Warmes Bier! Irgendwie ist hier mit der Organistation etwas schiefgelaufen, Music Export Finland! Die Dänen haben die Sache besser im Griff, ihr Gerstensaft ist richtig temperiert. Bei der Nordic Drinks Party am zweiten Popkomm-Tag drängeln sich die Besucher in den frühen Abendstunden um die Stände der Skandinavier. Die auf der Messe mit massiver Präsenz punkten. 
Zum Ausgleich gibt es, vom Chefkoch der finnischen Botschaft kreiert, leckeren landestypischen Käsekuchen und Insider-Informationen über die Original-Zutaten von karelischen Piroggen. Leicht angetütert erzählen die Finnen lustige Geschichten über die angeblich chaotischen Vorbereitungen für den European Song Contest 2007 in Helsinki und schaffen es nicht ganz, ihren Stolz auf die Gastgeber-Rolle zu verbergen. Gut gestärkt und bester Laune kann die Reise in den zweiten Popkomm-Abend beginnen. Der vor allem im Zeichen der Norweger steht. Den Appetithappen aber liefern die Dänen.
Zwölf Punkte für die größtmöglichste künstlerische Nähe zu Placebo heimsen gleich zu Beginn die blassen Jungs von Moi Caprice ein. Es ist immer schwierig, als erste Band des Abends das Eis zu brechen, gestehen wir ihnen zu. Aber muss das so schwerfällig und mit Leidensmiene geschehen? Und mit so wenig Ausstrahlung? Nicht überzeugend.
Über einen Mangel an Leidenschaft und Bühnenpräsenz kann das Publikum bei den norwegischen Cloroform nicht klagen: Das Trio, bei dem am Bass Øyvind Storesund von Kaizers Orchestra mitmischt, bringt das Publikum mit seiner
eigenwilligen Mischung aus Electronics, Rock, Freejazz und jeder Menge anarchischer Energie zum Tanzen. Schon ihr Album »CRACKED WIDE OPEN« überzeugte mit Unberechenbarkeit und reiner Spielfreude auf dem weiten Feld der härteren Populärmusik. Live sind die drei Musiker unverschämt gut.
Schnell gewechselt zum nächsten Schauplatz. Und endlich steht eine Frau zum Verlieben auf der Bühne. Marit Larsen aus Norwegen zeigt mit ihrer Band, dass sanfte Popmusik nicht seicht sein muss, sondern durch Leichtigkeit und mädchenhaften Charme punkten kann. Die Musikerin wickelt das kritische Berliner Publikum im Nu um ihre Finger, wechselt souverän zwischen Piano und Gitarre und hat eine positive Ausstrahlung, von der andere Zicken-Diven nur träumen können.
Larsen bewegt sich selbstbewusst und natürlich (auch das ist eine Kunst!) im Energiefeld Country-Chansonpop. Das kommt so gut an, dass die frisch bekehrten Popkomm-Besucher die Band kaum mehr von der Bühne lassen wollen. Eine echte Entdeckung.
Zwischendurch mal kurz bei den Schweden vorbeigeschaut und gerade noch das Ende des Sets von Daniel Cirera mitbekommen. Der Singer-Songwriter macht jede Menge launige Zwischenansagen, zieht ein bisschen über das böse Musikbusiness her und singt sich ansonsten die Seele aus dem Leib. Nicht schlecht, aber zu kurz, um wirkliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Cirera tourt ja gerne und spielt demnächst auch in meiner Stadt.
Im Gegensatz zum Kollegen Peter bin ich kein großer Folk-Fan. Aber da er die norwegischen Adjagas im Polarblog schon so lobend erwähnt hat, gehe ich neugierig hin und lasse mich verzaubern. Danke, Peter! Sänger Lawra Somby scheint auf der Bühne auf den ersten Blick die Rolle im Mittelpunkt kaum ausfüllen zu können: Ein kleiner, untersetzter, ungelenker junger Mann im schlecht sitzenden Folklore-Hemd. Aber was hat Sombry für eine Ausstrahlung und Präsenz als Sänger! Ich habe zwar nicht die geringste Ahnung, was Joiks sind, aber nach diesem Abend möchte ich mehr wissen.
Putzig wird es mit den Isländern.
Texas Lightning können einpacken. Baggalútur zeigen, dass Mexiko und Wyoming Nachbarstaaten der Atlantikinsel sind und zeigen, dass man mit größtmöglicher Zahl von Musikern auf einer Mini-Bühne Platz findet. Country, Bluegrass, Mexicana werden mit isländischer Inbrunst intoniert. Jeder Regisseur von Spaghetti-Western könnte froh sein, diese Band für den Soundtrack zu gewinnen. Sehr skurill. Sehr schön.
Dann zum Abschluss nochmal alle Kräfte gesammelt für die großen, die wunderbaren, die einmaligen Musiker von…Trommelwirbel….Kaizers Orchestra. Jedes Konzert mit den Norwegern ist ein Erlebnis. Die Kaizers-Fangemeinde in Deutschland ist groß, die Auftritte werden bis zum Delirium beklatscht. Sänger Janove Ottesen hat inzwischen ein paar graue Haare bekommen, die kreischenden Mädchen stört das nicht.
Wuchtig auf Felgen und Tonnen einzuschlagen, das ist immer noch die Spezialität der Kaizers, die unvermeidlichen Gasmasken immer noch im Gepäck, aber hey! So eine Show wie die Norweger legt keiner hin. Danach ist keine Steigerung mehr möglich. Den Kopf voller Musik nach Hause getrollt. Bis zur nächsten Popkonmm? Durchaus eine Überlegung wert. So viele Bands, die nicht alle Tage in Deutschland touren, an einem Ort konzentriert versammelt: Das ist ein sehr gewichtiges Argument.