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Foto nordische Landschaft

06. Mai 2012

Kings Of Black Metal 2012: Endlich neue Bands auf der Bühne

Tatort: … zu idyllisch für True Black Metal?
Tatverdächtige: True Black Metaller
Tatzeit: Tagesfüllend
Tat-Zeugen: 99,9 % Black (Metaller)

Zum zweiten Mal findet das Kings Of Black Metal-Festival am 21. April 2012 im (zu) beschaulichen oberhessischen Alsfeld statt – man munkelt Watain (genauer: die Reinigungskosten nach deren letzten Auftritt) sind schuld daran, dass die Halle in Gießen fürs KOBM nicht länger zur Verfügung steht.

Wie der gut gefüllte Parkplatz und die Nebenstraßen beweisen, reis(t)en Fans aus Frankreich, Italien (Freunde/Fans von Forgotten Tomb?), sogar aus Wien oder von Sylt an, um die Kings Of Black Metal zu sehen –  nicht nur für mich ein Festival, auf dem ich einige Bands zum ERSTEN MAL live sehe.

Sehr klischeehaft ist das zu 99,9% komplett schwarz angezogene Publikum; ich zähle hier exakt zwei rote T-Shirts und zwei grau-weiß-schwarze Armeehosen.

Die Essener (Mor Dagor) habe ich verpasst, Glorior Belli aus Frankreich sind solala – und dann muss ich dringend was essen. Von den Italienern (Forgotten Tomb) sehe ich nur noch das letzte Lied, klingt ganz ordentlich.

Die dänischen Angantyr finde ich ziemlich gut (noch nie live gesehen), die norwegischen Bömbers (Immortals Abbath kopiert Motörheads Lemmy) sind eine echte Spaßkapelle, ihre Landsleute Tsjuder gut, die finnischen Impaled Nazarene gewohnt brachial, Dark Funeral sind okay – ich stecke nicht tief genug drin, um beim Live-Auftritt einen großen Unterschied zum ehemaligen Line-Up zu erkennen … ich Banause.

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24. März 2012

Satisfaction mit WhoMadeWho

Es ist Zeit, Vorurteile sie zu revidieren: Das legendär stoffelige Frankfurter Publikum ist gar nicht so lustfeindlich, sondern kann auch anders. Dazu bedarf es nur eines neuen In-Clubs und dreier herrlich skuriller und selbstironischer Dänen, und siehe da: Die verstockten Bankstädter tanzen ausgelassen und die Polarbloggerin kriegt eine gewaltige Bierdusche vom Nebenmann ab, der enthemmt und fröhlich vor sich hin jammt. Soll ja eine gute Haarkur sein, der Gerstensaft! Aber nun mal von Anfang an: Der Frankfurter Traditionsklub Sinkkasten musste kürzlich aus finanziellen Gründen die Segel streichen. Dann war erstmal Funkstille, aber nun ist der neue Veranstaltungsort mit dem schönen Namen Zoom aus dem Ei geschlüpft und wartet mit einem durchaus anspruchsvollen Programm auf. Zu schade nur, dass das Zoom zwar die Eierschalen abgeschüttelt hat, aber sich, ach! äußerlich weiter als hässliches Entlein präsentiert. All das erdrückende Schwarz! Dazu unverschämte Preise für ein kleines Bier und zu wenig Klos für einen mittleren Publikumssansturm. Dafür gönnt man sich jetzt aber Türsteher, so dass sich bei Einlass Schlangen bilden. Muss ja toll sein hier, wenn die Leute schon bis um die Ecke für ein Konzert anstehen! Aber heute abend spielen WhoMadeWho!

Nun, genug gekrittelt, denn jetzt spielen erstmal Rangleklods als Vorband, das Projekt um den dänischen Musiker Esben Andersen, der wie viele seiner skandinavische Kollegen inzwischen im großstädtischen Berlin wohnt (warum zieht eigentlich keiner dieser Hipster je nach Darmstadt oder Castrop-Rauxel? Wäre um Längen cooler!) und sich live Verstärkung von der Gitarristin Tikki mitgebracht hat. Die beiden kämpfen an diesem Abend gegen Soundprobleme so wie Don Quijote gegen Windmühlen und zelebrieren eine nicht richtige zündende Mischung aus Elektro-Beats und rauherem Geschrammel, das ganz entfernt an David Bowies superhedonistische 80er-Jahre-Phase erinnert. Aber ach, all dieses Knöpfchengedrehe und Erschaffung künstlichen Soundwelten mit ihrem Geflimmere und Gebliepe, das Herz bleibt kalt, trotz all dieser überkandidelten Töne.

Wie schön, dass die drei selbstironischen und bärtigen Neo-Waldschrate WhoMadeWho, die hochkorrekt im Sixties-Workingclasshero-Style mit Schlägermütze, weißem Hemd und Hosenträgern antreten, zwar auch den elektronischen Tanzbeats frönen, aber in der klassischen Besetzung mit Schlagzeug, Gitarre und Bass für sehr sinnlich-direkte Tanzmusik sorgen. Das Trio strebt zwar nichts anderes an, als die Menge binnen Minuten zum hingebungsvollen Hotten zu bringen. Aber was hier den Unterschied macht, das ist das fein verhüllte Faktum, dass die Dänen sehr schlau sind. Und genau verstanden haben, dass hohe Intelligenz, im Gegensatz zu landläufigen Meinung, extrem sexy ist. Irgendwie denke ich eine geschlagene Stunde während des WhoMadeWho-Gigs immer wieder an die Talking Heads, lächle und beschließe, unbedingt wieder das klassische Album »STOP MAKING SENSE« zu hören. Und zwar bald!

Das Schöne an WhoMadeWho, die kürzlich ihr viertes Album »BRIGHTER« herausgebracht haben, ist ihre unbändige Freude am souveränen Spiel mit möglichst vielen Bällen, von Disco über Wave, Techno und Dancefloor bis zum selbstverliebte Pop. Und dass Sänger Jeppe Kjellberg stets ein anarchisches Glitzern in den Augen hat und den hedonistischen Falsettgesang pflegt, ohne dabei je ansgestrengt zu klingen. Das Trio zieht das Frankfurter Publikum frei nach Edgar Allen Poe hinunter in den Malstrom, in lockende Tiefen. Widerstand unmöglich. Bassist Tomas Hoffding ist der eigentliche Schwerarbeiter hier, dem es mühelos gelingt, den scheinbar ach so plumpen Bass zum Instrument der Leichtigkeit zu machen. Von der feinen Zurückgenommenheit von Schlagzeuger Tomas Barfod ganz zu schweigen, der die Dinge diszipliniert zusammenhält. Das Publikum gibt sich hin, singt die Texte wortgetreu mit und freut sich, dass die Drei ganz zum Schluss Benny Benassis Tanzzstückchen en »Satisfaction« covern. Dem ist nichts hinzuzufügen. Befriedigung! Befriedigung! Glitzer! Glimmer!

Die wunderbaren Fotos hat der befreundete Fotograf Florian Trykowski beim Nürnberger Konzert gemacht.

18. März 2012

Gar nicht Altmodisch!

Dass langweilige deutsche Wörter im Ausland als cool gelten, kann man kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Warum gerade für dänische Bands die Sprache des südlichen Nachbarlandes als Inspiration zur Namensgebung en vogue ist, sollen die Tiefenpsychologen erklären. Die Bühnen-Berserker Kellermensch etwa kommen aus Dänemark. Die Neo-Krautrockder Hypertext dito. Und jetzt eben auch Altmodisch. Das Quintett aus Kopenhagen wandelt hörbar auf den Spuren von Schlau-Indiertronikern wie The Notwist, Lali Puna oder Wheat, aber tut dies auf eine angenehm zurückgenommene und sehr leichtfüßige Art. Eine verhaltene Melancholie haftet den Songs des selbst betitelten Debütalbums an wie Staubflocken den ausgetretenen Altbaudielen. Die ruhigen Fünf zeigen mit sanftem Nachdruck, dass Nachdenklichkeit durchaus tanzbar sein kann. Dynamik entsteht hier auch ohne obermotzige Pferdestärken, so wie im Song »We Look The Same«. Über die Ästhetik des Videos kann man geteilter Meinung sein, denn hier wird es erst richtig konkret, wenn sich die Band selbst nach reichlich zwei Minuten ins Bild traut. So lange hättet ihr doch garnicht warten müssen! Und vor dem Dancefloor müssen die Jungs doch keine Angst haben!

Derzeit werkeln die Dänen an ihrem zweiten Allbum, in dem die elektronischen Spielereien hörbar nach der Übermacht schreien, die Lo-fi-Vocals aber tapfer dagegenhalten. Dar grundlegenden Traumverlorenheit der Songs tut dies ohnehin keinen Abbruch. Nur kommen mitunter auch Trompete und Akkordeon mit ins Spiel. Altmodisch müssen den Gedanken nicht despektierlich finden, aber sie spielen die perfekte Musik für einen Sonntagabend, wenn man die Gedanken schweifen lässt, dies und jenes kramt oder einfach nur entspannt vor sich hin trödelt.

24. Februar 2012

Männer in Bäumen: Let Me Play Your Guitar

Während das 80er-Revival mit seinen selbstverliebten Synthiefanfaren noch in vollem Gange ist, schleichen sich von hinten auf Samtpfoten die späten 60er an. Die der aufrechten Spät-Beatniks und sanftäugigen Pop-Poeten. Die unverdrossen den Traum von einer besseren Welt träumen, unter tätiger Mithilfe von Blockflöten und anderem handwerklich hochwertigem Gerät aus dem Fundus des Schulorchesters. Denken wir an die blutjungen Simon and Garfunkel, denken wir an ganz frühe Crosby Stills Nash & Young, denken wir an bescheidene Byrds, dann beschleicht uns eine Ahnung, was die Kopenhagener Nachwuchskräfte Let Me Play Your Guitar umtreibt. Das Sextett um das Brüderpaar Emil und Jeppe Davidsen pflegt auf sympathisch-bescheidene Weise die handgemachte Qualität im hauchzart angefolkten Singer-Songwriter-Pop und schwelgt in wunderbaren Harmoniegesängen. Wenn die Dänen meinen »I know, I know There Is Hope,« so, wie im Song »Wake Up«, dann wollen wir es fast glauben. Der befindet sich auf der feinen Debüt-EP »DOING RAINBOWS«, die zur Gänze auf Bandcamp zu hören ist. Der Neugier halber vor einigen Tagen hereingehört, und seitdem läuft diese feine Scheibe voller tapferer Melancholie, lebenslustiger Hüpfer und kluger Nachdenkerei immer und immer wieder. Und wird das heimische Quartier zum Ort verschämter Tanzübungen.

Vom Grundgefühl her ist er akustisch, der Sound der Dänen. Denen immer wieder nach übermütigem Pfeifen zumute ist. Man möchte seine grüne Baskenmütze überstülpen und über Kopfsteinpflastergassen hüpfen dazu, unbeschwert. Und bemerkt erst allmählich, dass diese kleine Form ihre großen Momente hat und nahezu symphonisch wird. Die Ukulele puckert frech und das Kinderklavier wird mächtig traktiert. Und plötzlich ist vieles, vielleicht sogar alles möglich. Mit einem übermütigen Lachen. Im wunderbar inspirierten Video zu »Wherever You Go« entern die Sechs einen mächtigen Baum, entledigen sich ihrer Oberbekleidung und spielen Blumenkinder. Im direkten Tanzvergleich mit Kindern und einem bestens aufgelegten weißen Hund ziehen Let Me Play Your Guitar eindeutig den Kürzeren. Macht nichts, funktionieren wir eben das Keyboard zur Rutschbahn um!

25. Januar 2012

Dänische Romantiker, norwegische Feierbiester: Eurosonic 2012

Über aktuelle Rollenmodelle für Männer konnte man bei der 2012er-Ausgabe des Eurosonic-Festivals in Groningen nachsinnen. Da sind erstmal die feinsinnigen, intelligenten, nerdigen und latent romantischen Exemplare, die stolz zu ihrer Ungelenkeit stehen, wenn sie nicht tanzen können. So wie Nikolaj Manuel Vonsild, der Sänger der dänischen Elektronik-Popster When Saints Go Machine, der mit strähnigen Haaren und permanent nach oben gezogenen Schultern ein Bild trotzigen Schlaumenschentums und stolzer Schüchternheit abgibt. Dessen Zwei-Euro-Stück-große blaue Augen aber strahlen wie Supernovas, wenn er mit feiner Falsettstimme in melodramatisch tanzbaren Elektro-Frickelwelten auf Gralssuche geht sich dabei auf tausend interessanten Nebenpfaden verliert. Das ist verschachtelt und elegant und von von angenehmer Euphorie. Und wie schön, dass die Vier ganz zum Schluss ihre feinsinnige Neo-Disco-Hymne »Add Ends« spielen, die mit experimentellen Spielereien ausklingt. Und schade, dass sie ihr folkig inspiriertes Sahnestückchen »Konkyklie« außen vor lassen!

When Saints Go Machine – Kelly from Cosy Corners on Vimeo.

Und dann sind da die gutmenschigen, moralisch aufrechten Träumer und somit Enkel von Simon and Garfunkel. So wie Jesper Lidang, der Sänger der dänischen Newcomer The Rumour Said Fire, der mit seinen drei bestens aufgelegten Mitstreitern im kuscheligen Retro-Club de Spieghel ein sehr fein handgemachtes Set spielt, über dem der gute Geist der folkigen Protestbewegung der 60er liegt. Diese vier sind bewusst bescheiden, gehen sehr respektvoll mit sich und ihren Songs um und brechen immer unerwartet in schmelzende Schöngesänge aus, dass die Byrds neidisch werden können. Die Dänen schaffen eine Atmosphäre konzentrierter Schönheit und sehr sachte flatternder Leichtigkeit, die mit beiden Füßen fest im Pop steht. Sind schüchtern. Denken übers Männersein nach, wie kann es anders sein, wenn ihre erste EP den schönen Titel »THE LIFE AND DEATH OF A MALE BODY« trägt. Überwältigen an diesem Abend mit sanfter, nachhaltiger Überzeugungskraft. Das sagt man doch sonst immer Frauen nach. ;)

Passion from The Rumour Said Fire on Vimeo.

Einem völlig anderen Männerbild, nämlich dem des lärmigen Feierbiestes, hängen die norwegischen Anarchos und Trainingsanzug-Mit-Drei-Streifen-Fans Hurra Torpedo an, die eine Vorliebe für die Zerstörung romantischen Liedgutes haben. In ihrer respektlosen Hommage an Bonnie Tylers unvergessenen Herzschmerz-Hit »Total Eclypse OF The Heart« hauen die drei im dazugehörigen Video mit viel Gusto eine ganze Kücheneinrichtung zu Klump. Musste wohl sein! Ansonsten nimmt sich die Spaßtruppe selbst nicht sonderlich ernst, sondern geht diabolisch grinsend auf Zerstörungszug durch etablierte Musikstile von Disco bis Death Metal. Wenn sie nicht bei Hurra Torpedo aktiv sind, toben sich die Bandmitglieder in Formationen wie The Cumshots oder Thulsa Doom aus. Das macht Laune, für eine Weile, diese Dekonstruktion zu verfolgen. »The world´s leading kitchen appliance rock group« nennen sich diese ganz entfernten Cousins von Kaizers Orchestra. Wenn das kein ironischer Bruch mit etablierten Männerbildern ist! Haut das Bügeleisen entzwei, Jungs!

Hurra Torpedo – Totat eclipse of the hart from hajo804 on Vimeo.

 
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