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Foto nordische Landschaft

22. März 2007

Das Darmstädter Echo und Boomhauer

BoomhauerIrgendwann ist es für jeden das erste Mal. Auch für das Darmstädter Echo, die bekannte Qualitätszeitung aus der südhessischen Metropole – und die legendären finnischen Garagenrocker Boomhauer.

Da hat das Provinzblatt an einem Freitagabend doch tatsächlich die Kulturkorrespondentin ins 603qm geschickt, um über die Abgründe finnischer Verrückheit zu berichten.

Folgendes hat die Dame erlebt:

Das finnische Trio Boomhauer kommt da äußerst erfrischend daher: Die drei gehen der Frage nach, ob Schlangen Vögel fressen, werfen Anekdoten ein wie Konfetti oder fotografieren das Publikum mit dem Handy. »Die Familie zu Hause glaubt nicht, dass wir internationale Rockstars sind«, erläutert Mikko Lappaleinen diese Beweisaufnahme.

Im Gegensatz zu diesem schwergewichtigen Schlagzeuger kommt sein Instrument auffallend abgespeckt daher. Lediglich drei Trommeln und ein Becken braucht er, um die packende Musik voranzutreiben. Das entspricht ganz dem Weniger-ist-mehr-Prinzip, das die Band überzeugend zum Klingen bringt.

Dazu passt perfekt der hysterische Gesang des Gitarristen Saku Krappala. Das Organ des schmächtigen Kerlchens spricht mehr als es singt, und das in hochtöniger Überzeichnung. Zwischen den meist kurzen Stücken verbreitet er – »Ladies and Gentlemen!« – im Schnellsprechverfahren allerlei Nonsens und amüsiert das Publikum mit Geschichten von der Autobahn oder wie an einem Berg mal Goethe zu ihm sprach.

Doch die Grenze zur Albernheit überschreiten sie nicht. Denn auf der Bühne stehen drei ernst zu nehmende Musiker, die schräge Bluesakkorde mit kantigen Rockbeats mischen, von poppigen Melodien in raue Garagen-Sounds fallen oder eine plänkelnde Gitarre mit einem schnodderig gespielten Bass paaren. Das ist knackige Musik mit Köpfchen. Und am Ende des Konzerts haben sie dann doch noch gelernt, dass es »Darmstadt« heißt und nicht »Darmstein«.

Sehr aufmerkam beobachtet, Darmstädter Echo! Hauptsache, die Sache mit Darmstadt und Darmstein ist klargestellt!

Hinzuzufügen bleibt: Boomhauer-Sänger Saku Krappala ist für seine Verhältnisse an diesem Abend geradezu schüchtern.  Wenn der Mann richtig aufdreht, sieht die Sache anders aus. Hinzuzufügen bleibt: Die Spielfreude, Anarchie, Energie und Rotzfrecheit von Boomhauer gehen im Duell mit dem anfänglich sehr zurückhaltenden Darmstädter Publikum eindeutig als Sieger vom Platz. Faktum bleibt: Ein Boomhauer-Konzert ist immer unwiderstehlich. Auch wenn Herr Krappala mal wieder seine wunderbaren langsamen Songs nicht live spielt.

Nach dem Konzert verrät uns Saku noch, dass wir ihm gratulieren können: Der Mann hat vor kurzem seine Ausbildung in der Fachrichtung Ernährungswissenschaft in Turku abgeschlossen! Ob der Gitarrenwüterich und Meister der abstrusesten Anekdoten nun bald professionell den Kochlöffel schwingen wird, bleibt offen, aber zu Kartoffelbrei und gebratenem Elch wird es allemal reichen.

Außerdem dürften wir uns darauf einstellen, bald Sakus sanfte musikalische Seite kennenzulernen: Das »schmächtige Kerlchen« (nicht ganz korrekt beobachtet, Darmstädter Echo!) arbeitet unter dem Namen Pocket Knife an seiner Solo-Platte, die wohl noch in diesem Jahr beim 22-Pistepirkko-Label Bone Voyage Recordings herauskommen wird. Wir warten gespannt darauf, Saku! Und bitte bald wiederkommen, Jungs!

21. Februar 2007

Äpfel und Birnen: Johnossi und Risto

Das kommt davon, wenn man Ende letzten Jahres als Vorband von Mando Diao durch Deutschland tourte: Plötzlich ist man so bekannt, dass die Leute heute in der Kälte Schlange stehen, um bloß das jüngste Hype-Event nicht zu verpassen. Genau so wars kürzlich beim Johnossi-Konzert in Frankfurt. Selbst die Veranstalter im Cooky´s scheinen von dem Andrang überrascht – um nicht zu sagen: überfordert. Dass es sich hier um den Veranstaltungsort mit der miserabelsten Sicht und den unverschämtesten Bierpreisen der Stadt handelt, tut an diesem Abend nichts zur Sache. Hauptsache dabei. Konzertgänger jenseits der 23 sind eindeutig in der Minderzahl.

John und Ossi lassen die erwartungsfreudige Menge ziemlich schmoren, ehe sie sich deutlich nach zehn auf die Bühne schlängeln: Zwei gutaussehende junge Männer etwa im Alter des Publikums.  Dass man nur mit Gitarre und Schlagzeug den schnellen, eleganten Powerpop wunderbar zelebrieren kann: Johnossi erweisen sich als Meister des gepflegten Temperamentausbruchs. Putzig zu erleben, wie das Publikum bei »Man Must Dance« textgenau mitsingen kann. Allerdings: Bei einer der wesentlichen Hürden von Live-Konzerten, der einigermaßen intelligenten Zwischenansage, da scheitern die Jungs grandios. Wirken ziemlich farblos. Mag dieser Mangel an Esprit am ziemlich grippekranken Ossi gelegen haben? Wir werden es nicht erfahren. Aber nach 50 Minuten ist Schluss. Gerade mal fünf Minute mehr als die ungnädigen Arctic Monkeys im letzten Jahr. Und trotz des flotten Tempos und durchaus ansprechenden Songs bleibt an diesem Abend ein Eindruck von Unverbindlichkeit hängen. Vom dem akuten Fehlen einer dringlichen Botschaft. Vom Mangel an echter Bühnenpräsenz. Die hat etwas mit Persönlichkeit und mutiger Hingabe zu tun. Auf der Bühne schwitzen kann jeder. Hm. Hm.

Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Aber auf dem Nachhauseweg lege ich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung eine der derzeitigen Lieblingsplatten auf.  Das wunderbar anarchisch-druckvolle »AURINKO AURINKO PLAA PLAA PLAA« von Risto aus Tampere. Frechheit, Temperament, Respektlosigkeit, Tempo, Humor, Ausdrucksreichtum: Damit wird das uneitle Quartett niemals die (Klein)-Hallen ausverkaufen, zumal sie auf Finnisch singen. Aber diese vier haben mehr Herzblut in jedem ihrer Songs als die hübschen Johnossis auf ihrer ganzen Platte. Disco, Rap, Schlager, Postpunk und Singer-Songwritertum so frech zu einem unerwartet gelungenen Ganzen zu verabeiten. Hut ab, Risto! Gut, dass ihr die echten Birnen seid!

01. Februar 2007

Sunrise Avenue und eine Million Fliegen

Sunrise Avenue

Wir zitieren eine aktuelle Pressemeldung des EMI-Konzerns:

Die finnischen Newcomer Sunrise Avenue (Capitol) eilen von einem Erfolg zum Nächsten: Mit ihrem Airplay-Dauerbrenner »Fairytale Gone Bad« landen sie auf Platz 3 der deutschen Single Charts!

Das Debütalbum »ON THE WAY TO WONDERLAND« ist in dieser Woche von Position 42 auf 33 der Alben Charts geklettert, Tendenz weiter steigend. Im Nachbarland Österreich ist das Album auf Anhieb auf Platz 8 der Charts eingestiegen. Die aktuellen Download Charts unterstreichen den Erfolg von Sunrise Avenue einmal mehr: Bei iTunes und musicload liegt »Fairytale Gone Bad« auf Platz 2, bei AOL auf Position 3. Auch in ihrem Heimatland haben die Finnen die Nase vorn. U.a. hat Radio NRJ Finnland die Band jüngst in vier Kategorien ausgezeichnet: »Best Nordic Act«, »Best Finnish/Domestic Song (Fairytale Gone Bad)«, »Best Finnish/Domestic Newcomer« und »Best Finnish/Domestic Album«. Nach LaFee ist Sunrise Avenue bereits der zweite Newcomer Act, den EMI Music Germany in den letzten Monaten erfolgreich im deutschsprachigen Raum etabliert hat.

Die Club Tour im Februar ist bereits restlos ausverkauft, deshalb geben die Finnen im März noch einige Zusatzkonzerte. Für Oktober sind Konzerte von Sunrise Avenue in größeren Hallen in Planung, und in der Rubrik »beste Rock Band« sind sie für den Bravo OTTO nominiert! Im April erscheint die 2. Single Auskopplung »Forever Yours«, ein sicherer Garant, dass für Sunrise Avenue die Sonne mit Sicherheit noch lange nicht untergeht.

Soweit die Lobhudelei der Kaufleute. 

Nun die Meinung des Nordische Musik-Rezensenten: http://www.nordische-musik.de/1741-Sunrise-Avenue.html …

Können eine Million Fliegen irren? Ja, sie können.

28. Januar 2007

Willkommen Eurovision!

Sie schaffen es nicht ganz, ihren Stolz zu verbergen, die Finnen: Ganz Europa ist im Mai zu Gast in Helsinki , wenn der Eurovision Song Contest erstmals in Finnland ausgetragen wird. Die Freude ist groß, der Enthusiasmus gewaltig, aber einer ist der König der Vorfreuer: Das ist Markku aus Tampere. Dieser entfernte Verwandte von Aki Kaurismäki ist auf einer Mission: Die Welt in Suomi willkommen zu heißen und weltweit das Verständnis finnischer Kultur zu fördern.

Markku from FinlandDazu scheut der Mann im Mika-Häkkinen-T-Shirt und den kurzen Hosen keine Mühe. Sein Werkzeug: Eine ganz normale Touristen-Videokamera, für einen guten Zweck eingesetzt. Das Ergebnis sind bislang 14 Episoden der von ihm selbst liebevoll-augenzwinkernd inszenierten Doku-Seifenoper »Welcome Eurovision 2007«. Ein Muss für jeden Freund trivial-intelligenter Unterhaltungskunst! Was die finnische Sprache mit dem »Herrn der Ringe« zu tun hat, wohin jeder in der Sauna starrt und es nie zugeben würde, warum Lordi nicht zum gesellschaftlichen Event des Jahres erschienen sind, dem Empfang der Präsidentin zum Unabhängigkeitstag, warum die traditionelle Osterspezialität Mämmi wie Scheiße aussieht – Markku klärt geduldig auf und lässt dabei kein Klischee vom Verhalten seiner Landslsleute aus. Allein sein dick finnisch eingefärbtes Englisch in den Videos ist ein Hochgenuss! Das Gesamtwerk des Mannes aus Tampere ist unter seiner myspace-Seite abrufbar.

Wie wohl den ewigen Verlierern des Schlager-Spektakels der triumphale Sieg der wirklich nicht weltbewegenden Maskenrocker Lordi getan hat, zeigt ein Blick in das Video-Portal youtube. Da hat sich doch einer die Mühe gemacht, unter dem Titel »Finland 12 points« ALLE zwölf-Punkte-Wertungen zusammenzuschnippseln, die während der Abstimmungs-Zeremonie im finnischen Fernsehen übertragen wurden. Zu verfolgen, wie die Kommentatoren immer mehr aus dem Häuschen geraten, ist auch ohne jegliche Kenntnisse der Landessprache ein echtes Erlebnis!

18. Januar 2007

Finnland, fröhlich

Kürzlich in der Straßenbahn. Eine junge Frau fragt nach dem Weg zur Uni. Den erkläre ich ihr freundlich. Sie bedankt sich herzlich und plaudert noch ein bisschen, deutet auf meine Umhängetasche mit dem charakteristischen Blumendesign.

»Coole Tasche, gefällt mir! Wo gibts die denn zu kaufen?«

Ich, erfreut. »Oh, das ist eine Marimekko-Tasche aus Finnland!«

Hinter ihrer Stirn laufen sichtbar die Assoziationsketten ab und dann bricht es aus ihr heraus:

»Finnland! Ach ja! Dunkel, kalt, Winter, besoffene Leute, Kaurismäki!«

Sie war noch nie in Finnland, wie sich auf Nachfrage herausstellt.

Bingo!

Die finnische Tourismusbehörde zieht mit Sicherheit in jedem Jahr, in dem ein neuer Kaurismäki herauskommt, seufzend zehn Prozent vom Umsatz ab. Herr Kaurismäki ist ein großer Künstler, aber er hat Stereotypen von den stets schweigenden Finnen und der urbanen winterlichen Unwirtlichkeit der finnischen Hauptstadt im kollektiven Unbewussten des weltweiten Kinopublikums zementiert.  Keiner bringt es fertig, Helsinki so depremierend aussehen zu lassen wie Kaurismäki. »Muss es denn immer alles so hässlich sein bei ihm?«, fragt selbst meine sonst so moderate Finnischlehrerin Liisa erzürnt.

Das heitere, lebenslustige, farbenflirrende, sommerliche Helsinki – bei Kaurismäki nicht vorhanden. Ebenso wenig wie das erwartungsvoll hüpfende, frühlingshafte Helsinki oder das wuselige, in satte Farben getauchte herbstliche Helsinki. Sicher: Auch die finnische Hauptstadt hat hässliche Ecken wie jede andere Metropole auch. Gebongt. Aber die Mär von den ewig pessimistisch vor sich hinstarrenden Landeskindern können wir doch ein wenig entmystifizieren: Mit fröhlicher finnischer Popmusik, zum Beispiel!

Eine kleine Auswahl für ein Anti-Kaurismäki-Mixtape:

• Paakon von Samae Koskinen

• Houston, Changing Manual von Since November

• Genius On The Run von Laurila

• Draw In The Reins von Cats on Fire

• White Noise von Sister Flo

• Vanha Auto von Maria Gasolina

• Valerie von The Tunes

• Tired Of All The Lovers von  Ultrasport

• Boy In A Glass Box von The Rollstons

• Go! von Daisy

• 20 Fingers 20 Toes von Goodnight Monsters

• Wear Out The Soles von Brightboy

• Candy Candy von I Was A Teenage Satan Worshipper

• Big Ass Love von The Crash

 
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