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Foto nordische Landschaft

21. November 2014

Heute ist Frauentag! Iceland Airwaves 2014, der Samstag

Antizyklisch handeln steht als Allerwelts-Ratschlag in Ratgebern der Sorte »Management-Tipps-Für-Blöde«, aber mitunter erweist sich dies doch als gute Strategie. Statt zum völlig überfüllten und laut Ohrenzeugen grottenschlechten Gig von The Knife im Harpa zu pilgern, macht sich die Polabloggerin lieber in die frisch getünchte Kneipe Fredriksen in der Innenstadt auf, um den drei wilden Mädels von Kælan Mikla zu lauschen. Die ihre eigene Musik als »gloomy poetry punk« bezeichnen, aber auch als Post-Riot-Girls und singende Poetry Slammerinnen durchgehen dürften. Bass, Gitarre, Stimme – und sonst nichts außer sehr viel wütender Energie, loderndem Frustrationsabbau. Hinter straßenköterblonden Haaren versteckt pflegen die drei jungen Frauen ihr ganz eigenes lyrisches Feingefühl. Kælan Mikla, was übersetzt in etwa die »Frau aus der Kälte« heißt, singen konsequent in ihrer Landessprache, so das man nur erahnen kann, welche Dinge sie derart empören. Das klingt roh, ungeschliffen und aggressiv, ist aber von einer nberechenbaren Schönheit. Beobachtung am Rande: 85 Prozent des Publikums sind männlich und jenseits der 30. Ob die sich für die feministische Revolte interessieren oder doch eher für die durchaus vorhandenen körperlichen Reize der jungen Frauen? Fragen kann man sie das schlecht.

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25. November 2013

Musik aus Miðvágur: Greta Svabo Bech

Gitarre, Stimme, sanfte Elektronika: Große Töne muss Greta Svabo Bech nicht anschlagen, um Eindruck zu hinterlassen. Die Sängerin aus der bis dato unbekannten Musikstadt Miðvágur auf den Faröer Inseln (letzte bekannte Einwohnerzahl laut Wikipedia: 1.020) ist hörbar dabei, ihre eigene künstlerische Idenitität zu entdecken. Erst in diesem Jahr hat die Frau aus dem Flecken, der als einer der besten Stellen für den Grindwalfang auf den Färöern gilt, damit begonnen, an Solomaterial zu arbeiten. Zuvor hatte sie die polierte Electronik-Clublandschaft erkundet. Mit dem kanadischen Produzenten Deadmau5 einen Track mit dem martialischen Titel »Raise Your Weapon« aufgenommen, der in Richtung polierter, cooler urbaner Tanzhallen-Unterhaltungsmusik tendiert. Jetzt schein Svabo Bech einen Prozess der Rückbesinnung auf balladige, fast schon singer-songwriteraffine Töne zu durchlaufen und die Pianobegleitung zu bevorzugen. Leicht und trotzdem eindringlich kommt etwa der Track »Circles« im Kammerpop-Modus daher.

Die Stimme von Svabo Bech erinnert ein wenig an Agnes Obél, was nicht die schlechteste Empfehlung ist. Fein die Töne abwägen, auf Effekthaschereien verzichten. Und ein Video zum schön zweideutig flirrenden Song »Broken Bones« drehen, das zu großen Teilen in einem Altersheim auf den Faröer Inseln spielt, in dem zudem ein alter Kassettenrekorder eine Hauptrolle spielt, dazu gehört schon etwas! Wie sich Frau Svabo Bech musikalisch wohl weiterentwickelt? Da könnte man durchaus in einem halben Jahr nochmal nachforschen, ob inzwischen ein Album vorliegt. Und dass man im Rest der Welt schon auf die Frau aus Miðvágur aufmerksam geworden ist, das beweist allein schon die Tatsache, dass sie im kommenden Jahr beim SXWS-Festival in Texas auftreten wird.

29. März 2013

Der Tod und das Mädchen: Eivør

Die alte Mär vom Tod und dem Mädchen passt doch bestens zum Karfreitag. Auch wenn die Geschichte hier ein bisschen anders ausgeht und die holde Maid nicht pathetisch flehend dem Sensenmann ins kühle Grab folgen muss. Nein, Eivør Pálsdottir, die Chanteuse von den Faröer Inseln, macht den Tod zum romantischen Helden. Normalerweise habe ich für Folkpop-Bardinnen mit Engelstimne und theatralisch im Winde flattendendem, blonden Lockenhaar wenig übrig, aber wegen des wirklich fabellhaften Videos zum Song »True Love« mache ich eine Ausnahme. Es ist kitschig, aber ich mag es! Ganz abgesehen davon, dass ich an Bord des nächsten Schiffleins gehen würde, das gen Faröer segelt! Leider wohne ich in einer Stadt, deren bedeutendstes fließendes Gewässer den unprosaischen Namen Darmbach trägt. Das Meer ist fern.

Das Piano flattert hier geschmeidig wie ein kleiner schwarzer Vogel um die Geschichte von den beiden Liebenden, die eigentlich nicht zusammenkommen dürfen und können. Und den mantrahaften, süchtig machenden Refrain »My true lover is with me« bekommt man den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf.

Eivør – True Love (Director: Heiðrik á Heygum) from Heidrik a Heygum on Vimeo.

Eivør legt in diesen Tagen ihr neues Album »ROOM« vor und tritt im April im Rahmen der folkBaltica auf. Den Namen Heiðrik á Heygum wird man hoffentlich in Zukunft öfter hören. Das ist der junge Regisseur von den Faöern, der das Video gedreht hat. Von dem ausdrucksvollen Schauspieler, der den Tod spielt, übrigens hoffentlich ebenso.

01. Mai 2012

Herr Heine und Frau Hansdóttir

Eigentlich sollten viel mehr Konzerte nachmittags stattfinden. Denkt man sich, Kirschstreuselkuchen mampfend und an einem Glas Weißweinschorle nippend. Und reckt das Gesicht in die Frühlingssonne. »Open Air Bühne am Hafenbecken« nennt sich die Location großartig, dabei sind es die nur acht Quadratmeter auf der Außentreppe des Hafen2 in Offenbach, wo sich sonst immer die Raucher tummeln. Guðrið Hansdóttir macht sich in diesen letzten Apriltagen nichts aus Äußerlichkeiten. Einfühlsam unterstützt von ihrem Gitarristen, wagt sich die Sängerin von den Faröer Inseln daran, ihre warmen, wolkenverhangenen Gegenwelten zu entwerfen, in denen sich Folk, Pop und harsche Windstöße die Hände reichen. Bewusst zurückgenommen, mit souveräner Ruhe erzählt die Sängerin kleine Geschichten, in denen der Himmel immer grau ist, aber die Dinge alles andere als melancholisch oder hoffnungslos sind. Da ist Feuer untern Eis!

Überkandidelte, hektische Alternativgören in teuren Einzelstück-Eso-Klamöttchen rennen vor der Bühne um die Wette, stolz verfolgt von ihren spätgebärenden Müttern und schwitzenden Vätern. Ältere Paare aus dem Viertel halten bei ihrem Nachmittags-Spaziergang überrascht inne und bleiben ein, zwei Songs lang stehen. Klingt doch ganz gut, was es hier umonst und draußen gibt! Selbst die verbissenen Zwangsradler mit ihrem Overkill an teuren Bike-Outfits auf ihrer 200-Kilometer-Tour entlang des Mains legen einen Stopp ein und hören zu. Irgendwann verändert sich ihre Gesichtsfarbe von Purpurrot zu Altrosa.

Frau Hansdóttir lässt sich ihrerseits inspirieren. Vom deutschen Poeten Heinrich Heine, dessen Gedichte sie gleich mehrfach als Grundlage eigener Songs verwendet hat. Aufmüpfig, empfindsam und klug. Da steht sie nun, in ihrem kurzen Blumenkleidchen, und singt Songs vom Ertrinken faröischer Fischer, und im Hintergrund plätschert harmlos der Main und recken sich die neuen und alten Frankfurter Bankentürme in den Himmel. Frau Hánsdottir erzählt die einfachen Geschichten, die alles andere als harmlos sind, von Schatten, von Nebel, von Ungewissheiten. Sie covert The Cure und es geht natürlich um immerwährende Liebe, ironisch natürlich, aber hier klingt es echt. Und fast wünscht man sich, die Sonne möge endlich hinter Wolken verschwinden.

14. Oktober 2011

It´s difficult, I told you: Iceland Airwaves 2011

20 Stunden dauert es per Boot, um von den Faröer Inseln bis nach Island zu gelangen. Wieder etwas gelernt. Von Guðrið Hansdóttir, der folkpoppigen Sängerin von der Inselgruppe mitten im Atlantik, die in der wunderbaren Kammermusik-Atmosphäre der Off-Venue-Konzerte im Nordic House auftritt und nur ihren Schlagzeuger zur Unterstützung mitgebracht hat, den sie vor lauter Aufregung vorzustellen vergisst. Der Wind bläst ums Haus und drückt das Gras auf den Sumpfwiesen platt, und Frau Hansdóttir wärmt uns mit Gitarre und Stimme. Die Musik ist von ernsthafter Schönheit und gemahnt in dieser knappen halben Stunde sehr an den Folk-Aufbruch der 60er, sehr in der Tradition von Joan Baez. Die einfachen Geschichten erzählen, darum geht es hier. Wie die von den Gedanken, die sich ein Fischer von den Faröern übers Ertrinken macht.

Pétur Ben dagegen steht wie ein Storch auf dem Stuhl und lässt die Konzertgänger »lalalala« singen zu dezidiert unzüchtigem Liedgut, und seine Augen glitzern dabei diabolisch. Der isländische Singer-Songwriter gibt den Kobold, gibt Pumuckl als Erwachsenen, mit einer sichtlichen Lust am zivilen Ungehorsam. Nichts hier mit bravem Bardentum für den Streichelzoo, Herr Ben ist rotzfrech und erzählt Enid-Byton-Abenteuergeschichten für Erwachsene, durchaus traurig endende, die Haare wild verstubbelt. Zum Beispiel darüber, wie schwierig es ist, auf Tour durch Städte wie Ludwigshafen und Aalen Kontakt mit Weib und Kindern per Skype zu halten, wenn die Angetraute weit weg in Island dieses unverschämt scharfe Kleid trägt. »It´s difficult, I told you«.

Pétur Ben from Inspired By Iceland on Vimeo.

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