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Foto nordische Landschaft

09. Dezember 2015

Der schwärmerische Grübler: Shadow Age

Wir nähern uns der längsten Nacht des Jahres. Die Dunkelheit treibt uns ins Haus. Wir zünden die eine oder andere Kerze an und können durchaus dem gehobenen Grübeln verfallen. Den Soundtrack dazu könnte der dänische Jungspund Benjamin Fischermann alias Shadow Age liefern, der sich auf den weiten Weiden des (meist) instrumentalen Elektronikpops tummelt und einen Hang zu großen Geste und zu schwärmerischen Gefühlsausbrüchen hat. Es klingt mitunter überkandidelt, was diese Nachwuchskraft auf seinem Laptop an Tönen erschafft. Aber immer elegant und melancholisch! Meist angenehm verlangsamt kommen diese Tracks daher, die mit einer Vielzahl hehrer Gefühle spielen und vor dem Einsatz eigenwilliger, grenzwertkitschiger Vocal-Samples nicht zurückschrecken. Aber es lässt sich bestens seinen Gedanken nachhängen zu diesen schwarzromantischem Tracks, in denen gefühlige elektronische Violinen eine nicht unwichtige Rolle spielen. Schlau ist dieser junge Mann, dass muss man im lassen: So wie er hier verschiedene Schattierungen der Farbe dunkelgrau aufmalt und dennoch nicht als Trübsalsuse daherkommt. Sondern mit einem Bein im leichtfüßigen Dandy-Pop steht und mit dem anderen auf dem spätnächtlichen Dancefloor. Dass der gerade 20jährige seine musikalischen Laufbahn als Schlagzeuger in einer Rockband startete, mag man kaum glauben. Die selbst betitelte Debüt-EP ist beim Kopenhagener Label Native Of The North erschienen. Man kann ihr zur Gänze via Soundcloud lauschen. Mir gefallen die Prärie-Assoziationen im Track “End” besonders gut! Und dass Herr Shadow Age zum Ende nochmal richtig aufdreht!

06. Oktober 2015

Alles wird anders: Reeperbahn Festival 2015

Man traut sich ja kaum mehr auf den Spielbudenplatz, noch vor zwei Jahren das angeschmuddelte Zentrum St. Paulis. Die zugegebenermaßen hässlichen Esso-Häuser sind abgerissen. Dafür ist mit dem Klubhaus St. Pauli ein schnieke blinkendes neues Multi-Veranstaltungshaus entstanden, zu dessen Eröffnung Udo Lindenberg und Ray Cokes hereinschneien. Das ist alles schön und gut, hat aber null Patina und ist als Veranstaltungsstätte ungefähr so steril wie ein hochpoliertes Kulturzentrum in Stuttgart-Sindelfingen. Stimmung will so recht keine aufkommen. Wenn das die Zukunft der Musikkultur auf dem Kiez sein soll? Alles wird hier anders, so scheint´s. Da wechselt man lieber um die Ecke zum ebenso sympathischen wie stilecht-alten Mini-Club Hasenschaukel, wo an diesem ersten Festival-Abend die schwarzgewandeten dänischen Indie-Folkster Heimatt düstere Lagerfeuer-Romantik verbreiten. Heimatt ist übrigens nicht aus dem Deutschen entlehnt, sondern aus dem Norwegischen, und bedeutet so viel wie heimkehren. Wieder was gelernt! Um Sünder und Gottesfürchtige geht es hier. Bänkelgesang im Indie-Gewand! Seemansgarn auf neumodisch! Gegen flotte Töne aus dem oft zu betulichen Singer-Songwriter-Folklanden habe ich nichts einzuwenden. Nicht immer nur bedröppelt den Mond anheulen!

Nochmal Dänemark, nochmal Hasenschaukel: Naja, so gut wie eingebürgerter Däne, den Of The Valley alias Brian Della Valle ist eigentlich Kanadier. Der bärtige Singer-Songwriter ist ein rechter Waldschrat, den es schon seit einigen Jahren aus der Prärie nach Kopenhagen verschlagen hat. Dort sitzt er nun, der einsame Reiter, und leckt die Wunden, die das Leben und die Liebe ihm geschlagen haben. Und da es auf dem Kiez langsam kühl wird, drängen sich die Zuhörer Nase an Nase und Herz an Herz in den heimeligen Club und genießen den gehobenen Folk-Weltschmerz. Da muss das Lagerfeuer schon sehr wärmen, um diese existenzielle Einsamkeit zu bekämpfen. Die in schlichter Schönheit daherkommt. Travel safely on, rider!

Ich rede noch lange mit Kayan, dem Türsteher der Hasenschaukel, der sich nicht mehr vorstellen kann, auf dem Kiez zu leben. Wo sich mittlerweile die geführten Reisegruppen auf der Suche nach dem »authentischen Laster« gegenseitig auf die Füße treten. Wo ein Hotel sehr gehobenen Komforts auf das Treiben in der Herbertstraße blickt. Wo man in einige Clubs an der Großen Freiheit nicht mehr hereinkommt, ohne hochnotpeinlich auf Messer untersucht zu werden. Die Gewalt hat zugenommen. Heute wird nicht mehr zugeschlagen, sondern zugestochen. Und trotzdem sind da immer noch einige wenige sympathische Schmuddelecken, die erstaunlicherweise überleben. Den Soundtrack des Nachhausewegs liefert übrigens ein Franzose, Marke Bubi, Mathe-Leistungskurs und Spät-Popper. Vianney ist der Nom De Plume des 23jährigen Parisers, der kürzlich sein Debütalbum »IDÉES BLANCHES« vorgelegt hat. Wo er Paperbötchen zu Wasser lässt und überzeugend zeigt, dass sich Chanson und folkige Melancholie bestens vertragen!

17. August 2015

Ein lächerlich positiver Mann: Il Tempo Gigante

»Der macht Mädchenmusik!«, lautete das knappe Verdikt des schreibenden Kollegen, der den Auftritt des dänischen Singer-Songwriters Il Tempo Gigante am Tresen verbringt und zahlreiche Seiten vollkritzelt. Was er wohl notiert hat? Die Sache mit der Mädchenmusik nehme ich mal als Kompliment für Rolf Hansen, der sich an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Offenbacher Hafen2 auf ganz unaufdringliche Weise in die Herzen der weiblichen (nur der?) Konzertgänger schleicht. Hansen, alias Il Tempo Gigante, ist ein ein gut organisiertes Ein-Mann-Orchester: Stimme, Gitarre, Loopgerätschaften, Trompete, vielerlei Glöckchen und Blaswerk aus Ton. Letzteres gefällt dem Hahn vom Hafen 2 so gut, dass das gefiederte Tier mehrfach laut seine Zustimmung bekundet. Ja, wenn der Gockel bloß noch in den Fundus passen würde, dann hätte der schüchterne Däne das Federvieh vielleicht auf Tour mitgenommen und ihm ab und an sanft übers Gefieder gestrichen. Und mit dem Hahn zusammen in der Bahn aus dem Fenster geguckt. Der Barde ist nämlich auf der Schienen durch die Republik unterwegs.

Ureigentlich ist Il Tempo Gigante ein bescheidener Philosoph, der seine hart erkämpften Lebenserfahrungen mit dem Publikum teilt. Die gewonnenen Einsichten sind ebenso überraschend wie einfach. Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung, fühlt sich fürchterlich: als wenn sich auf regennasser Straße ein Laster in mit Vollkaracho von hinten nähert. Und wenn die Erkenntnis ganz einfach lautet, dass es keine Lösung gibt? Ach, wie befreiend! Rolf Hansen, der spindeldürre Mann mit den freundlichen Augen, strahlt wie ein ganzer Kerzenkandelaber, wenn er davon erzählt. Seine Songs scheinen simpel und fragil zugleich, aber das täuscht. Er türmt Schicht auf Schicht, bis komplexe musikalische Strukturen entstehen. Ein brav klampfender Liedermacher ist der Däne jedenfalls nicht. Die Zuhörer belehren, nein, das will er nicht, sagt er. Denn wenn er seine Lebensweisheiten erfolgreich umsetzte, dann müsste er doch seit Jahren glücklich verheiratet sein. Im Gegenteil, er hat gerade eine unschöne Trennung hinter sich. Berichtet er stockend, wärend der Regen fein fällt. Spätestens jetzt seufzen alle weiblichen Wesen im Raum leise auf. Ist Il Tempo Gigante nun Mädchenmusikant, weil er von solchen Dingen spricht? Ach, wollen wir es lieber dabei belassen, dass er er wunderbar nachdenkliche Songs schreibt. Momentaufnahmen aufflackern lässt, die stehenbleiben wie Standbilder, weil sie die Essenz einer langen, komplizierten Geschichte beinhalten. Der »Track Watch It Watch« vom gleichnamigen Album ist jedenfalls von schwebender Traurigkeit. Und dann blickt Rolf Hansen auf, lächelt und sagt, dass er trotzdem ein auf lächerliche Weise positiver Mensch ist.

Möge es diesem fragil wirkenden Musiker gut gehn auf den weiteren Stationen seiner Tour! Ich bitte Hafen2-Cheffin Andrea dringlich darum, den Herrn Hansen aus Kopenhagen an diesem Nachmittag noch mit viel leckerem Kuchen zu versorgen. Ob er das Süßgebäck wirklich so dringend notwendig hat, wie ich glaube?

Il Tempo spielt noch am 19. August in Köln auf dem c/o Pop Festival.

(Foto: Martin Dam Christensen)

09. August 2015

Vor Euch weglaufen? Niemals, Chinah!

Liebe Promoleute, die ihr die »armen« Musikblogger ständig mit in Superlativen schwelgenden Mails von »aufregenden jungen Bands« beglückt: Ich verrate Euch hier ein gut gehütetes Geheimnis! Nein, wir Bloggerinnen und Blogger wollen nicht wiederkäuen und nachplappern, was Ihr uns vorschlagt. Nein, nein, nein! Sehr viel lieber gehen wir selbst auf Entdeckungsreise. Heben unsere eigenen Schätze! Und auf die Empfehlungen von Musikern geben wir sehr viel mehr als auf um Aufmerksamkeit heischendes Werbegetrommel. Und an diesem heißen Sonntag, an dem sich auf dem Flohmarkt ein hübsches grünes Röckchen fand und das salzige Erdnuss-Eis besonders lecker schmeckte, da stolperte ich via dem famosen Sekuoia auf die dänischen Elektropopsters Chinah. Sängerin Fine Glindvad, Gitarrist Simon Kjær und der Pianist und E-Wizzard Simon Andersson balancieren mit wunderbarer Zurückhaltung zwischen Ambient, dezentem R´n`B, elektronischen Spielkram und, hüstel, folkiger Ballade. Letzteres zumindest im Geiste!

»Im thinking about your childhood gift«, flüstert Fine Glindvand mehr, als dass sie singt. Es geht hier um Geschenke aus der Kindheit und um die Dinge, die uns trotz aller Differenzen einen. Keine Angst, allzu betulich geht es bei den Dänen aus dem Kopenhagener Szene-Stadtteil Nørrebro nicht zu. Verspielte Synthie-Schlenker leisten sie sich im auf elegante Innerlichkeit setzenden Track »Away From Me« allemal. Der auf eine unterkühle Art emotional üppig wirkt! Viel Material haben die Drei noch nicht vorzulegen, aber allein dieser Track schleicht sich auf sanften Pfoten mitten ins Herz. Weil er so schön grenzwert-sehnsüchtig ist!

06. Juni 2015

Heitere Gelassenheit mit Ladylion

Randi Løvendahl hat eine Stimme, zu der das altmodische Attribut »anmutig« gut passt. Die Sängerin der dänischen Band Ladylion aus der Hafenstadt Århus und ihre fünf Mitstreiter verfügen bei ihren ersten musikalischen Gehversuchen über eine Eigenschaft, die so vielen Nachwuchsbands fehlt: Heitere Gelassenheit. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die jungen Dänen in folkpoppigen Fahrwassern bewegen, wo laute und angeberische Töne ohnehin nichts zu suchen haben. Und die feine Bläser-Abteilung von Ladylion weiß auch, dass Zurückhaltung das neue laut ist! Sommerlich wirken diese entspannten Töne. Man hat bei Tracks wie »As Colourful As You« das Bedürfnis, hinaus in Wiese und Wald zu gehen und entspannt unter Bäumen zu spazieren. Und ein schönes, zartes Liebeslied ist der Track sowieso! Ladylion haben bislang die EP »TO THE WISHING WELL« vorgelegt, wo sich sinnigerweise auch ein Track über Bäume und Freundschaft findet. Passt doch zu diesen feinen, handgemachten Klängen!

 
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