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Foto nordische Landschaft

01. Juni 2015

Communions: Hier bricht der Sommer aus!

Finster blickende Rotzbengel, die viel zu viel rauchen. Latent aggressiv sind und rotzfrech nach vorne stürmen. Wenn sie dann trotz aller punkigen Attitüde noch ein gewisses Händchen für straßenköterige Harmonien pflegen, verspielt wie die jungen Hunde sind und es schön schief scheppern lassen, dann wird es interessant. Communions aus Kopenhagen sind ungestüme Nachwuchskräfte, die sich, was die musikalischen Einflüsse angeht, wohl in den frühen 80ern in Großbritannien verorten würden. Im melodieverliebten, flotten New-Wave-Umfeld, um es zu präzisieren. Da ist unbedingt mehr Pop als Punk in der Attitüde!

In Dänemark wurden die Nachwuchskräfte, die sich in der dänischen Hauptstadt Proberäume mit den bereits arrivierten, postpunkigen Szenegrößen Iceage teilen, bereits zum zweiten Mal zum Roskilde-Festival eingeladen. Die Jungmänner um die Brüder Martin und Mads Rehof sind aber trotz trotziger Blicke im Herzen keine Finsterlinge, obwohl sie bei dem auf noisige Töne spezialisierten Label Posh Isolation unter Vertrag sind. Nein, diese vier Jungs verorten sich in der überschwänglichen Ecke des Post-Punk und platzen vor unbändiger Lebensfreude. Das Leben kann so aufregend sein, und Überraschungen lauern um die Ecke. Was kostet die Welt, wenn wir so superlebendig sind, dass es fast schon weh tut? Am 1. Juni haben Communions eine neue, selbst betitelte EP herausgebracht. Wo beim überkandidelten Song »Out Of My World« die dekadenten, campigen Vocals von Martin Rehof schön grenzwertschwülstig daherkommen. Aber trotzdem frisch und unbekümmert klingen. So soll das sein! Reinhören in die Songauswahl auf der Homepage von Communions wird übrigens unbedingt empfohlen. Bei Tracks wie »Love Stands Still« etwa bricht der Sommer mit Macht aus!

11. Januar 2015

Machinery Of Joy entdecken düstere Dinge vorm Einschlafen

Richtig hell werden will es in der Welt von Machinery Of Joy nicht. Was nicht wirklich stört. Denn die Dinge, die sich in der knappen Spanne zwischen Tag und Traum abspielen, die sind doch so viel interessanter als die ach so altbekannten Alltagsdinge, die alle ihren festen Platz haben. Um die Erkundung dieser Grenzzustände geht es den Vieren aus Kopenhagen, die sich in bester Fin-De-Siècle-Tradition an morbiden Sehnsüchten berauschen und die Poesie in Untergangsszenarien entdecken. Todesnähe und Lebensüberdruss bringen doch die delikatesten Empfindungen hervor! »You wanna die«, intoniert Sängerin Laura Noszczyk in endlosen Wiederholungen im dunkelschwarz eingefärbten Track »Comatose Puppet«.

Dass man das Debütalbum »ON THE VERGE OF SLEEP« betitelt hat, passt gut in diese nachdenklichen Nachtmahrwelten, durch die eisige Winde pfeifen. Es sind verhalten experimentelle Töne, die wie verirrte Nebelschwaden durch diese schwarzromantische Szenerie wabern. Die feine, helle Stimme Noszczys ist hier die einzig zuverlässige Konstante, an der man sich festhalten kann. Versteht sich von selbst, dass diese Nachtschwärmer die delikatesten Gefühle erkunden und im endlos ausufernden Track »Solar Storm« die feine Kunst der Seelenerkundung gegen emotionale Wallungen eintauschen! Nur um in der reduzierten Ballade »Lamia« wieder zur bewussten Beschränkung zurückzukehren und das gehobene Nachdenken in Ehren zu halten. Zu diesen Tönen mag man die Schultern fröstelnd hochziehen und den Jackenkragen höher schlagen. Und in düsterer Schönheit schwelgen! Zu lächeln gibt es im Universum von Machinery Of Joy wenig. Man mag nur leise schmunzeln darüber, wie die Band den eigenen Stil auf ihrer Bandcamp-Seite beschreibt: »dark, psychedelic, drone, experimental, industrial, noise-kraut, rock, melodic«. Bloß kein wichtiges Attribut vergessen! Auf Bandcamp kann man dem Album zur Gänze lauschen. Und im Februar kommen die Dänen auf Deutschland-Tour: Wärs´s in meiner Nähe, täte ich wohl hingehen. Ist es leider nicht. Vielleicht ein andermal, in einer grauen, nassen Nacht.

28. Dezember 2014

Maggie Björklund: Die dunkle Seite des Herzens

Kurz vor Jahresende verlangsamen sich die Dinge auf erfreuliche Weise: Im Wald stapft man durch zentimetehohen Neuschnee, auf vereisten Nebenstraßen fahren die Autos Schritttempo und bei einbrechender Dunkelheit und klirrender Kälte bleibt man dann gerne zuhause. Trinkt Unmengen alkoholfreien Glühpunsch und wärmt sich an den wüstentrockenen, americana-affinen Tönen der dänischen Pedal-Steel-Gitarristin Maggie Björklund. Die Musikerin, die einige Jahre in Jack Whites Live-Band aktiv war, hat im Herbst ihr wunderbar vielschichtiges zweites Album »SHAKEN« vorgelegt, das so gar keine heimelige Lagerfeuerromantik versprüht. Sondern leise beunruhigend ist. Maggie Björklund begibt sich auf diesem in warme, dunkle Töne gehüllten Album auf eine ganz persönliche Reise zur dunklen Seite des Herzens (gleichzeitig auch der Titel eines der intensivsten Tracks!).

Es sind vielschichtige Songs von sanfter Trauer, die überhaupt nicht larmoyant daherkommen. Ein Großteil des Albums entstand in einer Zeit, in der die Künstlerin ihre todkranke Mutter täglich im Krankenhaus besuchte. Es geht hier um große Themen, so viel ist klar. Aber die Musikerin schafft es, die seelische Erschütterung in Töne voller poetischer Sehnucht zu hüllen und entschieden »nein« zum Melodrama zu sagen. »SHAKEN« ist ein Album, das den Soundtrack einer inneren Entwicklung liefert, voller Zwischentöne und unerwarteter Überraschungen. So verblüfft der instrumental eingespielte Song »The Road To Samarkand« mit seinem überraschend aufblühenden Cello als gelungene Mischung zwischen staubigem Roadmovie und elaboriertem Kammerpop. In der feinen Ballade »Fro Fro Heart« erschaffen die Stimmen von Björklund und Gastsänger Kurt Wagner von Lambchop ein Duett, durch das mehr als nur eine Ahnung von Chanson Noir steckt und das Auftauchen von Charlotte Gainsbourg als zweiter Gastsängerin keinesfalls überraschen würde. Sehr amerikanisch, aber auf vertrackte Weise unbedingt europäisch kommt diese Sinfonietta der komplexen Gefühlsabstufungen daher. Und ist dabei von überaus zärtlicher Nachdenklichkeit.

Es gibt keinen Track, den man auf diesem Album nicht empfehlen könnte: Deshalb ist unbedingt ratsam, dem Werk zur Gänze zu lauschen, was man auf der Soundcloud-Seite von Björklund tun kann. Zu den fabelhaften Mitmusikern, die die Dänin hier um sich versammelt hat, zählen außer Kurt Wagner noch Jim Parr von Portishead am Bass und John Parish, Songschmied für PJ Harvey und Sparklehorse an der Gitarre und Barb Hunter am Cello. Im März 2015 tourt Björklund auch kurz durch Deutschland. Beim Konzert in der Frankfurter Brotfabrik dürfte man mich in einer der ersten Reihen finden.

(Foto: Jan Stuhr)

26. September 2014

Reeperbahn Festival 2014, die neue Seltsamkeit

Es gibt einen Song aus der mittleren Schaffensphase von Tocotronic, in dem die schönen Zeilen vorkommen: »Und alles, was bis jetzt noch war, sei dann auf einmal nicht mehr da«. Genauso fühlt sich die Polarbloggerin, als sie nach einjähriger Abwesenheit den Spielbudenplatz auf St. Pauli betritt, das Herz des Reeperbahn Festivals. Die westliche Hälfte des Platzes ist zur Hälfte weg. Nicht, dass die so genannten Esso-Häuser ein Ausbund an architektonischer Schönheit gewesen wären, aber sie beherbergten immerhin das Molotow, einen der bekanntesten Musik-Clubs der Hansestadt. Der ist zwar Mitte September an anderer Stelle wieder auferstanden, aber trotzdem. Die Gentrifizierung der »sündigen Meile« ist also in vollem Gang. Am Wochenende sieht man so viele Stadtführer mit ihren Schäflein im Schlepptau auf dem Kiez, dass die Einheimischen fast in der Minderzahl sind. Am Spielbudenplatz soll zwar ein Clubhaus mit fünf Musikschuppen entstehen, aber im sterilen Neubau? Kaum vorzustellen. Schnell also die Flucht ind die Hasenschaukel, den liebevoll gestalteten kleinen Veranstaltungsraum für die leiseren Töne. Wo an diesem Abend die Folkpop-Hobos NovemberDecember aus Århus spielen und sich nach Erlösung sehnen. Diesem Zustand wollen sie durch gefühligen Schöngesang nahekommen, was durchaus honorig ist. Die traurige US-Prärie und die sanften Hügel rund um die dänische Hafenstadt müssen einiges gemeinsam haben! Freuen tut man sich aber vor allem darüber, dass mit der Hasenschaukel der charmanteste kleine Musikclub im Kiez wieder eröffnet hat und viele nette Menschen per Crowdfunding gespendet haben, um das möglich zu machen. Und Kayan, der supernette Türsteher, ist ohnehin schon ein Grund, dort vorbeizugucken und einen Schwatz zu halten.

Der Donnerstag ist offenkundig der Singer-Songwriter-Abend der Polarbloggerin, denn weiter geht es zu Olöf Arnalds, die barfuß und bloßbeinig auftritt und die Kunst der verschnörkelten Kargheit pflegt, nur von der Gitarre begleitet. Die Schnörkel kommen hier von der hellen, eigenwilligen, katzenhaft maunzenden Stimme. Gerne lässt man sich von Ólafur Arnalds Kusine in schrullige Gegenwelten entführen, in denen die Dinge wie bei Lewis Carroll anmutig aus dem Ruder laufen. Dass in ihren musikalischen Welten Elfen existieren, wollen wir gar nicht erst bezweifeln. Verwunschen geht es hier zu. Die isländische Musikerin kann aber auch anders: Dieser Tage stellt sie ihr viertes Album »PALME« vor, auf dessen Cover sie als Wiedergängerin von Twin-Peaks-Heroine Laura Palmer posiert. Und die neuen Töne klingen sehr elektronisch, auch nicht verkehrt!

Da geht es bei ihrer Landsfrau Lay Low erdiger und handfester zu, die sich als selbstbewusste Alternative-Country-Musikerin gerne auf Dolly Parton als Vorbild beruft. Aber ihre eigene, sehr sinnliche Stimme im weiten Feld von Alternative Country, Blues und Texicana bewegt. Gerne lotet die Chanteuse die Schattenseiten des amerikanischen Traums aus. Erzählt reduzierte Geschichten von Verlierern und Strauchlern. Vom Abkommen vom rechten Wege sowieso. Bei Schlaflied-affinen Tracks wie »Why Do I Worry« will aber keine süße Ruhe aufkommen, sondern eher eine nagende kleine Beunruhigung. Holla, von solchen kunstvoll düsteren Balladen brauchen wir mehr! Die ansonsten so laute Fangemeinde beim Reeperbahn Festival hört hier so mucksmäuschenstill zu, dass kaum ein Atmen zu hören ist.

Ach Hamburg, immer wieder anregend dort, auch wenn sich das Stadtbild sichtbar wandelt. Und auch die belgischen Pop-Jungspunde Douglas Firs und US-Chanteuse Angel Olsen spielen an späten Abend noch famos auf.

26. August 2014

Summer Breeze – Donnerstag: Langweilig, feucht, dreckig

Wer stolpert so spät durch Schlamm und Geschmier?
Es ist der Metaller mit seinem Bier.
Er hat das Getränk wohl in dem Arm,
Er fasst es sicher, es hält ihn warm.

Dieses Jahr scheint der Wettergott dem Summer Breeze Open Air nicht sonderlich gewogen: Die Sonne tut sich schwer, die Luft ist kalt, alles ist nass und klamm und schlammig. Trotz des nicht ganz so guten Wetter strömen insgesamt rund 35.000 Besucher vom 14. bis zum 16. August 2014 nach Dinkelsbühl.

Hier stehen auch dieses Jahr vier Bühnen für die Bands bereit: Main-, Pain-, Camel- und T-Stage, ehemals Zeltbühne. Sie wurde zu Ehren von Michael »T« Trengert umgetauft; er war einer der beiden Veranstalter des Summerbreeze Open Airs und starb nach längerer Krankheit im September 2013.

Bereits am Mittwoch rockten hier und auf der Camel-Stage einige Kapellen, darunter die Nordlichter Lost Society (FIN), Hamferd (FÄ), sowie die Schweden The Vintage Caravan, Grand Magus (schon wieder), Ereb Altor und Unleashed.

Wir kommen am Donnerstag um exakt 13:49 Uhr an, suchen uns einen Platz und bauen erst einmal unser Zelt auf – bevor der nächste Regenguss herunter prasselt. Danach genehmigen wir uns mit Blick auf die Main- und Pain-Stage ein kühles Bier. Die niederländischen  Delain auf der Pain-Stage bekommen wir so immerhin am Rande mit.

Dieses Jahr kommt es mir so vor, als gäbe es mehr Ordner als in den Jahren zuvor, zumindest auf dem Weg zum VIP-Camping. Auch werden die Dixieklos auf dem (VIP-)Camping bewacht – der vermeintliche Lokus- Bewacher ist unser aller Ansprechpartner in der Not.

Mors Principium Est ist die erste Band, die wir uns bewusst und aus nächster Nähe anhören. Die Finnen überraschen uns, klingen abwechslungsreich und bestechen durch ihren Melodic Death Metal. Verdientermaßen unterstützt das (spärliche) Publikum vor der T-Stage die Truppe und macht richtig Stimmung.

Mors Principium Est (FIN)

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