgrönländischen Örtchen Qaqortoq, die ihm noch dringend von einer Musikerkarriere abgeraten hat. Diese Geschichte könnte nun furchtbar klischeehaft klingen, aber man nimmt dem jungen Musiker jedes Wort davon ab. Die Songs sind pathetisch, aber auf eine wunderbar ehrliche Weise! Der Text von »Heart Beats a Broken Heart« geht in der Tat sehr ans Herz. »Make more room for me in your heart«! Jawohl! Und wer sagt, dass eingängige Refrains uncool sind? An den Song wird man sich erinnern! Die Small Time Giants sind inzwischen nach Kopenhagen gezogen und wollen sich nicht mit ihrem Ruhm in Grönland zufriedengeben. Gut so! Diese Band sollte hier auf Festivals spielen!

15. Juni 2013

Falsett vom Feinsten mit Truls

Üppig ausufernde Sounds sind nicht für alle Tage, aber am Wochenende darf man doch mal dicker auftragen! Sich in melodramatische Klangwelten begeben, die Discokugel gehörig kreisen und sich von einer überkandidelten Falsett-Stimme einfangen lassen. Diese gehört Truls Heggero, ehemals Sänger der famosen Lukestar aus Oslo, der neuerdings unter seinem Vornamen auf Solopfaden unterwegs ist. Sich selbstbewusst aufmacht, der supertollste R´n´B-Popstar seines Landes zu werden. Sagt er. Ein gewisses gesundes Selbstbewusstsein hat noch nie geschadet! Der stets stylish gekleidete Norweger mit dem Gesicht eines Vorstadt-Teddybärs hat keinerlei Problem damit, sich fest zu den melodrama-verliebten Sounds der 80er zu bekennen. Also zu den Zeiten, in denen Gefühle so überdimensioniert daherkamen wie in einer Standard-Folge von »Denver Clan«.

Im neuen Song »Out Of Yourself« schraubt Truls seine Stimme in luftige Höhen, holt die Puderzuckerdose heraus und färbt seine Welt satt sahnefarben ein. Fährt im Hintergrund ganz unauffällig ein ganzes Arsenal elektronischer Tanzanimation-Apparaturen auf, während er im Vordergrund himmlische Harmoniegesänge pflegt. Dazu existiert ein sehr eigentümliches Video, das harmlos genug beginnt und in einem Blutbad endet. Hatte der Regisseur eine Überdosis »GAME OF THRONES«-Folgen intus? Das böse Kind erinnert doch sehr an den sadistischen Prinzen Joffrey. Da heute Samstag ist, kommt hier die nette Soundcloud-Variante. Im Herbst soll das Debütalbum von Truls erscheinen. Live darf der Sänger auch gerne hierzulande vorbeikommen, der Auftritt mit Lukestar in Frankfurt ist zwar ein Weilchen her, blieb aber in bester Erinnerung.

Foto: Jørgen Gomnæs

17. Oktober 2010

I will never love a young boy again: Iceland Airwaves 2010

Ist für die Nicht-Isländerin im Straßenbild von Reykjavik irgendetwas vom Beinahe-Staatsbankrott zu sehen, an dem die Insel vor zwei Jahren knapp vorbeigeschrammt ist? Die Antwort lautet zunächst: nein. Aber in Gesprächen mit völlig gutbürgerlich daherkommenden Isländern blitzt dann doch etwas auf, was nur als ernste Kapitalismuskritik zu interpretieren ist. In der isländischen Nationalgalerie sind eindrucksvolle Fotografien von Pétur Thomsen ausgestellt, die den Bau eines riesigen Staudamms im Osten Islands künstlerisch dokumentieren. Thomsen interpretiert diese massive Zerstörung der bislang unberührten Landschaft in Fotos voller archaischer Kraft, die nachdrücklicher wirken als jedes Protestplakat. Der Staudamm wurde nur gebaut, um die Stromversorgung eines gigantischen Aluminiumwerkes zu sichern, das der US-Konzern Alcoa auf Island errichtet. Die gepflegte Dame, die in der Nationalgalerie die Besucher empfängt, spricht auf Nachfrage der Polarbloggerin den Namen Alcoa so aus wie ein schlimmes Schimpfwort. Berichtet vom Widerstand der Bevölkerung gegen das Mammutprojekt und von der Beschränktheit der Politiker, die es genehmigten. Von diesen ist heute keiner mehr im Amt. »Diese Politiker sehen aus heutiger Sicht sehr dumm aus, wenn man sich daran erinnert, wie sie zur Grundsteinlegung mit den Alcoa-Leuten Händchen gehalten haben« , sagt die Dame trocken, ummissverständlich wütend. Über den Protest gegen die Zerstörung hat der isländische Autor Andri Snaer Magnason übrigens einen Film gedreht, der in Deutschland leider noch nicht zu sehen war.

Aber zurück zur Musik! Im Nordic House spielen drei junge Damen aus Island, Dänemark und Schweden mit Gitarre, Kontrabass und Banjo und kommen charmanterweise daher wie eine Mischung aus Mary-Ellen Walton und den Puppini Sisters: My Bubba & Mi. Sehr mädchenhaft, aber gleichwohl selbstbewusst erzählen sie, dass Singen beim Geschirrspülen in der WG in Kopenhagen die Initialzündung zur Gründung des Trios war. My Bubba & Mi schaffen eine altmodische, ernsthafte, nostalgische, aber niemals langweilige Stimmung. Wunderbare, fragile Harmoniegesänge und eine feministische Unabhängigkeitserklärung, die so gar nicht kämpferisch daherkommt: »I will never love a young boy again« singen sie mit herzerweichender Tapferkeit. Wir glauben es ihnen beinahe.

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26. Mai 2008

Musik auf der virtuellen Skandinavienmesse

Screenshot Skandinavienmesse

Was es nicht alles gibt: Nun muss man sich nicht mehr persönlich auf eine Messe begeben, sondern kann das virtuell am heimischen PC tun.

Am Anfang dachte ich an einen Scherz, als mir Thorsten Blum sein Projekt zeigte (das witzigerweise am 1. April an den Onlinestart ging), aber schon bald war ich von der Idee und der professionellen Umsetzung überzeugt. Unter www.skandinavienmesse.de findet man die erste virtuelle (und ganzjährig geöffnete!) Messe zum Thema Skandinavien.

Als Aussteller sind hauptsächlich Reiseveranstalter, Händler im Bereich Bauen und Wohnen, Design und Mode, Jobs, Wirtschaft und Finanzen vertreten. Aber auch die Musik ist repräsentiert, zum einen durch Christian Pliefkes kleines, aber feines Label »Nordic Notes «, zum anderen durch unseren Stand der Nordischen Musik.

Die Aussteller haben die Möglichkeit, ihren Stand in geringem Maß selbst zu gestalten: Man kann Zeitschriftenständer und Informationstafeln bestücken und positionieren, oder man kann zwischen verschiedenen Standeinrichtungen und Standbetreuern wählen. Die Animationen beim Wechsel der Hallen sind nett anzusehen, doch die Simulation des dreidimensionalen Raums hat am Stand selbst ein Ende.

Nichtsdestotrotz überzeugt die Grafik und das Konzept des Projekts, an dem auch Peter Marx (ehemals Nordis-Herausgeber und Veranstalter der »realen« Skandinavienmesse in Essen) beteiligt ist – und an dessen Quellcode mitzuarbeiten Polarpixel die Ehre hatte.

Man muss sehen, wie sich das Projekt langfristig entwickelt, da  sich die Zahl der Aussteller noch in Grenzen hält. Und natürlich kann eine virtuelle Messe niemals eine echte ersetzen, wo es ja vor allem gerade um persönliche Kontakte und ein individuelles Kennenlernen geht.

Doch es ist sicher sinnvoll, eine themenbezogene Präsentationsplattform zu schaffen, die sich in Optik und Feeling von all den anderen Portalen deutlich unterscheidet. Übrigens: Thorsten Blum hat bereits weitere virtuelle Messen eröffnet (oder arbeitet noch daran) – zu den Themen Aquaristik, Einrichtung, Garten, Reise, Sport, Pferde und Wellness …

06. Februar 2008

Radiohören im Februar (2008)

Schon mitbekommen? Es ist das Internationale Polarjahr ausgebrochen. Zum vierten Mal bereits. Und so werden etwas unlinear vom März 2008 bis zum März 2009 gut 50.000 Wissenschaftler aus 60 Ländern sich den beiden Polen widmen – und dem, was ihnen möglicherweise an klimatischen Veränderungen bevorstehen.

Anlass und Ansporn auch für Deutschlandradio Kultur sowie den Deutschlandfunk diesem Projekt flankierend zur Seite zu stehen. Einen ersten guten Über- und Einblick gibt die ‚Lange Nacht’ mit dem Titel „Die Magie der Kristalle“, wo es von Geschichtlichem zu Gegenwärtigem geht und sich einstige Entdecker und heutige Forscher für drei Stunden die Hände reichen (DRK, 9.2., ab 00.05 Uhr; DLF, 9.2., ab 23.05 Uhr).

Im Rahmen dieses Schwerpunkte locken unter anderem folgende Sendungen: „Das Leben der Sami – das Klima verändert Lebens- und Arbeitsweisen“ (DLF, 8.2., 9.10 Uhr), „Kirchentreue und Schamanismus – Das religiöse Leben auf Grönland“ (DLF, 12.2., 9.35 Uhr; Teil II.: 14.2., 9.35 Uhr) oder  „Zweite Heimat Arktis – der Dokumentarfilmer Andreas Stopp im Gespräch“ (DLF, 17.2., 11.30 Uhr).

Musikalisch sind folgende Angebote zu genießen: Karin Rehnqvists Komposition „Puksanger – Lockrop“ (DLF, 8.2., 3.00 Uhr), gefolgt von einer Stunde mit dem Norske Store Orkester (11.2., 21.05 Uhr in der Reihe Jazz Live). „Elfen, Trolle, Beats und Bytes“ verspricht einen Ausflug in die aktuelle isländische Musikszene (DLF, 16.2., 15.05 Uhr), während als absoluter Höhepunkt des Monats die Produktion „Steam and Ström“ gelten dürfte: eine Soundcollage aus Stockholm, bei der sich unter anderem Radio- und Wasserwellen mit Miles Davis’ Interpretation von ‚Dear Old Stockholm’ vergnügen (DRK, 29.2., 00.05 Uhr).

 
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