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Foto nordische Landschaft

02. Juli 2008

Island, charismatisch: Pétur Ben in Heidelberg

Es kommt bei Konzerten nicht häufig vor, dass die Vorgruppe den bleibenden Eindruck hinterlässt. Was nicht zwingend an der mangelnden Qualität des Hauptacts liegen muss, was in diesem Fall bei Mugison definitiv nicht der Fall ist. Auf den Tourplakaten von Mugison ist der Name Pétur Ben noch nicht einmal als Support Act abgedruckt – was ein unverzeihlicher Fehler ist, denn Herrn Ben müssen wir uns merken. Von dem werden wir noch hören, wenn sich Talent und unwiderstehliche Ausstrahlung irgendwann auf Erden durchsetzen dürfen.

 Ein heißer Sommerabend in Heidelberg. Selbst der Neckar neben dem Karlstorbahnhof scheint träger als sonst zu fließen, und die vielen japanischen Touristen sitzen längst brav auf ihren Hotelzimmern. Warum die Birkenstocksandalen-Fraktion an diesem Abend im Publikum so stark vertreten ist, darf zu den Rätseln gehören, die wir heute nicht mehr lösen müssen. Denn ein unberechenbarer Kobold in Menschengestalt mit Namen Pétur Ben ist uns erschienen und hat Nebelkerzen in die badische Beschaulichkeit geworfen.

 Ein junger Mensch mit stechenden, aber freundlichen Augen, mit straßenköterblonden Strubbelhaaren schnallt sich die Gitarre und wird zu einem gänzlich unberechenbaren Faktor. Er schreit, er fleht, er flüstert. Er haut auf die Gitarre ein, als gelte es sein Leben und bricht mit allen dummen Reinhard-Mey-Klischees, dass ein Singer-Songwriter brav, verständnisvoll und sensibel sein soll. Pétur Ben ist ein Berserker, der Angst und Schrecken unter den Kleinmütigen verbreitet. Von der Bühne springt, sich demonstrativ unters Publikum mischt und so heftig mit den Füßen aufstampfend den eigenen Takt vorgibt, dass der halbe Saal wackelt. Da traut sich kaum noch einer, der Aufforderung zum Mitsingen nicht nachzukommen.

 Pétur Ben ist einer, der brennt, der in Flammen steht. Der blass, dünn, unscheinbar, in viel zu engen schwarzen Jeans steckend einen unbestreitbaren Glamour verbreitet, der bisweilen an den jungen Bowie erinnert. Herr Ben würde dies vehement abstreiten und damit  Unrecht haben. Nicht Äußerlichkeiten zählen, sondern Persönlichkeit und Charisma. Und der Mut zu völlig unerwartetem Hakenschlagen in der Auswahl eines Coversongs: Dass Michael Jacksons »Billy Jean« noch unpeinlich in die Gegenwart zu retten ist, hätten wir vor diesem Abend nicht gedacht.

Gemein, aber wahr: Das Beste an Mugisons Auftritt ist die Tatsache, dass Pétur Ben dort die Leadgitarre spielt und sich zu allem Überfluss noch als Wunderkind an der Blues- und Rockklampfe entpuppt.

Als das Konzert vorbei ist, steht ein spilleriger, unauffälliger junger Mensch mit schmutzig-blonden Strubbelhaaren im Foyer und hält das neue Album von Pétur Ben hoch – zum Verkauf wie auf dem Wochenmarkt. Es ist natürlich der Künstler selbst, der an jedem Album drei Euro verdient, wie er selbstironisch dazu bemerkt. Der superfeste Händedruck und das intensiv strahlende Lächeln als Dank für das ausgesprochene Lob zum überzeugenden Auftritt beweisen, dass der junge Mann in der Menge alles andere als unauffällig ist.

30. Juni 2008

Hel(l) aktuell: III – Noch mehr Tuska 2008

tuska_logoSonntag, Tag III: Nach Freitag und Samstag der letzte Tuska-Tag.

Mit Korpiklaani (pardon: Before The Dawn), Job For A Cowboy, Killswitch Engage, Shade Empire, Sonata Arctica, Nile, Tyr,… − und SLAYER.

…sowie den »Hevi-Kaninchen« im Tuska-Backstage. Sowas gibt’s eben nur in Finnland − und das auch: Eintritt frei für über 65jährige beim Tuska. Metalheads, DAS sind doch mal rosige Zukunftsaussichten!

Doch der letzte Tag beginnt leider mit einer Panne: Korpiklaani sind hier − aber ihr Equipment nicht.

Oder wie es ihre kurzfristig eingesprungene Ersatzband Before The Dawn ausdrückt: »They’re willing to play – but the fucking backline is in Belgium!« Schwacher Trost für die Fans: Zumindest schreiben Korpiklaani wie geplant fleißig Autogramme.

Die zweite Panne: Krankheitsbedingt fällt der Sänger der US-Band Job For A Cowboy aus, die Truppe steht heute als Instrumental-Version auf der Bühne.

Doch nun genug der Vorrede, Bilder sagen mehr als tausend Worte:

BEFORE THE DAWN – finnischer Ersatz für KORPIKLAANI

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KILLSWITCH ENGAGE – USA

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26. Mai 2008

Musik auf der virtuellen Skandinavienmesse

Screenshot Skandinavienmesse

Was es nicht alles gibt: Nun muss man sich nicht mehr persönlich auf eine Messe begeben, sondern kann das virtuell am heimischen PC tun.

Am Anfang dachte ich an einen Scherz, als mir Thorsten Blum sein Projekt zeigte (das witzigerweise am 1. April an den Onlinestart ging), aber schon bald war ich von der Idee und der professionellen Umsetzung überzeugt. Unter www.skandinavienmesse.de findet man die erste virtuelle (und ganzjährig geöffnete!) Messe zum Thema Skandinavien.

Als Aussteller sind hauptsächlich Reiseveranstalter, Händler im Bereich Bauen und Wohnen, Design und Mode, Jobs, Wirtschaft und Finanzen vertreten. Aber auch die Musik ist repräsentiert, zum einen durch Christian Pliefkes kleines, aber feines Label »Nordic Notes «, zum anderen durch unseren Stand der Nordischen Musik.

Die Aussteller haben die Möglichkeit, ihren Stand in geringem Maß selbst zu gestalten: Man kann Zeitschriftenständer und Informationstafeln bestücken und positionieren, oder man kann zwischen verschiedenen Standeinrichtungen und Standbetreuern wählen. Die Animationen beim Wechsel der Hallen sind nett anzusehen, doch die Simulation des dreidimensionalen Raums hat am Stand selbst ein Ende.

Nichtsdestotrotz überzeugt die Grafik und das Konzept des Projekts, an dem auch Peter Marx (ehemals Nordis-Herausgeber und Veranstalter der »realen« Skandinavienmesse in Essen) beteiligt ist – und an dessen Quellcode mitzuarbeiten Polarpixel die Ehre hatte.

Man muss sehen, wie sich das Projekt langfristig entwickelt, da  sich die Zahl der Aussteller noch in Grenzen hält. Und natürlich kann eine virtuelle Messe niemals eine echte ersetzen, wo es ja vor allem gerade um persönliche Kontakte und ein individuelles Kennenlernen geht.

Doch es ist sicher sinnvoll, eine themenbezogene Präsentationsplattform zu schaffen, die sich in Optik und Feeling von all den anderen Portalen deutlich unterscheidet. Übrigens: Thorsten Blum hat bereits weitere virtuelle Messen eröffnet (oder arbeitet noch daran) – zu den Themen Aquaristik, Einrichtung, Garten, Reise, Sport, Pferde und Wellness …

26. Dezember 2007

Musik von vorne: Bands für 2008 [1/4]

Popmusik aus Skandinavien ist (frei nach Effi Briest) ein weites Feld. Nur wenige Bands schaffen es, sich auch in Deutschland durchzusetzen. Abseits der großen Major-Konzerne kann man die Erfolge an wenigen Fingern abzählen. Und über Erfolg entscheidet letztlich auch noch der Würfelbecher des Glücks. Wir wagen trotzdem einen Ausblick auf zwölf Pop-Bands, die 2008 von sich hören lassen. Im großen oder kleinen Kreis.
BOYS IN A BAND (FO)

 Eigentlich kennt man die Färöer nur als Gruppenletzter in der EM-Qualifikation. Musikalisch regierte dort die anachronistische Punkband »200« mit erhobenem Zepter. Was Rockmusik betraf, war sie in den letzten Jahren das Maß aller Dinge. Nun gibt sich eine Neukommerband kämpferisch. Ein paar lokale Nachwuchswettbewerbe hat sie schon gewonnen und ging auch als Sieger aus dem Battle Of The Bands hervor: Boys In A Band. Den Namen vortrefflich von einem Libertines-Titel abgelinst, versuchen sie sich nicht am Imitat – und klingen dennoch irgendwie so, wie die momentan angesagten Bands der englischen Insel. Mit scharfkantigen Gitarren und jeder Menge Melodien, die nicht ganz so plakativ daherkommen, wie von den Kollegen aus dem UK.

Homepage: myspace.com/boysinaband
EF (SWE)

 Ganz anders EF. Diese orientieren sich an den großen Epen, umgeben sich mit Wortlosigkeiten und quälen gleich dreifach die sechs Saiten. Die Abenteuer und Leidenschaften verpacken sie in höchst dramatische und schöne Postrock-Songs, wie sie sonst (mit Ausnahme der etwas ruppigeren Scraps Of Tape, die an dieser Stelle ausdrücklich ebenso empfohlen werden) nur aus den USA oder Canada kommen. Ihr Zweitling »I Am Responsible« nimmt nicht nur die Schuld auf sich, sondern gibt auch 58 herzliche Minuten offene Arme. Live übrigens ein energetischer Tornado!

Homepage: efmusic.nu

SLAGSMÅLSKLUBBEN (SWE)

 Was Madonna Anfang der 90er auf den Sperrmüll warf, haben die sechs Jungs vom Slagsmålsklubben einfach wieder herausgekramt. Alte C64-Computer, käsig überbackene Casio-Keyboards – hauptsache bunt schillernd und laut. Subtil ist anders. Mit frischem Schwung auf die Jetztzeit programmiert, starteten sie bereits in Schweden und England mit ihrem Album „Boss For Leader“ durch. 2008 wäre eine gute Gelegenheit den am Löschpapier knabbernden und Smilies fressenden Tanzwütigen auch hierzulande eine Überdosis Happy Rave zu verpassen. Dank der Einimpfung von 10 Kilo Melodien pro Sekunde ist das nämlich eine sehr spaßbringende Angelegenheit. »Sponsored By Destiny« und der furiose Kirmestechno-Abschluss »Pælsmaestaren« sind die Casio-Monolithen!

Homepage: smk.just.nu

28. April 2007

(Tyr), Swallow The Sun und Moonsorrow in der Rofa Ludwigsburg

(Tyr)

Wer sich wundert weshalb Tyr in Klammern steht: Laut Rofa-Website sollte das Konzert um 20 Uhr beginnen – hat es aber nicht. Da Tyr nur fünf Stücke spielten stand bereits die Lokalband auf der Bühne, als wir (zugegeben nach 20 Uhr) ankamen. Verdammt. Dafür fungierten Tyr als ihre eigenen Merchandiser, denn »we should have had a guy for merchandising, but he didn’t show up«. Mastermind Heri Joensen erklärte mir, dass sie hier spontan spielen: Sie haben gerade ihre Headliner-Tour durch Deutschland, Österreich, Polen beendet und ihre Fähre zurück geht erst am Samstag.

Swallow The Sun

Swallow The Sun

Die Finnen stehen erst mal so statisch auf der Bühne, wie es sonst nur finnisches Publikum kann. Mikko Kotamäki grunzt finsteren Düstermetal ins Mikro.

Swallow The Sun

Doch plötzlich mosht das Sextett los. Die Fans sind sich noch nicht ganz im Klaren, ob sie einfach erstarren oder es ihren Idolen auf der Bühne gleichtun sollen.

Moonsorrow

Moonsorrow

Zu »Tyven«, dem Intro von »VOIMASTA JA KUNNIASTA« betreten Moonsorrow um den Sänger Ville Sorvali bedächtig die Bühne. Kaum oben feuern sie sie blitzartig ihre vikingmetallischen Geschosse in die Menge, die dankbar bangt – bis zur Genickstarre.  Aber was macht der Bub am Mischpult? Der Bass ist viel zu laut, der Gesang viel zu leise. Selbst in der ersten Reihe versteht man Sorvali kaum.

Moonsorrow

Egal, die Fans feiern alte Stücke wie »Sankarihauta« oder »Taistelu Pohjolasta« genauso wie »Tuleen Ajettu Maa«vom aktuellen Album »VIIDES LUKU – HÄVITETTY«. Dank den für Moonsorrow typischen Zehnminütern besteht das gesamte Set gerade mal aus mageren sieben Stücken, mal derbe gegrunzt, mal choral bereichert, mal folkig angehaucht. Ohne Zugabe verschwindet die Truppe. Kein Aprilscherz.

 
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