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Foto nordische Landschaft

24. Mai 2010

Fallulah: Wir sind dann mal oben auf dem Dach

Wenn man alle Erdenschwere hinter sich lassen will, dann empfiehlt es sich, aufs Dach zu klettern und einen weiten Blick über Stadt und Land zu werfen. Das Dach ist ein Ort des Freiraums. Der neuen Blickwinkel. Und dann sind sie dort oben über den Dächern von Kopenhagen, die 24jährige dänische Sängerin Fallulah alias Maria Apteri und ihre musikalischen Mitstreiter. Mit Banjo und Violine und jeder Menge verhaltener Traurigkeit. Diese Dämmerung wird sich endlos hinziehen, und wir werden noch lange lange hier oben bleiben und unsere Balkan-inspirierte Melancholien zelebrieren. Und lächelnd registrieren, dass die Sirenen der Polizeiautos sich wie selbstverständlich an den Song »Use It For Good« anschmiegen.

Fallulah – Use It For Good – Live from Jasper Spanning on Vimeo.

Die Perspektive vom Dach ist nur einer der Blickwinkel, den die dänische Sängerin mit Wurzeln in Rumänien einnimmt. Tanzen und übermütig und schwer zu greifen sein kann sie auch. Mit »THE BLACK CAT NEIGHBOURHOOD« hat sie jetzt ein Debütalbum vorgelegt, das auf eigentümliche Weise Eigensinn und Tanzbarkeit vereint. Da oben auf dem Dach ist nicht der schlechteste Ort.

05. Mai 2010

The Blue Van im Stuttgarter Schocken: Rocken bis die die Orgel in Trümmern liegt


Die dänischen The Blue Van dürften einigen dank der Apple iPAD-Werbung bekannt sein: In dieser erklingt ihr Song »There Goes My Love« vom aktuellen Album »MAN UP«. Dennoch findet das Konzert am 27. März 2010 nur im kleinen Club Schocken in Stuttgart statt – und der Eintrittspreis ist mit fünf Euro äußerst human.

Um 21 Uhr stolpert also der bunte Haufen Retrorocker um Sänger/Gitarrist Steffen Westmark auf die Bühne – und präsentiert seine Herkunft musikalisch: Mit dem Opener »Product of DK« vom 2005er Album »THE ART OF ROLLING«. Das verdächtig nach »Ü30-Party«-Besuchern aussehende Publikum scheint der Band zu unmotiviert, also brüllt Stefan ins Mikro: »Come on, it’s Saturday Night – we’re not on a funeral!«

Entweder zeigt die Ansprache Wirkung, oder der näxte (Titel)Song »Man Up«. Die Menge fängt an zu tanzen und hüpfen – und die Band macht es den Zuschauern leicht bis zum Ende mitzufeiern. Die CD groovt schon ordentlich, doch ist das kein Vergleich zu einer Liveshow The Blue Vans: Laut und wild geht es zu, Bassist Allan Villadsen springt mehrmals auf die Orgel Søren Oakes Christensens.

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15. April 2010

Dänemark, immer merkwürdiger: Mimas

Fast scheint es so, als wollten dänische Bands zu ihren finnischen Kollegen aufschließen, was Schrulligkeit und Eigenwilligkeit angeht. Waren Speaker Bite Me, Under Byen oder Oh No Ono bereits Musiker, die sich bestens unter die Kategorie »merkwürdige Töne« einordnen ließen, dann sind Mimas würdige Kandidaten, um sich in diese Reihe einzuordnen. Das Quartett spielt, um es ganz grob einzugrenzen, experimentellen Indierock mit Anleihen beim Postrock, was das lustvolle Ausufern angeht.

Wild, unvorhersehbar, ernsthaft, (selbst)ironisch und stellenweise von naiver Feierlichkeit. Die Stimme von Sänger Snævar Njáll Albertsson erinnert bisweilen an Jónsi von Sigur Rós, ist aber viel erdiger, diesseitiger und dem Elfentum zutiefst abgeneigt. Das Quartett ist offen für alle Seitenpfade, die so einladend und geheimnisvoll vom breiten Weg abzweigen: Denen müssen wir folgen! Mit schrägen Harmoniegesängen, hektisch irrlichternden Gitarren und seelenvollen Trompeten, wenn nötig. Manchmal traurig, manchmal wütend, immer eigensinnig.

Mimas sind irgenwie Charakterköpfe. Basser Gert Hoberg Jorgensen sieht aus wie der gigantische kleine Bruder von Wayne Rooney, und wenn er nicht einen so dezidiert ruhigen Eindruck machte, dann würde man sich wohl fürchten, den Mann zu nächtlicher Stunde in einer Seitenstraße zu treffen. Mimas war übrigens laut Wikipedia ein griechischer Riese, also passt die Statur von Jorgensen doch bestens zum Bandnamen.

Mimas sind Spaßvögel, die sich selbst nicht zu ernstnehmen. Bei Konzerten tragen sie alberne Hoodies mit dem Emblem eines gebrochenen Herzens und traurigen Blutstropfen, die sich theatralisch über die ganze Vorderseite ergießen. In Farben, die ihnen so garnicht stehen. Sind ungehemmt albern und zu Scherzen aufgelegt, über die sie selbst am meisten grinsen müssen. Beim Konzert letztens im wunderbaren Hafen2 in Offenbach erzählten sie jede Menge peinliche Dinge wie die von den ersten Platten, die sie gekauft haben (ich sage nur: Münchner Freiheit!) und stellen so abseitige Fragen wie die, ob Spinnen Ohren haben. Bringen das Kunststück fertig, dass das Publikum ihnen aufmerksam zuhört und trotzdem ständig mit ihnen lacht.

Den Kauf des neuen Albums »THE WORRIES« beim rothaarigen Schlagzeuger und bekennenden Fussballfan Lasse Dahl nach dem Konzert nicht bereut. Nein, gar nicht! Leidenschaftlich, unvorhersehbar, gleichzeitig zartfühlend. Anrührend, seelenvoll,  in all seiner Verschrobenheit. Mimas würden über dieses Verdikt vielleicht erstmal laut loslachen, aber hinterher, wenn keiner zusieht, dann hoffentlich doch zustimmend nicken.

08. April 2010

Paganfest im Stuttgarter LKA: Finntroll auf dem »Blodmarsch«

paganfest01
Anfang März soll der dritte Wintereinbruch der Saison 2009/2010 wohl auf Finntroll, die Headliner aus dem kalten Norden, einstimmen. Doch erstmal frieren sich einige Leute am 6. März 2010 in Stuttgart den Arsch ab, da der Einlass verspätet begann; und weil es im LKA (immer noch) keinen Extra-Durchgang für Presse gibt, steh ich mittendrin. Zur »Auflockerung« trötet ein hartgesottener Viking Metal-Fan penetrant in ein getuntes Trinkhorn – und nach einer knapp halbstündigen Beschallung mittels jenem Trinkhorn, kann ich in diversen Augen den Wunsch lesen, selbiges dem Besitzer rektal einzuführen.

Irgendwann bin ich drin – und erreiche gerade noch rechtzeitig zum Ende des dritten Lieds der Dänen Svartsot (Ersatz für Equilibrium) den Fotograben. Die halbstündige Spielzeit (minus zweieinhalb Lieder) hinterlässt allerdings keinen bleibenden Eindruck.

Arkona dagegen schon. Die russische Band klingt eine ganze Ecke härter als auf ihrer MySpace-Seite: Das dort stellenweise liebliche Trällern der Fronterin Masha »Scream« Arhipova hat sich in heiseres Keifen verwandelt. Die Sängerin fegt wie ein Derwisch über die Bühne und trifft nebenbei noch Töne in sämtlichen Stimmlagen; Respekt. Fans der Band feiern die Klassiker (»Ot Serdtsa K Nebu«) der Folk/Pagan Metaler ebenso ab, wie Stücke des aktuellen 2009er Albums »GOI, RODE, GOI!«.

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27. März 2010

Der Schritt vom Weg: Alcoholic Faith Mission

Sie könnten auch anders. Wenn sie wollten. Aber sie wollen ganz bewusst nicht: Harmonisch klingen und falsche Hoffnungen verbreiten. Engelsgleiche Töne von sich geben und vorgeben, dass die Welt ein besserer Ort sei. Nein, nicht mit uns!

Von Alcoholic Faith Mission aus Dänemark geht die Geschichte um, dass sie ihre Musik grundsätzlich nur nachts aufnehmen. Passt. afi2Zu ihrer unbequemen Weltsicht, ihrem trotzigen Beharren darauf, dass die kleinen, versteckten Lichter abseits der Allee der leicht zugänglichen Schönheit intensiver strahlen. Es geht hier um bewusste Schrulligkeit. Um kultivierte Schrägheit. Um den unbequemen Weg quer durch das Dickicht, wo der Hauptweg doch so schön asphaltiert ist und überall Papierkörbe und Ruhebänke stehen. Nein, nicht mit uns!

Es regnet unangnehm an diesem Abend in Offenbach. Regen, der wie kalte Spaghetti in den Kragen kriecht. Im immer wunderbaren Hafen2 gibt es zum Trost tschechisches Bier und ein köstliches Kokos-Cookie geschenkt dazu, wie nett! Auf der Bühne Alcoholic Faith Mission, die mit ihrer jüngsten Veröffentlichung »LET THIS BE THE LAST NIGHT WE CARE« so überzeugten, dass sie unser Album des Monats März auf »Nordische Musik« wurden, obwohl die Konkurrenz hochkarätig war, um so viel zu verraten.

Die emotionale Dichtheit des Albums, diese verquere Mischung aus Verletztheit und Euphorie, diese ungewöhnliche Mélange aus Naivität afm3und Weltverdruss, aus Verspieltheit und Ernsthaftigkeit, wie ist es um die live bestellt? Lässt sich das unter veränderten äußeren Bedingungen reproduzieren? Die einfache Antwort, schon nach zwei Songs im ordentlich besuchten Konzert: Es funktioniert bruchlos, ohne Streuverluste. Alcoholic Faith Mission sind live so eigenwillig wie auf Platte. Äußerst angenehm uneitel und bescheiden, fast vergessene Tugenden.

Man denkt: Island! Und man denkt natürlich: Kanada! Traumtänzerei, schmerzhafte Schönheit, bewusstes Querulantentum. Die üblichen verdächtigen Namen brauchen jetzt nicht zu fallen, denn sie dienen höchstens als Zitatgeber. Alcoholic Faith Mission sind auf ihrem eigenen, eigensinnigen Weg zur Schönheit unterwegs, auch wenn er nicht jedermanns und -fraus Vorstellungen entsprechen mag. Mit Gitarren, mit Posaunen und Glockenspielen und der sanften Banshee-Stimme von afi1Sängerin Kristine Permild, an der man sich zögernd wärmen mag,  inmitten all dieser windumtosten Unsicherheiten. Wir gehen den krummen Weg, musikalisch, mit euphorisierender Hingabe. Und gewalttätiger Zärtlichkeit.

Was besonders für die Dänen einnimmt an diesem Abend ist ihre offensichtliche Freude am Zusammenspiel. Hier drängt sich keiner in den Vordergrund, hier gibt es keine Diven und übergroßen Egos, hier geht es um das gemeinsame Gelingen. Und wenn ein Song dann mit hymnischer Hingabe so klappt wie beim Soundcheck am Nachmittag, dann geht ein großes Lächeln durch die ungelenken Gestalt Thorben Seierø Jensen an der Gitarre. Das große Lächeln irrlichtert zurück über das Gesicht der Polarbloggerin, als die Band tatsächlich ihre beiden Lieblingssongs »Put The Virus In You« und »Sobriety Up And Left« nacheinander spielt. Ach!

Fast zum Schluss klettert die gesamte Band geschlossen von der Bühne, mischt sich unters Publikum und bildet einen Halbkreis aus Stimmen, Glockenspiel und Rassel. Singt mit unerwartet harmonischem Wohlklang einen Herzschmerz-Song von bestechender Einfachheit. Der Schlagzeuger entpuppt sich als unwiderstehlicher Schönsänger. Fast hält man den Atem an.

Die Offenbacher wollen die Kopenhagener an diesem Abend kaum von der Bühne lassen, zu deren hingerissenem Erstaunen. Noch eine Zugabe, und dann ist Schluss. Den gemeinen Regen können wir jetzt besser ertragen, nachdem wir Alcoholic Faith Mission gehört haben.

(Fotos: Martin Kurt Haglund, Miriam Dalsgaard)

 
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