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Foto nordische Landschaft

05. September 2006

Und jetzt etwas ganz anderes: Kunst (Teil 2)

Warum lebe ich nicht in Kiel? Kiel ist eine wunderbare Stadt, geprägt durch den Charme des Zerstückelten und Unfertigen, gänzlich frei von vermeintlich schnuckeligen und stuckziselierten Altbauten, in denen tatsächlich die Depression wohnt und nie weichen wird, ich könnte also gut in Kiel leben. Aber immerhin lebe ich in Hamburg, weit ist es nicht bis Kiel, der Zug braucht etwas mehr als eine Stunde, Ahrensburg und Bad Oldeslohe fliegen vorbei, man muss ja nicht aus dem Fenster blicken, sondern kann etwas lesen. Und in Kiel stehe ich dann am Ufer und schaue sehnsuchtsvoll den Fähren nach, wie es sie nach Norden zieht, und jedes Mal bin ich mit an Bord, auch wenn ich zurückfahre nach Hamburg. Und in Kiel gibt es eine wunderbare Kunsthalle, so weit nördlich gelegen, wimmelt es an Kunst aus den nordischen Ländern, Malerei, Skulpturen, Fotos wie die von Esko Männikkö.

Aktuell gibt es dort eine kleine, aber feine Schau mit fünf Filmchen von Eija-Liisa Ahtila zu sehen. Genauer: eine Video- Installation mittels fünf aufgebauter Monitore. Der Titel: »The Present«, in denen Frauen erzählen und noch mehr vorspielen, was passiert, taumeln sie in eine psychotische Episode. Kurze poetische Erzählungen, die unvermittelt beginnen, eine Schleife ziehen, sich einer stringenten Logik verweigern, in denen man folglich nach Halt sucht, bis irgendwann ein Slogan eingeblendet wird: »Give yourself a present, forgive yourself«. Und der Besucher und die Besucherin schaut noch einmal mehr verwirrt auf den plötzlich dunklen Monitor, der dank Zufallsgenerator sich womöglich bald wieder aufhellt – oder irgendwann später. Filme wie kaum erinnerbare Alpträume, so machen das die Finnen.

28. August 2006

In Case You Need Bandnamen

 Die diplomatischste Art der Bandnamensfindung. Sind erst die Saiten des Gitarristen mit der Heckenschere durchtrennt und das Drumkit mit Cola gefüllt, kann man sich endlich zusammenraufen. Ob es sich denn lohnt, bei all dem herumfliegenden Equipment überhaupt noch weiter zu machen, oder ob die Aktion mit der abgebrochenen Bierflasche gerade eben unbedingt sein musste. Ein Name muss her. Etwas, was jeder mag. Was irgendwie noch politisch korrekt ist – schließlich stoßen die großen Plattenfirmen bei Namen wie »Made Out Of Babies«, »Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs« oder »FleischLEGO« angewidert spitze Schreie aus. Denkt man.

Was liegt also näher, als die gefühlte Neutralität der Nordländer zu bemühen und einfach mal ziel-, wahl- und lustlos auf Seite 80 des angegammelten Diercke-Atlas zu tippen, der gleich neben der schimmelüberwucherten Pizza von der letzten Probensession hier im dunkelfeuchten Keller seinen eigenen Rock'n'Roll-Mikrokosmos gegründet hat? Eben. Das dachten sich auch »Architecture In Helsinki«, die ein bisschen spinnerten und hibbeligen Australien-Pop veranstalten und noch niemals eine Sauna von innen gesehen haben. Hauptsache cool go north.

Aber während deren Album »IN CASE WE DIE« schon seit ein paar Monaten das CD-Regal im Order »A« bevölkert und es auf der nächsten Tour exklusiv das »WE DIED: THEY REMIXED«-Obuluswerk käuflich zu erwerben gibt, machen die Briten von »Copenhagen« eine eher schlechte Figur. Songwriterisch ist das eher Apfelkuchen mit Majonäse (Verhunzung: neue Rechtschreibreform) als Schwarzwälderkirsch mit Sahne.

Die Faszination an schlichten skandinavischen Städtenamen infizierte auch »Oslo« von der amerikanischen Westküste. Sie würden sich gerne als eine Mischung aus Interpol und Coldplay sehen, aber den Gefallen tun wir ihnen nicht. Zwei fehlen noch, dann können wir hinter den Hauptstädten überall ein Häkchen setzen. Also los, zieh das Keyboard aus der Bassdrum und fang an! First come, first serve! [x].

Stockholm [ ]

Reykjavik  [ ] 

15. August 2006

Finnischer Popsommer Teil 3

Der finnische Popsommer neigt sich seinem Ende zu  – und gemeinerweise spielen zwei meiner Lieblingsbands an diesem Abend fast gleichzeitig, aber an verschiedenen Orten. Da helfen nur ruckartiges Losreißen und ein schnelles Fahrrad.

 Boomhauer im Dynamo in Turku oder: Wer spricht schneller als Saku Krappala?

Ein Extrastoß Adrenalin gefällig? Geht ganz einfach: Das heftigste Garagenrock-Trio der Welt beim Heimspiel zu erleben. Wer vorher schon dachte, dass Sänger und Gitarrist Saku Krappala ziemlich hippelig ist, der wird seine Meinung rasch ändern. Saku muss der unangefochtene finnische Rekordhalter im Schnellsprechen sein: Atemlose, mit Lichtgeschwindigkeit heruntergeratterte Zwischenansagen, deren Absurdität und Skurrilität es mit dem Tempo aufnehmen können, versichert meine hilfreiche Übersetzerin Elina.

Wer Feinsinniges in der Populärmmusik mag, ist bei Boomhauer an der falschen Adresse. Es geht hier um den maximalen Energieausstoß während der Drei-Minuten-Songs und um die Höchtmenge Schweißabsonderung in diesem Zeitfenster. Und es macht einen Riesenspaß, den Jungs bei der Arbeit zuzuschauen, wie sie sich gekonnt die Bälle zuspielen und mit Präzision, Spielfreude und Leidenschaft bei der Sache sind und vor Begeisterung brennen. Saku hüpft wie ein Springteufel, Schlagzeuger Mikko schafft ein dynamisch treibendes Grundgerüst und Basser Marko zeigt sogar Anzeichen von Emotionen. Das ist die Essenz des Rock´n´Roll – bis zur Erschöpfung mitzutanzen und sich völlig verausgabt in den frühen Morgenstunden  nach Hause zu trollen.

Matti Johannes Koivu beim Down By The Laituri-Festival in Turku oder: Vorstellung und Realität

Matti Johannes Koivu, Sänger von Ultramariini. hat mit »PUUHASTELLEN« bislang eines meiner Lieblingsalben des Jahres vorgelegt: Souveräner, federleichter Singer-Songwriterpop mit einem wunderbaren Chanson-Einschlag. Geeignet für alle Dämmerstunden dieser Welt.

Irgendwie hatte ich mir Koivu als einen zarten, blassen, sehr jungen Poeten mit sensiblen Gesichtszügen vorgestellt. Auf der Bühne eines kleinen, recht altmodischen Klubs in Turkus Innenstadt aber steht ein ungelenker, verkrampfter, dürrer Mitzwanziger mit langem, strähnigen Blondhaar und merkwürdig stechenden Augen. Eher der Hippie-Hängerecke zuzuordnen. Ausstrahlung: Fehlanzeige. Den Rotwein trinkt er vorsorglich gleich aus der Flasche, eine der weniger sympathischen, aber durchaus häufig zu beobachtenden finnischen Eigenheiten.

Den Charme seines Albums kann Koivu an diesem Abend live nur in Ansätzen vermitteln. Begeitet wird er von einem ähnlich ausdrucksarmen Kollegen an der Zweitklampfe. Trotz viel guten Willens meinerseits gibt es von diesem Auftritt nur wenig Positives zu berichten. Die Songs laufen fast allesamt ins Leere, was hauptsächlich an der lauen und lustlosen Bühnenpräsenz des Herrn Koivu liegt. Auch wenn wir ihm milde zugestehen, dass er vielleicht einen schlechten Tag hatte: Matti, es gibt dringenden Handlungsbedarf, denn so wird das nichts. Geh mal bitte ein paar Blocks weiter und schau dir genau an, was Saku Krappala dir als Persönlichkeit auf der Bühne voraus hat. Es wäre schade, wenn sich das Koivu´sche Talent nur auf Platte entfalten könnte.

08. August 2006

Finnischer Popsommer Teil 2

An Konzerten herrscht selbst im Hochsommer, wenn das ganze Land auf Mökki-Urlaub ist, kein Mangel. Steigen wir doch gleich mal in Bus nach Helsinki.

Magenta Skycode im Tavastia in Helsinki oder: Darkpop rules ok

Zum ersten Mal den traditionsreichsten Rockclub Helsinkis zu besuchen und gleich auf der Gästeliste zu stehen…sehr cool! Ein großes Dankeschön an Tomi Mäkila, Keyboarder von Magenta. Für die Ferienzeit ist das Tavastia sehr gut gefüllt. Kein Wunder, denn Magenta Skycode, das neue Projekt von Jori Sjöroos, hat mit »IIIII« bislang eines der überzeugendsten Alben des Jahres aus der Düster-Pop-Ecke vorgelegt. Ganz klar zu spüren: Die Band, die erst seit kurzer Zeit zusammen spielt, muss erst noch zusammenwachsen, den Feinschliff entwickeln. Der Intensität tut dies keinen Abbruch. Die Songs entwickeln eine Sogwirkung, die sich auch live entfaltet. Der Gig im Tavastia eines der Konzerte, auf das ich besonders gespannt war – und die fünf Magentas bestätigen das Potenzial der Platte. Hoffnungslosigkeit, Melancholie, die  wundervolle Kunst des fortgeschrittenen Verzweiflungsanfalls: Sjöroos und seine Mitmusiker zelebrieren den gehobenen Weltschmerz und rocken die blauen Stunden um Mitternacht. Die Interaktion mit dem Publikum stimmt auf den Punkt: Die potenziellen Hitsingles des Albums wie »People« oder »Go Outside Again« werden inbrünstig mitgesungen. Magenta Skycode haben sich in Finnland ihre Fangemeinde schaffen können. Jetzt wäre es an der Zeit, über den Tellerrand Richtung Resteuropa zu schauen. Die Voraussetzungen stimmen.

Samae Koskinen beim Down By The Laituri-Festival in Turku oder: Weißer Lärm

Der Club ist ziemlich altmodisch und abgeranzt, der Publikumszuspruch hält sich in Grenzen, und draußen ist es um Mitternacht sowieso noch hell. Samae Koskinen, Frontmann der Popträumer Sister Flo aus der Weltstadt Rihiimäki, steht mit seiner Gitarre alleine auf der Bühne. Der untersetzte junge Mann mit einem Topf-Haarschnitt wie aus dem »Namen der Rose« und einem unsäglichen karierten Hemd traut sich was als Solokünstler. Sein Album »Vol. 1« überzeugte im Frühjahr durch Leichtigkeit, Selbstbewusstsein, perfekten Sinn für Popmelodien und literarischen Anspruch: Basis waren Texte junger finnischer Lyriker. Koskinen ist ein Meister des Understatement, er ist souverän, er lächelt auf der Bühne in sich hinein und beherrscht  seine Zwischentöne. Ach dumme Welt, was willst Du von mir, ich hebe einfach ab und fliege davon und froh macht mich das sowieso. Diesem unterkühlten Charme kann sich auch die tumbste Dumpfbacke in der Ecke nicht entziehen. Die Botschaft erschließt sich selbst Zuhörern, die das Finnische nur in Ansätzen beherrschen: Hier gibt es eine kleine Kostbarkeit zu entdecken. Und als ultimativen Glückskeks fürs Publikum singt Koskinen noch eines der schönsten Lieder von Sister Flo, »White Noise«. Ein Song, der es unbedingt unter die 20 besten Popsongs aller Zeiten schafft. Mein Lächeln ist selbst am nächsten Tag noch da.

08. Juli 2006

Das Polarblog-Mixtape

 Erst gerade hab ich den Tipp bekommen: Einen der schönsten Campingplätze Schwedens findet man am östlichen Vänern-Ufer bei Hällekis zwischen Mariestad und Lidköping. Camping »Kinnekulle« heißt er. Einige der schönsten Songs für den Campingsommer findet Ihr hier – zum Teilen und Liebhaben. Und natürlich, um passend den Sonnenuntergang am Vänern genießen zu können. Dabei sind einige schon bekannte Künstler und viele Newcomer, die durch ihre Frische, ihren Charme oder Einfallsreichtum bestechen.  

Wenn Euch die Songs gefallen, unterstützt bitte die Künstler und kauft ihre Alben. Sie haben es verdient.

 
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