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Foto nordische Landschaft

10. Oktober 2010

WavesOut: Streaming als neues Geschäftsmodell?

Die Streaming-Dienste schießen wie Pilze im Herbst aus dem Waldboden. Das jüngste Mitglied der Familie kommt aus Dänemarkt und trägt den schönen Namen WavesOut. Was hier geboten wird, ist simpel: Ein legaler Service, um zu guter Tonqualität neuesten Veröffentlichungen aus den Bereichen Indie und Elektronik zu lauschen. Neben dem reinen Hören kann man die üblichen Social-Media-Spielchen betreiben: Sich Playlisten erstellen, Bewertungen abgeben, auf Freundessuche gehen und auf Facebook die Daumen heben. Und natürlich genau nachverfolgen können, welche Tracks momentan in der Beliebtheitsskala ganz vorne liegen. Und das alles kostenlos, versteht sich. Noch ist das Musikangebot nicht überbordernd ausufernd, aber hier sollte man sich in Geduld üben können, da der neue Dienst erst am 8. Oktober gestartet wurde. Es kommt bald mehr, verprechen die Macher. Und die beste Nachricht von allen: Die Bands sollen für ihre Dienstleistung auch honoriert werden. Viel wird es nicht sein, aber trotzdem….

Die Frage ist nur: Wer zahlt dafür, dass Bands kreativ sind und Musik machen? Zum Teil, so scheint es, die Labels, die die neue Plattform nutzen wollen, um ihre Künstler zu promoten. Und dass sind durchaus nicht die Unbekanntesten, wie die Präsenz von Efterklang oder Choir of Young Believers beweisen. Mit der dänischen GEMA haben die Waves-Out-Macher einen Deal geschlossen, erfahren wir. Und ein bisschen Werbung gibt es auch. Aber reicht das? Das Geschäftsmodell hinter dem neuen Dienst ist, so hat es den Eindruck, leicht schwammig. Und richtig schlau wird man noch nicht aus den spärlichen Informationen.

Sei´s drum: Ein bisschen Stöbern in der Wundertüte macht Spaß. Erste kleine Entdeckung. Die charmanten Folkpop-Zwillingsschwestern Taxi Taxi!, die sanfte Harmoniegesänge in melancholische Zuckerwatte hüllen und die Melodika dazu blasen. Der Herbst kann kommen!

Taxi Taxi! perform Ripest Fruit in the Århus Musikhuset from gogoyoko on Vimeo.

05. Oktober 2010

Chimes & Bells: Wir fallen ins Dunkle und dort ist es warm

Wen nimmt sich Elektronik-Mastermind Trentemøller in diesen Tagen mit auf Tour? Irgendwelche kleinen, pfiffigen Clubtüftler etwa? Nein. Ganz im Gegenteil: die Experimentalisten mit dem eigenwilligen Hang zu morbiden, sehr handgemachten, großen Gefühlen. Freakfolk trifft südliche Sümpfe und endlose nordische Wälder, trifft die geheimnisvolle Fremde, die auch eine böse Hexe sein könnte. Vielleicht hängen merkwürdige Früchte an diesen Bäumen. Wir wissen es nicht.

Chimes & Bells heißt die vielköpfige Truppe aus Kopenhagen rund um die Cellistin und Sängerin Cæcilie Trier (Foto). Die auf beunruhigende Weise so klingen, als ob The XX mit Under Byen durchgebrannt seien und danach ein paar Postrocker, Hinterwäldler und fromme Südstaatler und deren verrückten Onkel zum Abendessen am Lagerfeuer eingeladen hätten. Das klingt schräg, beunruhigend und auf eine überzeugende Weise folgerichtig. Keine Ahnung, wohin diese Reise gehen wird. Ausgang ungewiss. Aber Cæcilie Triers Stimme ist von dunkler Wärme, und das macht Mut. Und macht neugierig. Wo wollen Chimes & Bells hin? Vielleicht willen sie es selbst nicht. Und genau dies ist das eigentlich Aufregende.

Und man fragt sich allmählich klopfenden Herzens, was im Jahr 2010 im Staate Dänemark los ist. Wo derzeit eine kreative Aufbruchstimmung herrscht. Die wunderbaren Alcoholic Faith Mission, die aufmüpfigen Mimas, die eigenwillige Fallulah, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zu Trentemøller sollte man unbedingt gehen. Chimes & Bells sind nur noch ein Grund mehr.

Brixton Sessions #003 – Chimes and Bells ‘Into Pieces of Wood’ from Blindeye | Films on Vimeo.

02. Oktober 2010

Da müssen wir uns umarmen: For A Minor Reflection, Bye Bye Bicycle, Murmansk & Kellermensch @Reeperbahn Festival 2010

Für eine junge Band muss es großartig sein, in einem Club wie dem Hamburger Grünspan aufzutreten: Nicht zu groß, nicht zu klein, mit reichlich Patina und abblätterndem Retro-Charme. Wenn man die erste Band des Abends ist und sieht, dass sich der Club um halb neun tatsächlich füllt. Die isländischen Postrocker For A Minor Reflection wuseln zu letzten Vorbereitungen über die Bühne. Und dann, kurz bevor es losgeht, stehen diese 20-Jährigen an der Seite, atmen tief durch und umarmen sich. Schön!

Das Quartett ist mit seinem neuen Album »Höldum í átt að óreiðu« (übersetzt etwa: Wir steuern auf das Chaos zu) unterwegs, das erstaunlich sanft und pianodominiert ausgefallen ist. Live aber haben sie nichts von ihrer sensiblen Heftigkeit verloren und heben schwerelos in ausufernde Gegenwelten ab, in denen Schönheit, Hingabe und Gitarrenlärm eine perfekte Dreieinigkeit bilden. Doch das Aufbegehren in repetetitiven Akkorden ist kontrolliert. Hier soll etwas Großes entstehen. Und das tut es.

Seit den ersten Deutschland-Auftritten vor rund anderthalb Jahren haben die beiden Gitarristen Kjartan und Gúffi gelernt, dass Zwischenansagen im instrumentalen Postrock sympathiefördernd sind und Selbstironie nie schadet. So kann Kjartan lächelnd ankündigen, dass sie mit »Dansi Dans« auch einen Popsong im Repertoire haben. Vierhändig am Piano gespielt kann Postrock plötzlich so verspielt sein wie ein eine lange Treppe herunterkollerndes Wollknäuel.

Live at Hellnar, Iceland from For a Minor Reflection on Vimeo.

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24. Mai 2010

Fallulah: Wir sind dann mal oben auf dem Dach

Wenn man alle Erdenschwere hinter sich lassen will, dann empfiehlt es sich, aufs Dach zu klettern und einen weiten Blick über Stadt und Land zu werfen. Das Dach ist ein Ort des Freiraums. Der neuen Blickwinkel. Und dann sind sie dort oben über den Dächern von Kopenhagen, die 24jährige dänische Sängerin Fallulah alias Maria Apteri und ihre musikalischen Mitstreiter. Mit Banjo und Violine und jeder Menge verhaltener Traurigkeit. Diese Dämmerung wird sich endlos hinziehen, und wir werden noch lange lange hier oben bleiben und unsere Balkan-inspirierte Melancholien zelebrieren. Und lächelnd registrieren, dass die Sirenen der Polizeiautos sich wie selbstverständlich an den Song »Use It For Good« anschmiegen.

Fallulah – Use It For Good – Live from Jasper Spanning on Vimeo.

Die Perspektive vom Dach ist nur einer der Blickwinkel, den die dänische Sängerin mit Wurzeln in Rumänien einnimmt. Tanzen und übermütig und schwer zu greifen sein kann sie auch. Mit »THE BLACK CAT NEIGHBOURHOOD« hat sie jetzt ein Debütalbum vorgelegt, das auf eigentümliche Weise Eigensinn und Tanzbarkeit vereint. Da oben auf dem Dach ist nicht der schlechteste Ort.

05. Mai 2010

The Blue Van im Stuttgarter Schocken: Rocken bis die die Orgel in Trümmern liegt


Die dänischen The Blue Van dürften einigen dank der Apple iPAD-Werbung bekannt sein: In dieser erklingt ihr Song »There Goes My Love« vom aktuellen Album »MAN UP«. Dennoch findet das Konzert am 27. März 2010 nur im kleinen Club Schocken in Stuttgart statt – und der Eintrittspreis ist mit fünf Euro äußerst human.

Um 21 Uhr stolpert also der bunte Haufen Retrorocker um Sänger/Gitarrist Steffen Westmark auf die Bühne – und präsentiert seine Herkunft musikalisch: Mit dem Opener »Product of DK« vom 2005er Album »THE ART OF ROLLING«. Das verdächtig nach »Ü30-Party«-Besuchern aussehende Publikum scheint der Band zu unmotiviert, also brüllt Stefan ins Mikro: »Come on, it’s Saturday Night – we’re not on a funeral!«

Entweder zeigt die Ansprache Wirkung, oder der näxte (Titel)Song »Man Up«. Die Menge fängt an zu tanzen und hüpfen – und die Band macht es den Zuschauern leicht bis zum Ende mitzufeiern. Die CD groovt schon ordentlich, doch ist das kein Vergleich zu einer Liveshow The Blue Vans: Laut und wild geht es zu, Bassist Allan Villadsen springt mehrmals auf die Orgel Søren Oakes Christensens.

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