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Foto nordische Landschaft

20. Januar 2010

Eurosonic 2010: Krise, welche Krise?

Die Musikindustrie ist in der Krise. Darüber gab es auf der Konferenz der diesjährigen Ausgabe des Eurosonic Festivals im niederländischen Groningen jede Menge Diskussionen, jede Menge unterschiedliche Standpunkte und nur sehr wenige überzeugende Antworten. Wird es in fünf Jahren noch Platten geben, Alben geben, oder wird sich dieses Konzept völlig überholt haben? Den großen Labels bleibt, so scheints, nur das Prinzip Hoffnung. Deutlich wird eines: Die alten Sicherheiten, wie die Dinge im Geschäft zu laufen haben, verlieren sich im digitalen Nebel. Klar ist nichts. Außer vielleicht der Tatsache, dass wir immer mehr Abschied vom Mainstream nehmen müssen. Die Nischen regieren.

Geblieben ist das Gefühl, das Festivals stets prägt: Welche Bands aus dem schier unüberschaubaren  Angebot soll man an diesem kalten, verschneiten Winterabend wählen? Was ist aufregend, wo lohnt es sich hinzugehen? Über wen wird am meisten geredet? Von angesagten Kapellen sollte man sich aber nicht unbedingt anziehen lassen. Der beste Weg: Sich treiben lassen und vielleicht ein paar Tipps von Freunden auf dem Weg mitnehmen.

Beim spontanen Entscheidungsprozess kann man auch danebenliegen. Wie beim schwedischen Quartett Royal Republic, die in den leergefischten Gewässern von Übervätern wie The Hives räubern und zu markigen Männergesten tendieren. Ordentlich ehrlichen Schweiß vergießen, wie es sich gehört, mit viel Stil und Pose, versteht sich. Aber nach Publikumsanbiederung ist der Nachtschwärmerin heute nicht, deshalb schnell entfleucht um die letzten Song der verträumten norwegischen Indierocker I Was A King mitzubekommen, die immer noch die feinen Verästelungen des Gefühlslebens pflegen, aber an Härte gewonnen haben. Steht ihnen nicht schlecht!

Mit dem Fahrrad an der Kirche vorbei auf die andere Grachtenseite gerutscht um nachzuschauen, was sich hinter all den netten Vorankündigungen von Pony The Pirate verbirgt, wo Norwegen doch sowieso das ausgewählte europäische Land ist, das im Zentrum des Festivals steht. ponyUff,  eine dieser vielköpfigen Spaßtruppen, die sich Fröhlichkeit und Tanzbarkeit auf die Fahnen geschrieben haben: Acht Protagonisten mit einer Überzahl Instrumente tummeln sich auf der Bühne und singen sich die Seele aus dem Leib. Das ist angenehm, das ist übermütig, dieses Gewirbel und diese wunderbar funktionierende Gruppendynamik. Das bringt die Beine zum Steppen, das lässt die Mundwinkel nach oben ziehen, das ist ein sympathisches Völkchen. Aber, hmm, um das Herz der Nachtaktiven zu gewinnen, braucht es etwas mehr.

Etwa das Unerwartete. Fast widerwillig den Gig von Nicolai Dunger sausen lassen, um auf Empfehlung von Mikko und Florian von der Frankfurter Solarpenguin Agency die finnische Sängerin Manna anzuhören.  mannaEin Beweis dafür, dass man auf den Rat von Experten hören sollte! Manna ist eine zerbrechlich-harte Mischung aus Barschlampe, Femme Fatale und gutem Mädchen.  Keiner hat je wirklich geglaubt, dass Debbie Harry eine Frau ist, die viel zu viel vom schlechten Leben weiß. Dazu war sie immer viel zu intelligent und überlegen. Dazu hatte sie immer zu viel dieser gesunden Zerbrechlichkeit, die sie entschieden auf die Seite der Überlebenden und Kämpferinnen zog. So könnte es bei Manna sein. Gefühl und Härte, intensiv, unfertig, im Aufbruch. Aufregend! Im Club stehen das Wasser, das Bier zentimeterbreit auf dem Boden, aber das ist egal in diesem Fall. Ein selbstbewusstes Lächeln der Sängerin. Kein anbiederndes. Macht einen Unterschied, tastsächlich!

Die wunderbaren Seabear aus Island gießen den sanften, sternenfängerischen Folkpop in der Großgrupppe, so sehr, dass die Augen leuchten. Pflegen das Improvisierte, das Unfertige, das Zärtliche und gewinnen Herzen damit. Zu einfach gestrickt? Von wegen! Naivität und Ernsthaftigkeit regieren!

Der eigentliche emotionale Höhepunkt des Abends aber kommt mit den finnischen Psychedelik-Rockern Joensuu 1685 nachts um Viertel nach eins im Vera. Verschroben. Intensiv. Bar jeder Eitelkeit. joensuuSänger Mikko Joensuu trägt Rosenkranz auf weißem Bauernhemd, garniert mit Streberbrille anno 1979. Würde keinem schwedischen Musiker je einfallen, so was. Überrollen das Publikum mit der Unwiderstehlichkeit reiner Schwerkraft. Kein Widerstand möglich. Reptetitive Klangmuster, bis zur Explosion vorangetrieben. Visionen, Innerlichkeit, ehrliche Abgehobenheit. Krautrock, Drone, alles Begriffe, mit denen sich Joensuu nie wirklich fassen lassen. Die Finnen bringen es fertig, rohe Gefühle auf ihr Grundraster zu reduzieren und dann etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Der Bass sitzt noch Stunden später fest im Bauch. Der starke Eindruck wirkt nach. Noch Tage später.

Fotos: Dalai Lamula

10. Januar 2010

If Society: Sorry, dieser Laden hat geschlossen

Das finnische Label If Society zieht sich aus dem Geschäft mit dem Schallplattenverkauf zurück.» Sorry, dieser Laden hat geschlossen«, überschreibt Label-Mastermind Tommi Forsström einen langen Blogeintrag zur Begründung. Bis Ende des Monats können Schnäppchenjäger hier noch zuschlagen, dann ist Schluss.

Es zeichnet sichdeutlich ab: Wir bewegen uns immer mehr auf den Tod des klassischen Tonträgers in Albumform zu. Denn obwohl es weite Teile der Musikindustrie immer noch nicht wahrhaben wollen: Die Zahl der Kunden, die sich ein Album kaufen, ist rückläufig. Besonders wenn es sich um eine exotische Nische wie Indie-Rock handelt, jenseits der paar Dutzend Handvoll Bands, die heutzutage noch davon leben können. Zur Illustration: Allein in Finnland waren die Plattenverkäufe 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent rückläufig. 2009 wird sich diese Tendenz wohl noch verstärkt haben.

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If Society als Label haben vor elf Jahren ihren ersten kleinen Online-Shop aufgezogen und darüber zehn eigene Veröffentlichungen und noch rund 50 andere Platten vertrieben. Heute sind über den digitalen Vertriebskanal und die physische Präsenz im Platten- und Comicladen Pitkämies in Helsinki über 2.000 verschiedene Produkte zu beziehen.

Dass mit dem Plattengeschäft keine Reichtümer zu verdienen sind, war Tommi Forsström und seinen Mitstreitern seit Jahren bekannt. Ein Gehalt konnten sie sich nie bezahlen. Jeder mit Plattenverkäufen verdiente Cent ist in die Produktion neuer Alben gewandert, oder alternativ in die Rückzahlung alter Schulden. Der einzige Antrieb: Die Begeisterung dafür, künstlerisch unabhängig zu sein und die Fahne des guten alten Indierocks hochzuhalten. Doch dieser Kampf gegen Windmühlen, der ist verloren.

Hinzu kommt: Die If-Society-Macher haben in letzter Zeit zunehmend das Interesse an der Zukunftsfähigkeit des Konzepts Album verloren.

There’s also another quite important reason for me personally: records just don’t mean that much to me personally anymore and after I noticed this very dramatic change in my consumer behaviour, I have a hard time convincing anyone else to still give a shit.

Dazu passt übrigens die heutige Lektüre der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in der Diedrich Diederichsen in schönen Schachtelsätzen über das angebliche oder tatsächliche Ende der Plattenkritik in der Intellektuellenpop-Postille Spex schreibt. Wer hält sich heute noch an so altmodische Dinge wie offizielle Veröffentlichungsdaten von Alben? Im Netz plaudert jeder, der sich dazu berufen fühlt, sowieso darüber, ohne sich an Datumsvorgaben zu halten.

Das Album, eine Illusion? Der Song, die wichtigste Entität, über die noch geprochen wird? Festzustehen scheint: Dinge ändern sich, und sie ändern sich schnell. Und mit ihnen übrigens auch der Musikjournalismus.

Noch aber ist das endgültige Ende des Albums noch nicht da. Dass wissen selbst die If-Society-Leute im fernen Finnland. Denn sie werden selbstverständlich weiterhin Platten auf ihrem Label herausbringen. Wenige, handverlesene zwar – aber immerhin noch Alben. Und nach dem Ende der Verkaufsaktivitäten wollen sie sich übrigens auf das konzentrieren, was ihnen am meisten Spaß macht und was ihnen am wichtigsten ist: Das Musikmachen!

(Foto: Joel Zimmer)

08. Januar 2010

23. Stuttgarter Filmwinter präsentiert: »Drifting Times« – acht finnische Kurzfilme

Am Freitag, 22. Januar 2010 ab 18 Uhr und am folgenden Samstag, 23. Januar 2010, ab 16 Uhr präsentiert der 23. Stuttgarter Filmwinter acht finnische Kurzfilme unter dem Titel »Drifting Times«. Die Kuratorin Marja Mikkonen lädt ins Kino Metropol (Metropol3, Bolzstraße/Ecke Lautenschlagerstraße) ein.

Die Filme:

Freitag 22. Januar 2010: »Drifting Times – Screening 1«
• Marja Mikkonen: »99 Vuotta Elämästäni« (99 Jahre meines Lebens)
• Marja Mikkonen: »Rondo«
• Sini Liimatainen: »Kylmät Varpaat« (Kalte Füße)
• Joonas Kiviharju: Katsotaan Mitä Tulee (Was kommen mag)

Samstag 23. Januar: »Drifting Times – Screening 2«
• Selma Vilhunen: »Päivä Isän Kanssa« (Ein Tag mit Vater)
• Elina Talvensaari: »Palmu« (Palme)
• Oliwia Tonteri: »Lilli«
• Azar Saiyar: »Helsinki – Tehran«

04. Januar 2010

Wanderausstellung: »Alvar Aalto und Deutschland« in Halle und Hof

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Alvar Aalto ist DER finnische Architekt: Er entwarf unter anderem den finnischen Pavillon für die Weltausstellungen in Paris (1937) und New York (1939), die TKK (Technische Universität Helsinki in Otaniemi/Espoo), sowie die Finlandia-Halle in Helsinki.

In Deutschland baute er in den 60er Jahren beispielsweise das Aalto-Hochhaus (Bremen), die Heilig-Geist-Kirche sowie die Stephanuskirche (beide in Wolfsburg). Außerdem gründete er 1935 gemeinsam mit seiner Frau Aino, Maire Gullichsen und Nils-Gustav Hahl die Möbelfirma Artek. Sein bekanntestes Designerstück ist die Aalto-Vase.

Wanderausstellung »Alvar Aalto und Deutschland« in Halle (Saale)

Noch bis zum 17. Januar 2010 gastiert die Wanderausstellung »Alvar Aalto und Deutschland« in Halle (Saale), in der Christlichen Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe (Fährstr. 6).  Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 13 bis 18 Uhr, sowie Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Vom 14. April bis 16. Mai 2010 ist die Ausstellung dann in Hof zu sehen, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 40. Jubiläum der Städtepartnerschaft Hof – Joensuu. In der Galerie im Theresienstein/Kunstverein Hof e.V. (Am Theresienstein 1) könnt ihr »Alvar Aalto und Deutschland« von Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr besuchen.

© Foto: natte (Bürogebäude der Enso-Gutzeit – heute Stora Enso – Helsinki)

03. Januar 2010

Delay Trees: Bitte nicht so bescheiden

Nationale Stereotypen greifen immer zu kurz. Überraschenderweise aber blitzen selbst in diesem Bereich ab und zu kleine Wahrheiten auf. Wie die Sache mit dem haferflockensatten schwedischen Selbstbewusstsein und der abgedunkelten, waldverschatteten finnischen Bescheidenheit.  Wie ist es sonst zu erklären, dass schwedische Popbands im internationalen Musikbusiness sehr gut vernetzt sind und gleich scharenweise durch deutsche Clubs ziehen, während die keinesfalls weniger talentierten finnischen Kollegen es zum allergrößten Teil niemals über die Landesgrenzen hinausschaffen? Die wenigen Ausnahmen wie Cats on Fire oder Goodnight Monsters bestätigen nur die Regel. In Sachen gelungener Selbstvermarktung haben die Finnen definitiven Nachholbedarf.

Die finnische Sängerin Astrid Swan ist selbstkritisch genug, die Gründe für die mangelnde internationale Präsenz finnischer Popbands auch in der nationalen Psyche zu suchen. In einer fatalen Mischung aus Schüchternheit und Stolz.  So sagte sie kürzlich im empfehlenswerten finnischen Popmusikblog Glue:

I don’t think we are lacking anything. There is great talent here so the problem might be with the network to promote Finnish music. People in Finland are not very good creating relations and working together, not even within Finland. In the creative aspect, Finland is not the greatest country in networking. Also when we go outside we are too shy and apologizing, but at the same time too proud to even try. Now, things might be changing with younger people working who are proud of their bands and try to sell them outside well.

Nun, Astrid Swan tut das Ihre dazu und kommt Ende Januar/Anfang Februar zu einigen wenigen Konzerten nach Deutschland, um ihr neues Album »BETTER THAN WAGES« vorzustellen.

Zuvor aber kommen Delay Trees,  die bereits von verschiedenen finnischen Poppostillen zu den viel versprechendsten Bands des Jahres 2010 gekürt wurden. Die Band hat im vergangenen Jahr ihre erste selbst produzierte EP »SOFT CONSTRUCTION« eingespielt.  Das  Quartett aus Helsinki und Hämeenlinna spielt zum ersten Mal in Deutschland und hat zwei Gigs in Hamburg und Berlin auf dem Programm. delay-treesStilistisch sind Delay Trees in die Kategorie melodischer Indiepop plus verträumt-ausufernden Postrockelementen einzuordnen. Live schauen die Jungs beim Spielen sehr gerne ihre Schuhe an, wie beim letztjährigen Ämyrock-Festival in Hämeenlinna bestens festzustellen war. Was nicht heißt, dass die Schüchternen auf der Bühne und im Publikum nicht die Füße doch in Bewegung gesetzt haben. Schnelle Erfolgserlebnisse wird einem das Hören von Delay Trees nicht verschaffen, aber bei aufmerksamen Einlassen und Zuhören unversehens doch bescheiden-euphorische Glücksmomente.

Foto: Antti Kokkola

 
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