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Foto nordische Landschaft

31. Juli 2010

Schleicht euch, Elfen! Mammút

Isländische Bands haben es schwer. Noch bevor sie auch nur einen einzigen Ton gespielt haben, rechnet das erwartungsfrohe Publikum mit hoher Elfen- und Schrulligkeitsdichte und erwartet eigenwillige, bisweilen sphärische Klänge, wie man sie eben von den beiden bekanntesten Aushängeschildern unter Islands Musikschaffenden kennt, nämlich von Björk und Sigur Rós. Diese Erwartungshaltung findet sich häufig auch in Albumkritiken über isländische Künstler wieder: Kaum eine Rezension kommt ohne den Verweis auf diese beiden Größen aus, auch wenn die Musik einer völlig anderen Stilrichtung zuzuordnen ist. Eigentümlich, irgendwie.

Dabei wird völlig ignoriert, dass es auf Island auch eine sehr lebendige Rock- und Punkszene gibt, die so viel Lärm macht, dass auch die letzten Elfen, Trolle, Geister und andere Fabelwesen längst die Flucht landeinwärts angetreten haben, um es sich hinter wabernden Wolkenfetzen und schaurigen Felswänden gemütlich zu machen. Die leider viel zu früh aufgelösten, rotzfrechen Jakobínarína haben es vor Jahren schon vorgemacht, dass nicht jeder isländische Jungspund Gefallen an Sphärenklängen findet. In jüngster Zeit sind die quirligen Who Knew aufgetaucht. Und Mammút. Mammút sowieso.

Drei Mädchen. Zwei Jungs. Reichlich überschüssige postpubertäre Energie, die hier in hektischen, angepunkten Rock mit hohem Dringlichkeitsfaktor umgewandelt wird. Gleichwohl haben sich Mammút eine gewisse Hundebaby-affine Verspieltheit bewahrt, mit ihrem Hang zu gemaltem Kindergeburtstags-Spinnenmustern im Gesicht oder den schwarz-weiß gestreiften Strümpfen von Sängerin Kata, die eher an Pipi Langstrumpf denn an vampartige Frontdamen in der Tradition einer Dolores O´Riordon erinnern. Dazu ist die rotblonde Energetikerin einfach viel zu niedlich, trotz aller beherzten, kraftvollen stimmlichen Hysterie, die einem von hinten anspringt wie ein atlantischer Orkan, der eben mal über den Hafen von Reykjavik fegt und die Fischerboote zum Schlingern bringt. Und dem Pop haben die Fünf trotz aller aufgebauten Gitarrenwälle absolut nicht abgeschworen. Akkordeon spielen kann Kata übrigens auch. Eine kleine Verbeugung vor der isländischen Hausmusik etwa?

Die Mädels müssen Störche lieben. Bassistin Asa kommt stacksig im Miniröckchen und Lederstiefeln daher, Kata stolziert auf Strümpfen über die Bühne, die eben leider nicht rot sind, aber es eigentlich sein müssten. Süß, irgendwie.

Mammút singen konsequent auf isländisch, was das Textverständnis logischerweise erschwert. Beim Konzert im Offenbacher Hafen2 leistet eine quirlige Kata eifrige Übersetzungsarbeit, wenn sie nicht gerade gegen die unerwartet hektischen Ausstöße der erst kürzlich von der Band erworbenen Nebelmaschine kämpfen muss. Merke: Nicht jede Investition ist wirklich sinnvoll! Mammút pflegen textlich gewisse Schrulligkeiten: Einen Song über die negativen Auswirkungen von zu viel Schlaf auf das eigene Wohlbefinden hat die Polarbloggerin zumindest bislang noch nicht gehört. Somit sind die Fünf doch irgendwie wieder zutiefst isländisch.

Und irgendwie kapituliert man am Ende doch wieder ein ganz kleines wenig vor den Klischees: Ein gewisser Teil ganz, ganz junge Björk steckt auch in Kata. Und wenn es nur die Intensität und das selbstverständliche Selbstbewusstsein sind.

Nordrid#2 episode 01: Mammút from 101berlin on Vimeo.

(Foto: Hordur Sveinsson)

04. Juni 2010

Tourismuswerbung, musikalisch: Inspiriert durch Island

Danke Griechenland! Danke Spanien! Danke Portugal! War Island im vergangenen Jahr noch das abschreckende Beispiel unter den Staatsbankrottkandidaten, so ist der Inselstaat mit seinen knapp über 300.000 Einwohnern (entspricht so ungefähr der Einwohnerschaft von Mannheim) inzwischen in die zweite Reihe gerückt. Verglichen mit dem griechischen Defizit sieht der isländische Haushalt heute geradezu stabil aus. Und die braven Isländer zahlen zumindest ihre Steuern und treiben es nicht so doll mit der Bestechung.

Island im Rampenlicht. Island als die erste schwache Stelle im Kartenhaus, die in Folge riskanter und unverantwortlicher Finanzspekulationen zusammenbricht. Aber auch: Die Isländer, die ihre abgewirtschaftet Regierung mittels Schlagen auf Kochtöpfe zum Rückzug zwingen. Die gerade die neu gegründete Partei eines bekannten Fernsehkomikers zur stärksten Fraktion bei den Bürgermeisterwahlen von von Reykjavik gewählt haben.

Warum nicht die Gunst der Stunde nutzen, wenn das kleine Land plötzlich internationale Schlagzeilen macht? Haben sich, nicht dumm, die Menschen gedacht, die für die Tourismusförderung Islands verantwortlich sind. Und haben die Site Inspired By Iceland aus der Taufe gehoben, in der es bewusst eben nicht um lahme Lobhudeldei, sondern um sympathische Präsentation geht. Und ums Mitmachen!

Die kleine Insel bittet die Besucher aus aller Welt zu berichten, warum sie Island-Fans sind. Ihre Geschichte mit und über Island zu erzählen. Die Isländer selbst sollen übrigens das Gleiche tun. Virales Marketing nennt sich diese Aktion in der Fachsprache der Werber.

Um Musik soll es natürlich hier auch gehen. Denn merke! Mit drei Klicks lässt sich ein Musikplayer öffnen, wo man aktuell ins isländische Musikgeschehen hereinhören kann. Von FM Belfast über Bloodgroup bis zu Borko und Kimono. Nicht schlecht, das!

Dass ein Werbevideo des isländischen Tourismusverbandes tatsächlich Spaß machen kann, ist eine neue Erkenntnis: Zu den Klängen von Emiliana Torrinis Gute-Laune-Hit »Jungle Drum« präsentiert sich die Atlantikinsel als schrullig-fröhliches Paradies entspannter Gutmenschen jeden Alters. Nicht schlecht gemacht, Island! Ob der griechische Tourismusverband derzeit zu solch subtil-selbstironscher Leichtigkeit in der Lage wäre?

Inspired by Iceland Video from Inspired By Iceland on Vimeo.

30. Mai 2010

Wir machen uns dann mal frei: FM Belfast

Man muss sie einfach gernhaben, diese unschuldigen Exhibitionisten. FM Belfast aus Reykjavik sind Elektropopnerds, die mit aller Macht nicht erwachsen werden wollen. Nein, nein, diese späten atlantischen Erben von Pippi Langstrumpf wollen lieber weiter spielen, auch wenn die Sonne schon lange untergegangen ist und sie eigentlich schon längst zuhause sein sollten. Ätsch, sie müssen nicht, da ist kein großer Bruder mehr, der sie mit Gewalt von der Schaukel zerrt und sie an den Abendbrottisch bugsiert.

Das Quartett lässt die Discokugel mit anarchischer Tanzlust rotieren und dreht die Synthies bis zum Anschlag auf. Tanzt und hüpft bis zur Erschöpfung. Cool sein sollen andere, wir brauchen das nicht. Wir sind lieber superlebendig und lustvoll peinlich. Wenn wir einen Song darüber schreiben, dass wir gerne in der Unterwäsche auf der Straße herumtanzen würden, dann machen wir uns eben live beim Song »Underwear« frei und hoppsen in unserer nicht sonderlich modischen Unterkleidung wie die Tischtennisbälle auf der Bühne herum. Auch wenn wir vorher korrekt Hemd und Fliege getragen haben.

Albernheit ist eine Tugend, haben die vier Umtriebigen aus der isländischen Hauptstadt erkannt. Es ist unglaublich befreiend, auf naiv-intelligente Art völlig bescheuert zu sein. Ungehemmt irgendwelchem Blödsinn nachzusinnen, 365 Tage im Jahr Karneval zu machen und immer schön dick auftragen. Van Halens bekannteste Tonfolge aus »Jump« zitieren und trotzdem etwas eigenes daraus zu machen. Und je mehr Leute auf der Bühne sind, desto besser. Beim Auftritt auf dem Eurosonic-Festival Anfang des Jahres im holländischen Groningen konnte man die Hauptakteure vor lauter Gewusel kaum mehr erkennen.

Ein ganz kleines bisschen Mäkeln muss doch sein. Auf dem Debütalbum »HOW TO MAKE FRIENDS« ist nur ein echter Hit dabei. Und der heißt »Par Avion« und handelt von einen traditionellen isländischen Wintertraum: Ein Häuschen in der Karibik zu besitzen. Aber dieser Song ist allen Schlechtgelaunten aller Welt zur Besserung empfohlen: Wer hier nicht mittanzt, der ist selber schuld. Unwiderstehlich! Bleibt zu hoffen, dass FM Belfast sich mit dem Erwachsenwerden noch viele Jahre Zeit lassen. Und, fast noch wichtiger. Kein One-Hit-Wonder bleiben.

FM Belfast: Par Avion from Torfi Frans Olafsson on Vimeo.

17. Mai 2010

Oh, abenteuerlich: Auf Entdeckungstour mit Gogoyoko

Ob das hehre Ziel »Fair Play In Music« wirklich erreicht wird, das wollen wir hoffen und wünschen. Zumindest sind die isländischen Initiatoren von Gogoyoko angetreten, um Musiker und Fans auf faire und direkte Weise zusammenzubringen. Das Portal ist ein Zwitterwesen zwischen Online-Musikstore und sozialem Netzwerk. Praktisch funktioniert das so: Musiker, aber auch kleine Labels stellen ihre Alben per Stream zur Gänze zur Verfügung. Die Fans können dem Werk in Ruhe lauschen, bei Bedarf mit der Band in Kontakt treten (oder ganz profan zu Followern werden), und, bei Gefallen, einzelne Songs oder das gesamte Album erwerben. Den Preis legen die Musiker selbst fest. Zahlungen an ein Großlabel entfallen hier. Das heißt im Klartext: Die Künstler verdienen mehr, weil die Zwischenstation Label entfällt. Ein Sargnagel der etablierten Musikindustrie könnte so aussehen. Wer braucht hier noch große Plattenkonzerne?

Und noch etwas: Gogoyoko hat sich von seinen Grundstatuten her verpflichtet, einen Teil der Gewinne an gemeinnützige Projekte zu spenden. Als integraler Bestandteil des Ganzen. 10 Prozent der Werbeerlöse fließen automatisch an vertrauenswürdige Partnerorganisationen wie Unicef oder Ärzte Ohne Grenzen.

Bislang war Gogoyoko nur Interessierten auf Island und in den skandinavischen Ländern offen, aber seit kurzem haben auch deutsche Nutzer Zugang. (Danke an Egill, den ab- und an FM-Belfast-Mitmusiker, für die Information! Nächtliche Irrfahrten mit der Deutschen Bahn bringen doch als kleine Kompensation die unerwartetsten Begegnungen mit netten Leuten mit sich!). Einfach auf die Gogoyoko-Seite gehen und den Zugang beantragen. Code zugemailt bekommen, Profil anlegen, loslegen. Klappte gestern problemlos. Den größten Spaß bereiteten bisher die Entdeckungen und das ausführliche Hineinhören in neue Alben. Oh, die verträumten Indiefolk-Teenagermädchen von Pascal Pinon, eine meiner liebsten Bands auf dem letztjährigen Iceland Airwaves Festival, haben ihr erstes Album vorgelegt. Mit 15! Wunderbar schwerelos naiv. Die Blockflöte und das Glockenspiel, sie leben hoch!

Weiter forschen. Playlisten ansehen, Unterkategorien und Zwischenverweisen folgen. Sóley entdecken und ihr erstes Album »THEATER ISLAND« ein verzwurbelt-verschachteltes, sehr elfisches, pianogeprägtes Werk, das aufhorchen lässt. Zu den endlosen Verquickungen isländischer Musiker untereinander eine hinzufügen: Sóley ist natürlich auch anderweitig musikalisch aktiv, als reguläres Mitglied von Seabear. Merke: Nicht jeder Isländer spielt in einer Band. Es ist nur so, dass jedes Hauptprojekt unweigerlich sein Nebenprojekt nach sich zieht.

Ein kurzer Zwischeneinwurf. Weder Pascal Pinon noch Sóley haben ein klassisches Label im Rücken. Diese Künstlerinnen veröffentlichen selbst.

Sich weiter in das Land der ungeahnten Möglichkeiten bei Gogoyoko aufmachen. Entdecken, dass Stafrænn Hákonein neues Album mit dem schönen Namen »VERITAS« herausgebracht hat. Wusste ich garnicht! Und dass Nóra, ebenfalls eine der positiven Überraschungen des Festivals, zumindest einen Track online gestellt haben.

Bislang eine rundum positive Überraschung, die Sache mit Gogoyoko. Ohne aufdringliche Werbung, dumme Banner und andere Ärgernisse. Klar strukturiert. Auf zu neuen Klangabenteuern morgen und die Tage. Und noch was: Man findet nicht nur rein isländische Bands hier. Der Rest der nordischen Länder ist hier prominent vertreten. Einfach schauen.

02. April 2010

Jónsi und die schöne neue Social-Media-Welt

Zum künstlerischen Selbstmarketing gehört es heute fast zwingend, die größeren Social-Media-Kanäle zu bedienen. Wer lieber mit Herrn Schirrmacher von der FAZ d´accord geht und meint, dass eine ständige Informationsflut unser Hirn zum Nachteil verändert, der sollte sich in Erinnerung rufen, dass gezielte, gewünschte Informationen via Web mit einfachsten Mitteln eine große Wirkung erzielen.

Wie man die Klaviatur von Social Media intelligent und dosiert zum eigenen Vorteil einsetzt, demonstriert Jónsi von Sigur Rós derzeit auf überzeugende Weise. Der Musiker hat nicht nur eine professionelle, klar strukturierte Homepage zum aktuellen Stand der Dinge bei seinem Soloprojekt erstellt, sondern bedient selbstverständlich die wichtigsten sozialen Netzwerke von Facebook über Twitter und Flickr bis myspace und vimeo. Die Homepage ist Standard, klar. Aber Jónsi hat auf Facebook mittlereweile fast 20.000 Fans weltweit, die sich freuen, wenn sie zeitnah mit exklusiven Nettigkeiten gefüttert werden.

jonsiDer Sänger sucht Statisten, die in London bei einem seiner Videodrehs mitwirken? Schneller Wallpost, schnelle Wirkung. Jónsi setzt Appetithäppchen mit Bedacht, niemals wahllos ein: Aktuelle Aufnahmen von den Proben for die anstehende Tour oder eine Verlosung von exklusivem Material. Lässt seine Fans wissen, dass  Audrey Hepburn und Iron Maiden zu seinen Lieblingskünstlern zählen. Macht sympathisch, so was, und ist so persönlich! Genauso wie das kleine Bonbon, dass  der Meister seinen Anhängern kredenzt: Ein Cover von MGMTs Überhit »Time To Pretend«, das in der Jónsi´schen Interpretation etwas anders klingt. Aktuelle Tourinformationen und das gesamte neue Album »GO« im Stream? Alles auf Facebook gepostet.

Schneller und effektiver lassen sich Informationen kaum verteilen. Der Jónsi-Fan, selbst vernetzt, wird die Kunde via Blogs und Twittereien breiter streuen. Über die traditionellen Kanäle wie Musikzeitschriften, Fernsehen oder Radio lassen sich Botschaften bei weitem nicht so effektiv unter der eigenen Anhängerschar verbreiten. Ganz abgesehen davon, dass im Formatradio seltenst Jónsi-Songs gespielt werden dürften.

Bei Jónsi ist davon auszugehen, dass Plattenfirma und deren PR-Abteilung die Social-Media-Aktivitäten tatkräftig unterstützen. Dass unbekannte Bands ohne Plattenvertrag diese Dinge aber auch selbst in die Hand nehmen können, zeigen die Fortschritte, die eine Band aus dem Umfeld von Sigur Rós macht. famr2Die Postrocker For A Minor Reflection sind gerade erfolgreich dabei, über die Fanspenden-Plattform Pledge in kleinen Schritten die notwendigen Mittel für die Finanzierung ihres ersten Longplayers einzusammeln. Wuchern ebenfalls mit den Pfunden Exklusivität und persönlichem Anspruch: Wer Summe X spendet,  darf sich von der Band einen Abend lang durchs Reykjaviker Nachtleben führen lassen.

Der Trend ist klar. Die persönliche Ansprache zählt. Die Pflege des Kernpublikums zählt. Die Vervielfältigkeitseffekt durchs Weitersagen zählt. Der Dialog mit den Fans zählt. Kommunikation ist hier keine Einbahnstraße und die Künstler keine distanzierten, weit entfernten Wesen mehr. Was den Fans wichtig ist: Über das Facebook-Feedback werden die Musiker es erfahren.

Ob die großen Plattenfirmen diesen Paradigmenwechsel schon ganz begriffen haben, ist zweifelhaft. Dem Sänger eben mal für die Tour ein Twitter-Account einzurichten, das danach nicht mehr bedient wird, wird sich als wenig nachhaltig erweisen.

Genau darum geht es: Aktuell bleiben, aber nicht übertreiben. Sinnvolle Informationen unterm Fanvolk verbreiten. Keine halbjährige Pause einlegen und dann wieder wild loslegen. Die Chancen erkennen: Wer sich als Facebook-Fan einer Band registriert, wird sich von aktuellen Botschaften nicht belästigt und überfordert fühlen,  sondern sich über intelligente, exklusive Extrahappen freuen. Und keine Angst, Herr Schirrmacher: Das Hirn wird davon nicht aufgeweicht, ganz im Gegenteil: Es wird angenehm angeregt!

(Foto: Lilja Birgisdóttir, Neil Milton)

 
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