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Foto nordische Landschaft

04. Dezember 2006

Finnischer Wein von Ville Valo

Ein Kultfilm mit einer Kultstory braucht einen Kulthit mit Kultbesetzung. Nichts weniger als das ist der Klassiker Summer Wine, der zu einem besonderen Film nun von einem besonderen Duo interpretiert wird. Him-Sänger Ville Valo trifft auf Jungschauspielerin Natalia Avelon, und sie treten beide zusammen in die Fußstapfen von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra. Das Ergebnis ist eine Gänsehaut-verdächtige Version einer der schönsten zu Ton gewordenen Romanzen. Knisternder kann Erotik kaum sein, speziell in diesem intensiven Kontrast zwischen der mädchenhaften Natalia und dem fast mystisch in ungewohnt tiefer Tonlage singenden Ville.

Anlass für den Song ist ein echtes Ereignis im deutschen Film, nämlich Das Wilde Leben, eine Story, die sich die aufregende Lebensgeschichte Uschi Obermaiers als Vorbild für eine Romanze um Liebe, Trips und Rock’n’Roll nimmt. Der Film ist die erste große Rolle für Natalia Avelon, die bisher in einer Nebenrolle im »Schuh des Manitu« glänzte, und das Kinodebüt des Jungregisseurs Achim Bornhak. Produziert von Eberhard Junkersdorf (Blechtrommel, Stammheim, Messer im Kopf u.a.) dürfte »Das Wilde Leben« ein echtes Highlight im Kinofrühling 2007 sein.

Soweit also die offizielle, mit vollmundigen Lobeshymnen dick ausgepolsterte Presseverlautbarung von Warner Music zu der am 19. Januar 2007 erscheinenden Single »Summer Wine«. Ich war mäßig neugierig, hörte mir aber ohne große Erwartungen die Schnulzer an … und war trotzdem enttäuscht.

Ville Valo & Natlia Avelon: Summer WineGeigen fiedeln, wie man das von ihnen bei einem Formatradio-Hit erwartet, Natalia Avelons Singstimme wirkt unreif und ohne Individualität, und Ville Valo – eigentlich ein toller Sänger, der nur in letzter Zeit ein unglückliches Händchen für überzüchtete Herzschmerz-Balladen hatte – erinnert an eine Sparausgabe von Nick Cave.

Keine Ahnung, ob dieser Frontalangriff auf die Tränendrüsen viel Geld in die Kassen aller Beteiligten spülen wird; das interessiert mich auch nicht. Aus künstlerischer Sicht jedoch ist das Ding ein Flopp.

21. November 2006

Nordic Notes

Nordic NotesPlötzlich hat man eine neue CD auf dem Schreibtisch liegen mit einem Label-Aufdruck, der einem bislang unbekannt ist – ganz unverhofft ist ein neues Label aufgetaucht.

Wie vor einigen Monaten: »Nordic Notes«. Aha. Langenzenn, in der Nähe von Nürnberg. Im Repertoire: Hidria Spacefolk. Neuerdings auch Úlpa und eine Rarität von Waltari. Und dann plötzlich ein klug kompilierter Sampler, der Sachverstand beweist und Einsteigern in die skandinavische Musik jede Menge Entdeckungen garantiert.

Christian PliefkeChristian Pliefke ist der Mensch hinter Nordic Notes. Insider kennen ihn als Partner von Martti Trillitzsch, mit dem er gemeinsam in Fürth ein beinahe undurchschaubares finnisches Label-/Record Store-Geflecht betreibt: Tug Rec, Humppa Records, 9:PM Records, Kioski, …
Leute, das ist die Heimat von Eläkeläiset, Boomhauer, Disgrace, Screamin' Stukas und vielen mehr!

Christian, eifriger Leser von www.nordische-musik.de übrigens, macht also nun sein eigenes Ding und hat mit »NORDIC NOTES VOL. 1 – SOME KIND OF ROCK/POP NOTES FROM THE NORTH « einen reizvollen und lohnenswerten Midprice-Sampler zusammengestellt. Aus dem Inhalt:

  • Mikael H. (Finnland): Aeroplane
  • HGH (Norwegen): Mircale Working Man
  • Dungen (Schweden): Panda
  • Kometa (Finnland): Mexico
  • Röövel Ööbik (Estland): Full Throttle
  • Cosmo Jones Beat Machine (Finnland): I Feel Nothing
  • Lapko (Finnland): All The Best Girls
  • Hypnomen (Finnland): Asleep
  • David And The Citizens (Schweden): Until The Sadness Is Gone
  • Napoo (Norwegen): Jonston Is Sane
  • Kimono (Island): Sonar
  • Helldorado (Norwegen): Helltown
  • Ùlpa (Island): Sexy Dick
  • Joycehotel (Dänemark): Come Back To Bed
  • Isolation Years (Schweden): Sightseeing Boat
  • Death To Frank Ziyanak (Dänemark): Fe Fi Mo Fo
  • Schtimm (Norwegen): Idiotsong
  • Ricochets (Norwegen): Nobody Around
  • David Fridlund (Schweden): 3 Pictures (Of You & You & You)

Na, neugierig geworden? Aber jetzt kommt's: Weil Christian so ein netter Kerl ist und weil Nordic Notes und Nordische Musik voraussichtlich noch einige gemeinsame Projeke auf die Beine stellen werden, verlosen wir unter allen Lesern fünf Exemplare dieses wirklich faszinierend vielschichten Samplers.

Wie geht's? Einfach eine Email an Nordic Notes scheiben mit dem Betreff »Verlosung Nordische Musik«. Einsendeschluss ist der 1. Dezember 2006.

Die GewinnerInnen werden wir dann hier verkünden.

Viel Glück! 

22. Oktober 2006

Die Bastion guter Musik

Einmal Strokes, bitte. Macht 30 Euro. Einmal Morrissey. Macht 45 Euro. Einmal Peter Maffay. 75 Euro. Ticket preise überflügelten sämtliche Inflationsraten mit Siebenmeilenstiefeln. Noch vor wenigen Jahren kam man günstig auf Konzerte von debütierenden Bands, für die man heute durchschnittlich 17 Euro auf den Tresen blättern muss. T-Shirt-Faktor noch nicht mit eingerechnet. Für kleines Geld sieht man höchstens die vier lokalen Gruppen (frisch rekrutiert aus der Rock AG) in schäbigen Rock-Kneipen, die bei diversen Nachwuchscontesten meist vergebens um Gehör buhlen. Und mal ehrlich: wer will die schon sehen?

Die Bastion in Bochum ist eine Ausnahmeerscheinung. Mit Ehrenamt und kleinen städtischen Zuschüssen aus dem Kulturfond gibt es im Ruhrgebiet eine unkommerzielle Spielstätte, die es sich zur besonderen Aufgabe gemacht hat, kleine, aber hochqualitative und internationale Künstler zu fördern. No-Budget-Arts ist die Homepage und das Manifest einer Location, die durchaus mehr Zuspruch verdient hat, als sie bekommt. Nur: wer kein Geld hat, der kann auch keines für Werbung ausgeben. Einzig Mundpropaganda beschert den Kinovorführungen (Independent-Filme im 16-Platz-Kino), Aktionen und Konzerten wenigstens ein paar Besucher.

Konzert = 4 Euro heißt die Maxime. Keinen Cent mehr. Keinen Cent weniger. Und das ist natürlich ein reines Schnäppchen für diese Bands und Künstler, die für ihre Musik leben, aber nicht von ihr. Bei vier Euro ist die Kostendeckung für die Bands meist reines Glücksspiel. Und wenn am Merchandise-Stand nicht richtig zugelangt wird, dann wird eben wieder im VW-Bus gecampt. Ob gerade die Nordfrauen und –männer besonders unanspruchsvoll sind? Die nordische Szene war bisher Dank des Polarzoos sehr präsent im Programm vertreten. Aber auch nach der offiziellen Beerdigung des Projekts, führt die Bastion den Namen der Veranstaltungsreihe weiter und präsentiert noch bis Jahresende fünf besonders lohnende Konzerte mit skandinavischen Bands. 

Hier die Übersicht:

 Sonntag, 29. Oktober: Mannhai (FIN) & Truckfighters (S). Stonerrock, Desertrock, dicke Hose. Manch einer behauptet, das sind die härtesten Rockbands Skandinaviens. Manch andere behaupten, das sind einfach Metalbands. Recht haben vermutlich beide. Und da ein bisschen Poser doch in uns allen steckt, kann hier so richtig die Luftgitarre geschwungen werden. Hörprobe: hier.

 Donnerstag, 02. November: I Am Bones (S). Johannes Gammelby ist ein Spielkind vor dem Herrn. Mit diversen Lo-Fi-Sperenzchen baut er sich seine ganz eine Popwelt. Die ist ziemlich vergnüglich und durchaus charmant. Wir sind gespannt, was er sich für seine Liveshows hat einfallen lassen, zu denen er sicherlich noch den ein oder anderen Gastmusiker mitbringt. Hörprobe: hier.

 Samstag, 11. November: Lily Electric (DK). Bowie-Surf-Pop zwischen Naivität und Zynismus. Was man sich darunter vorstellen kann? Wir wissen es auch noch nicht so genau. Fest steht: Indie calls, Kopenhagen antwortet (neuerdings: Berlin). Nur mit einem Minialbum bewaffnet begeben sich die Vier zum ersten Mal auf ausgedehtnte Tour nach Tyskland. Hörprobe: hier.

 Mittwoch, 06. Dezember: The Tiny (S). Gibt es ein besseres Nikolaus-Geschenk? Verhuschter, liebevoller, niedlicher, verspielter Pop mit Frauenstimme. Live bestimmt ein ganz großartiges Erlebnis. Ob der Kontrabass überhaupt in den Salon der Bastion passt? Ob die Glockenspiele wohl auch dabei sind? Ob die live überhaupt so klingen wie auf Platte? Hörprobe: hier.

 Freitag, 08. Dezember: Boy Omega (S) & The Book Of Daniel (S). Skandinavische Songwriterkunst im Doppelpack. Wo Boy Omega mit Feinfühligkeit und Melancholie punktet, setzt sein eher unbekannter Bruder Daniel noch einen drauf. Streicherpartien verleihen seinen Kleinoden einen jazzigeren Touch, der den Songs viel Platz zum atmen lässt. Hörproben: hier und hier.

Diese Bands sind es ganz sicher wert. Und ihr euch hoffentlich auch!

15. Oktober 2006

Ein Fall für Zwei: Laurila und Mäkkelä

In Finnland ist Herr Matula einer der bekanntesten Deutschen. Sagt Janne Laurila, das musikalische Multitaltent aus Tampere. Die Krimiserie »Ein Fall für Zwei« läuft seit vielen Jahren unter dem Titel »Kahden Keikka« im finnischen Fernsehen. Die Abenteuer von Josef Matula und seinen Kollegen spielen bekanntermaßen in Frankfurt. Janne Laurila hat für den Auftritt im Frankfurter Dreikönigskeller extra aus diesem Anlass eine Lederjacke angezogen, um Matula die Ehre zu erweisen. Hat tapfer freiwillig Frankfurter Spezialitäten wie Bockwurst und Äbbelwoi probiert (für Menschen, die den lokalen Dialekt beherrschen: Weck, Worscht unn Woi!). Und was hat ihm das alles genutzt? Leider sehr wenig!

 Zum Abschlusskonzert der gemeinsamen Tour von Mäkkelä´s Trash Lounge und Herrn Laurila tauchen gerade mal gefühlte zwölf Zuhörer auf. Vielleicht waren es auch 15, wenn man den Barkeeper mitzählt. Die beiden Musiker lassen sich von den Frankfurter Kulturbanausen nicht beeindrucken (schon Goethe hatte ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu seiner Heimatstadt!) und spielen leidenschaftlich und mit viel Herzblut auf.

Laurilas wunderbarerer Sommersong »Endless Summer« hatte sich bereits vor Monaten in mein Herz gespielt. Und da steht der quirlige junge Mann mit den lebhaften dunklen Augen allein mit seiner Gitarre auf der Bühne und bestätigt das Potenzial sein er selbst betitelten EP »LAURILA« auf ganz wunderbare Weise. Dass ein sehr temporeicher Song wie »Number Down« solo fast ebenso druckvoll kommt wie mit Bandbegleitung – Laurila macht solche kleinen Wunder möglich. Erzählt zwischendurch lustige Geschichten und steckt mit seiner Fröhlichkeit selbst den berufscoolen Barkeeper an. Spielt ganz herzerwärmend traurige Hank-Williams-Cover. Und einige Songs seiner früheren Band Office Building. »Warum wollen nur zwölf Leute diesen Mann hören«? fragt man sich ratlos. Janne hat Talent, Bühnenpräsenz, Ausstrahlung und eine unglaublich variationsreiche Stimme. Die zwöf wollen ihn kaum von der Bühne lassen. Recht haben sie!

Herr Mäkkelä hat es nach Jannes lebhaftem Auftritt fast ein bisschen schwer. Ist sperriger, fordert mit seinen launigen Songs mehr Aufmerksamkeit von den Zuhörern. Kultiviert das Kauzige und die liebt absurde Alltagsgeschichten. Ganz der halbseidene Bonvivant im verschlissenen Anzug. Und wunderbar e Geschichten hat er zu erzählen, wie die von dem Mann, der den Swimming-Pool von Brian Jones gebaut hat. Und die von den Pinguinen. Und zu ganz später Stunde, als die Glocken der Dreikönigskirche in Sachsenhausen schon längst zwölf geschlagen haben, kommt Janne Laurila nochmal mit auf die Bühne – und gemeinsam huldigen die beiden Musiker dem Mann in Schwarz. Eine besser Cover-Version von »Delia’s Gone« habe ich lange nicht gehört.

Für Janne endet dieser Abend sowieso noch versöhnlich. Hat ihm doch eine Frau aus dem Publikum erzählt, dass sie Matula heute IN ECHT gesehen hat. Am Flughafen! Janne findet das völlig großartig.

Ein Interview mit Janne Laurila übrigens demnächst auf Nordische Musik. Die Band hat gerade ihr erstes Album aufgenommen. Wer eine verschwommene und leider gar nicht synchrone Vorstellung davon bekommen möchte, wie sich Laurila live anhören, kann hier einen ersten Eindruck gewinnen.

28. September 2006

Popkomm für Fortgeschrittene Teil 1

Eigentlich hatte die Musikmesse Popkomm in diesem Jahr einen brasilianischen Schwerpunkt. Aber angesichts der kaum überschaubaren Masse an Konzerten von Musikern aus Skandinavien konnte man durchaus auf die Idee kommen, dass die wahren Champions aus dem hohen Norden kamen. Beim Nightflight durch die Berliner Clubs, zum Beispiel in der Kulturbrauerei, ist vor alllem Durchhaltevermögen angesagt. Was dem Spass beim Befriedigen der Neugier keinen Abbruch tut.

 Bei der Finnischen Rocknacht am ersten Popkomm-Abend ist vor allem wieder ein Phänomen zu beobachten: Die Sänger der Bands sind alle keine Hünen. Eher das Gegenteil. Dies ist keine dumme sexistische Tussenablästerei, sondern eine durch Fakten untermauerte Beobachtung. Wer eine nachvollziehbare Begründung für dieses (rein finnische?) Phänomen hat – bitte Mail an mich.

Lapko-Sänger Malja ist zwar ungefähr nur so groß wie Prince und steht beim Singen gerne auf den Zehenspitzen, aber jetzt verlassen wir auch souverän die Niederungen von Äußerlichkeiten und widmen uns den wahren Werten. Das Trio hat die Energie von mindestens einem der drei geplanten finnischen  Kernkraftwerke und spielt eine sehr eigene Mischung aus treibenden Rock, hysterischem  Darkpop, glamouresken Unterströmungen und ziemlich viel Teenage Angst. Dass die Band live unwiderstehlich ist, hat sich schon bis in die deutsche Hauptstadt herumgesprochen und die Mädels mit den Lapko-Shirts sind bereits im halben Dutzend vertreten.

 Nichts wirklich Neues unter der Sonne bringen Brightboy aus Helsinki mit ihrem gepflegt-hedonistischen 80er-Synthie-Wavepop, aber das Gleiche lässt sich von Dutzenden anderer Bands behaupten. Das Quintett steckt, was die Bühnenausstrahlung angeht, noch etwas in den Startlöchern, aber das Ganze ist ausbaufähig. Die potenziellen Hits des Debütalbums »LOVE FOR THE STREETS« kommen flott daher und Sänger Antti Westman findet langsam den Entertainer in sich. So richtig ins Schwitzen gerät man dabei aber nicht. Macht nichts, zeigen die Jungs doch, dass der finnische Musiker als Spezies an sich durchaus dazu in der Lage ist, eine gepflegte Eleganz zu entwickeln.

 Als eigentliche Überraschung des Abends aber entpuppen sich The Winyls. Dass Rock laut, dreckig und leidenschaftlich sein muss, um nachhaltig mitzureißen – das Quintett weckt das Berliner Publikum mit ganz einfachen Mitteln aus seiner abgeklärt-coolen Pose. Da gibt nichts zu überlegen, hier wird mitgetanzt. Dem Feinsinnigen widmen wir uns später. Und dabei sind die Jungs durchaus wandlungsfähig und nicht ungewitzt. Sänger Leady Winyl ist ein  kleiner Derwisch, von dem ein schmutziges Leuchten ausgeht. Die Konkurrenz für Kapellen wie The Hives oder die Flaming Sideburns könnte hier heranwachsen. Und das Klischee von den »verrückten Finnen« bedienen die Fünf hier nebenbei zudem in vorbildlicher Weise.

 Wer wissen will, warum die Welthaarsprayvorräte bald zur Neige gehen, sollte sich bei der vierten Band des Abends, nämlich Naked, erkundigen. Das Quartett fällt vor allem durch seine eigenwilligen Frisuren auf. Da könnten selbst die Mädels von den B-52s neidisch werden. Die Musik, ein wenig origineller Glamrockverschnitt, ist nicht weiter bemerkenswert. Tendiert eher in die Langweiler-Ecke.

Abgesehen von diesen Erkenntnissen bleiben vom ersten Popkomm-Tag vor allem die Beobachtungen, dass Teitur nicht nur ein intelligenter und lebhafter Gesprächspartner ist, sondern auch die erstaunlichsten grauen Augen hat. Und dass selbst die Mädchenschwärme von Sugerplum Fairy mit so banalen Teenager-Problemen wie Pickeln zu kämpfen haben. Interviews mit beiden Künstlern bald auf »Nordische Musik« .

 
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