Home
Foto nordische Landschaft

26. Dezember 2007

Musik von vorne: Bands für 2008 [1/4]

Popmusik aus Skandinavien ist (frei nach Effi Briest) ein weites Feld. Nur wenige Bands schaffen es, sich auch in Deutschland durchzusetzen. Abseits der großen Major-Konzerne kann man die Erfolge an wenigen Fingern abzählen. Und über Erfolg entscheidet letztlich auch noch der Würfelbecher des Glücks. Wir wagen trotzdem einen Ausblick auf zwölf Pop-Bands, die 2008 von sich hören lassen. Im großen oder kleinen Kreis.
BOYS IN A BAND (FO)

 Eigentlich kennt man die Färöer nur als Gruppenletzter in der EM-Qualifikation. Musikalisch regierte dort die anachronistische Punkband »200« mit erhobenem Zepter. Was Rockmusik betraf, war sie in den letzten Jahren das Maß aller Dinge. Nun gibt sich eine Neukommerband kämpferisch. Ein paar lokale Nachwuchswettbewerbe hat sie schon gewonnen und ging auch als Sieger aus dem Battle Of The Bands hervor: Boys In A Band. Den Namen vortrefflich von einem Libertines-Titel abgelinst, versuchen sie sich nicht am Imitat – und klingen dennoch irgendwie so, wie die momentan angesagten Bands der englischen Insel. Mit scharfkantigen Gitarren und jeder Menge Melodien, die nicht ganz so plakativ daherkommen, wie von den Kollegen aus dem UK.

Homepage: myspace.com/boysinaband
EF (SWE)

 Ganz anders EF. Diese orientieren sich an den großen Epen, umgeben sich mit Wortlosigkeiten und quälen gleich dreifach die sechs Saiten. Die Abenteuer und Leidenschaften verpacken sie in höchst dramatische und schöne Postrock-Songs, wie sie sonst (mit Ausnahme der etwas ruppigeren Scraps Of Tape, die an dieser Stelle ausdrücklich ebenso empfohlen werden) nur aus den USA oder Canada kommen. Ihr Zweitling »I Am Responsible« nimmt nicht nur die Schuld auf sich, sondern gibt auch 58 herzliche Minuten offene Arme. Live übrigens ein energetischer Tornado!

Homepage: efmusic.nu

SLAGSMÅLSKLUBBEN (SWE)

 Was Madonna Anfang der 90er auf den Sperrmüll warf, haben die sechs Jungs vom Slagsmålsklubben einfach wieder herausgekramt. Alte C64-Computer, käsig überbackene Casio-Keyboards – hauptsache bunt schillernd und laut. Subtil ist anders. Mit frischem Schwung auf die Jetztzeit programmiert, starteten sie bereits in Schweden und England mit ihrem Album „Boss For Leader“ durch. 2008 wäre eine gute Gelegenheit den am Löschpapier knabbernden und Smilies fressenden Tanzwütigen auch hierzulande eine Überdosis Happy Rave zu verpassen. Dank der Einimpfung von 10 Kilo Melodien pro Sekunde ist das nämlich eine sehr spaßbringende Angelegenheit. »Sponsored By Destiny« und der furiose Kirmestechno-Abschluss »Pælsmaestaren« sind die Casio-Monolithen!

Homepage: smk.just.nu

28. April 2007

(Tyr), Swallow The Sun und Moonsorrow in der Rofa Ludwigsburg

(Tyr)

Wer sich wundert weshalb Tyr in Klammern steht: Laut Rofa-Website sollte das Konzert um 20 Uhr beginnen – hat es aber nicht. Da Tyr nur fünf Stücke spielten stand bereits die Lokalband auf der Bühne, als wir (zugegeben nach 20 Uhr) ankamen. Verdammt. Dafür fungierten Tyr als ihre eigenen Merchandiser, denn »we should have had a guy for merchandising, but he didn’t show up«. Mastermind Heri Joensen erklärte mir, dass sie hier spontan spielen: Sie haben gerade ihre Headliner-Tour durch Deutschland, Österreich, Polen beendet und ihre Fähre zurück geht erst am Samstag.

Swallow The Sun

Swallow The Sun

Die Finnen stehen erst mal so statisch auf der Bühne, wie es sonst nur finnisches Publikum kann. Mikko Kotamäki grunzt finsteren Düstermetal ins Mikro.

Swallow The Sun

Doch plötzlich mosht das Sextett los. Die Fans sind sich noch nicht ganz im Klaren, ob sie einfach erstarren oder es ihren Idolen auf der Bühne gleichtun sollen.

Moonsorrow

Moonsorrow

Zu »Tyven«, dem Intro von »VOIMASTA JA KUNNIASTA« betreten Moonsorrow um den Sänger Ville Sorvali bedächtig die Bühne. Kaum oben feuern sie sie blitzartig ihre vikingmetallischen Geschosse in die Menge, die dankbar bangt – bis zur Genickstarre.  Aber was macht der Bub am Mischpult? Der Bass ist viel zu laut, der Gesang viel zu leise. Selbst in der ersten Reihe versteht man Sorvali kaum.

Moonsorrow

Egal, die Fans feiern alte Stücke wie »Sankarihauta« oder »Taistelu Pohjolasta« genauso wie »Tuleen Ajettu Maa«vom aktuellen Album »VIIDES LUKU – HÄVITETTY«. Dank den für Moonsorrow typischen Zehnminütern besteht das gesamte Set gerade mal aus mageren sieben Stücken, mal derbe gegrunzt, mal choral bereichert, mal folkig angehaucht. Ohne Zugabe verschwindet die Truppe. Kein Aprilscherz.

10. Februar 2007

Wolfkin, Schweini oder Teitur?

Das hat man nun davon, wenn man seine Freunde zu Konzerten von Skandinaviern mitnimmt, um ihnen zu zeigen, was richtig gute Musik ist. Sie wollen unbedingt wieder hin!  Dabei war der Abend doch so schön durchgeplant: Erst Fussball-Länderspiel, (naja, zumindest die erste Halbzeit!), dann ab nach Frankfurt, um die vom Kollegen Frank so warm empfohlenen Wolfkin zu hören.

Doch dann kommt diese Mail. »Fahren wir heute abend nach Heidelberg zum Teitur-Konzert?«, fragt die Konzertgeh-Freundin dringlich an. Der junge Musiker von den Faröern habe ihr doch vor einigen Monaten so gut gefallen. Und die Platte »STAY UNDER THE STARS« erst, die hat sie sich nach dem Gig vom freundlichen Teitur selbst signieren lassen.

»Freundin«, seufze ich tief. »Es ist doch Länderspiel heute abend! Das heißt sozusagen Schweini, und ich bin bekennender Schweini-Fan, auch wenn er einen schlechten Tag hat. Und Kuranyi spielt wieder!«

»Ach, die spielen auch ein andermal! Lass uns mal spontan sein!«

»Na gut!«, stimme ich ganz leise grummelnd zu.  Durch Schneeregen kämpfen wir uns über rutschige Autobahnen zum wirklich wunderbaren Karlstorbahnhof, einem der angenehmesten Clubs in der Kategorie »überschaubarer mittelgroßer Veranstaltungsort«. Und die Laune wird schlagartig besser. Genug gejammert, denn dies wird eines der Konzerte, die noch den ganzen folgenden Tag eine intensive Wärme im Herzen hinterlassen. Von denen man mit glänzenden Augen erzählt.

Die erste Überrschung ist das sehr junge Publikum. Hatten wir doch gedacht, dass der intellektuell anspruchsvolleTeitur eine Fangemeinde aus der Kategorie »30plus« anziehen wüde. Nichts da! In den ersten Reihen tummeln sich die Girlies in den knappen, pastellfarbenen Shirts. Und die können fast alle Lieder auswendig mitsingen.

Ob es am schlunzig-ungelenken Charme liegt, mit dem sich Teitur auf der Bühne bewegt? Am seinem allerliebst färöisch eingefärbten Englisch? Oder ganz einfach an seinen Qualitäten als Songwriter und seiner unbestreitbaren Bühnenpräsenz? Ach, dieses Rätsel wollen wir jetzt nicht lösen. Sondern uns einfach darüber freuen, dass Teitur zu der angenehmen Kategorie Künstler gehört, die nicht Monat für Monat das gleiche Programm abspulen, sondern in ihrem Repertoire neue Akzente setzen und Songs neu arrangieren und interpretieren. Begleitet von zwei zurückhaltenden Begleitmusikern an Bass und Schlagzeug, die eine Plattform bauen, von der aus Teitur abheben kann.

Eine Jukebox der besonderen Art kündigt der immer leicht zerknautscht wirkende Musiker für den Abend an: Das gesamte aktuelle Album will er in der korrekten Reihenfolge herunterspielen. Vom verträumten Liebeslied »Don´t Want You To Wake Up« bis zu »All My Mistakes«, einer kleinen Hymne für alle, die glauben, dass Fehler manchmal das Beste im Leben sind.

 Das Heidelberger Publikum hat Teitur spätestens nach dem dritten Song auf seiner Seite. Er wechselt zwischen Klavier und Gitarre, guckt verschmitzt von unten wie Lady Diana, radebrecht auf deutsch und vergleicht das Heidelberger Schloss mit den tausenden von Schlössern, die auf den Faröern herumstehen. Und singt sich derweil die Seele aus dem Leib. Das tut er so intensiv, dass es akute Herzschmerzen verursacht. Und außerdem lernen wir, warum »Eleanor Rigby« Teitur inspiriert. »All The Lonely People, Where Do They All Come From?«: Teitur will diese Frage beantworten. Und nimmt in seinen Songs etwa die Perspektive von dem komischen Typen ein, der das Karussel auf dem Rummelplatz betreut. Das ist sehr klassisch und trotzdem überraschend.

Ganz zum Schluss kommt er zur zweiten Zugabe alleine mit der Akustik-Gitarre auf die Bühne und spielt die zwei schönsten Songs vom ersten Album »POETRY AND AEROPLANES«. »Josephine«, eine Liebeserklärung an eine Kindheitsfreundin. Und »I Was Just Thinking«, der ultimative Schwanengesang auf  bröckelnde Fernbeziehungen. Das ist so schön, das man fast das Atmen vergisst und das entfernte Gläserklingen von der Bar draußen als unerhörte Störung empfindet.

Wir sollten unbedingt mehr auf unsere Freunde hören! Ääähm, und wer war nochmal Schweini? 

23. Januar 2007

Grindwaljagd auf den Färöer Inseln – Zwischen Barbarei und Tradition

 »Raske drenge, grind at dræbe det er vor lyst« (»Flinke Jungen, Grind zu töten das ist unsere Lust«) – so lauten Worte der bekanntesten Grindwal-Weise der Färinger. Gesungen wird sie, wenn Grindaboð ausgelöst ist, der Grindalarm. Schnell werden Boote zu Wasser gelassen, um die gesichtete Walschule mit möglichst vielen Motorbooten einzukreisen und in eine flachanlandende Bucht zu treiben, wo sie getötet werden. Da die Säuger ohne ihre Leittiere als soziale Gruppe nicht existieren können, werden ausnahmslos alle Tiere, auch säugende Mütter und Jungtiere geschlachtet. Noch heute hat die Grindwaljagd auf den Färöer Inseln Priorität im Alltag seiner Bewohner. Selbst Gottesdienste sollen schon unterbrochen worden sein, als eine Sichtung von Walschulen ausgerufen wurde.

Was für Außenstehende barbarisch anmuten mag, unterliegt einer sich fortentwickelnden kulturellen Tradition und markiert den Alltag auf den abgelegenen Inseln. Ehemals als Hauptnahrungsquelle genutzt, ist die heutige Waljagd allerdings keine zwingende Notwendigkeit zur Lebenserhaltung mehr. Als Fischernation ist der symbolische Charakter und das soziale Motiv jedoch weiterhin in der eigenen Wahrnehmung wichtig. Der Fang wird unter den Einwohnern aufgeteilt – auch diejenigen, die nicht am » Grindadráp« (so der Fachausdruck) teilgenommen haben, bekommen ihren Anteil. Das stärkt Zusammenhalt und stiftet kulturelle Identität.

Zunehmend werden aber auch kritische Stimmen auf den Färöern laut, die um das internationale Ansehen fürchten – angesichts der Fotos sicherlich eine allzu verständliche Reaktion. Dennoch ist das traditionsbehaftete Denken nicht nur unter den alten Färingern weit verbreitet – auch die jüngeren neh men davon keinen Abstand. Tote Wale haben für sie nicht den expliziten Schockeffekt, der es der deutschen Wahrnehmung sicherlich erschwert, beim Anblick von sich rot färbenden Meeresabschnitten, aufgeschlitzten Walföten und sich verzweifelt wehrenden Grindwalen Objektivität zu wahren. Die Färinger blenden den emotionalen Part aus. Für sie ist es eine natürliche Art der Fleischgewinnung, die in anderen Gesellschaften hinter den Türen von Schlachthöfen abseits der tagtäglichen Wahrnehmung in noch stärkerem Maße stattfindet. Ein Fakt, der aus deutscher Sicht nicht zu leugnen ist. Zudem sei diese Jagd nicht durch moderne Fangflotten industrialisiert. Tierschützer hingegen argumentieren mit der guten Versorgungslage der Färöer durch andere Fisch- und Fleischprodukte (die vor allem nicht derart Schwermetall belastet sind als die Meeressäuger) und die schonungslosen undhochtechnisierten Jagden mit »Frühwarnsystemen« von Flugzeugen aus, die den Grindwalen keine Chance des Entkommens lassen.

 Lückenlos sind jedenfalls die geführten Statistiken über die Grindwaljagd seit 1709. Bis einschließlich 2005 wurden 1850 Walschulen zusammengetrieben. 255.467 Tiere fanden den Tod. Nicht mitgezählt sind andere Walarten wie Weißseitendelphine, von denen alleine 2006 beim »Grindadráp« am 26. August in Hvalba 250 Tiere getötet wurden. Die Färöische Regierung legt wert auf die »humanen« Tötungsmethoden, die gesetzlich verankert wurden. Wurden bis 1993 die lebenden Grindwale bisweilen noch mit einem Spitzhaken, der ihnen durch das Blasloch in den Leib gerammt wurde, an Land gezogen. So ersetzt dies heute ein abgerundeter Haken, der die Leidenzeit verringern soll. Mit einem scharfen Messer werden dann schnell und fast schmerzfrei Rückenmark und Halsschlagader zertrennt. Selbst über die Schlachtungsmethoden gibt es akkurat geführte Statistiken: Durchschnittlich stirbt heutzutage ein Wal inzwischen binnen 30 Sekunden. Doppelt so schnell wie noch vor fünfzehn Jahren. Der große »Grindadráp« am 07. August 2006 in Gøta dauerte gerade einmal zwanzig schreckliche Minuten. 131 tote Grindwale notierte der Aufseher der Kommune auf seinem Zettel.

08. Dezember 2006

Und jetzt etwas ganz anderes: Literatur (Teil 1)

Ich lag auf dem Weg, lange schon. Lag mitten auf der nassen Straße, das Gesicht auf dem Asphalt gedrückt, es regnete, es war Nacht. Im Umkreis von Kilometern kein einziger Baum, nur Bergrücken und steile Berge, bedeckt von kurzem, grünem, in der Dunkelheit fast grauem Gras, das im Wind vibrierte. Ich hatte Hunger, konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt etwas gegessen hatte, aber es musste fast einen Tag her sein. Wir waren an Land gegangen, waren in Tórshavn angekommen, ich konnte mich aber nicht erinnern, was wir dann getan hatten, alles lag in einem diffusen Brei, irgendwo weit hinten in meinem Gehirn. Mir war übel, mein Kopf tat weh, als ich mich aufsetzte, immer noch mitten auf der Straße. Die linke Hand pochte vor Schmerz, schmutzige Finger, blutige Knöchel, keine Erklärung.«

Mattias. Ein junger Mann. Aus Stavanger. Sein Idol: Buzz Aldrin. Astronaut, NASA, erste Mond-Mission; der Mann hinter Armstrong. Auch Mattias will nicht nach vorne, will nie den ersten Schritt machen. Zweite Reihe, unauffällig sein, reicht. Eben hatte er noch einen Job, als Gärtner. Eben hatte er noch eine Freundin, Helle, seine Jugendliebe. Vorbei, vorbei.

Doch nun ist er plötzlich auf den Färöer Inseln gelandet. Und dort in dem Kaff Gjógv untergekommen, äußerster Rand. Zusammen mit anderen jungen Leuten, die gleichfalls nicht recht wissen, was das Leben für sie bereithält, möglicherweise. Plus Havstein, der Psychiater. Und eine lange Zeit der Rekonvaleszenz, der Krisen, der Heilung auch beginnt, während der färöische Regen jeden Tag seinen Job erledigt.

Es gibt auch ein paar Popavancen in diesem wunderbaren Roman des Norwegers Johan Harstad: Eine Band aus Stavanger, die nach Tórshavn reist; eine Heldin, der es reicht, alle CDs von The Cardigans zu haben, die nur The Cardigans hört, nichts anderes, so dass am Ende des Buches so gut wie alle The Cardigans-Titel (»First band on the moon«) einmal erwähnt wurden. Und es gibt Abende im Cafe Natúr im Hafen von Tórshavn, wo im Sommer jeden Abend jemand spielt, jedenfalls meistens.

Aber das ist es nicht, was entscheidend ist: Es ist der Sound der Sprache; der Klang, der so mit leichter Hand ineinander geflochtenen Sätze, der fasziniert und einen gefangen nimmt und durch die Seiten treibt. So einfach und so präzise und auch so beharrlich ist in letzter Zeit selten erzählt und geschrieben worden. Also: Losrennen, das Buch besorgen. Oder es sich schenken lassen. Is’ ja bald Weihnachten.

Johan Harstad
Buzz Aldrin – wo warst du in am dem Durcheinander
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Piper Verlag, München, 2006
605 Seiten, 22,90 €

 
Seite 3 von 41234