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Foto nordische Landschaft

02. März 2016

Ein verschleppter Tanz mit der Melancholie: Jørck

Die Chris-Isaak-Retromanie ist erfreulicherweise voll in Gange. Gut so, der Mann ist ein Klassiker! Verschleppter Slidegitarren-Rock vor dunkelschwarzer Mitternachtskulisse und einer Atmosphäre latenter Bedrohung: Wer sich auf der Suche nach würdigen Erben der Wicked-Game-Ästhetik macht, der muss dieser Tage auf nach Kopenhagen schauen. Jørck nennen sich die Sängerin Trine Jørck und der Multiinstrumentalist Torben Guldageder, die Anfang des Jahres ihr Debütalbum »BLACK SUN« herausgebracht haben. Der Blick ist eindeutig rückwärts gerichtet. In eine Zeit, als Glamour noch nicht per Photoshop erstellt wurde und eine Fahrt in die schwarzen Wälder von Twin Peaks in menschlichen Abgründen enden konnte! Jørck nehmen sich alle Zeit der Welt, um einen elegant verschleppten Tanz mit der Melancholie zu beginnen. Weniger ist mehr! Über diesen Songs scheint eine schwarze Sonne. Die Stimme von Trine Jørck evoziert ein kühles Diventum, das an keiner Stelle aufgesetzt wirkt. Lana Del Rey in Zeitlupe etwa? Unterkühltes Melodram allemal! Hier blühen schwarze Rosen. Sinnliche Americana: So geht das, ihr Puritaner! Die vor einigen Tagen veröffentlichte Single »You Let The Looseness In« ist jedenfalls sehr fein und auf zurückhaltende Weise dekadent!

14. Februar 2016

Süßkram de luxe mit Girls Night Out

Heute ist die Welt unerfreulicherweise in Pink getaucht. Den Tag der Verliebten ausgerechnet ins schmuddeligste Februarwetter zur legen, wer ist denn auf diese kontraproduktive Idee gekommen? Sei es drum: Wenn schon gezwungenermaßen überall Liebe in der Luft ist, dann wollen wir doch lieber die Dinge auf die Spitze treiben und uns der totalen Zuckervergiftung hingeben! Zu himmelhohen Synthiefanfaren! Also auf nach Kopenhagen! Wo sich der Musikstudent Terkel Atushi Røjle neuerdings Girls Night Out nennt und einige Gleichgesinnte um sich geschart hat, die wie er große Fans der Disco-Kultur der späten 70er sind. Jung-Terkel trägt weißen Rollkragenpullover und kleidsame Topffrisur. Die Website der Band funktioniert mit roten Herzchen als Cursor! Girls Night Out meinen es offenkundig ernst mit ihrer Retromanie! Einen Track haben diese Zuckerwatte-Popsters bislang herausgebracht: Das glorios pastellige »Let´s Get Serious« schwelgt in Falsett-Vocals und ist ein wunderbar überkandideltes Stückchen Pop. So geht Säuseln auf hohem Niveau! Man mag mitunter an die lange verblichenen finnischen Bambi-Popsters The Crash denken, die ebenfalls Meister des dicken Auftragens waren. Hurra, heute klatschen wir noch einen Löffel Schlagsahne auf den Schwarzwaldbecher! Essiggurken gibt es morgen wieder!

09. Dezember 2015

Der schwärmerische Grübler: Shadow Age

Wir nähern uns der längsten Nacht des Jahres. Die Dunkelheit treibt uns ins Haus. Wir zünden die eine oder andere Kerze an und können durchaus dem gehobenen Grübeln verfallen. Den Soundtrack dazu könnte der dänische Jungspund Benjamin Fischermann alias Shadow Age liefern, der sich auf den weiten Weiden des (meist) instrumentalen Elektronikpops tummelt und einen Hang zu großen Geste und zu schwärmerischen Gefühlsausbrüchen hat. Es klingt mitunter überkandidelt, was diese Nachwuchskraft auf seinem Laptop an Tönen erschafft. Aber immer elegant und melancholisch! Meist angenehm verlangsamt kommen diese Tracks daher, die mit einer Vielzahl hehrer Gefühle spielen und vor dem Einsatz eigenwilliger, grenzwertkitschiger Vocal-Samples nicht zurückschrecken. Aber es lässt sich bestens seinen Gedanken nachhängen zu diesen schwarzromantischem Tracks, in denen gefühlige elektronische Violinen eine nicht unwichtige Rolle spielen. Schlau ist dieser junge Mann, dass muss man im lassen: So wie er hier verschiedene Schattierungen der Farbe dunkelgrau aufmalt und dennoch nicht als Trübsalsuse daherkommt. Sondern mit einem Bein im leichtfüßigen Dandy-Pop steht und mit dem anderen auf dem spätnächtlichen Dancefloor. Dass der gerade 20jährige seine musikalischen Laufbahn als Schlagzeuger in einer Rockband startete, mag man kaum glauben. Die selbst betitelte Debüt-EP ist beim Kopenhagener Label Native Of The North erschienen. Man kann ihr zur Gänze via Soundcloud lauschen. Mir gefallen die Prärie-Assoziationen im Track “End” besonders gut! Und dass Herr Shadow Age zum Ende nochmal richtig aufdreht!

06. Oktober 2015

Alles wird anders: Reeperbahn Festival 2015

Man traut sich ja kaum mehr auf den Spielbudenplatz, noch vor zwei Jahren das angeschmuddelte Zentrum St. Paulis. Die zugegebenermaßen hässlichen Esso-Häuser sind abgerissen. Dafür ist mit dem Klubhaus St. Pauli ein schnieke blinkendes neues Multi-Veranstaltungshaus entstanden, zu dessen Eröffnung Udo Lindenberg und Ray Cokes hereinschneien. Das ist alles schön und gut, hat aber null Patina und ist als Veranstaltungsstätte ungefähr so steril wie ein hochpoliertes Kulturzentrum in Stuttgart-Sindelfingen. Stimmung will so recht keine aufkommen. Wenn das die Zukunft der Musikkultur auf dem Kiez sein soll? Alles wird hier anders, so scheint´s. Da wechselt man lieber um die Ecke zum ebenso sympathischen wie stilecht-alten Mini-Club Hasenschaukel, wo an diesem ersten Festival-Abend die schwarzgewandeten dänischen Indie-Folkster Heimatt düstere Lagerfeuer-Romantik verbreiten. Heimatt ist übrigens nicht aus dem Deutschen entlehnt, sondern aus dem Norwegischen, und bedeutet so viel wie heimkehren. Wieder was gelernt! Um Sünder und Gottesfürchtige geht es hier. Bänkelgesang im Indie-Gewand! Seemansgarn auf neumodisch! Gegen flotte Töne aus dem oft zu betulichen Singer-Songwriter-Folklanden habe ich nichts einzuwenden. Nicht immer nur bedröppelt den Mond anheulen!

Nochmal Dänemark, nochmal Hasenschaukel: Naja, so gut wie eingebürgerter Däne, den Of The Valley alias Brian Della Valle ist eigentlich Kanadier. Der bärtige Singer-Songwriter ist ein rechter Waldschrat, den es schon seit einigen Jahren aus der Prärie nach Kopenhagen verschlagen hat. Dort sitzt er nun, der einsame Reiter, und leckt die Wunden, die das Leben und die Liebe ihm geschlagen haben. Und da es auf dem Kiez langsam kühl wird, drängen sich die Zuhörer Nase an Nase und Herz an Herz in den heimeligen Club und genießen den gehobenen Folk-Weltschmerz. Da muss das Lagerfeuer schon sehr wärmen, um diese existenzielle Einsamkeit zu bekämpfen. Die in schlichter Schönheit daherkommt. Travel safely on, rider!

Ich rede noch lange mit Kayan, dem Türsteher der Hasenschaukel, der sich nicht mehr vorstellen kann, auf dem Kiez zu leben. Wo sich mittlerweile die geführten Reisegruppen auf der Suche nach dem »authentischen Laster« gegenseitig auf die Füße treten. Wo ein Hotel sehr gehobenen Komforts auf das Treiben in der Herbertstraße blickt. Wo man in einige Clubs an der Großen Freiheit nicht mehr hereinkommt, ohne hochnotpeinlich auf Messer untersucht zu werden. Die Gewalt hat zugenommen. Heute wird nicht mehr zugeschlagen, sondern zugestochen. Und trotzdem sind da immer noch einige wenige sympathische Schmuddelecken, die erstaunlicherweise überleben. Den Soundtrack des Nachhausewegs liefert übrigens ein Franzose, Marke Bubi, Mathe-Leistungskurs und Spät-Popper. Vianney ist der Nom De Plume des 23jährigen Parisers, der kürzlich sein Debütalbum »IDÉES BLANCHES« vorgelegt hat. Wo er Paperbötchen zu Wasser lässt und überzeugend zeigt, dass sich Chanson und folkige Melancholie bestens vertragen!

17. August 2015

Ein lächerlich positiver Mann: Il Tempo Gigante

»Der macht Mädchenmusik!«, lautete das knappe Verdikt des schreibenden Kollegen, der den Auftritt des dänischen Singer-Songwriters Il Tempo Gigante am Tresen verbringt und zahlreiche Seiten vollkritzelt. Was er wohl notiert hat? Die Sache mit der Mädchenmusik nehme ich mal als Kompliment für Rolf Hansen, der sich an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Offenbacher Hafen2 auf ganz unaufdringliche Weise in die Herzen der weiblichen (nur der?) Konzertgänger schleicht. Hansen, alias Il Tempo Gigante, ist ein ein gut organisiertes Ein-Mann-Orchester: Stimme, Gitarre, Loopgerätschaften, Trompete, vielerlei Glöckchen und Blaswerk aus Ton. Letzteres gefällt dem Hahn vom Hafen 2 so gut, dass das gefiederte Tier mehrfach laut seine Zustimmung bekundet. Ja, wenn der Gockel bloß noch in den Fundus passen würde, dann hätte der schüchterne Däne das Federvieh vielleicht auf Tour mitgenommen und ihm ab und an sanft übers Gefieder gestrichen. Und mit dem Hahn zusammen in der Bahn aus dem Fenster geguckt. Der Barde ist nämlich auf der Schienen durch die Republik unterwegs.

Ureigentlich ist Il Tempo Gigante ein bescheidener Philosoph, der seine hart erkämpften Lebenserfahrungen mit dem Publikum teilt. Die gewonnenen Einsichten sind ebenso überraschend wie einfach. Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung, fühlt sich fürchterlich: als wenn sich auf regennasser Straße ein Laster in mit Vollkaracho von hinten nähert. Und wenn die Erkenntnis ganz einfach lautet, dass es keine Lösung gibt? Ach, wie befreiend! Rolf Hansen, der spindeldürre Mann mit den freundlichen Augen, strahlt wie ein ganzer Kerzenkandelaber, wenn er davon erzählt. Seine Songs scheinen simpel und fragil zugleich, aber das täuscht. Er türmt Schicht auf Schicht, bis komplexe musikalische Strukturen entstehen. Ein brav klampfender Liedermacher ist der Däne jedenfalls nicht. Die Zuhörer belehren, nein, das will er nicht, sagt er. Denn wenn er seine Lebensweisheiten erfolgreich umsetzte, dann müsste er doch seit Jahren glücklich verheiratet sein. Im Gegenteil, er hat gerade eine unschöne Trennung hinter sich. Berichtet er stockend, wärend der Regen fein fällt. Spätestens jetzt seufzen alle weiblichen Wesen im Raum leise auf. Ist Il Tempo Gigante nun Mädchenmusikant, weil er von solchen Dingen spricht? Ach, wollen wir es lieber dabei belassen, dass er er wunderbar nachdenkliche Songs schreibt. Momentaufnahmen aufflackern lässt, die stehenbleiben wie Standbilder, weil sie die Essenz einer langen, komplizierten Geschichte beinhalten. Der »Track Watch It Watch« vom gleichnamigen Album ist jedenfalls von schwebender Traurigkeit. Und dann blickt Rolf Hansen auf, lächelt und sagt, dass er trotzdem ein auf lächerliche Weise positiver Mensch ist.

Möge es diesem fragil wirkenden Musiker gut gehn auf den weiteren Stationen seiner Tour! Ich bitte Hafen2-Cheffin Andrea dringlich darum, den Herrn Hansen aus Kopenhagen an diesem Nachmittag noch mit viel leckerem Kuchen zu versorgen. Ob er das Süßgebäck wirklich so dringend notwendig hat, wie ich glaube?

Il Tempo spielt noch am 19. August in Köln auf dem c/o Pop Festival.

(Foto: Martin Dam Christensen)

 
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