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Foto nordische Landschaft

23. Februar 2014

Finnische Merkwürdigkeiten: Suomen Zorro & Elämän Paineet

Die Finnen stehen im Ausland in dem Ruf, merkwürdige Kauze zu sein. Die sich am liebsten mit eigenwilligen und abseitigen Dingen beschäftigen, die so schnell keinem außerhalb der Landesgrenzen in den Sinn kämen. Und dabei am liebsten schweigen. Die Filme von Aki Kaurismäki und die Romane von Arto Paasilinna scheinen dieses Klischee nur zu bestätigen. Und die alljährlichen Berichte von Wettkämpfen im Gummistiefel-Weitwurf oder Weltmeisterschaften im Luftgitarre-Spielen verfestigen die Klischees. Dabei sind doch eher andere Dinge merkwürdig: Die FAZ macht sich heute über den Fußballer Toni Kroos lustig, nur weil sein Lieblingsmusiker James Blunt ist. Und folgert daraus, dass dieser 24-jährige ein unverbesserlicher Biedermann ist. Über die musikalischen Qualitäten von James Blunt kann man streiten, aber Herr Kroos hört vielleicht mal andere Musik, wenn er über 30 ist. Und vielleicht gründet er sogar irgendwann sein eigenes Plattenlabel, wie es Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl getan hat! Ihr seid hier merkwürdig, Edeldfedern aus Frankfurt!

Aber ich schweife ab. Denn es gibt die nachdenklichen, krausen Töne finnischer Musiker zu entdecken, deren musikalisches Projekt unter der Flagge Suomen Zorro & Elämän Paineet segelt. Was übersetzt so viel heißt wie »Der finnische Zorro & der Druck des Lebens«. Für die Findung dieses Namens schon mal Respekt. Das Quintett aus dem finnischen Süden beschreibt den eigenen musikalischen Stil als »dunklen Traum-Folk« und liegt damit schon mal ziemlich richtig. Erfasst aber diese Einsamkeit und Grübelei nicht, die diesen tastenden Tönen eigen ist. Die Fünf erzählen Geschichten, die Zeit und Raum brauchen und bloß nicht verkürzt werden dürfen. Auch ohne Kenntnis der Landessprache erschließt sich hier, dass hier jemand mit wachen Augen durch den Alltag spaziert und sich seine eigenen Gedanken spinnt. Die finnischen Zorros haben gerade neues Material herausgebracht, darunter die Single »6 Syliä« (sechs Fäden), in der ein verirrtes Piano seinen Weg durch die Wirren des Lebens sucht. Dabei sei tastend und mitunter sogar sogar zärtlich vorgeht. Und Fragen stellt. Was viel schwieriger ist, als mit einfachen Erklärungen aufzuwarten. Dank geht an den unermüdlichen Bloggerkollegen Vesa Lautamäki von One Chord To Another für die Empfehlung!

13. Februar 2014

Seelenfrieden gefunden, Herr Joensuu?

Lange hat man gewartet, bis neue Töne von Mikko Joensuu zu hören waren. Der ehemalige Sänger und Gitarrist von Joensuu 1685, einer der aufregendsten Bands,die in den letzten Jahren aus Finnland kamen, war jahrelang untergetaucht. Betätigte sich in Nebenprojekten. Der Track »(You Shine) Brighter Than Light« vom selbst betitelten Debütalbum aus dem Jahr 2008 aber rangierte nach wie vor ganz vorne auf der Liste persönlicher Lieblingssongs. Mikko Joensuu tauchte immer mal wieder an den Rändern auf. Unvergessen sein großartiger Auftritt beim Flow Festival in Helsinki vor zwei Jahren, als der Musiker als Mischung zwischen Waldschrat und wiedergeborenem Christen auftrat und seine gequälte Seele scheunentorbreit öffnete. Die Intensität dieses ungemein begabten Mannes war kaum auszuhalten an diesem Nachmittag. Tiefste Nacht hätte es sein müssen!

Um so erstaunlicher, dass er sich in »Land Of Darkness/Lake Of Fire«, seiner ersten offiziellen Veröffentlichung als Solomusiker, für seine Verhältnisse gelassen und entspannt präsentiert. Hat Mikko Joensuu seinen Seelenfrieden gefunden, obwohl hier weiterhin viel von Dunkelheit, Jesus, Tod und Teufel die Rede ist? Denn scheinbar ist für den Mann mit den strähnigen blonden Haaren das gelobte Land in Sichtweite gerückt. Dass die Welt des Herrn Joensuu plötzlich in Sonnenstrahlen getaucht ist, daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Sei´s drum: Der Track ist ein feines, krautrockig ausuferndes Meditationsstück, das den üpppigen 70er-Synthiewelten von Vangelis nahesteht. Aber Mikko Joensuu wäre nicht er selbst, wenn der Track nicht in eine Auseinandersetzung mit Glaubensfragen wäre und der liebe Gott mit kindlichem Vertrauen angerufen würde. Um Coolness hat sich Joensuu noch nie geschert, und das ist gut so. Psychedelische Glaubenspflege ist eher sein Ding. Und hey: Der finnische Musiker versteht es hier sehr schön, Spannungsbögen aufzubauen, um schlussendlich in hymnische Gesänge auszubrechen.

Mikko Joensuu – Land of Darkness (official video) from Fullsteam on Vimeo.

(Foto Jonathan Ben-Ami)

09. Februar 2014

Zu viel der Bescheidenheit! Petit Zeus

Zu den finnischen Nationaltugenden gehört demonstrative Bescheidenheit. Sich in irgendeiner Form in den Vordergrund schieben und vielleicht gar noch selbstbewusst von den eigenen Erfolgen erzählen, wie es die Amerikaner so gerne markig tun: In einem Land, in dem das Schweigen eine Kunstform bildet, stellt jegliche Art von übertriebener Selbstinszenierung einen Fauxpas dar. So erfahren wir folgerichtig nicht, wer denn genau hinter dem feinen Elektronikprojekt Petit Zeus aus Pori steckt. Die Fotos auf der Facebook-Seite zeigen einen blassen, bebrillten Nerd, der zuhause in der karierten Schlafanzughose an seinen technischen Gerätschaften vor sich hinwerkelt. Der Namenlose aus der südfinnischen Hafenstadt charakterisiert seine eigene Musik als »elektronisch, menschenfeindlich und katatonisch«. Junger Mann, lass mal nach! Du magst ein Eigenbrötler sein, aber Du verstehst Dich doch bestens auf die feinen Zwischentöne und das Erzählen von luftigen Geschichten! Und mitunter geht es in Songs wie »There’s Such A Lot Of World To See« fast schon fröhlich und ansatzweise übermütig zu, bevor dieses schlauen Synthies einsetzen, die das ganze dann doch wieder ins Sensibelchen-Land tragen.

Petit Zeus liebt es minimalistisch. Flirtet verhalten mit Dark-Ambient-Tönen. Lässt sich alle Zeit der Welt, damit sich die Dinge in ihrem eigenen Tempo entwickeln und eine verhaltene Schönheit entfalten können. Man muss Geduld haben mit diesen Songs, die sich nicht für hastiges Hineinhören eignen. Hier wird mitunter mit langem Atem erzählt und fast schon postrockig hart an der Zehn-Minuten-Grenze ausgeufert. Dies ist vor allem in den etwas älteren Tracks der Fall, wie im raumgreifenden Klanggedicht »January Embers 1«, in dem experimentellere Töne angeschlagen werden. Vielleicht eine kleine Verbeugung vor der Tradition der Postrock-Hochburg Pori, die von stilbildenen Bands wie Circle geprägt wurde? Aber wenden wir uns lieber dem Heute zu, denn Petit Zeus ist in den vergangenen Monaten sehr aktiv, um nicht zu sagen: fleißig! gewesen. So hat er Ende November die EP »Windy City Soul« vorgelegt, der man zur Gänze via Bandcamp lauschen kann. Bereits jetzt, Anfang Febuar, folgt das Album »WENDY VOID«. Auf keiner dieser Veröffentlichungen findet sich allerdings das feine »Floodgates«, durch das man sich mühelos in intelligent verträumte Zustände versetzen lassen kann. Und irgendwann dringt sogar die Sonne in diese abgedunkelten Räume. Und zwar just in dem Moment, in dem man »hach, Vangelis!« seufzt.

Petit Zeus – Floodgates from Lauri Hannus on Vimeo.

Foto und Video: Lauri Hannus. Danke Lauri, ich bin Dein Fan!

10. Januar 2014

Rückblick 2013: »Deep shadows and brilliant highlights«


Meine persönlichen Tiefpunkte »Deep Shadows« und die Höhepunkte: »Brilliant Highlights« im Jahre 2013:

ALBEN

Höhepunkte:
siehe meine Charts 2013

Tiefpunkte:
Witchgrave – »WITCHGRAVE«
Screamer
– »PHOENIX«
NiteRain – »CROSSFIRE«
One Inch Giant – »THE GREAT WHITE BEYOND«
Aratic – »TO THE EARLY GRAVE«
Skirmish – »JET BLACK DAYS«
Amorphis – »CIRCLE«
Battle Beast – »BATTLE BEAST«

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27. Dezember 2013

Tiefe Wasser: Virta

Wie sich Töne tiefer Wasser anhören? Ein wenig jazzig vielleicht? Oder auch postrockig? Wenn es nach Virta ginge, käme auch noch eine experimentelle Note hinzu. Die teils bebrillten, teils betollten Jünglinge aus Helsinki spielen mit Gitarre, Schlagzeug, Trompete und Elektronikkram auf. Sehr selten wird gesungen. Die EP »TALES FROM THE DEEP WATERS« ist schon vor rund einem Jahr herausgekommen, aber beginnt erst jetzt allmählich, auch in Resteuropa Wellen zu schlagen. Diese Jungspunde lieben es vertrackt, kompliziert und vielschichtig. Und strahlen dabei eine selbstverständliche Souveränität aus, so dass der ganze Überbau überhaupt nicht wuchtig, sondern leicht und luftig daherkommt. Die Trompete von Antti Hevosmaa steht selbstbewusst im Mittelpunkt, ohne die anderen Mitspieler zu erschlagen. Dass hier sofort Miles Davis in den Sinn kommt, dürfte der Musiker als Kompliment auffassen. Auf der Debüt-EP gefällt besonders der (post-)rockigere Track »Traffic«, der wunderbar zwischen den Stilen galoppiert, aber sich nirgendwo anbiedert. Und der immer wieder für überraschende Schlenker gut ist. Das ist sicherlich nicht beim ersten Hören zugänglich, aber passt bestens zu späteren Nachtstunden, wenn der Wind ums Haus fährt und es endlich kälter wird. Und zumindest ein Teil des buntblinkenden Weihnachtslichtschmucks endlich erlischt.

In »TALES FROM THE DEEP WATERS« kann man zur Gänze via Bandcamp hereinhören. Und sich daran erfreuen, dass das Trio ausführliche Blicke in Richtung experimentellen Psychedelikrock wirft, was kein Wunder ist, kommen doch so stilbildende Bands wie Circle oder Magyar Posse aus der nicht zu weit entfernten Küstenstadt Pori. Und während die Bloggerkollegen von Lie In The Sound superfleißig waren und sogar schon ihre Lieblingsalben des Jahres 2013 gekürt haben, gönne ich mir lieber den Luxus des Unentschlossenseins und lasse mich stattdessen lieber von dieser wendigen Trompete auf »Afrikan Tähti« davontragen. Die so völlig unberechenbar ist wie eine Springmaus. Und mitunter tatsächlich so strahlt wie der titelgebende afrikanische Stern.

Foto: Tero Ahonen

 
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