»Nein wie putzig!« denkt man sich. Da bitten drei fast noch minderjährige Nachwuchs-Indierocker namens Indian Trails via Twitter dringlich um Beachtung, und da man dem musikalischen Nachwuchs aus der Skispringermetropole Lahti grundsätzlich wohlwollend gegenübersteht, will man den Jungs den Gefallen gerne tun und offene Ohres in ihre Musik hineinhorchen. Nur: Das Medium ist der Botschaft vorausgeeilt, und auf Soundcloud findet sich zunächst nicht mal ein einziger Soundschnippsel aus dem kreativen Schaffen der Jungspunde. »Na prima, erst neugierig machen und dann im Regen stehen lassen«, denkt man amüsiert. Jungs, kommt mal bald zu Potte!
Es gibt inzwischen aus dem Indian-Trails-Land gleich zwei gute Nachrichten: Jawohl, Vollzug!, der Song »Light Cuts Shapes Sharp« steht zum Anhören bereit, und ja, er benötigt genauso wie die Jungs ein bisschen Anlaufzeit, aber dann macht er gleich viel Spaß und gehörig Tanzlust. Die drei jungen Herren wissen offenkundig, wie man Refrains mit hohem Wiederkennenungswert schreibt, und mit flotten Tempowechsel eine schöne Dynamik erzeugt, Respekt. Kommen cool daher, aber pflegen eine übermütige Verspieltheit, die dann doch mit einer Schuhspitze im Poplager steht. Mögen die großen Vorbilder zehn Mal Strokes oder Mando Diao heißen. Zwischen den Noten klingen Indian Trails dezidiert dicklippig britisch oder schottisch, sagen wir laut Fratellis und ganz leise Oasis. Und ureigentlich geht es hier ums Lebendigsein, ums Glücklichsein, hier und jetzt. »Cannot tell how happy I am – here, there and now«.
Im finnischen Indiepopland giibt es im Spätherbst 2011 auch noch andere musikalische Neuentdeckungen zu machen. Nicht nur in Lahti tut sich etwas, auch anderswo. Fortsetzung folgt. Versprochen!
… alle Monate wieder feiern Rockthenation im Stuttgarter LKA ein Festival: Nach dem Heidenfest Anfang Oktober locken am 7. November 2011 die Doppelheadliner Dark Tranquillity / Eluveitie Freunde härterer Klänge in die Landeshauptstadt.
Leider haben im Vorfeld die angekündigten Death Angel abgesagt – die Westküsten-Metaller touren wohl lieber mit Anthrax und Testament) – und wurden nur notdürftig durch die Schweizer mit dem »lustigen« Namen Gurd ersetzt. Geplant hatte ich nach den finnischen Omnium Gatherum und Gurd rechtzeitig zum Auftritt der dänischen Mercenary da zu sein; doch dank widriger Umstände kam ich erst zur Umbaupause für den Auftritt Vargs.
»I hope we mean something, I hope we mean something!«, singen Team Me mantragleich an diesem grauen Nachmittag im Nordic House. Stellvertretend wohl für all die vielen Bands, die auf dem Iceland Airwaves Festival spielen. All die Bands, die man beim besten Willen nicht alle live erleben kann, alle wollen sie einen Eindruck hinterlassen und der vielköpfigen norwegischen Schrulligpop-Kapelle gelingt dies mit schierer Lebendigkeit und euphorisierendem Schrägspiel. Sängerin Synne hüpft auf begrenztem Raum wie eine Hummel im Honigglas, und einer der Sänger erzählt mit verklärtem Blick, dass er Owen Pallett getroffen und ihm das eben erschienene erste Team-Me-Album verehrt hat. Wenn die unberechenbare Großgruppe in dem Tempo weitermacht, spielen sie bald als Vorband von Arcade Fire!
Das Kontrastprogramm, das ist es, was die Festivaltage so kurzweilig und aha-effektig macht: Der Freitag startet mit Sindri Eldon, einem bärbeißigen, gleichwohl auf seine Weise stylishen Verlierer-Rocker, der das mit Abstand bislang scheußlichste Hemd des Festivals mit Anstand trägt. Knochentrocken und fokussiert kommen die Songs daher, auf das Rock-Grundgerüst reduziert: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Es geht um verkorkste Beziehungen und ins Leere laufende Lebensentwürfe, die alte Geschichte, aber angenehm selbstironisch dargeboten. Selbstmitleid ist etwas für Weicheier, Selbstliebe in harten Zeiten etwas für echte Männer!
Die wunderbaren dänischen Mimas sollten zwar an diesem Nachmittag in Reykjavik spielen, aber sie tun es leider nicht. Warum? Snævar Njáll Albertsson, der Sänger von Mimas, tritt hier mit seinem Solo-Projekt Dad Rocks! an und erklärt warum: Kaum sind Mimas in Island gelandet, setzen bei der Freundin des Drummers verfrüht die Wehen ein. Der werdende Papa nimmt selbstredend den nächsten Flieger zurück nach Dänemark – alles bestens inzwischen mit Mama und Nachwuchs, aber die Airwaves-Auftritte von Mimas fallen aus. Albertsson aber bleibt, was vom unterschwelligen Thema der Kapitalimuskritik der Dad Rocks!-Songs her bestens ins Zeitgeschehen passt. Weltweit marschieren die Menschen gegen die Zerstörungspolitik der Banken, Albertsson singt dagegen an. Der blasse junge Mann mit dem altväterischen Bart fühlt sich sichtlich wohl, vor heimischem Publikum zu spielen, hat sich Bläser und Streicher mit auf die Bühne gebracht, und holt weit aus mit seinen leidenschaftlichen Anti-Hymnen, die mitunter an die folkige Protestler-Naivität der ganz frühen Simon and Garfunkel erinnern. »A slap in the face with all this human waste that is unavoidable in times of progress. Security fears with all these ships at piers filled with people in need of arrest.«
Freitag und Samstag sind die Hauptfestivaltage. Ist es wirklich in diesem Jahr so überfüllt in den Clubs, dass es zum Teil schon keinen Spaß mehr macht?, wird am Rande immer wieder diskutiert Ja und nein. Die kleineren Locations wie die Jugendherberge am Hafen oder In-Orte wie das KEX sind so voll, dass häufig kein Hereinkommen mehr ist. Gleichzeitig aber spielen Musiker zwei Straßen weiter im Straßencafé vor zehn Leuten. Nicht so einfach zu beantworten also. Dass das Nordic House seinen Veranstaltungsraum in diesem Jahr verkleinert hat, war keine wirklich weise Entscheidung. Bei der norwegischen Chanteuse Jenny Hval und ihrer Band sitzen die Zuhörer dicht gedrängt am Boden und lauschen den Nachtschatten-Moritaten dieser experimentellen Bänkelsängerin und modernen Ausgabe einer marodierenden Seeräuber-Braut. Ausufernde Songstrukturen, stimmliche Achterbahnfahrten, anspruchsvolle Kost. Manch jüngerer iPhone-Tastenhämmerer im Publikum guckt leicht überfordert.
Hier ist Teil I, weiter geht’s mit Teil II: Gerade rechtzeitig komme ich zurück um Turisas zu sehen … mal wieder. Doch eine Neuerung gibt es heute: Akkordeonistin Netta und Basser Hannes haben die rot-schwarz angemalten Krieger verlassen. Der neue Bassist heißt Jukka-Pekka Miettinen, auf das Akkordeon wird verzichtet, stattdessen steht jetzt Robert Engstrand am Keyboard.
Wie (fast) immer starten Turisas ihre Show mit »The March Of The Varangian Guard« (… und enden wie fast immer mit »Battle Metal«). Die geändert Bestzung fällt zunächst kaum auf, zumindest musikalisch … optisch wird so mancheinem Metaller die schöne Akkordeonistin fehlen.
Bei »One More« wird mitgesungen, das mysteriöse »SUAF« auf der Setlist entpuppt sich als »Stand Up And Fight« und wird ebenso begeistert angenommen wie »The Great Escape«, beide vom aktuellen Album »STAND UP AND FIGHT«. Beim instrumentalen »Sahti-Waari« fehlt Netta dann doch, selbst wenn Geiger Olli Vänskä alles gibt.
Endlich erhört das Sextett die »Rasputin«-Schreie des Publikums, lässt sich während des Songs aus vollen Kehlen unterstützen, immerhin angeblich 1400 Besucher. Zum Finale gibt es den Band-Hit, der so gut zur Musik passt: »Battle Metal«.
Fazit nach der x-ten Turisas-Show: Es scheint, als ob Turisas fast so beliebt in Deutschland werden könnten, wie ihre Landsmänner Ensiferum.
Umbaupause für Finntroll, die etwas früher anfangen als im Terminplan steht.
Die »Herbstausgabe« des immer im März stattfindenden Paganfests nennt sich Heidenfest – und wie schon beim Paganfest 2010 / 2011 gibt es am 7. Oktober 2011 im Stuttgarter LKA wieder eine »extended show«. Zusätzlich zu Finntroll, Turisas, Alestorm, Arkona, Trollfest, Skálmöld stehen Wintersun, Dornenreich plus Todtgelichter auf der Bühne, dehnen das Festival so auf satte neun Stunden aus.
Als alte Bekannte vom Paganfest 2010/2011 sind mit dabei die russischen Arkona, die schottischen Alestorm und die finnischen Trolle namens Finntroll; ich bin schon fast irritiert, dass heute weder Varg noch Eluveitie am Start sind.
Den undankbaren Opener-Posten haben die Viking Metaller Skalmöld aus Island. Die Truppe um Björgvin Sigurðsson schafft es aber ruckzuck die (rauchende) Masse hinein zu ziehen, das eben noch leere LKA zu füllen.
Der Gesang, genauer: das Growlen, ist etwas gewöhnungsbedürftig, doch die Mixtur aus Black, Thrash und Folk Parts richtig gut. Leider stammen letztere alle aus der Konserve. eingestreut von Keyboarder Gunnar Ben.
Ja, ich muss mir dringend das Album organisieren. Schade, dass der Auftritt des Sextetts nur eine halbe Stunde dauert, die Truppe kommt verdammt gut an.