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Foto nordische Landschaft

17. Oktober 2007

Tampere mal zwei: Day Eleven und Negative im Substage

Donnerstag 20. September. Der erste Gedanke beim Betreten des Substage: Ist das leer hier. Anscheinend sind Negative doch nicht so angesagt– und die Vorband Day Eleven dürften in Deutschland nur wenige kennen.

day eleven, negative, substage

Dank der familiären Atmosphäre ergattern die überwiegend weiblichen Besucher problemlos Plätze in den ersten Reihen. Wie erwartet in Schwarz gewandet, mit ein paar Leopardenflecken, Streifen, Sternchen oder neonrosa Tüll aufgemotzt, warten sie dort auf die Tamperianer …während die männlichen Besucher ebenso problemlos einen Platz an der Bar ergattern – und dort warten.

DAY ELEVEN

day eleven. substage

Mit leichter Verspätung betreten Day Eleven die Karlsruher Bühne, rocken mit »Blood Runs Thick« vom aktuellen »SLEEPWALKERS«-Album los. Apropos Album: Auf Tonträger klingen die Jungs deutlich besser, live bleiben sie (guter) Durchschnitt. Nichtsdestotrotz feiert das Publikum die Jungs – jaja, der Finnen-Bonus –, klatscht nicht nur nach, sondern auch zu den Rocksongs.

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24. September 2007

Popkomm 2007: Finnland langweilt, Belgien begeistert

Wer trifft eigentlich die Entscheidungen, welche Bands auf der Berliner Popkomm spielen dürfen? Die Veranstalter, sicherlich. Die Labels, klar. Und ein gewisses Wort mitzureden hat bei den finnischen Bands wohl auch die Umsatzankurbelhilfsorganistation Music Export Finland. Im Prinzip ist nichts dagegen zu sagen, dass sich die Vertreter von Staat und Musikverbänden darum bemühen, die heimischen Bands im Ausland bekannter zu machen. Bei der Auswahl aber sollte ein gewisser Sachverstand und Qualitätsanspruch walten. Schön wärs.

Warum muss man das Klischee von den langhaarigen Rockrabauken unbedingt jedes Mal bedienen? Und sich konventionell für Sicherheit, Vorhersehbarkeit und gepflegte Langeweile entscheiden? Präsentiert wurden an diesem Abend in der Berliner Kulturbrauerei fünf Bands, die mit Ausnahme von Lapko alle von bestürzender Durchschnittlichkeit waren. Spätestens nach drei Songs fing man an zu gähnen. Bei den Von Hertzen Brothers etwa: Brave Jungs mit einer wenig originellen Mischung aus traditionellem Rock- und Popelementen. Mit der Ausstrahlung von karierten Küchenhandtüchern.

Oder Feiled (Foto):  Die Augen mit Kajalstift fett umrandet, nett tätowiert, heftigst auf ihre Gitarren eindreschend und eine Prise gepflegten Goth einfließen lassen. Von dieser Sorte muss es weltweit etwa 328.503 Bands geben, die alle ähnlich klingen und gleich grimmig schauen. Die nächste Generation der HIM-Klone lässt grüßen und wir schlafen gleich ein. Es kommt kaum Besseres nach: Crumbland überschreiten mit ihrem altmodischen Macker-Mitsing-Rock die Grenze zur Körperverletzung. Wir ergreifen reichlich ernüchtert endlich die Flucht. Wie ein nicht unbeträchtlicher Teil des Berliner Publikums, das mit den Füßen abstimmt und einfach geht. Anderswo auf dem Riesen-Gelände der Kulturbrauerei gibt es sicherlich aufregendere Bands zu entdecken. Etwas Besseres als den künstlerischen Stillstand finden wir überall.

Irgendwie geraten wir zu den Belgiern im Maschinenhaus. Jawohl, zur grandiosen Pop- und Rocknation Belgien. Und lassen uns völlig überwältigen von Charme, Talent und Temperament von Sioen (Foto),  der für einen Singer-Songwriter ordentlich Lärm macht, seinem Piano die unglauhlichsten Töne entlockt und den eindeutig besten Violinisten dabei hat. Ein seliges Grinsenauf allen Gesichtern. Das Publikum will den kleinen Mann mit den kurzen braunen Haaren, den Knopfaugen und dem nettesten Lächeln des Abends kaum von der Bühne lassen. Und auch die uns zuvor völlig unbekannten Absynth Minded aus Gent reißen mit purer Verrücktheit, mutigem Grenzgängertum und hingebungsvoller Spielfreude mit. Danke, merci, Belgien. Douze points!

Eine letzte Chance geben wir den Finnen noch. Lapko spielen zum Schluss. Und die können zumindest was und wagen was und denen geht ab und zu ein origineller musikalischer Gedanke durch den Kopf. Obwohl meine Freundin Sabine mäkelig meint, dass Sänger Malja definitiv zu viel auf die Bühne spuckt beim Singen. Naja. Kleinigkeiten. Hier stimmen die Grundkoordinaten zumindest.

Den finnischen Verantwortlichen dieses Abends wünscht man ein wenig mehr Offenheit und Mut. Denn es gibt sie in Finnland, die aufregenden Bands. Die rätselhaften Paavoharju , die sich in kein Raster zwängen lassen. Die fröhlichen Pop-Nekrophilisten Sister Flo. Die verhuscht-eigenwillige Singer-Songwriterin Islaja. Die herzallerliebsten Popträumer Ultrasport (Foto).  Die Elektro-Romantiker Viola. Die leidenschaftlichen Rubik, die zeigen, dass Rock Tiefgang haben kann. Und nicht zuletzt die wundervoll zerbrechlichen Sternenfänger Wojciech.

19. August 2007

The Rollstons: Berühmt werden? Wir doch nicht!

An einem verregneten Wochenende endlich den Rest der Alben hören, denen ich nach stundenlangem Kramen in den Stupido-Shops in Helsinki und Turku nicht widerstehen konnte. Das zweitaktuelleste Rollstons-Album »TAPING TREES« gabs zum Sonderpreis und da singt doch der wunderbare Janne Laurila als Gastmusiker mit – also klar, das Album musste her. Und, pheew! es ist eine reine Freude.  Es hebt die Popwelt nicht aus den Angeln, aber dieser unbeschwerte Powerpop, dieses ironische Understatement, diese Melodienverliebtheit machen einfach Laune. Elegant fügt die Band um das Gebrüderpaar Miko und Tuomas Valo (nein, wirklich nicht verwandt mit Ville Valo!) kauzig-verschrobene Elemente ein, was den Spaß noch steigert. Warum kennt bloß kein Mensch außerhalb Finnlands diese Band, die auch live sehr gut sein soll, wie Freunde glaubhaft versichern?

Vielleicht liegt es an der finnischen Nationaltugend Bescheidenheit. Vielleicht liegt es daran, dass die kleine, aber feine Indiepopszene hinter all den Metal-, Schock- und Liebesrockern international nicht wahrgenommen wird. Vielleicht liegt es daran, dass es mit der Vernetzung der finnischen Popwelt nach »Europa« noch arg hapert. Schwedische Popmuiker sehen wir alle naslang in deutschen Konzertsälen auf Tournee. Nicht jeder Act hat das nach dem Eindruck der Konzertgängerin von Qualität und Substanz her auch verdient.

Oder vielleicht liegt es daran, dass finnische Indiepopbands wie die Rollstons ohnehin gerne das Understatement pflegen.  Wir machen alle zwei, drei Jahre eine Platte, und das machen wir mit Gusto und viel Liebe und ob wir dabei reich und berühmt werden, ist uns doch weitgehend egal. Wir machen das, weil uns das Spaß macht. Und das gibt uns eine ungeahnte Freiheit. Vielleicht klingen Rollstons-Alben wie das wunderbare »OUR GRAIN COULD FILL YOU STADIUM«  genau aus diesem Grund so entspannt und souverän.

Zwischendurch, neben dem Musikmachen, werden die Rollstons erwachsen. Ziehen von Jyväskylä ins fast schon großstädtische Tampere. Kriegen Kinder. Spielen weiter mit Leidenschaft Fußball. Und das netteste am neuesten Rollstons-Album »SONG FOLKS« ist dieses wunderbare Video, auf dem der kleine Sohn eines der Bandmitglieder fröhlich zu einem der Songs tanzt. Nicht-Berühmtwerden hat eindeutig auch seine Vorteile.

Wer (hoffentlich!) jetzt neugierig geworden ist, kann auf der Rollstons-Website in das Schaffen der Band hereinhören.

22. Juli 2007

Go outside again: Ruisrock 2007

Irgendwann gegen ein Uhr nachts beginnt der Boden unter unseren Füßen zu schwanken. Der Himmel über den Schären hat eine unwirklich zarte und durchscheinende Schattierung von helllblau erreicht. Wennn mehrere tausend Leute begeistert tanzen und springen,  dann beginnt eben irgendwann ein kleines Erdbeben. Das dürfte völlig im Sinne des spaßigen Größenwahns sein, den The Hives mit Vorliebe zelebrieren.  Die Schweden sind der Hauptact des zweiten Ruisrock-Tages 2007 und eine gnadenlos gute Livekapelle. Auch wenn sie außer dem guten alten schweißtreibenden Garagenrock nichts Revolutionäres zu bieten haben – hier zählen Leidenschaft und voller körperlicher Einsatz. Allein das sehr überdimensionierte Ego von Sänger Pelle Almqvist inklusive prahlerischer Großredereien zu erleben, das gehört zum Spiel. Das nächste Hives-Album wird selbstverständlich der größte Kracher aller Zeiten werden, verkündet Pelle selbstbewusst. Klar!

 Die ganz, ganz großen Namen, mit denen Festivals wie Roskilde oder Hurricane punkten, fehlen bei Ruisrock 2007. Sehr viel heimische Prominenz von Pop bis Metal und eine nicht unbeträchtliche Abordnung aus Schweden sind am Start. Viele alte Bekannte dabei, die schon in den vergangenen Jahren aufgetreten sind. Wie zum Beispiel The Ark:  Sänger Ola Salo (Foto) muss sich, was die Entertainer-Qualitäten angeht, nicht hinter seinem Landsmann Almqvist verstecken. Dekadente Fleisch- und Fummelschau und jede Menge Glamrock-inspirierter Sahnestückchen zum Mitsingen. Dass die Finnen ihren Nachbarn und damit The Ark beim diesjährigen Eurovision Song Contest nur sieben Punkte gegeben haben, trägt Salo dem Publikum nicht nach und singt den Eurovision Song »The Worrying Kind« mit ironischem Gusto. Nichts für ungut!

Sagen wir noch was zum Wetter: Am ersten Tag wunderbar, am zweiten Tag trübt es sich ein und am dritten Tag regnet es von morgens bis abends in Strömen. Es ist folglich eine weise Einschätzung gewesen, auf den Sonntag zu verzichten. Zumal da eher die härteren Töne vorherrschen und ich höchstens bedauere, Mando Diaos ersten Ruisrock-Auftritt verpasst zu haben. Aber die Schweden touren sowieso ausführlich durch den deutschen Festivalsommer. Demnächst auch in einer Stadt in Spuckweite.

Dass die Finnen beim druckvoll-melodischen Indierock ganz vorne mitmischen, zeigen die Lokalhelden Lapko und Disco Ensemble mit engagierten und leidenschaftlichen Auftritten. Disco Ensemble schaffen 2007 es sogar bis auf die Hauptbühne.  Dafür bekommt Lapko-Sänger Malja (Foto) von uns mit kritischem Damenblick den Preis für das drittnetteste Lächeln aller auftretenden Künstler verliehen. Wenn das nichts ist! Zwischendurch verirren wir uns kurz zu Sunrise Avenue und geraten genau in die Klatsch- und Mitsingorgie zu »Fairytale Gone Bad« hinein. Nichts wie weg!

Kommen wir doch lieber zu den echten Glanzlichtern der Ruisrock-Ausgabe 2007. Zu Magenta Skycode etwa: Was sind die Weltschmerz-Weltmeister in diesem Jahr als Band zusammengewachsen! Klang das vor einem Jahr im Tavastia-Club in Helsinki schon recht überzeugend, ist es heute geradezu unverschämt gut, was die Jungs um das frisch kahl geschorene Mastermind Jori Sjöroos hier auf die Bühne bringen.  Bei »Go Outside Again« kriegen wir Mädels in der zweiten Reihe ganz verklärte Augen vor Begeisterung. Und den neuen Gitarristen, den kennen wir doch auch irgendwoher. Nach einigem Überlegen macht es klick: Es ist der Schlagzeuger unserer liebsten Smiths-Epigonen Cats On Fire ! Turku, die Heimatstadt beider Bands, ist eben klein! Wer will da noch die US-Poser-Kapelle Juliette And The Licks sehen, die zeitgleich spielen? Wir nicht! Und die Pipettes finden wir auch nicht so doll. Die könnnen ja noch nicht mal ein Instrument spielen, pfui! Die kanadischen Billy Talent haben bei uns schon bessere Chancen.

Bleiben wir aber bei den heimischen Bands. The Crash, ehemals unsere Lieblingskitschpopband, haben zwar seit Jahren nichts mehr richtig Überzeugendes vorgelegt, und das neue Album »PONY RIDE« bewegt sich, was die Grenze zum Dudelschlager angeht, auf sehr, sehr gefährlichem Terrain.  Aber bei aller Kritik: The Crash können, wenn sie gut drauf sind, live unwiderstehlich sein. Und sie erwischen einen ihrer besseren Abende, getragen von der Begeisterung des Publikums, das jede Zeile textsicher mitsingt. Erinnern wir uns noch an ihren ebay-Hit »Star«? »You are very uncool, but forever wonderful«? Stimmt diesmal ganz genau!

Und danach, als der Regen bereits einsetzt, das erste Mal die Don Johnson Big Band hören. Die spielt wunderbarerweise im großen Zelt, und die großen Tropfen pladdern heimelig auf weißes wasserabweisendes Tuch. Drinnen rinnt der Schweiß. Vom Tanzen! Eine schlingernde Achterbahnfahrt über die Kirmeswiese der Populärmusik von Weltmusik über Jazz und Hiphop und Rock. Temperamentvoll und aufregend und immer wieder überraschend. Live eine echte Entdeckung!

Zu den schönsten Ruisrock-Erfahrungen gehört jedesmal das Nach-Hause Radeln in völlig erschöpftem Zustand nachts um zwei halb drei, umgeben von ebenso erschöpften, aber friedlichen Festivalbesuchern, die ihres Weges stolpern. Manch Strauchelnder wird die Nacht im Wald verbringen, falls ihn nicht gutmütige Freunde zu den Bussen mitschleppen. Im Osten geht schon langsam wieder die Sonne über den Schären auf. Schön wars!

15. Juli 2007

Die Lieblingsurlaubsplatte: Sister Flo entdecken das Glück

Wer länger in die Sommerferien verreist, der kennt das Phänomen: Zwar hat man für lange Autofahrten vorsorglich einen Riesenstapel CDs für alle Gemütslagen eingepackt. Aber es gibt immer diese eine Platte, die sich als Favorit entpuppt, unentbehrlich wird, praktisch ununterbrochen läuft und in der Erinnerung noch Jahre später untrennbar mit dem Sommer dieses Jahres verbunden sein wird. Den Soundtrack für die Skandinavienfahrt 2007 steuern Sister Flo aus Finnland mit ihrem neuen Album »THE HEALER« bei.  Wie das Quintett aus der Kleinstadt Riihimäki es schafft, aus seiner verschrobenen Liebe zu vielerlei Herzenskrankheiten, aufschimmernden Todesphantasien und allerlei Nekrophilie ein herzzereißend zärtliches und zutiefst heiteres Album zu schaffen, ist ein kleines Wunder. Dieses selbstbewusst eigenwillige, angenehm widerborstige, zutiefst zeitgeistabgewandte und souverän uncoole Album setzt ein Ausrufezeichen in einer Welt selbstverliebter Popegomanie.

Allein wie die Band im Titelsong »The Healer« unversehens das Glück entdeckt; plötzlich Flügel bekommt und abhebt ist so überzeugend, dass das Stück derzeit das allerschönste Lied auf der ganzen Welt ist. Oder »Hyvinkää«, wo es schon wieder ums Verlassen, Abschiednehmen und ums Sterben geht – von Sänger Samae Koskinen  auf seine unnachahmlich nuschelige und zurückgenommene Weise interpretiert, entwickelt eine Wärme, die Lächeln macht. Als es mir dann bei einer Fahrt an der westfinnischen Küste endlich dämmert, dass es sich bei Hyvinkää um eine Kleinstadt gleichen Namens handelt, ist es sowieso um mich geschehen. »Hyvinkää, 126 km« steht auf dem Straßenschild. Zu dem Song gibt es ein sehr eigentümliches Video um einen verzweifelnden Weihnachtsmann. Einige Songs des neuen Albums sind auf der myspace-Seite von Sister Flo zu finden.

Ebenfalls immer in Griffweite sind Cats On Fire und »THE PROVINCE COMPLAINS«. Überraschenderweise sitzt Sänger Mattias Björkas (Foto) des Mittags in der Cafeteria der schwedischen Uni in Turku und trinkt Kaffee.  Allerdings sieht er so blasiert aus wie der Urenkel von Oscar Wilde, dass ich es mir verkneife, auf ihn zuzugegen, ihm zu danken und zu sagen, dass das Album ein ständiger Begleiter ist. Und auf dem  Lieblingsstapel ist auch »GIVE ME BEAUTY – OR GIVE ME DEATH« von EF zu finden, bestens geeignet für skandinavische Regennachmittage. Wunderbarerweise spielt die Band ausgerechnet an einem der drei Tage, die ich in Göteborg verbringe. Vor Heimatpublikum agieren die Fünf noch intensiver, zarter, konzentrierter und leidenschaftlicher als letztens beim Karlsruher Konzert. Das Herz schlägt schneller.

Mehr zum Ruisrock Festival 2007 bald. Deutsche subtropische Hitze ist überaus gewöhnungsbedürftig.

 
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