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Foto nordische Landschaft

28. Juni 2006

Ruisrock hat ein Herz für Fussballfans

Am 9. Juli schlägt die Stunde der Wahrheit. Was ist wichtiger: Eines der besten Sommerfestivals in Finnland, nämlich Ruisrock, oder das Finale der Fussball-WM? In anderen Worten: Morrissey oder Ronaldinho/Ballack/Beckham/Zidane oder (bitte nicht !) Totti? Das treibt den wahren Fan beider Kunstrichtungen an den Rand der Verzweiflung.

Zum Glück ist in Finnland die Kunst des Konsens wunderbarerweise weit verbreitet. Obwohl die Finnen meines Wissens zero Mal an einer WM teilgenommen haben, zeigen sie Verständnis für diese akute Notlage. Also: Klar gibt es das Finale live auf der Großleinwand, und der Rest des Programms läuft leicht zeitversetzt anschließend weiter. Kein Problem! Vielleicht sehen wir ja Herrn Morrissey unter der Schar der Fussball-Aficionados. Und die Backyard Babies neben den Crash-Bubis im Publikum. Auf jeden Fall: Mein Sonntag der 9. Juli ist gerettet! Ohne Grundsatzentscheidung!

21. Juni 2006

Fünf Köstlichkeiten

Bandkarrieren zu prophezeien ist manchmal ein bisschen wie auf WM-Spiele tippen. Tschechien – Ghana? Klare Sache, oder? Nur zu blöd, dass die Gefahr des Unterschätzens immer irgendwo lauert. Tschechien: 0, Ghana: 2. Sicher ist eben nichts. Na klar, wenn man The Next Big Thing ausrufen möchte, dann tut man es nicht mit einer Gruppe, die gerade auf einem viertklassigen Label mit null Marketingbudget ihre Debüt-EP veröffentlicht. Aber nichtsdestotrotz ist es spannend, im Untergrund zu buddeln – auch ganz ohne Prognosen auf die Zukunft. Fünf skandinavische Länder, fünf Künstler, fünf kleine oder große Entdeckungen!

Island geht mit Jakobínarína ins Rennen. Eine Band, die im Deutschunterricht richtig gut aufgepasst hat (man höre den Track auf der Myspace-Seite) und ausnahmsweise mal nicht aus der Hauptstadt Reykjavik stammt, sondern aus Hafnarfjörður. Infos abseits der ersten krachigen, aber melodiösen Hörproben ihres Rocksounds sind über die sechs Jungspunde noch spärlich gesät und ohne Kenntnisse der Sprache mit den vielen ð, í, æ, þ noch deutlich spärlicher. Call them »Jako« and keep an eye on them! Geben wir ihnen aber vorher noch die Chance, kurz erwachsen zu werden.

Crunchy Frog, das knusprige dänische Label vermeldet mit Wolfkin (Christian Wolf und Lars Vognstrup) einen Neuzugang. Im pornomäßigen 60er-Soundsalat lässt sich so einiges entdecken: Drumbeilagen aus Programmierern, gepitchter Synthiekäse und psychedelische Soßen. Als Backing-Gitarrist von Junior Senior und bei Money Your Love hat sich Lars das Popmelodieschreiben schon mal abgeguckt. Zumindest die erste Single »A Vacant Heart« versprüht schon genügend Wärme und Tiefe.

Joaquin aus Norwegen hat zwar spanische Wurzeln, macht aber nur halb so heißblütige Popmusik. Neben einer emphatischen und recht sehnsuchtvollen Stimme gibt es immer den Panoramablick gen Mainstream. Aber immerhin kümmert sich der überaus freundliche Nordmann trotz Sony-Deal (in Norwegen schon bei MTV, in Dänemark bereits Radiostar) höchst eigenständig um seine deutsche Promo. Das gibt Fleißpünktchen! Trotzdem steht das Trendbarometer aber tendentiell auf ZDF-Fernsehgarten.

»Please Wait!« bitten die Consequences und bieten genug Platz für Liebhaber von gefühlsechtem Schwedenpop. Gerade wird mit den Produzenten von Mando Diao und den Shout Out Louds (manchmal denkt man, die haben da nur einen Produzenten in ganz Schweden) noch am Debüt-Album gefeilt, aber ein bisschen mehr Eigenheit würde man sich schon wünschen. Die Luft wird in diesem Genre immer dünner, zumal sich an dieser und dieser Stelle genug landeseigene Konkurrenz befindet, die noch die Nasen vorn hat. Von Finnland gar nicht erst zu sprechen.

Bleibt für heute noch eine nette Band aus eben jenem Finnland zu suchen und zu finden. Früher solo unterwegs – jetzt mit Verstärkung – raschelt Vuk mit ihrer Avantgarde-Mischung aus LoFi-Singsang und folkloristischem Unterbau auf ganz bezaubernd eigenen Pfaden. Das erinnert nicht nur zufällig zwischendurch von der Sprechgestik an Björk oder PJ Harvey, denn die Einflüsse von Vuk sind weit gestreut. Hauptsache: atmosphärische Musik, die schon beim ersten Hören Aufmerksamkeit verlangt. In richtige Wege kanalisiert, darf man weiteren Veröffentlichungen dieser Dame schon mal entgegenfiebern!

16. Juni 2006

Auf der Suche nach dem Sommerhit

Sommer, Sonne, kurzes Röckchen, Eiswaffel mit drei Kugeln balancierend und dabei noch mit dem Fahrrad um die Ecke kommen…jetzt fehlt nur noch der mir passende Sommerhit dazu. Also bitte kein balkanesisches Gejammer, kein südamerikanischer Temperamentsausbruch und kein dummer dänischer Reggae. Etwas Poppiges, Leichtes, Verträumtes.

Fündig werde ich in Finnland (Überraschung!). Beim Soloprojekt von Janne Laurila, ehemals Herz und Hirn von Office Building. Der hat den wunderbaren Song »Endless Summer« auf seine Myspace-Site gestellt. Der Song schwebt so schwerelos wie die bösen Pollen durch die Luft und ist gerade diesen Tick traurig, um richtig glücklich zu machen. Laurila schreibt hier so wunderbare Reime wie »and even heartache is fun, when you are bathing in the sun«. Und die Orgel schmeichelt dazu. Seit Tagen spielt die innere Jukebox wenig anderes. So lass ich mir den Sommer gefallen.

10. Juni 2006

Provinzjuwel

Ab und zu wird der Glaube an die Gerechtigkeit doch wieder hergestellt. Dass Musiker, die es verdienen,  ein ganz kleines bisschen Anerkennung bekommen. Und sogar nach langen Jahren des Suchens einen Plattenvertrag erkämpfen. Wäre ja auch zu schade, wenn der wunderbare Verlierer-Pop der Cats On Fire nur wenige Eingeweihte an Finnlands Südküste erreichen würde.

Letzten Sommer, unterwegs in Finnland, Station in Turku am Rande des Ruisrock-Festivals. Sehr spät noch ins Dynamo, einen der nettesten Clubs der Stadt, entspannte Atmosphäre im Holzhaus, und draußen geht um halb zwei schon fast die Sonne wieder auf. Víer linkische Jungs auf der Bühne. Die diese Ausstrahlung einer ernsthafter Brillenträgercombo haben, ohne Brillen zu tragen. Aber sie sind gut! Mit einem Sinn für Melodien und Timing beim Gitarrenpop, eine gewissen Unschuld und einem Frontmann mit Ausstrahlung und dem Mut der Verzweiflung.

Seit den Smiths habe ich junge Männer selten so schön am Leben leiden hören wie diese Band mit dem unmöglichen Namen Cats On Fire. Irgendwann fällt ihnen das Keyboard theatralisch von der Bühne, aber selbst ihr Scheitern hat etwas Poetisches. Unmöglich, sich an diesem Abend nicht in die Band zu verlieben. Mit geröteten Wangen und einem Lächeln im Gesicht frage ich nach Platten. Gibts nicht. Keiner scheint sich weiter für dieses Provinzjuwel zu interessieren.

Seitdem habe ich regelmäßig mit einem Auge verfolgt, wie es den Cats ergeht. Mit großem Vergnügen das Blog von Sänger Mattias Björkas gelesen, der so wunderbar wehleidig ist. Und mich immer wieder gewundert, warum keiner diese talentierte Band unter Vertrag nehmen will. Aber jetzt tut sich endlich etwas! Das schwedische Label Fraction Discs bringt ihre EP heraus. Und das deutsche Label Marsh-Marigold Records das Debütalbum der Cats On Fire. Vielleicht sehen wir sie auch mal außerhalb Finnland. Würde mich freuen.

23. Mai 2006

Finnische Musik ist hip!

Finnische Musik ist hip! Danke, Radio HR3, für diese erstaunliche Einsicht! Auf dem Weg zum Belle and Sebastian-Konzert ín Mainz gestern abend geschieht das Unglaubliche: HR3, sonst auf gehobenem Dudelfunkniveau agierend, bringt aus Anlass von Lordis unerwartetem Erfolg beim European Song Contest zur besten Sendezeit eine ganze Stunde Populärmusik aus Finnland. Die unbedarfte Moderatorin tut so, als habe sie gerade die Entdeckung des Jahrhunderts gemacht, präsentiert aber hauptsächlich die in Deutschland ohnehin schon bekannten Namen: HIM, Nightwish, The Rasmus, Apocalytica, die Leningrad Cowboys und Tarja Turunen. Aber auch Preziosen wie Eläkeläiset und M.A. Numminen. Dass ich das noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erlebe!

Mir als großer Anhängerin der wunderbar leichten finnischen Popmusik fällt aber auf, das genau dieses Genre hier fehlt. Passt wohl nicht in das Bild der finnischen Musikszene als entweder tiefschwarz gewandeter Deathrocker oder liebenswerter Kauze. Dabei gibt es in Finnland so großartige Bands wie The Latebirds, Viola, Sister Flo, Wojciech, Magenta Skycode, Matti Johannes Koivu, Astrid Swan, Goodnight Monsters, Since November, The Crash, Ultramariini, Boomhauer, Daisy, Kevin oder Ultrasport. Die nächste finnische Popstunde sollte ich gestalten, liebe HR3-Macher! Ich warte noch auf Euren Anruf!

Und danke, Lordi! Ihr habt einen Ball ins Rollen gebracht!

 
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