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Foto nordische Landschaft

19. März 2016

Eine himmlische Stimme: Avokademo

Ich lobe jetzt mal eine Band, die noch nicht mal eine eigene Facebookseite besitzt. Die in den Weiten des Internet bislang noch kaum Spuren hinterlassen hat. Aber das dürfte sich ändern! Denn selten kommt es vor, dass man schon nach wenigen Sekunden so sehr in den Bann einer Stimme gerät. Weitere Informationen: Fehlanzeige. Ich weiß noch nicht mal, wie die Sängerin mit dieser himmlischen Stimme heißt! Aber nun mal von Anfang an: In Island findet jedes Jahr im März der Nachwuchs-Wettbewerb Músíktilraunir statt. So weit die reine Information. Aber unter den Siegern dieses Wettbewerbs waren in den vergangenen Jahren immer wieder Bands, die dann weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden sind: 2010 waren es Of Monsters And Men, 2011 hatten Samaris die Nase vorne und im Jahr 2013 schafften es Vök aufs oberste Treppchen. Auch in diesem Jahr kann man via Soundcloud ausführlich in das musikalische Schaffen der hoffnungsvollen Kandidaten hineinhören. Man lauscht der Playlist, räumt das Geschirr in die Spülmaschine ein, und hört eine Menge Mittelmaß. Ja, das gibt es auch in Island! Und dann stellen sich plötzlich die Ohren hoch: Die beiden Tracks von Avokademo klingen so reif, so perfekt, dass sie eindeutig aus der Masse herausragen. Allein das wunderbar hoffnungsvolle, unschuldige und grenzwerttraurige Liebeslied »Complete« überzeugt! Das ein wenig triphoppig daherkommt. Und mit seinen stimmungsvollen Bläsern punktet. Der Track erweist sich nach dem fünften Hören als sehr komplex arrangiert! Und dann diese starke und gleichwohl naive Stimme von Frau Unbekannt. Säße ich in der Jury – meine zwölf Punkte sind bereits rettungslos verliebt vergeben!

21. Januar 2016

Kein hundeäugiger Klampfer: Axel Flóvent

Das Eurosonic Festival im niederländischen Groningen ist ein wunderbares Entrée ins neue Jahr: Das Musikspektakel präsentiert immer im Januar viel versprechende Newcomer aus allen Ecken Europas. Jedes Jahr wundert man sich aufs Neue, wie viele Veranstaltungsstätten in der Studentenstadt existieren. Selbst die ehrwürdige AA Kerk wird zur Venue umfunktioniert. Die Kirchenleute verkaufen an einer improvisierten Bar eifrig Rotwein und Bier. Wer hätte das von den prüden Protestanten gedacht! Weit über 300 Bands und Musiker spielen an vier Tagen, wobei der Samstag exklusiv für die niederländischen Bands reserviert ist. Es ist immer nützlich, sich beim Eurosonic von Anfang an bewusst zu machen, dass man nur einen Bruchteil des Angebots nutzen kann. Umso wichtiger ist es, auf Empfehlungen zu setzen! Eine meiner derzeitigen isländischen Lieblingsbands, die putzmunteren, fröhlichen und selbstironischen Youngsters Rhytmatik, hatten mir ihren Freund Axel Flóvent ans Herz gelegt, der auch aus den abgelegenen Westfjorden kommt, und zwar aus dem Örtchen Húsavík. Der strubbelhaarige 19jährige spielt am ersten Tag im kuscheligen Obergeschoss des Grand Theatre am Markt, wo man dicht gedrängt auf Klappsitzen sitzend entspannt lauschen und ein leckeres Vedett-Bier schnabulieren kann. Axel Flóvent ist ein Singer-Songwriter, die auf der Atlantikinsel so zahlreich vertreten sind wie Geysire oder Gletscher. Gleichwohl! Herr Flóvent ist kein braver, hundeäugiger Klampfer, gottseidank! Sondern hat an diesem Abend seine Band mitgebracht, die ihn nicht nur akustisch, sondern auch mit elektronischen Gerätschaften unterstützt. Und das ist gut so! Im musikalischen Universum des jungen Mannes geht es zwar nachdenklich und melancholisch zu. Aber am wolkenverhangenen Himmel bricht immer wieder die Sonne durch und wärmt mit lichten Strahlen. Nein, es ist nicht die Folkecke, in die es diese Nachwuchskraft drängt. Sondern eher in Richtung des gehobenen, schwärmerischen Pop. Ein kleiner Troubadour, der Herr! Der kürzlich seine neue EP “Forest Fires” vorgelegt hat. Romantik für Fortgeschrittene: Gut, dass es dieses feine Piano gibt! Das sind keine simplen Songs, die der junge Isländer im fernen Holland vorträgt, das sind Tracks voller Zwischentöne. Besonders gefallen tun die Harmoniegesänge auf dem butterweichen, sehnsüchtigen “Your Ghost”. Die Festivalbesucher stehen an diesem Abend jedenfalls zwei Stockwerke hinunter Schlange, um Axel Flóvent zu sehen!

15. Dezember 2015

Fragile Schönheit mit Nordic Affect

Fünf Musikerinnen aus Reykjavík, die sich für die Tanzmusik des 17. Jahrhunderts begeistern – aber gleichzeitig für moderne elektronische Töne offen sind: Die könnten interessant klingen, diese neoklassischen Töne! Nordic Affect nennen sich die fünf Künstlerinnen, die Händel mit isländischem Experimentalklängen verbinden. Nur ganz zu Anfang klingen diese Streicherinnen so, als wollten sie uns auf die sanfteste Art in den Winterschlaf lullen wollen. Kleine beunruhigende Unterströmungen schwingen hier mit, wenn sie auf ihrem neuen Album »CLOCKWORKING« Stücke zeitgenössischer isländischer Komponistinnen interpretieren. Wer jetzt an verkopfte Hochkultur denkt, liegt völlig falsch: Den zu diesen Komponistinnen zählt auch María Huld Markan Sigfúsdóttir, die als Mitglied der Folkpopster Amiina bekannt ist und für die Streicher-Arrangements von Sigur Rós verantwortlich zeichnet. Das Titelstück nimmt uns mit auf eine Reise nach Innen – voller fragiler Schönheit und bewusst minimalistischer Ästhetik. Das könnte fast schon Filmmusik sein: Für ein Roadmovie, in dem man unter Bäumen auf die zärtlichste Weise verlorengeht. Eignet sich wunderbar als Soundtrack für dunkle, stille Dezembertage! Und Zeit zum Träumen sollte man sich dabei lassen, viel Zeit!

22. November 2015

Fliegende Frösche mit Østfrost: Iceland Airwaves 2015

Reykjavík ist wieder die Stadt der Kräne und Baugruben geworden. Entlang der einzigen ernstzunehmenden Einkaufsstraße des Landes, dem Laugavegur, stehen Baugerüste en masse. Und an der wie ein Krater klaffenden Baugrube vor dem Konzerthaus Harpa tut sich nach jahrelangem Stillstand etwas: Es entsteht, Überraschung!, ein riesengroßes Luxushotel mit gehobenem-Spa-Bereich, das wohl ab kommendem Jahr den spektakulären Blick von der Innenstadt aufs Harpa blockieren wird. Die neue Therme im Herzen Reykjavíks wird auch dringend benötigt, denn in der Blauen Lagune muss man die Eintrittskarten inzwischen vorbestellen, so voll ist es. Island hat also vom Krisen- wieder in den Wachstumsmodus umgestellt. So mancher Einheimische sieht schon die neue Blase am Immobilienmarkt heraufdämmern. Das ging doch alles fast wieder zu schnell! Und die Touristen lieben die Atlantikinsel. Was im kommenden Juni zu Problemen führen könnte: Denn seit sich die isländische Fußballnationalmannschaft sensationell erstmals für eine Europameisterschaft qualifizieren konnte, steht die Insel Kopf. “Im Juni fliegt die eine Hälfte des Landes nach Frankreich, um die isländische Mannschaft anzufeuern. Und die andere Hälfte sitzt vorm Fernseher und wird nicht im Traum daran denken, zu arbeiten”, sagt ein Insulaner. Aber es soll in Downtown Reykjavík sogar erstmals Public Viewing geben. Also, liebe Touristen: Am besten einfach dazugesellen!

Schön, dass es am Laugavegur neben all den Touristenshops auch weiterhin kruschelige, alteingesessene Plattenläden wie das Smekkleysa gibt, wo beim Iceland Airwaves 2015 die sympathischen norwegischen Nachwuchs-Folkpopsters Østfrost im Rahmen eines kleinesn akustischen Sets auftreten und unsere Herzen mit allerliebsten, auf Spielzeuginstrumenten eingespielten Songs erfreuen! Die Band aus Trondheim mit dem suchmaschinen-unfreundlichen Namen überzeugt mit viel Zärtlichkeit, großäugiger Naivität und einem echten Händchen für Songs, die gekonnt zwischen Euphorie und Melancholie irrlichtern. Die Vier, deren corporate colour wohl ein sanftes Dunkelblau ist, setzt auf hymnische Vocals und träumt mitunter zu Geigenklängen. Was nicht heißt, dass sie nicht auch ein wenig lauter werden können. Wie in “Wooden Floors”, wo Østfrost kurioserweise von fliegenden Fröschen träumen und uns in eine delikate und aufregende Phantasiewelt entführen. Das Quartett hat eben seine erste EP vorgelegt. Reinhören lohnt!

18. November 2015

Weiße Sonne mit Jófriður: Iceland Airwaves 2015

Mein siebtes Iceland Airwaves Festival 2015, und einen Ritterschlag der absonderlichen Art erhalten: Im Szene-Treff Kaffibarinn fällt mir vorm Auftritt der ungemein talentierten britischen Singer-Songwriterin Rozi Plain ein Keyboard auf den Fuß, und als Schmerzmittel gibt es ein schäumendes Freibier von der Barfrau! Und beim Hinausgehen in die dunkle Reykjavíker Nacht flimmern plötzlich giftgrüne Nordlichter über den Himmel, so dass man nur offenen Mundes dasteht und staunt. Solche Dinge passieren eben nur auf dem Airwaves!

Spät in die Nachberichterstattung starten. Die Dinge sich setzen lassen. Bloß keine Fleißarbeit abliefern über die 56 Bands, die man an fünf Tagen gesehen hat! Ich halte es da eher mit dem sehr geschätzten britischen Bloggerkollegen Iceblah, der seinen ersten Airwaves-Post mit einer Aufzählung all der coolen Bands startet, die er eben nicht gesehen hat. So sieht wahre Souveränität aus!

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