Home
Foto nordische Landschaft

19. August 2011

Flow Festival 2011: Cirko, der Lieblingsort

Um ganz ehrlich zu sein: Zuerst strande ich beim Flow Festival nur wegen schmerzender Füße im Cirko, weil man sich nach langem Stehen dort so schön auf den großzügig im halbdunklen Raum verteilten Liegekissen niederlassen und durchschnaufen kann. Bis dann ziemlich rasch dämmert, dass in diesem Zirkus, einem auf den ersten Blick wenig spektulären Nebengebäude auf dem Festivalgelände, der wunderbare Sami Sanpäkilä, Herz und Hirn des experimentellen finnischen Fonal-Labels, sich hier seine ganz eigene Spielwiese der verwirrenden Töne eingerichtet hat. In einer entspannten, offenen Atmosphäre. Schauen. Hören. Sich sachte wegpusten lassen. Oder von Melodramen rücklings überwältigen.

Die manischen Elekronik-Tüftler Fricara Pacchu sind ein solcher Fall. Der Großteil ihres Werkes ist bislang nur auf Kassette erschienen. Ein Album mit dem irreführenden Titel »STORIES OF OLD« ist selbstverständlich nirgendwo anders als bei Fonal erschienen. Fricara Pacchu nehmen uns mit auf eine Geisterbahnfahrt in die unberechenbare Welt anarchisch-wilder Töne, in der die Genregrenzen zwischen Synthie-Blubbermusik und psychedelischen Ausschweifungen mühelos fallen und die Spielekonsolenmusik-Ästhetik eindeutig auf die dunkle Seite der Macht überschwenkt. Ausruhen ist hier nicht, in diesem beunruhigen, unwirklichen, knallbunten Paralleuniversum, das selbstverständlich fast ohne Worte auskommt und trotzdem ganze Romane schreibt. Man sollte danach bloß nicht anfangen, Lovecraft-Romane zu lesen, sonst läuft man womöglich Gefahr, ernsthaft an die Existenz von Aßerirdischen zu glauben.

Fricara Pacchu: Bianca’s Beach Party by Fonal Records

Sami Sanpäkilä selbst lässt es sich am Sonntag nicht nehmen, bei Kemialliset Ystävät, dem ausufernden Projekt von Jan Anderzén aus Tampere, mit auf die Bühne zu steigen und zu demonstrieren, dass es elektronische Eigenbröteleien durchaus eine geschmeidige Eleganz entwickeln können. Wie eigentlich alle Fonal-Bands sind diese chemischen Freunde mit Vorliebe dabei, sich ins Unterholz zu schlagen und die Merkwürdigkeiten alltäglicher Töne herauszuarbeiten. In diesem Fall ist das Ergebnis sogar überaus tanzbar. Wenn nicht eine gesamter, vollbepackter Saal voller Zuhörer, im Halbdunkel auf Sitzkissen und aneinander geschmiegt, mit entspannter Konzentration zuhören würde. Tanzen werden wir später noch, keine Bange, und nicht zu wenig. Bei den wunderbaren Math-Rockern Battles aus New York City etwa, die sich nicht im geringsten davon stören lassen, dass Festival-Headliner Kanye West zeitgleich spielt. Die geschätzten 6,3 Prozent Flow-Besucher, die es nicht zu Herrn Wests ausgetüftelter Show gezogen hat, haben ihre Entscheidung nicht bereut.

Kemialliset Ystävät: Kivikasan rauhassa (2010) from M Petteri on Vimeo.

Ganz zum Schluss holt Meister Sanpäkilä im Cirko übrigens noch ein musikalisches Überraschungsei aus der Tasche: In Gestalt eines mir bislang völlig unbekannten Duos aus der bekannten deutschen Rockmetropole Saarbrücken: Pretty Lightning heißen die beiden langbemähnten Musiker an Gitarre und Drums, die mit ihrem psychdelischen, spacigen Bluesrock alle Teufel dieser Welt für immer in die Mississsippi-Sümpfe treiben könnten, cool lächelnd. Johhny Cash und Jack White dürften diese heftigen Töne aus der saarländischen Hauptstadt lieben. Das demnächst erscheinende Album der Zwei trägt den schönen Titel »THERE ARE WITCHES IN THE WOODS«, wodurch der Bogen zum Fonal-Label elegant gschlagen ist.

17. August 2011

Flow Festival 2011: Minä Ja Ville Ahonen

»Was war das denn?« denkt man sich und sinnt noch ein Weilchen darüber nach, wie man die 45 Minuten beschreiben soll, die man mit Minä Ja Ville Ahonen am letzten Tag des Flow Festivals in Helsinki verbracht hat. Chansonnier und Singer-Songwriter, Waldschrat und Nerd, Indiepopper und Elektronik-Schamane: Alles Begriffe, die durchaus einige Minuten lang auf den kurzbehosten (nicht wirklich schmeichelnd, das), stechäugigen, ungelenken finnischen Musiker zutreffen. Fast verhalten, durchaus schüchtern fängt er an, die Klampfe in der Hand, die Gliedmaßen eckig-unbequem zusammengefaltet. Begleitet von drei männlichen Mitmusizierern, die alle so aussehen, als ob sie beim Völkerball als allerletzte in die Mannschaft gewählt werden, und einer sehr attraktiven blonden Schlagzeugerin, der die kurzen Hosen unbedingt besser stehen als dem Namensgeber der Band.

Es geht hier zunächst um Liebe und unerfüllte Sehnsüchte, aber immer mit diesem feinen Sprung im Porzellan, der die Songs vor flacher Oberflächlichkeit bewahrt. Nein, hier wohnt lockend Unbekanntes hinter den Klischees, lauert eine leise Bedrohung hinter Bäumen. Ja, die Bäume, der Wald, ein finnischer Identitätsort, in dem sich Ville Ahonen gern verschanzt. Und langsam, langsam, wird man im blauen Zelt mitten am Nachmittag auf Abwege geleitet, bis der Boden unter den Füßen leise zu wanken beginnt. Das Geheimnisvolle, das gerade so Nicht-Begreifliche ist genau das Element, in dem Schrulligkeit des Herrn Ahonen bestens gedeiht. Der zwischendurch ins Rockige wechselt, aber eben nur flirrend und flüchtig. Um dann ebenso schnell wieder ins indiepoppig Hymnische zu wechseln.

Herr Ahonen folgt an diesem Nachmittag dem Spannungsbogen, den er auf seinem selbstbetitelten Debütalbum vom vergangenen Jahr aufbaut. Und so ist es nur folgerichtig, mit dem Achtminüter »Musta Virta« (Black Power) zu enden, der samtpfötig beginnt, aber dann auf raffinierte Weise plötzlich in elektronische Tanzmusik umschwenkt, die jedem heidnischen Waldritual bestens anstehen würde. Und der ganze dürre Mensch ergibt sich plötzlich und lässt los, läuft wie besessen im Kreis und tanzt, tanzt, tanzt, als ob ihn die Kobolde rund ums Lagerfeuer jagen würden. Sehr merkwürdig. Sehr eigenwillig. Sehr intensiv. Danach tritt man in Helsinkis Nachmittagssonne und braucht einige lange Sekunden, um wieder in der Realität anzukommen. Etwa so, wenn man morgens aus lebhaften Träumen erwacht.

05. August 2011

Paavoharju, oder: wir blitzen auf zwischen den Bäumen

Jahrelang war von diesen seltsam-scheuen Waldwesen nichts zu hören, und es stand schon zu fürchten, sie seien endgültig vom grünen Dickicht entlang der finnisch-russischen Grenze verschlungen worden, aber jetzt erlauben sie uns endlich wieder einen Blick in ihre verstörend schöne Welt: Paavoharju, das lose Kollektiv um die Gebrüder Ainola, haben bei ihrem Stamm-Label Fonal Records eine neue EP mit demn schönen Titel »IKKUNAT NÄKEVÄt« vorgelegt, die zum großen Teil aus raren Tracks, aber auch aus neuem Material besteht. In dem es um offene Fenster geht, aber die weisen bei Paavoharju stets in verwirrende, beunruhigende Gegenwelten, in denen Traumfetzen herumwirbeln wie andernorts Wolken. Sicher kann man sich hier nie sein, und einordnen unter irgendwelche Genrebegriffe lassen sie sich ohnehin nicht. Freak Folk? Trifft es nicht wirklich. Zu viel beseeltes Melodrama, zu viel Geisterwelt, zu viel Unbegreifliches, was durch die offenen Fenster drängt. Dielen knarzen, das Piano taumelt, elektronische Störgeräusche geistern durch den Untergrund. Paavoharju bahnen sich ihren Weg unerhört ernsthaft durch das Unterholz, am liebsten dort, wo alle Pfade enden.

In den Songs von Paavoharju wohnen das Glück und die Angst vor dem Unbekannten stets nah zusammen. Verschwimmen die Gewissheiten und beginnt der Boden unter den Füßen sacht zu wanken. Und man hört ihn, den lockenden Ruf vom Waldrand her, und irgendwann wird man ganz früh morgens barfuß durch die zuvor fest verschlossen Tür schlüpfen, über taunasse Wiesen tappsen und endlich mit klopfendem Herzen vom Wald verschlungen werden. Paavoharju warten dort schon weitab menschlicher Behausungen auf einer Lichtung, rätselhaft lächelnd.

Paavoharju: Ikkunat näkevät by Fonal Records

25. Juli 2011

Hel(l) aktuell XIII: Tuska 2011, Sonntag


Und auch Platz zwei meiner Albumcharts 2010 spielt dieses Jahr auf dem Tuska: Kvelertaaaaaaaak! Ein perfekter Einstand für den letzten Tuska-Tag 2011; die finnischen Impaled Nazarene registriere ich nur im Vorbeilaufen.

Kvelertak (=Würgegriff) gewinnen den »Besucher-Magnet-um-14-Uhr«-Wettbewerb, sie locken die meisten Zuschauer vor die Bühne – und ich wage zu behaupten mehr als alle anderen Bands heute.

Die Norweger beherrschen nicht nur die Clubs (siehe Konzert in Stuttgart), sondern rocken auch Open Air mächtig, verstärkt durch einen dritten Gitarristen.

Kvelertak haben derzeit einen ähnlichen (Festival-)Höhenflug wie Volbeat vor zwei Jahren – was ist eigentlich aus denen geworden? – zu Recht: Heute knallen die Mannen um Erlend Hjelvik der Meute gleich zu Beginn den Killersong »Sjøhyenar (Havets Herrer)« um die Ohren, gefolgt von »Fossegrim«.

Einfach geil. Und im Gegensatz zum Stuttgarter Gig haben die Fans hier wenigstens (überwiegend) lange Haare.

Kompletten Beitrag lesen …

24. Juli 2011

Hel(l) aktuell XII: Tuska 2011, Samstag

Enslaved-Fans am Samstag.

Moonsorrow (FIN)

Der zweite, nicht ganz so heiße Tuska-Tag 2011 (siehe Freitag) beginnt für mich erst mit Moonsorrow. Die Order an die Fotografen lautet dieses Mal: »Nur das erste Lied – das dauert zehn Minuten!«, das ganze Set eine Dreiviertelstunde. Hat jemand die Lieder gezählt?

Die finnischen Langsongfetischisten gefallen auch auf Tuska; für Details siehe Paganfest 2011.

Kompletten Beitrag lesen …

 
Seite 5 von 36« Erste...23456789...Letzte »