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Foto nordische Landschaft

23. September 2011

Nekrophilie, Euphorie, Phantasie: Reeperbahnfestival 2011

Mit fliegenden Haaren nachmittags gerade noch den Zug nach Hamburg erwischt, den Herrn im Abteil mit literarischen Rätseln entlang der Strecke erfreut (welches Bruderpaar hat seine Jugendjahre in Steinau an der Straße verbracht? Welcher Romanautor stammt aus Gelnhausen?). In der Dämmerung vergnügt die Straßen von St. Pauli entlanggehüpft und um halb neun eine Punktlandung vor der Hasenschaukel auf dem Kiez gemacht. Die Dämmerung, die Dunkelheit, dies sind die Tageszeiten von Mirel Wagner, der jungen finnischen Sängerin, die just an diesem Abend ihr erstes Deutschlandkonzert gibt. Ein freudig aufgeregter Quintus Kannegießer von Bone Voyage/BB*Island übernimmt die Ansage für die Künstlerin, deren Debütalbum in diesen Tagen bei seinem Label erscheint. Mirel Wagners Stimme klingt so, als sei sie in den tiefsten Mangrovensümpfen von Louisiana aufgewachsen, in denen die Grenzen zwischen Toten und Untoten fließend sind und die Gewissheiten schwinden. Gehaucht, zurückgenommen und rauh erzählt sie kleine Schauergeschichten, in denen sexuelle Handlungen mit Toten wegen obsessiver Liebe keineswegs als Perversion erscheinen. Es sind Geschichten vom Fallen in Zeitlupe in bodenlose, tiefschwarze Tiefen. Lebendige Todeswunschmusik. Geht das? Irgendwie schon. Der kleine Club ist voll, und es ist andächtig still.

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22. September 2011

Summer Breeze 2011: Freitag – auf in die Metalschlacht!


Die Bandfolge ist heute sehr gelungen: Singend und jubelnd zieht man mit Turisas in die Schlacht. Doch bald kommt die erste Kriegskritik von Bolt Thrower. Die Hämmer fallen bis die alles zerstörende Katastrophe Kataklysm über uns hereinbricht. Und übrig bleiben die gefallenen Krieger Einherjer. Aber die kommen der Sage nach ins Kriegerparadies, wo der Met in Strömen fließt. Happy End.

… doch bevor die Schlacht beginnt, spielen noch einige Bands, auf die ich neugierig bin, Nervecell zum Beispiel. Sie sind leider nicht besonders originell, aber in dem Fall entschuldbar, da die Vereinigten Arabischen Emirate nicht gerade die Death Metal-Hochburg sind.

Für die meisten beginnt der Freitag jedoch mit Skeletonwitch, eine der eher jüngeren Bands – was das Gründungsdatum (2003) betrifft, nicht das Alter der Mitglieder.

Sie wissen selbst nicht, welche Metalrichtung sie eigentlich spielen: »It seems the only description everyone can agree on is ‘metal’ and that suits us just fine.«, so der Gitarrist Scott Hedrick. Egal, Hauptsache es rockt – denkt sich das Publikum und feiert die Hexengerippe. Ganz passender Name übrigens.

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21. September 2011

Rubik oder: Wir irrlichtern trotz Offenbacher Ignoranz

Es gibt viele Unterschiede zwischen Helsinki und Offenbach, aber einer davon besteht in der Tatsache, dass in der finnischen Hauptstadt an die 500 Besucher beim Flow Festival die Experimental-Indierocker Rubik sehen wollen und in Offenbach nur 15. Schade, Offenbach. Oder Frankfurt auf der anderen Mainseite. Ihr habt Aufregendes, Anregendes verpasst. Denn die vielköpfige Truppe um Mastermind und Sänger Artturi Taira ist eine der wenigen finnischen Bands, die in den vergangenen Jahren konsequent über Grenzen gegangen ist, sich weiterentwickelt hat und auf beste Weise unberechenbar ist.

Es mag am Montag liegen. Oder an der plötzlichen nächtlichen Endseptemberkälte. Oder daran, dass der wunderbare, todgeweihte Hafen2 so weit ab vom Schuss liegt. Man kann weiter munter mutmaßen, aber dadurch wird der Publikumszuspruch auch nicht besser. Rubik passen an diesem Abend zu siebt (oder acht) kaum auf die kleine Bühne des Hafens. Und reagieren wunderbarerweise so, wie jede Band mit Charaker auf diese Situation reagieren muss: Sie spielen vor 15 Leute ebenso leidenschaftlich wie vor 500. Artturi Taira, der Chef-Waldschrat dieser Frisuren-und-Bärte-Alptraum-Truppe, er schließt die Augen und singt sich die Seele aus dem Leib. Und verschwindet nach dem Gig spurlos in den Gemächern des abrissreifen Offenbacher Lokschuppens, so dass man ihm noch nicht mal danke für den Gig sagen kann.

Vom Konzept radiokompatibler Songverträglichkeit wollten Rubik seit ihrem wunderbaren ersten Album »BAD CONSCIENCE PATROL« nichts wissen. Zu sperrig, zu eigenwillig kommen sie daher, was nun bitte nicht heißen soll, dass das Endergebnis nicht auf unerwartete Weise schön klingt. In der weitesten Interpretation von schön. Mit ihrem jüngsten Album »SOLAR« entziehen sich die Finnen sowieso eigensinnigen allen Verortungen. Braver Indierock ist es sicher nicht, was diese Acht zelebrieren, die ausscheren und ins Irgendwo abdriften, wo die Bläser und Gitarren plötzlich eine Liebesheirat eingehen, die gleichermaßen feierlich und groovy klingt. Wo das Glockenspiel zum Hauptakteuer wird und sowieso sämtliche Beteiligten alle Instrumente spielen. Wo Psychedelik und Vaudeville Bruderschaft trinken und Artturi Tairas irrlichternde Stimme Moritaten in Cinemascope singt und die einzige Konstante bildet. Und aus der kollektiven Energie entstehen ganze Melodramen, unerwartet, flüchtig, merkwürdig, großartig. Was kann man Besseres über eine Band sagen, als nach Worten zu ringen, um das Gehörte zu beschreiben und natürlich scheitern, weil die Übertreibung und Überraschung von dem, was Rubik in ausugfernden Songs wie »The Dark Continent« beim Hören auslösen, einfach überwältigen.

Rubik bringen zum Nachdenken. Über das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens etwa. Ist es vorstellbar, dass diese wunderbare, herausfordernde Musik acht bis zwölf Leute finanziert, ernährt und kleidet? Eher nicht. Soll es Bands wie Rubik aus diesem Grund nicht geben? Grauenvoller Gedanke, bitte weiter experimentieren, ihr Verrückten! Bitte weiter zum Staunen bringen! Und ach ja, Rubik sind diese Woche noch auf Tour, unter anderem beim Reeperbahn-Festival in Hamburg, zu dem sich die Polarbloggerin morgen aufmacht. Bitte hingehn!

Rubik – World Around You (official video) from Fullsteam Records on Vimeo.

11. September 2011

Die anderen zehn Jahre: The Rollstons

Genug! Genug! Wenn ich heute noch ein einziges Mal in Wort, Schrift oder Bild die beiden Worte »Nine Eleven« höre oder sehe, greife ich zum Nudelholz! 2001 gab es noch andere Orte als New York, in denen sich Dinge ereignet haben. Vielleicht nicht so weltgeschichtlich bedeutsame (wie es der Westen glaubt), aber denoch: Vor zehn Jahren haben einige blasse Jungs in Jyväskylä ihr erstes Album »DOING TIME« aufgenommen, ein auf auf charmante Weise dilettantisches Werk voll des selbstbewusst-ironischen Understatements. Die jungen Herren wurden, so die Fama, auf klassische Weise irgendwo zwischen heimischem Wohnzimmer und Aufnahmestudio aktiv und nannten sich The Rollstons. Fein mögen sie schon den Gedanken im Hinterkopf gehabt haben, dass man es mit solch einem Bandnamen nicht zu internationaler Berühmtheit bringt. Dergleichen Dinge haben die Musiker aus der Provinz vermutlich vor zehn Jahren genauso wenig interessiert wie heute. The Rollstons, das Projekt um die Gebrüder Valo, hatte offenkundig jede Menge Pavement- und Guided-By-Voices-Platten gehört und wohl frech daraus geschlossen, dass sich zwei Dinge nicht ausschließen muss: Das Spaßhaben und das Schlausein. Und sind im Eifer der künstlerischen Inspiration auf auf solch eigenwillige Songtitel verfallen wie »Weekdays Are Schooldays, Weekends Are Mine« (in dem sie dem unvergessenen Ronnie James Dio ein Denkmal setzen!) oder »Still Life With Garlic And Onion«.

Zehn Jahre ist das her jetzt. Zum Jubiläum haben die Jungs (inzwischen übrigens alle brave Familienväter!) das Debütalbum in seiner Gänze auf Soundcloud online gestellt. Und werden es beim Monsters-of-Pop-Festival in Tampere in zwei Wochen nochmals komplett live spielen. Wohl mit dem gleichen Spaß an spaßigen Indiepop-Eigenbröteleien, den sie vor einer Dekade hatten.

Doing Time by The Rollstons

Die Rollstons mögen seit zwei, drei Jahren nichts mehr Neues auf die Beine gestellt haben, aber bange muss einem um die Zukunft des folkigen Indiepop im Seengebiet nicht werden. Da gibt es The Wonderminers aus Helsinki, die katzenpfötiger und melancholischer daherkommen als die Altvorderen und die feine graublaue Traurigkeit wie ein Banner hochhalten. Die aber auch wissen, dass ein treuer Gaul auch ab und zu mal galoppieren muss. Das Trio pflegt ansonsten die Kunst der Bescheidenheit mit Hingabe und hat kürzlich mit »MY PART OF TOWN« seine Debüt-EP vorgelegt.

Stars In The Window by The Wonderminers

Aus dem Gebiet um Tampere kommt Jukka Ässä, das Projekt um Jukka Salminen, der bei verschiedenen lokalen Bands mitgespielt hat, unter anderem bei den Tigerbombs (was ist eigentlich aus den geworden?) Bei Jukka Ässä mischen praktischerweise die Freunde von den Tigerbombs und den Rollstons mit. Was hier den Unterschied macht, sind die konsequent auf finnisch eingesungenen Texte – und die melancholische urbane-Verlierer-Attitüde, sehr handgemacht und mini-melodramatisch. Schön für die Zeit kurz vorm Einschlafen, fein dosiert zurückgenommen, und der Blick über den Hafen ist weit und blau glitzernd.

28. August 2011

Tv-Resistori: Oder Überraschungen, Enttäuschungen und Hoffnungen

Abends um neun ist es so gut wie dunkel hierzulande. Eine Ahnung von Herbst liegt in der Luft. Man denkt sich so dies und das. Dass es in Helsinki um diese Zeit noch hell war. Und dass für das städtebauliche Entwicklungsgebiet am alten Fischereihafen Kalasatama zwar für die Zukunft ehrgeizige Hochhäuser geplant sind, aber heute mitten in der Brache improvisierte Gigs und Kunstaktionen im Bauwagen stattfinden. Unbedingt hingehen! Einfach U-Bahnhof Kalasatama aussteigen samstagabends und Richtung Meer schlendern. Nicht zu verfehlen!

Man denkt an Plattenläden, die in Helsinki und Turku trotzig weiter existieren, obwohl der Tod des Tonträgermarktes schon vor fünf Jahren ausgerufen wurde. An den tapferen Stupido Shop in Helsinki und den wunderbar kruscheligen 8raita in Turku, den man doch nicht ohne Käufe verlassen kann. Wobei sich der eine Kauf als Enttäuschung und der andere als Freude erweist. Die Enttäuschung heißt Siinai: Das Album »OLYMPIC GAMES« der finnischen Vangelis-Jünger kann die eigenen Ansprüche nicht mehr als ein, zwei Songs halten und versinkt dann in Mittelmaß, gar Beliebigkeit. Schade, von einem Album, an den zwei von drei Mitgliedern der wunderbaren Neo-Krautrocker Joensuu 1685 mitwirken, hätte man sich mehr erwartet. Überhaupt: Was ist aus Joensuu 1685 geworden? Letztes Lebenszeichen: Das Eurosonic-Festival in Groningen vor anderthalb Jahren, oder so ähnlich.

Die Überraschung heißt Tv-Resistori. Das schrullige Lo-Fi-Pop-Quartett aus Turku war lange in der Versenkung verschwunden und ist jetzt endlich mit einem selbst betitelten Album wieder aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Mit charmantem, zurückgenommenen Alltagspop, aus dem die Funken stieben wie aus dem Ende von Dumblodores Zauberstab. Es ist Gebrauchspop, notwendig wie der dicke Schal an kalten Wintertagen. So selbstverständlich, dass man nicht mehr darüber nachdenkt, sondern ihn einfach entschieden nochmals um den Hals schlingt bei Der lebt von den feinen Girl-Boy-Harmonien von Yka und Päivi. Die sich viel Raum lassen. Fünf Jahre lang haben die vier gewerkelt, sich hörbar von südlichem Geflirre beeinflussen lassen, denn ein blasser Bossa-Nova-Takt steppt durch die taubengrau sanften Songs. Die fein gewebt und geradezu elegant daherkommen und trotzdem selbstbewussten Eigensinn verströmen. Die eine unterschwellige Traurigkeit pflegen, die sich am ehesten noch in Kopotan Puuta manifestiert, dem vielleicht schönsten Song des Albums. Zu dem man lächeln, tanzen und gleichzeitig eine kleine Träne verdrücken möchte.

Tv-resistori: Koputan puuta by Fonal Records

Man sitzt zuhause am Schreibtisch, schaut aus dem Fenster und freut sich, dass der Turm auf der Ludwigshöhe so schön erleuchtet ist. Und man denkt an die besten finnischen Bands, die man auf dem Flow Festival in Helsinki gehört hat. Und dass man eine davon demnächst auf Deutschlandtour live auf erleben kann, nämlich Rubik, die immer besser werden, in dem sie sich in eine Richtung wandeln, die die Grenzen des traditionellen Indierocks souverän sprengen. Ob sie beim Konzert in Offenbacher Hafen 2 auch mit zwölf Mann und allerlei Blaswerk auf der Bühne stehen werden, bleibt abzuwarten. Als sicher kann gelten, dass Sänger Artturi Taira immer mehr zum Waldschrat mutiert, fein!

Und man denkt an die Bands, die man wohl auf absehbare Zeit hierzulande nicht hören wird. Wie die Melodrama-Träumer Magenta Skycode, die beim Flow auf der Hauptbühne spielen und mit den großen Gesten der üppigen Gefühlswelt von Sänger Jori Sjöroos punkten. Herzschmerzpop in Cinemascope, balladig, himmelhoch jauchzend, ebenso überwältigend wie massenkompatibel. Wobei massenkompatibel durchaus als Kompliment gemeint ist. Und man wundert sich doch sehr, warum es Magenta Skycode noch nicht über den finnischen Markt hinaus ins restliche Europa hinunter geschafft haben. Nur weil ihre beiden Platten noch nicht hier unten erschienen sind?

Und man denkt ganz zuletzt an Nightsatan und ihren ersten Auftritt auf dem Festival – die vier sympathischen Synthie-Dunkelmänner, die eifrigen Jünger von John Carpenter, Vangelis und Goblin. Die wüste Weltuntergegangs-Szenarien entfachen, aber überaus lächelnd, selbstironisch, dickmäuilig und sehr tanzbar. Bitte irgendwann auch mal den Rest der Welt beglücken!

Nightsatan – Karelian Starmaster (Evil Lucifer) by antonbeschekov

 
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