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Foto nordische Landschaft

01. Februar 2012

SLKJ: Der finnische Löwe und der tote Hase

Als ich Emily Cheeger das erste Mal sah, saß sie, den Tränen nahe, auf den steilen Stufen im Schmuddelkind-Club Ponyhof in Frankfurt-Sachsenhausen. Es war Sonntag, es regnete, ihre Katze daheim in Finnland war gerade gestorben und der einzige Konzertbesucher, der sie und ihre Band Vuk an diesem Abend live sehen wollte, das war ich. Eine skurile Situation. Wir redeten alle durcheinander und versuchten, Emily aufzuheitern. Mit wenig Erfolg. Der einsame Tresenmann vom Ponyhof war eben von seiner Freundin verlassen worden. Seine Leidensgeschichte hellte die allgemeine Laune nicht auf. Der Booker war bedröppelt und der Vuk-Schlagzeuger ließ sich aus lauter Frust nicht mehr blicken. Emily bot an, auch ein Konzert nur für eine einzige Person zu spielen. Das war mir dann doch zu peinlich. Die Geschichte dieser Tour endete wenige Tage später für Emily doch einigermaßen versöhnlich, weil das Publikum im Heidelberger Karlstorbahnhof in ausreichender Zahl die finnische Künstlerin mit amerikanischen Wurzeln sehen wollte. Ihrem eigenwillig-traumverlorenen Hexenwelt-Pop ebenso genoss wie ihre schrulligen Piano-Moritaten. Und aufmerksam ihrer ausdrucksstarken Stimme lauschte.

Das Projekt Vuk gibt es immer noch, ein neues Album ist in Arbeit und für den Sommer sogar eine neue Deutschland-Tour geplant. Aber in der Zwischenzeit begibt sich Frau Cheeger nochmals auf Abwege. Gemeinsam mit ihrem musikalischen Mitstreiter Junnu Alajuuma hat sie das experimentelle Synthie-Projekt SLKJ (Suomi-Leijona ja Kuollut Jänis) aus der Taufe gehoben. Übersetzt: Der finnische Löwe und der tote Hase! Das Duo hat drei Songs auf Soundcloud veröffentlicht, die verspielter, melodramatischer und rhythmischer klingen als Vuk pur und natürlich vom Todesengel und dem sinnlichen Vergnügen an der Rebellion handeln. Irgendwo zwischen Jenseits-Sehnsucht und Tanzfläche herum irrlichtern und auf eine angenehme Weise beunruhigend sind. Nachtmusik, dunkel leuchtend, wenn alle Lichter ausgehen.

08. Januar 2012

Mein letztes Konzert 2011: Amorphis im Karlsruher Substage


Tatort: Das NEUE Substage, Karlsruhe
Tatverdächtige: Tomi Joutsen – die längsten Dreads im Metal-Business?
Tatzeit: Stuttgart mal zwei
Tat-Zeugen: 700 – von 1000 möglichen Besuchern

Einen perfekten Abschluss des Konzertjahres 2011 verdanken die Fans Amorphis – zumindest die 700 Zuschauer, die am 30. Dezember 2011 im Karlsruher Substage stehen.

Obwohl ich Amorphis unzählige Male, vor allem in Finnland, gesehen habe (Tuska, Ankkarock, Ruisrock, Summer Breeze), habe ich sie nur einmal als Headliner in einem Club gesehen:
1997 bin ich extra mit zwei Freunden nach Strasbourg gefahren; in der Laiterie stand damals noch Pasi Koskinen am Mikro. Die Band hatte gerade mal drei Alben sowie einige Mini-CDs veröffentlicht und spielte live einen Mix aus Death Metal plus Keyboard (»TALES OF THE THOUSAND LAKES«) und psychedelischem Death Metal mit Folkeinlagen (»ELEGY«). Lang lang ist’s her.

Schon seit 2005 ist der Mann mit den vielleicht längsten Dreads im Metal-Business Amorphis-Fronter: Tomi Joutsen. Kurz nach halb zehn betreten er und seine Jungs mit »The Song of the Sage« die Bühne. Joutsen (übrigens »Schwan« auf Deutsch) ist der perfekte Fronter, er sucht den Kontakt zum Publikum, heizt die Stimmung an und inszeniert mit ausgesucht Kopfschwüngen seine Dreads. Die Fans eifern ihm nach, schwingen ihre Mähnen zu den Songs, die zunächst vom aktuellen Album »THE BEGINNING OF TIME« stammen.

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04. Januar 2012

Über die Wüste und in die Wälder mit den Burning Hearts

Wer glaubt, nur Schweden beherrschten die Kunst des elegant schwebenden, schwerelosen Kammerpop, der wird sich bei diesen Finnen die Augen reiben. Burning Hearts, das Duo bestehend aus der fabelhaften Chanteuse Jessika Rapo und dem Schlagzeuger Henry Ojala, bewegt sich geschmeidig durch fein ausgeformte Sehnsuchtswelten, die den entscheidenden Schritt vom gefällig-pastelligen Anorakpop entfernt sind, weil sie Tiefe haben. So einfach sind die Dinge mitunter. Burning Hearts werden von sanft flackernden Flammen umhüllt. Aber verbrennen tun sie nicht.

Manchmal sind Brüche gut, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Henry Ojala hat den Smiths-Epigonen Cats on Fire den Rücken gekehrt, um einen viel versprechenden Seitenpfad zu seinem Hauptprojekt zu machen. Burning Hearts haben mit »ABOA SLEEPING« bereits vor Jahren ein Debüt mit Substanz vorgelegt, damals noch sehr dem schüchtern-tastenden Folkpop verpflichtet. Heute lassen Burning Hearts das sorgsame Tappsen entschieden hinter sich, treten mit ganzer Sohle auf und sagen: Hier sind wir! Selbstbewusst. Kraftvoll. Temperamentvoll. Offen. Lassen eine leise Traurigkeit mitschwingen. Die Dinge und die Songstrukturen sind komplex. Und das ist gut so. Anfang Februar bringt das Turkuer Label Solina Records den Burning-Hearts-Zweitling »EXTINCTIONS« heraus, und die erste Kostpobe »Burn Burn Burn« läuft bereits das siebte Mal in Folge, ohne irgendwelche Abnutzungserscheinungen zu zeigen.

Burning Hearts: Burn Burn Burn by Solina Records

01. Januar 2012

Die besten skandinavischen Gigs 2011

Wie jedes Jahr kommen wir bei Nordische Musik mit unseren besten Alben des Jahres nicht zu zeitnah zu Potte. Na und? Muss jeder seine Liste schon am 1. Dezember fertig ausformuliert haben? Pfui Blödsinn! Also sinne ich eben am ersten Tag des neuen Jahres über die besten skandinavischen Gigs von 2011 nach, lächle, sortiere, wäge ab und entscheide frei nach dem feinen Ratschlag der Berliner Bloggerkollegin Dörte Heilewelt, dass es genau die Konzerte sein werden, die sich so anfühlen, als seien sie gestern gewesen.

10. Raised Among Wolves beim Iceland Airwaves Festival, Reykjavik. Es gibt sie trotz aller Stereotypen, die Liebe auf den ersten Blick. Eine Handvoll junger Dänen, in Wo-Die-Wilden-Kerle-Wohnen-Kostüme gehüllt, die ihre eigene, sehr liebevolle Variante des Alice-Im-Wunderland-Pop spielen. Romantisch, hingebungsvoll, euphorisch, großäugig, geradezu feierlich. Mit der triumphierenden Trompete von Daniel Bonde. Hach, das könnte etwas werden!

9. Magenta Skycode beim Flow Festival in Helsinki. Die Band um Mastermind und Sänger Jori Sjöroos liebt das gepflegte Pathos und die große Geste. Funktioniert das am hellichten Nachmittag auf der Hauptbühne? Und wie! Große Herzschmerz-Hymnen brauchen keine nächtliche Schwärze, um zu glitzern wie dick aufgetragener Sternenstaub. Außerdem ist es großartig, die finnischen Freunde fast allesamt rundum versammelt zu haben und sich gemeinsam zu freuen. Man genießt und lächelt und fragt sich, wann Resteuropa endlich von dieser großartigen Band Notiz nehmen wird.

Magenta Skycode – Kipling music video from Flatlight Films on Vimeo.

8. Minä Ja Ville Ahonen auf dem Flow Festival in Helsinki. Das schrullige Debütalbum der merkwürdigen Finnen hatte sich unauffällig in mein Herz geschlichen wie eine Katze auf Mäusepirsch. Um so gespannter darauf, die Band endlich einmal live zu erleben und holla! Was für eine leidenschaftliche Orchestrierung großer Gefühle. Als stiller Waldschrat anfangen, als ausflippender Derwisch enden. Man schüttelte sich nach dem Konzert wie ein pitschnasser Hund und fragte sich: Was war das denn? Gut so!

Minä ja Ville Ahonen: Sano from samuli laine on Vimeo.

7. Team Me beim Reeperbahnfestival in Hamburg. Einfach wunderbar, wie diese Großgrupppe hochtalentierter norwegischer Jungspunde ein kreatives, sehr tanzbares Chaos aus sämtlichen Versatzstückchen der Popgeschichte veranstaltet! Euphorisierend und überraschend, blubbernd und steppend, fröhlich und übermütig. Sängerin Synne hüpft über die Bühne wie eine Hummel, die in ein Honigglas eingesperrt wurde. Unwiderstehlich! Im Januar kommt ihr Debütalbum »TO THE TREETOPS!« in Deutschland heraus, schon ein Grund, sich aufs neue Jahr zu freuen!

Team Me “Dear Sister” official music video from Propeller Recordings on Vimeo.

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29. Dezember 2011

Nachweihnachtliche Bescherung vom Soliti-Label und 7oi

Eigentlich sind alle Geschenke bereits ausgepackt und das Weihnachtspapier brav in der blauen Tonne entsorgt, da gibt es kurz vor Neujahr noch späte Präsente aus dem Norden, aus Finnland und Island, um genauer zu sein. Fangen wir mit Suomi an. Dort hat Nick Triani, der umtriebigste Brite im Land der vielen Seen, in diesem Jahr sein neues Label Soliti aus der Taufe gehoben und bekanntere Acts wie Cats On Fire und Astrid Swan, aber auch einige der interessantesten Newcomer wie The New Tigers, Big Wave Riders und Black Twig unter seiner Flagge versammelt. Zur Feier des erfolgreichen Starts beschenkt Mr. Triani die Welt jetzt mit »THE SOLITI ZIP« und damit der ersten Compilation des Labels. Kostenlose herunterladen kann man neue Songs, erprobte Songs und Remixes, unter anderem von Frickel-Meister Jori Hulkkonen und von den schändlicherweise hierzulande immer noch weitgehend unbekannten, schlauen Folkpop-Träumern Burning Hearts mit der wunderbaren Jessika Rapo an den Vocals. Spaß macht die Jahresendpost aus Helsinki auch deshalb, weil alle Beteiligten nicht ganz alltägliche Best-Of 2011-Listen angelegt haben. So erfährt man also, dass Ober-Cat-On-Fire Mattias Björkas Fussballfan ist und Teemu Pukki für den besten im Ausland kickenden finnischen Ballartisten hält (der schlechteste ist Mikael Forsell von Leeds United!), dass Astrid Swan die Biographie von Diane Keaton mit Gewinn gelesen hat und Aki von den Black Twigs den dunklen, schneelosen Dezember in Finnland für das schlimmste Ereignis des Jahres hält.

Das nehme ich doch gleich zum Anlass, Black Twig im Ton vorzustellen. Das Debüt der Vier aus Helsinki mit dem schönen Titel »PAPER TREES« erscheint am 11. Januar bei Soliti und pflegt eine fuzzige, coole Form des klassischen (britischen) Indierocks mit deutliche psychedelischer Grundströmung und ist von angenehm unaufgeregter Dringlichkeit.

Latest tracks by blacktwigmusic

Das zweite verspätete Weihnachtsgeschenk kommt vom empfindsamen Elektronik-Shoegazer 70i, aus Island, der in einer Geste der Großzügigkeit alle seine bislang erschienen vier Alben eine Woche lang zum kostenlosen Download zur Verfügung stellt. Jóhann Friðgeir Jóhannsson, alias Jói, treibt sich mit Vorliebe in pastellfarben blaugrünen, angenehm verschwurbelten Gegenwelten herum, durch die die Dinge nur auf Zehenspitzen tänzeln und die Gewissheiten allmählich schwinden. Eine schöne Entdeckung auf dem Weg, einen der Neujahrsvorsätze für 2012 umzusetzen: Entschleunigung!

The Cherry Orchard from 7oi on Vimeo.

 
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