Home
Foto nordische Landschaft

08. Januar 2017

Untergangs-Glam mit den Lowlife Philosophers

Wie konnte ich nur all die Jahre ohne die Stimme von Noora Tommila leben? Frage ich mich, als ich beim überfälligen Ausmisten des Plattenschrankes unverhofft auf »VIOLENT CALM« stoße, dass eindrucksvolle Debüt der finnischen Experimentalrockster Lowlife Philosophers? Hereinhören via Bandcamp unbedingt empfohlen, allen voran der wunderbare Siebenminüter »Sunbeams«!

Noora Tommila ist sowieso unvergessen als Sängerin der Weltende-Ästheten Eleanoora Rosenholm, die ebenfalls exzellente und in Resteuropa unbeachtet gebliebene Meisterwerke vorgelegt haben. Wer ein paar Minuten Zeit hat, sollte sich das subtil verstörende Video zu »Maailmanloppu« anschauen, in dem aus dem Männermord von Frauenhand eine Kunstform wird. Die Lowlife Philosophers und Eleanoora Rosenholm und viele andere experimentelle Bands wie Circle oder Magyar Posse stammen alle aus Pori, einem finnischen Küstenstädtchen, das ein wahrerer Tummelplatz experimentierfreudiger Exzentriker ist.

Von den Lowlife Philosophers hatte ich lange nichts mehr gehört und wähnte die Band eigentlich dahingeschieden, wie so viele andere auch. Von den mausgrauen Realitäten des Erwachsenenlebens eingeholt vielleicht? Stimmt nicht, wie eine kleine Recherche ergibt! Zwar gab es personelle Umbesetzungen, aber die Kernmitglieder sind immer noch dabei. Haben vor nicht allzu langer Zeit ihr drittes Album »SAME REVOLUTION TWICE« vorgelegt. Und hurra: Die Philosophers pflegen weiterhin leicht jazzige Untertöne, sind aber dem Progressive Rock in seiner wilden, eigentümlichen Pori-Ausprägung ebenso zugeneigt. Und zelebrieren einen düsteren Glam! Und über allem schwebt die verwunschene Stimme von Noora Tommila! Der feine Track »Doomed« ist übrigens von erstaunlicher Leichtigkeit!

(Foto: Lauri Hannus)

28. Oktober 2016

Die spinnen die Finnen: »hydraulic press channel«

Am 31. Oktober 2016 feiert der »hydraulic press channel« (HPC) sein einjähriges Jubiläum. Der HPC ist ein YouTube-Kanal des finnischen Fabrikanten Lauri Vuohensilta und seiner Frau Anni. Gestartet im Oktober 2015, veröffentlichen sie dort Videos von verschiedenen Objekten, die sie in einer hydraulischen Presse zerquetschen.

Am 31. Oktober 2015 veröffentlichten sie den erfolglosen Versuch ein Stück Papier mehr als sieben Mal mit der hydraulischen Presse zu falten – inzwischen wurde das Video mehr als 11 Millionen mal angeschaut.Der unerwartete Erfolg des Kanals veranlasste Lauri Vuohensilta weitere Videos für den hydraulic press channel zu produzieren.

Hier könnt ihr Euch selbst ein Bild des HPC machen:

06. September 2016

Ab in die Sonne mit den Merries! Bevor der Sommer endet

Finnische Bands müssen den weltweiten Rekord bei Songs halten, die sich mit Sonne und Sommer beschäftigen. Und bei skurrilen Do-It-Yourself-Videos sowieso. Allerhöchste Zeit, kurz vor dem offiziellen kalendarischen Herbstbeginn die Bekanntschaft der Merries zu machen! Das Sextett um den Gitarristen und Sänger Juuso Härmä hält die Werte des guten alten College-Indierock hoch und lässt die elektrischen Klampfen lustvoll jammen. Das sind unbekümmerte Töne für Menschen, die ihr Studium nicht in Rekordzeit abgeschlossen, sondern dem lieben Gott die Zeit gestohlen haben. Ach, ernsthaftes Erwachsenwerden, es ist uns damit nicht eilig! Diese entspannte Tagträumer-Attitüde lebt in den Song der Merries. Denken wir an die guten alten Replacements, denken wir an die Lemonheads, dann kommen wir der Sache schon ziemlich nahe. Wobei die Merries sich durchaus kleine Ausflüge in ein Land gestatten, in dem man unerwartet glücklich, gar schon euphorisch ist! Das ist sehr charmant, das. Man muss diese Schluffis einfach ein bisschen liebhaben. Dass der Herzschmerz vom Liebesglück nur eine Turnschuhlänge entfernt ist, versteht sich von selbst. Die Merries haben jüngst ihr selbst betiteltes Debütalbum vorgelegt. Wo sie schwelgerisch lärmen und mitunter unerwartete Dinge tun und einer Hammondorgel eine tragende Gastrolle einräumen. Via Bandcamp kann man ausführlich in den Erstling hereinhören. Aber bevor der Sommer endet, genießen wir schnell noch das schrullige Video zum feinen Song “Travel To The Sun”.

24. August 2016

Ein blauer Fleck im Auge des Sturms: Kuningas Yrjö

Ob man mit dem Bandnamen Kuningas Yrjö eine Weltkarriere startet, das scheint zweifelhaft. Übersetzt aus dem Finnischen bedeutet das übrigens König Georg. Hinter den Ein-Mann-Projekt aus der Hafenstadt Turku verbirgt sich der Musiker Yrjö Saarinen, der bislang vor allem als Sänger der eigenwilligen Kinder-Melodika-Popster TV- Resistori aufgefallen ist. Wer schräge Lo-fi-Töne in der Tradition der unvergessenen Young Marble Giants mag, der sollte in das Werk der Resistoren unbedingt mal hereinhören. Aber zurück zu König Georg aus Turku! Der Mann hat kürzlich sein Debütalbum mit dem schönen Titel »MUSTELMA MYRSKYN SILMÄSSA« (Ein blauer Fleck im Auge des Sturms!) vorgelegt. Auch ohne Kenntnisse der Landessprache erschließt sich, dass diesr Herr schrullige kleine Alltagsbeobachtungen erzählt und die schlunzige, allerliebst unbeholfene Form des Charmes zelebriert. Kuningas Yrjö, dieser moderne Wiedergänger eines Waldschrats, malt die Welt erwartungsgemäß in himmelblau, sondern pflegt einen augenzwinkernden schwarzen Humor. Da gibt es Tracks namens »Portrait eines Unfalls« und andere Merkwürdigkeiten. Der schräge Do-It-Yourself, Lo-Fi-Pop ist so ganz die Domäne des Mannes aus Turku. Bewusst naiv, aber gar nicht harmlos kommen diese Töne daher. Die auf eine beunruhigende Art tiefenentspannt sind. König Georg ist mit sich im Reinen und jubelt uns in diesen kleinen Songs noch ganz unversehens Elemente des finnischen Schlagers unter. Via Soundcloud kann man ausführlich in das Werk dieses Schelms hereinhören. Besonders gefallen tut das beschwingte »Syntynyt Juokseen« mit seinen quietschlebendigen 60ies-Anleihen!

16. August 2016

Lasst uns mehr Kuchen essen: Rooxx

Es gibt Zeiten für Knäckebrot mit Essigurke und es gibt Zeiten für Schwarzwälder Kirschtorte mit extra Sahne. Jori Sjöroos alias Rooxx gehört unbedingt zur Tortenfraktion. Bei seinem Drang zum opulenten Drama, in dem die Emotionen zu majestätischem Synthies in Richtung Horizont und weiter aufbrechen, kann das nicht weiter verwundern! Auf dem Flow-Festival, das am vergangenen Wochenende in Helsinki stattfand, gehörte Rooxx glaubhaften Berichten zufolge zu den finnischen Bands, die mit den bleibendsten Eindruck hinterließen. Hinter Rooxx verbirgt sich allerdings kein unbekannter Newcomer, denn Jori Sjöroos ist ein Szeneveteran und hat mit seiner ehemaligen Band Magenta Skycode bereits vor Jahren bleibenden Eindruck hinterlassen. Wer wissen will, wovon ich rede, sollte sich die Zeit nehmen und in den Herzschmerz-Klassiker »Go Outside Again« anhören und ins Schwelgen geraten. »Ja, das ist Emotions-Overkill! Und nein, das ist nicht banal! Es ist im besten Sinne romantisch und geht mitten ins Herz«, schrieb ich schon damals. Beim neuen Projekt Rooxx dreht Sjöroos die Synthies so weit auf, dass Vangelis glatt neidisch werden könnte. Den Hang zum Cinemascope-Pop hat sich der Mann erhalten, erfreulicherweise. Rooxx werkelt beim bandeigenen Turkuer Label Solina Records an seinem Debütalbum, das Ende des Jahres erscheinen soll. Der melodramatische Track »Breathe In« ist ein vielversprechender Vorbote. Angst vor zu viel Gefühl hat dieser Finne bestimmt nicht! Und eins ist klar: Lasst uns mehr Kuchen essen!

 
Seite 3 von 5812345678...Letzte »