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Foto nordische Landschaft

25. Januar 2012

Dänische Romantiker, norwegische Feierbiester: Eurosonic 2012

Über aktuelle Rollenmodelle für Männer konnte man bei der 2012er-Ausgabe des Eurosonic-Festivals in Groningen nachsinnen. Da sind erstmal die feinsinnigen, intelligenten, nerdigen und latent romantischen Exemplare, die stolz zu ihrer Ungelenkeit stehen, wenn sie nicht tanzen können. So wie Nikolaj Manuel Vonsild, der Sänger der dänischen Elektronik-Popster When Saints Go Machine, der mit strähnigen Haaren und permanent nach oben gezogenen Schultern ein Bild trotzigen Schlaumenschentums und stolzer Schüchternheit abgibt. Dessen Zwei-Euro-Stück-große blaue Augen aber strahlen wie Supernovas, wenn er mit feiner Falsettstimme in melodramatisch tanzbaren Elektro-Frickelwelten auf Gralssuche geht sich dabei auf tausend interessanten Nebenpfaden verliert. Das ist verschachtelt und elegant und von von angenehmer Euphorie. Und wie schön, dass die Vier ganz zum Schluss ihre feinsinnige Neo-Disco-Hymne »Add Ends« spielen, die mit experimentellen Spielereien ausklingt. Und schade, dass sie ihr folkig inspiriertes Sahnestückchen »Konkyklie« außen vor lassen!

When Saints Go Machine – Kelly from Cosy Corners on Vimeo.

Und dann sind da die gutmenschigen, moralisch aufrechten Träumer und somit Enkel von Simon and Garfunkel. So wie Jesper Lidang, der Sänger der dänischen Newcomer The Rumour Said Fire, der mit seinen drei bestens aufgelegten Mitstreitern im kuscheligen Retro-Club de Spieghel ein sehr fein handgemachtes Set spielt, über dem der gute Geist der folkigen Protestbewegung der 60er liegt. Diese vier sind bewusst bescheiden, gehen sehr respektvoll mit sich und ihren Songs um und brechen immer unerwartet in schmelzende Schöngesänge aus, dass die Byrds neidisch werden können. Die Dänen schaffen eine Atmosphäre konzentrierter Schönheit und sehr sachte flatternder Leichtigkeit, die mit beiden Füßen fest im Pop steht. Sind schüchtern. Denken übers Männersein nach, wie kann es anders sein, wenn ihre erste EP den schönen Titel »THE LIFE AND DEATH OF A MALE BODY« trägt. Überwältigen an diesem Abend mit sanfter, nachhaltiger Überzeugungskraft. Das sagt man doch sonst immer Frauen nach. ;)

Passion from The Rumour Said Fire on Vimeo.

Einem völlig anderen Männerbild, nämlich dem des lärmigen Feierbiestes, hängen die norwegischen Anarchos und Trainingsanzug-Mit-Drei-Streifen-Fans Hurra Torpedo an, die eine Vorliebe für die Zerstörung romantischen Liedgutes haben. In ihrer respektlosen Hommage an Bonnie Tylers unvergessenen Herzschmerz-Hit »Total Eclypse OF The Heart« hauen die drei im dazugehörigen Video mit viel Gusto eine ganze Kücheneinrichtung zu Klump. Musste wohl sein! Ansonsten nimmt sich die Spaßtruppe selbst nicht sonderlich ernst, sondern geht diabolisch grinsend auf Zerstörungszug durch etablierte Musikstile von Disco bis Death Metal. Wenn sie nicht bei Hurra Torpedo aktiv sind, toben sich die Bandmitglieder in Formationen wie The Cumshots oder Thulsa Doom aus. Das macht Laune, für eine Weile, diese Dekonstruktion zu verfolgen. »The world´s leading kitchen appliance rock group« nennen sich diese ganz entfernten Cousins von Kaizers Orchestra. Wenn das kein ironischer Bruch mit etablierten Männerbildern ist! Haut das Bügeleisen entzwei, Jungs!

Hurra Torpedo – Totat eclipse of the hart from hajo804 on Vimeo.

20. Januar 2012

Der Abend der Schlagzeugerinnen: Eurosonic 2012

Groningen Mitte Januar ist immer ein Abenteuer gewesen. Zumindest die letzten Jahre. Entweder so gefährlich glatt und fiesekalt, das man sich nur in Trippelschritten voranbewegen konnte, oder so platzregnerisch, dass kein Regenschirm mehr half und nasse Strümpfe in durchweichten Schuhen den Normalzustand darstellten. Aber dieses Jahr: Sonne! Milde Temperaturen! Oh! In Groningen gibt es kurz nach Neujahr immer einen ersten Ausblick auf das (pop)musikalische Geschehen des neuen Jahres. Viel versprechende junge Bands stellen sich vor, und man zehrt von der Mär, dass Franz Ferdinand vor vielen Jahren das Eurosonic-Festival als Plattform nutzten, um zum Höhenflug anzusetzen. Die Musikbranche leckt im traditionellen Konferenzteil ihre Wunden und hofft inständig auf das Erscheinen der Killer Application, die alle Probleme auf magische Weise lösen wird. Ansonsten ist man weiterhin ratlos und redet viel in Ermangelung besserer Ideen.

Das Schöne am Eurosonic ist, dass man in der Groninger Innenstadt problemlos mit dem Fahrrad zwischen den verschiedenen Veranstaltungsorten wechseln kann. Aber aufpasssen, nicht aus Versehen in die Gracht fallen! Der erste Abend ist ein Abend der Überraschungen. Ein Abend, an dem es nach fünf Jahren (oder so) ein Wiedersehen mit den von mir sehr geliebten norwegischen Elektronikrockpiraten 120 Days gibt, die nach langem Schweigen und vielen Nebenprojekten in diesem Jahr endlich ihr zweites Album herausbringen. Es gibt zu sehr später Stunde einen sehr lässig-druckvolles Gig mit der vielleicht mächtigsten Reggae-Kapelle der Welt, nämlich Hjálmar aus Island. Es gibt die putzigen Coldplay-Gutmensch-Epigonen Ewert And The Two Dragons aus Estland. Es gibt aber auch Entdeckungen zu machen. Famose Schlagzeugerinnen. Die beiden mir bislang unbekannten Bands, die an diesem Abend bleibenden Eindruck hinterlassen, haben beide aufregende Frauen am Schlagwerk.

Fangen wir doch an mit den sehr leidenschaftlichen Thulebasen aus Dänemark an, die anspruchsvollen, vertrackten, tanzbaren Experimental-Elektronik-Rock spielen, unter tätigem Einsatz von Synthiegewittern und viel, viel Eigenwilligkeit und Mut zum psychedelischen Davontreibenlassen unter mitunter gewalttätigen Gefühlsausbrüchen. Das Trio ist an diesem Abend souverän spielfreudig, und es ist eine Freude, der strahlend-intensiven Drummerin Felia Gram-Hanssen bei der Arbeit zuzusehen.

Raga Gemini by Thulebasen from Anna Maria Helgadottir on Vimeo.

Die dänischen Landsleute Pinkunoizu sind eine dieser glitzernden Großgruppen, die wirbeln und Sternenstaub aufwirbeln. Mit einem dicken Augenwinkern und einer lächelnden Verbeugung vor dem großäugigen psychedelischen Pop der Spätsechziger unter putzigstem Synthie-Einsatz. Und einer rauchzarten Lagerfeuer-Stimmung von Indie-Folk im Gepäck. Sehr sophisticated das, bei allem betonten Understatement. Wir träumen unbedingt in Cinemascope und sind die ungestüm-begabten Außenseiter, die immer als letzte ins Völkerballteam gewählt werden. Auch hier ist eine Schlagzeugerin aktiv, die den Jungs selbstbewusst und animiert den Ton vorgibt. Und das scheinbar Zrückgenommene entwickelt eine unwiderstehliche Sogwirkung und eine ansteckende Fröhlichkeit. Muss man tanzen dazu!

Parabolic Delusions (Official) from Pinkunoizu on Vimeo.

01. Januar 2012

Die besten skandinavischen Gigs 2011

Wie jedes Jahr kommen wir bei Nordische Musik mit unseren besten Alben des Jahres nicht zu zeitnah zu Potte. Na und? Muss jeder seine Liste schon am 1. Dezember fertig ausformuliert haben? Pfui Blödsinn! Also sinne ich eben am ersten Tag des neuen Jahres über die besten skandinavischen Gigs von 2011 nach, lächle, sortiere, wäge ab und entscheide frei nach dem feinen Ratschlag der Berliner Bloggerkollegin Dörte Heilewelt, dass es genau die Konzerte sein werden, die sich so anfühlen, als seien sie gestern gewesen.

10. Raised Among Wolves beim Iceland Airwaves Festival, Reykjavik. Es gibt sie trotz aller Stereotypen, die Liebe auf den ersten Blick. Eine Handvoll junger Dänen, in Wo-Die-Wilden-Kerle-Wohnen-Kostüme gehüllt, die ihre eigene, sehr liebevolle Variante des Alice-Im-Wunderland-Pop spielen. Romantisch, hingebungsvoll, euphorisch, großäugig, geradezu feierlich. Mit der triumphierenden Trompete von Daniel Bonde. Hach, das könnte etwas werden!

9. Magenta Skycode beim Flow Festival in Helsinki. Die Band um Mastermind und Sänger Jori Sjöroos liebt das gepflegte Pathos und die große Geste. Funktioniert das am hellichten Nachmittag auf der Hauptbühne? Und wie! Große Herzschmerz-Hymnen brauchen keine nächtliche Schwärze, um zu glitzern wie dick aufgetragener Sternenstaub. Außerdem ist es großartig, die finnischen Freunde fast allesamt rundum versammelt zu haben und sich gemeinsam zu freuen. Man genießt und lächelt und fragt sich, wann Resteuropa endlich von dieser großartigen Band Notiz nehmen wird.

Magenta Skycode – Kipling music video from Flatlight Films on Vimeo.

8. Minä Ja Ville Ahonen auf dem Flow Festival in Helsinki. Das schrullige Debütalbum der merkwürdigen Finnen hatte sich unauffällig in mein Herz geschlichen wie eine Katze auf Mäusepirsch. Um so gespannter darauf, die Band endlich einmal live zu erleben und holla! Was für eine leidenschaftliche Orchestrierung großer Gefühle. Als stiller Waldschrat anfangen, als ausflippender Derwisch enden. Man schüttelte sich nach dem Konzert wie ein pitschnasser Hund und fragte sich: Was war das denn? Gut so!

Minä ja Ville Ahonen: Sano from samuli laine on Vimeo.

7. Team Me beim Reeperbahnfestival in Hamburg. Einfach wunderbar, wie diese Großgrupppe hochtalentierter norwegischer Jungspunde ein kreatives, sehr tanzbares Chaos aus sämtlichen Versatzstückchen der Popgeschichte veranstaltet! Euphorisierend und überraschend, blubbernd und steppend, fröhlich und übermütig. Sängerin Synne hüpft über die Bühne wie eine Hummel, die in ein Honigglas eingesperrt wurde. Unwiderstehlich! Im Januar kommt ihr Debütalbum »TO THE TREETOPS!« in Deutschland heraus, schon ein Grund, sich aufs neue Jahr zu freuen!

Team Me “Dear Sister” official music video from Propeller Recordings on Vimeo.

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10. Dezember 2011

Und die Nominierten sind: Nordic Music Prize 2011

Der Nikolaus war eben erst da, aber die Rangeleien um die besten Alben des Jahres 2011 sind schon in vollem Gange. Klar, dass sich auch die skandinavischen Länder ganz offiziell in den Diskussion einmischen. Anlässlich des By:Larm-Festivals im Februar 2012 wird bereits zum zweiten Mal der Nordic Music Prize verliehen. Im vergangenen Jahr hat Jónsis famoses Soloalbum »GO« verdient den Preis abgeräumt. Man könnnte diese Wahl als Hinweis darauf deuten, dass es wohl eher die arrivierten Künstler sein werden, die in Oslo den Lorberr erringen.

Auch bei der 2011er-Ausgabe des Nordic Music Prize dominieren die bekannten Namen – und die Frauen: Zu den elf Künstlern, die es in die Endauswahl geschafft haben, gehören gleich vier Damen: Björk mit ihrem Multimedia-Werk »BIOPHILIA«, Lykke Li, die trotzige Freundin der Traurigkeit, mit »WOUNDED RHYMES«, die wunderbar tiefgründige Ane Brun mit »IT ALL STARTS WITH ONE« und die eigenwillige schwedische Chanteuse Anna Järvinen mit »ANNA SJÄLV TREDJE«.

Lilla Anna-Anna Järvinen from Jenny Palen on Vimeo.

Zu den Kandidaten, denen ich definitiv nicht die Daumen drücke, gehören die dänischen Neo-Punker Iceage mit ihrem Debütwerk »NEW BRIGADE«, die sich kürzlich mit einem extrem lustlosen und schlampig dahingerotzten Konzert im Offenbacher Hafen2 nachhaltig als ernstzumehmende Musiker disqualifziert haben. Dass eine junge Band aus dem Punk-Umfeld mit gerade einer Platte im Gepäck kein zweistündiges Gig geben würden, war klar. Geschenkt. Aber dass bei ihrem Auftritt mit Mühe die 20-Minuten-Grenze erreicht wurde, grenzt an Unverschämtheit. Nur nach inständigem Bitten eines jungen Amerikaners, der extra aus Dortmund (!) in die hessische Provinz gereist war, um die Dänen zu sehen, bequemten sich die arroganten Rotzlöffel zu einer mickerigen Zugabe, um sich dann aus dem Staub zu machen. Selbst der stets freundkliche Tresenmann im Hafen findet diese Attitüde unmöglich. Ganz schlechter Stil!
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19. November 2011

Alle Jahre wieder: Nordische Weihnachten im »Süden« 2011


Lucia-Weihnachtsmarkt, Kulturbrauerei (Berlin) © Foto: Jochen Loch

Wer nordische Weihnachten erleben will, hat auch im Jahr 2011 die Wahl zwischen dem Berliner Lucia-Weihnachtsmarkt und den bereits fest etablierten finnischen Weihnachtsdörfern in Stuttgart, Hannover oder Leipzig. Ferner gibt es diverse mehrtägige nordische Weihnachtsbasare, wie in Frankfurt oder Hamburg.

Lucia Weihnachtsmarkt in Berlin

Alle Jahre wieder… gibt es den Lucia Weihnachtsmarkt in Berlin: 2011 gastiert er von Montag,  21. November bis Sonntag, 22. Dezember in der Kulturbrauerei (Prenzlauer Berg). Das burgartige Bauensemble der Kulturbrauerei mit seinen Höfen ist die malerische Kulisse für diese kleine nordische Weihnachtswelt, die jeden Tag ein kulturelles Programm bietet.

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