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Foto nordische Landschaft

22. Oktober 2009

Iceland Airwaves: Keine kreative Krise, nirgends

Im Oktober nach Island fliegen? Eine scheinbar abwegige Idee. Wenn da nicht die Begeisterung von Guffi, einem der beiden  Gitarristen von For A Minor Reflection gewesen wäre. Auf die Frage, ob es sich lohnen würde, zum Iceland Airwaves Festival zu fahren. »Das ist das beste Festival im ganzen Jahr, die beste Zeit, man kann so viele gute Bands sehen«, sagte der lange Schlacks nach dem Konzert in Frankfurt in diesem Sommer. Und klang dabei so überzeugend, dass er nicht mal hinzufügen musste. »Wir spielen da übrigens auch!«

Mitte Oktober nach Island also! Und um gleich mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen: Nein, es ist nicht den ganzen Tag dunkel! Nein, es herrschen keine Minusgrade. Gut, der Wind und der Regen sind mitunter leicht unangenehm, aber auszuhalten. Unabdingbares Kleidungsstück: Eine Mütze! Immer! Zum Trost: Irgendeins von Reykjaviks zahlreichen Schwimmbädern ist stets in Spuckweite, und dort kann man sich in 42 Grad heißen Pools aufwärmen und dabei Sterne oder Wolken gucken. Und braucht nicht in die teure Touristenattraktion Blue Lagoon zu fahren. Zumal man dort die Landeskinder nicht trifft.

Island. Die Krise. Der Zusammenbruch des Bankensystems en miniature. Ein Land, das kurz vor dem Staatsbankrott stand, dessen Bevölkerung seine Regierung verjagt hat. Steigert nur das Interesse an der Exotik der Insel. Im Festivalzentrum im Reykjaviks einziger ernsthafter Einkaufsstraße drängen sich Festivalbesucher aus der ganzen Welt. Aus Japan, aus den USA, viele Briten, viele Skandinavier. Das Interesse ist in diesem Jahr so groß, dass man für das Konzert von Kings Of Convenience extra anstehen muss, um eins der kostbaren Bändchen für den Freitagabend und den Auftritt in der Kirche zu ergattern. Großes Geschnatter und eifriges Austauschen in der Schlange: Zu welchen der zahlreichen Konzerte muss man unbedingt hin? Welche isländische Band ist der absolute Geheimtipp?

Am ersten Abend die Wasser getestet und auf ins NASA, wo die Nachwuchsrocker Me, The Slumbering Napoleon spielen. naperl2Ein Trio, das reichlich Lärm macht, reichlich schweißtreibenden straßenköterschmutzigen Gitarrenrock spielt, dessen Sänger reichlich schreit und dessen Basser mit seinem dominanten Spiel die vorher mit Genuss am Hafen verspeiste Wurstsemmel im Magen Polka tanzen lässt. Die Pixies lassen grüßen, aber auch die Psychedeliker der End-70er. Ausbaufähig!

Rübergewechselt ins Sódóma, wo sich einmal mehr die Beobachtung als korrekt erweist, dass Isländer am liebsten in der Großgruppe Musik machen. Ganz klar in dieser Kategorie dabei. Die Spaßrocker retriRetro Stefson. Santanas Enkel, Totos Großneffen, eifrige Kopisten der Disco-Tanzschritte ihrer Eltern und große Freunde des musikalischen Zitats. Die Sache mit »Hold The Line« grenzt an Grandiosität. Machen Laune, das Volk tanzt eifrig zur Multikultigruppe. Geschätztes Durchschnittsalter: 18. Dass Islands Jugend der Krise mit frecher Kreativitä, großer Spielfreude und rotzigem Spaß am Leben trotzt, das wird in den nächsten Tagen noch als Leitmotiv von Iceland Airwavs Ausgabe 2009 etablieren. Und man wird das Gefühl nicht los: Wer hier nach der dritten Klasse nicht irgendein Instrument spielt, der wird schief angeguckt.

02. Oktober 2009

Reeperbahn Festival 2009: Freitag 25.9. – Scams, Matthias Hellberg & The White Moose, Emiliana Torrini

reeperbahn_logo

Sie haben noch keine Platte veröffentlicht. Sie haben noch nie ein Konzert in Deutschland gespielt. Heute stehen sie beim Reeperbahn Festival 2009 auf der Bühne der Prinzenbar: Scams. Damit hält das Reeperbahn Festival sein Versprechen: »New International Music« nach Hamburg zu bringen – und das Publikum in der Prinzenbar ist begeistert von den jungen Briten.

reeperbahn_scamsSänger/Gitarrist Andy und Gitarrist Tom suchen wiederholt den Kontakt mit dem Publikum, sie steigen von der Bühne, Andy singt inmitten der Leute, gegen Ende sogar Arm in Arm mit einem Zuschauer – alles gefilmt von einem Begleiter der Band. Der Gitarrist nach dem Song grinsend: »It’s the best show we’ve played. (Pause). Ever«.

Der Frontmann lacht, wendet sich dann an die Menge: »I want everybody to dance« (gesprochen: »daaans«, schließlich stammen die Jungs aus Chester), was das amerikanisierte Publikum zu spontanem Nachplappern verleitet. Und getanzt haben sie fast alle, die Britrocker ließen kaum einen Fuß unbewegt ruhen.

Ganz anders dagegen die nachfolgenden, sehr ruhigen Schweden: Matthias Hellberg & The White Moose, gewandet in die (bisher) »geilsten Kleider des Festivals«, so der ankündigende Moderator. Neben Matthias Hellberg im gelb-blau-rot-karierten Anzug und orange-gelbem Mützensack á la Schlümpfe, garniert mit schwarze Feder und Pailletten verblasst der Bassist im hellen Rüschenhemd, blauen Schlagjeans und karierter Woll-Schildmütze schon fast.

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14. Juni 2009

For A Minor Reflection: Schuhe fliegen, Gefühle explodieren

Erstmal hinfinden! Unwirtlichen Industrielandschaften trotzen und unerschrocken verlassene Treppenhäuser erklimmen, dem fernen Klang menschlicher Stimmen folgen. Aber dann! Beim Konzert der isländischen Postrocker For A Minor Reflection auf der semi-improvisierten Bühne in den Geschäftsräumen des Frankfurter Hazelwood-Labels im tiefsten Rödelheim geht es unerwarteterweise zunächst so zu wie bei einem Betriebsausflug von Blaumannträgern. Die Band wünscht sich vor zu erledigender Arbeit per Handschlag gutes Gelingen. Zunächst stellt der zweite Gitarrist Guðfinnur Sveinsson dem Publikum das handelnde Personal auf der Bühne namentlich vor. Erst dann legen die 20-jährigen Herren los.famr1 Als Allererstes streift sich Sologitarrist Kjartan Holm (Foto) die Turnschuhe von den Füßen und schleudert sie in lässigem Bogen von der Bühne. Schlagzeuger Jóhannes Ólafsson ist schon gleich mal auf Strümpfen gekommen. Fühlt Euch wie zuhause, Jungs!

Verhalten fangen sie an. Das gehört zum Wesen des Postrock. Spannungsbögen langsam aufbauen und irgendwann in Schönheit und Lärm explodieren und diesen Moment möglichst lange in allen Variationen auskosten. Es liegt nah, Parallelen zu endlos herausgezögerten Orgasmen zu ziehen. Gitarrengewitter entfachen, kontrollierte Raserei zelebrieren. Irgendetwas suchen, das man vielleicht irgendwann findet oder besser doch nie. Postrocker sind vielleicht die letzten noch verbliebenen Romantiker dieser Welt und die vier sehr minderjährig aussehenden Isländer machen an diesem Abend keine Ausnahme.

Dass die jungen Musiker ihren großen Vorbildern Mogwai und Explosions In The Sky aufmerksam gelauscht haben, ist an diesem Abend hörbar. Von Sigur Rós könnte der Hang zum Traumwelten-Schaffen kommen. Was nicht verwundern dürfte, ist doch Gitarrist Kjartan der kleine Bruder des Sigur-Rós-Bassisten Georg Holm. Und jetzt Schluss mit den Querverweisen,famr2 denn For A Minor Reflection sind an diesem Abend im leider nur recht spärlich besuchten Hazelwood-Headquarter vor dem legendär stoffeligen Frankfurter Publikum vor allem eins: sie selbst. Leidenschaftlich, naiv, ausprobierend, hingebungsvoll und intensiv. Guðfinnur (Foto) denkt, er müsse gutgemeinte Anekdoten erzählen. Muss er nicht. Ihre Musik steht für sich.

For A Minor Reflection sind Zerstörer und Kreateure. Zerlegen die Musik in ihre Einzelteile. Und in Momenten gelingt es ihnen, etwas Neues zu schaffen. Dann kreischen die Gitarren wie wütende Möwen. Dann entsteht eine Ahnung, dass diese Vier irgendwann unerhörte Klangwelten schaffen werden. famr3Denn da ist neben der Wut auch die Zartheit. Wenn sich Kjartan und Guðfinnur ganz zum Schluss ans E-Piano setzen und mit somnambuler Sicherheit vierhändig spielen. Plötzlich sind diese beiden eckigen, dürren, ungelenken und unfertigen jungen Männer die schönsten Menschen im Saal. In zwei Jahren schon könnten For A Minor Reflection großartig sein. Vielleicht schon in einem Jahr. Das Herz schlägt schneller.

Die Fotos hat Käthe deKoe beim Münchener Konzert aufgenommen – besten Dank nochmals, dass ich Deine Fotos verwenden darf!

17. Mai 2009

For A Minor Reflection: Isländischer Postrock mal anders

Island, Postrock, Sigur Rós. Die übliche Dreieinigkeit. Aber hier wollen wir nicht stehenbleiben. Der Nachwuchs drängt nach. Vier Zwanzigjährige aus Reykjavik, die melodramatischen, instrumentalen Postrock zelebrieren und sich For  A Minor Reflection nennen. Na und, großartige Neuigkeiten, das machen Bands wie Mogwai und Godspeed You! Black Emperor doch alle Tage, werden Skeptiker sagen.

Wer sich nicht überraschenfomr1 lassen will, dem entgehen die leidenschaftlichen, empfindsamen, ausufernden, intelligenten Songs auf dem Debüt »Reistu þig við, sólin er komin á loft…«. Übersetzt heißt der Albumtitel übrigens in etwa »Steh auf und strahle, die Sonne ist aufgegangen«. Klare Ansage.

Eine wesentliche Komponente des Postrock ist seine Experimentierfähigkeit. Über Grenzen gehen, Schönheit suchen, sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben. Versuchen, irgendwelche fernen, fernen Ideale zu erreichen. Sich den Blick des kindlichen Staunens zu bewahren. Den ach so erwachsenen Alltag hinter sich lassen. Sich Zeit nehmen, die blaue Blume zu suchen. Alle Postrocker sind in dieser Hinsicht echte Romantiker.

For A Minor Reflection sind im besten Sinne Suchende. Das haben auch die größten Ausprobierer, Träumer und Grenzgänger Islands erkannt. Sigur Rós haben die Nachwuchsband bereits auf Europatour mit unter ihre Fittiche genommen und sie mit dem nachdrücklichen Kompliment bedacht, dass For A Minor Reflection irgend eines fernen Tages besser sein werden als Mogwai. Na denn.

famr2For A Minor Reflection sind übrigens auch ohne ihre großen Förderer flügge. Anfang Juni sind die Isländer im Rahmen der Norðrið-Reihe auf Deutschland-Tour. Nähere Informationen unter unseren Tourterminen. Das Frankfurter Konzert ist bereits in meinem Terminkalender mit Rotstift vorgemerkt.

29. April 2009

Isländische Invasion: Hjaltalín, Mammút und kein Ende

Vielleicht liegt es am (gerade noch abgewendeten) Staatsbankrott der Atlantikinsel Island. Vielleicht müssen sich die Insulaner in diesen Wochen und Monaten verstärkt über Einnahmequellen außerhalb der Heimat Gedanken machen. Reine Theorie.  Aber es ist eine einigermaßen einleuchtende Erklärung für das Phänomen, dass isländische Bands in diesem Frühjahr geradezu in Scharen durch deutsche Konzertsäle touren. Ok, ok, das war jetzt die romatisierende Erklärung. Tatsächlich ist es so, dass es  der »Nordrid – Iceland Express Musik Klub« ist, eine Initiative von Icelandic Music Export, die hauptsächlich hinter der isländischen Invasion steckt. Mit Staatsknete für die Expedition ins Ausland ausgerüstet. Einige isländische Kronen sind also im Staatssäckel noch vorhanden, eine wirklich beruhigende Nachricht.

Es gibt aber auch einige Bands, die es unabhängig davon in deutsche Konzertsäle schaffen.
Hjaltalín (Foto) zum Beispiel, die bestens aufgelegte,superkreative, fröhliche isländische Variante von Arcade Fire, waren 2009 bereits schon zwei Mal auf Kurztour hier. hjaltaUnd haben beim Konzert letztens im Heidelberger Karlstorbahnhof das Publikum zum Tanzen und Lächeln gebracht und mit Nachdruck bewiesen, dass die Oboe unbedingt zu den Instrumenten zählen sollte, die zur Grundausstattung einer Rockband gehören. Oder Benni Hemm Hemm, der Meister des Stolperpops, der hoffentlich wieder zwölf Mitmusiker mitbringt wie beim Konzert vor geschätzten anderthalb Jahren in der Frankfurter Brotfabrik, als er leider vor ebenso vielen Zuschauern spielte. Etwas mehr Publikum wäre dieses Mal netter!

Lay Low, Reykjavik!, und Mammút waren im Rahmen der staatlich gesponserten Norðrið-Reihe in den ersten Monaten des Jahres schon hier. Die Popdiseuse Dísa, die hemdsärmeligen Sprenghjuhöllin und der Singer-Songwriter Svavar Knutur kommen demnächst. Strengt sich mächtig an, dieses isländische Musikexportbüro. Nähe Informationen über die Tourreihe sind übrigens bei 101 Berlin zu finden.

Da werden Fans isländischer Musik in anderen europäischen Ländern schon fast ein wenig neidisch auf die isländische Invasion in Deutschland. Mark Ollard etwa, ein Londoner Islandfreund, der sich in iceblahsmallseinem sympathischen Iceblah-Blog hauptsächlich mit isländischen Bands beschäftigt und gerade unter mächtigen Eifersuchtsanwandlungen leidet, wenn er Richtung Süden blickt. Nur Geduld, junger Jedi, isländische Bands werden London mit Sicherheit nicht links liegen lassen, wenn sie künftig auf Abenteuer ziehen. Denn Staatsbankrott oder nicht: Die isländische Musikszene erstaunt seit Jahren durch ihre unglaubliche Vielfalt und Kreativität, die für ein Land von knapp über 300.000 Einwohnern einmalig sein dürfte.

 
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