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Foto nordische Landschaft

22. Juli 2008

Dieser Sommer wird empfindsam Teil 2: Bang Gang

Weiter gehts mit dem sanften Soundtrack für endlose Sommerabende auf dem Balkon. Wir wechseln nach Island.

Die Definition von Kitsch bereitet selbst Meyers Konversationslexikon Schwierigkeiten.  Denn: Kitsch hat immer mit Übertreibung zu tun. Was aber ist Liebeskummer anderes als ein Übermaß an Gefühlen? Das weiß der isländische Popmusiker Bardi Johannson alias Bang Gang genau. Und deshalb betreibt er auf seiner zweiten Veröffentlichung »GHOSTS FROM THE PAST« Trauerarbeit und Schmerzbewältigung in Cinemascope. Ennio Morricone könnte kein größeres Pathos erzeugen. Bisweilen geht es hart an die Kitschgrenze. Aber die magische Schwelle, den Tinneff von Tiefgang trennt, wird an keiner Stelle überschritten.

 Da geht einer völlig aus der Deckung, da gibt sich einer völlig hin, da macht sich einer völlig wehrlos.  Aus reiner Selbstverteidigung. Als einzig möglichem Mittel der Gegenwehr. Um mit Tocotronic zu sprechen: Die Kapitulation als Befreiung. Hört sich erstmal nach unerträglicher Beziehungsnabelschau an, ist es aber nicht! Bardi Johannsen gelingen traumwandlerische schöne Popsongs, die die Balance halten und nie ins Jammerige und Nölende kippen. Das ist hochmelodramatisch und wirklich wunderbar. Beim ersten Hören tief schlucken, dann sich ergeben. 

Denn immer wieder scheint der Trotz durch. »You Won´t Get Out« ist eine so mantrische Beschwörung an das Gute im Kern der geliebten Person, dass diese ein Herz aus Stein haben müsste, um nicht zu bleiben. Dass alles wieder gut wird. Und der letzte Song »Stay Home« gibt einem beim Hören emotional den letzten Rest.

Ob die Dame sich wohl erweichen ließ?

Achja. und die kleine Sommerserie geht in Schweden weiter.

02. Juli 2008

Island, charismatisch: Pétur Ben in Heidelberg

Es kommt bei Konzerten nicht häufig vor, dass die Vorgruppe den bleibenden Eindruck hinterlässt. Was nicht zwingend an der mangelnden Qualität des Hauptacts liegen muss, was in diesem Fall bei Mugison definitiv nicht der Fall ist. Auf den Tourplakaten von Mugison ist der Name Pétur Ben noch nicht einmal als Support Act abgedruckt – was ein unverzeihlicher Fehler ist, denn Herrn Ben müssen wir uns merken. Von dem werden wir noch hören, wenn sich Talent und unwiderstehliche Ausstrahlung irgendwann auf Erden durchsetzen dürfen.

 Ein heißer Sommerabend in Heidelberg. Selbst der Neckar neben dem Karlstorbahnhof scheint träger als sonst zu fließen, und die vielen japanischen Touristen sitzen längst brav auf ihren Hotelzimmern. Warum die Birkenstocksandalen-Fraktion an diesem Abend im Publikum so stark vertreten ist, darf zu den Rätseln gehören, die wir heute nicht mehr lösen müssen. Denn ein unberechenbarer Kobold in Menschengestalt mit Namen Pétur Ben ist uns erschienen und hat Nebelkerzen in die badische Beschaulichkeit geworfen.

 Ein junger Mensch mit stechenden, aber freundlichen Augen, mit straßenköterblonden Strubbelhaaren schnallt sich die Gitarre und wird zu einem gänzlich unberechenbaren Faktor. Er schreit, er fleht, er flüstert. Er haut auf die Gitarre ein, als gelte es sein Leben und bricht mit allen dummen Reinhard-Mey-Klischees, dass ein Singer-Songwriter brav, verständnisvoll und sensibel sein soll. Pétur Ben ist ein Berserker, der Angst und Schrecken unter den Kleinmütigen verbreitet. Von der Bühne springt, sich demonstrativ unters Publikum mischt und so heftig mit den Füßen aufstampfend den eigenen Takt vorgibt, dass der halbe Saal wackelt. Da traut sich kaum noch einer, der Aufforderung zum Mitsingen nicht nachzukommen.

 Pétur Ben ist einer, der brennt, der in Flammen steht. Der blass, dünn, unscheinbar, in viel zu engen schwarzen Jeans steckend einen unbestreitbaren Glamour verbreitet, der bisweilen an den jungen Bowie erinnert. Herr Ben würde dies vehement abstreiten und damit  Unrecht haben. Nicht Äußerlichkeiten zählen, sondern Persönlichkeit und Charisma. Und der Mut zu völlig unerwartetem Hakenschlagen in der Auswahl eines Coversongs: Dass Michael Jacksons »Billy Jean« noch unpeinlich in die Gegenwart zu retten ist, hätten wir vor diesem Abend nicht gedacht.

Gemein, aber wahr: Das Beste an Mugisons Auftritt ist die Tatsache, dass Pétur Ben dort die Leadgitarre spielt und sich zu allem Überfluss noch als Wunderkind an der Blues- und Rockklampfe entpuppt.

Als das Konzert vorbei ist, steht ein spilleriger, unauffälliger junger Mensch mit schmutzig-blonden Strubbelhaaren im Foyer und hält das neue Album von Pétur Ben hoch – zum Verkauf wie auf dem Wochenmarkt. Es ist natürlich der Künstler selbst, der an jedem Album drei Euro verdient, wie er selbstironisch dazu bemerkt. Der superfeste Händedruck und das intensiv strahlende Lächeln als Dank für das ausgesprochene Lob zum überzeugenden Auftritt beweisen, dass der junge Mann in der Menge alles andere als unauffällig ist.

07. Juni 2008

Ruhelos in Reykjavik: Borko und Reykjavik!

An Schlafen ist überhaupt nicht zu denken. Ein cremiges Weiß, ein milchiges Grau, das ist alles, was die Nächte in Island kurz vor Sommeranfang zu bieten haben. Ins Bett scheint in diesen Tagen keiner gehen zu wollen. Wozu auch? Ausruhen können wir im Winter, wenn es nur vier Stunden am Tag hell wird.

Wochenende. Touristen können in Reykjavik mittlerweile ganz offiziell Rúntur-Touren buchen und unter einheimischer Führung auf die traditionell isländische Weise bis in die frühen Morgenstunden von In-Kneipe zu In-Kneipe ziehen, Freigetränke inklusive.  Man darf sich dann in etwa so fühlen wie Hlynur, der nichtsnutzig-charmante Held aus dem Film 101 Reykjavik. Korrekterweise findet der Rúntur zwar durch möglichst cooles Kutschieren im Cabrio entlang der einzig ernstzunehmenden Einkaufs- und Barmeile des Landes statt, aber wollen wir nicht pingelig sein und lieber zur legendären Wurstbude am Hafen schlendern und uns für den Abend stärken. Einfach schauen, wo die Schlange ist….genau…hier gibts die besten Pylsus der Stadt! Lecker!

Wie ist die isländische Etikette bei Konzerten? Fangen die ganz korrekt superpünktlich an? Oder lässig eine Stunde später? Bei Bierpreisen von rund acht Euro das Glas sind das aus finanztechnischen Gründen wichtige Überlegungen. Im Organ in Downtown Reykjavik spielen an diesem Abend die Jungspunde Reykjavik ! und der skurille Brillenträger Borko mit seiner Band. Es ist Labelabend von Kimi Records und die Konzertgänger trudeln langsam ein. Zeit genug, um sich die Exponate der Innereien des menschlichen Körpers aus dem Grundstudium für Mediziner in aller Ruhe anzusehen. Deswegen heißt der Laden ja auch Organ!

Reykjavik! sind sehr sympathische, äußerlich äußerst verschluffte Indiepowerpoprocker, die mit Gusto eine rotzige Punkattitütde pflegen und von Null auf Hundert gefühlte 3,2 Sekunden brauchen. Respekt!  Die fünf Anfangszwanziger (großzügig geschätzt!) legen los, als ob sie vor wichtigen Labelbossen um ihren ersten Plattenvertrag kämpften. Dabei sind doch nur rund 40 ihnen sehr wohlgesinnte Konzertgänger da, die ohnehin nach dem ersten Lied schon begeistert klatschen. Die Songs kommen knallig und krachig daher, es wird mächtig auf die Gitarren eingehauen – aber, mal ganz ehrlich, den Pokal für besonders originelle Beiträge zur Geschichte der Rockmusik wird das Quintett nicht gewinnen. Es sind jugendliche Energie, hormonelle Aufwallungen und viel anarchische Rocklust, mit denen Reykjavik! punkten. Macht Spaß, aber nur drei deutsche Touristinnen folgen der ausdrücklichen Aufforderung der Band, vor der Bühne abzurocken. Was sind wir doch spontan! 

Borko überrascht. Der bebrillte, rundliche Barde und seine Band wollen in dieser Nacht zeigen, dass in ihnen echte Kerle mit einer hörbaren Liebe zum Progressive Rock schlummern. Natürlich mit reichlich selbstironischer Attitüde und ausgedehnten elektronischen Spielkindereien. Besonders der Gitarrist gefällt sich mit kaum verstecktem Grinsen in markigen Heroenposen und spielt so auf, als ob er auf einen Streich alle Elfen des Landes ins Hinterzimmer treiben und dort einsperren wolle.  Hinweg mit Euch, ihr Stereoptypen von der ach so verhuscht-verträumten isländischen Musikszene! Was nicht heißt, dass Borko und seine Mannen hier nicht hochkonzentriert aufspielen – sie klingen live wie eine sehr viel rauhere Version ihrer selbst als auf »CELEBRATING LIFE«, das unser Album des Monats März 2008 war. Rocker, Elektroniker, Spaßvögel, Waldschrate, Klischeebrecher und Aufmüpfer – das alles sind Borko an diesem Abend. Das macht dann so viel Spaß, dass man gleich danach zu Indiemusik weitertanzen muss. Schlafen können wir im Winter.

26. Mai 2008

Musik auf der virtuellen Skandinavienmesse

Screenshot Skandinavienmesse

Was es nicht alles gibt: Nun muss man sich nicht mehr persönlich auf eine Messe begeben, sondern kann das virtuell am heimischen PC tun.

Am Anfang dachte ich an einen Scherz, als mir Thorsten Blum sein Projekt zeigte (das witzigerweise am 1. April an den Onlinestart ging), aber schon bald war ich von der Idee und der professionellen Umsetzung überzeugt. Unter www.skandinavienmesse.de findet man die erste virtuelle (und ganzjährig geöffnete!) Messe zum Thema Skandinavien.

Als Aussteller sind hauptsächlich Reiseveranstalter, Händler im Bereich Bauen und Wohnen, Design und Mode, Jobs, Wirtschaft und Finanzen vertreten. Aber auch die Musik ist repräsentiert, zum einen durch Christian Pliefkes kleines, aber feines Label »Nordic Notes «, zum anderen durch unseren Stand der Nordischen Musik.

Die Aussteller haben die Möglichkeit, ihren Stand in geringem Maß selbst zu gestalten: Man kann Zeitschriftenständer und Informationstafeln bestücken und positionieren, oder man kann zwischen verschiedenen Standeinrichtungen und Standbetreuern wählen. Die Animationen beim Wechsel der Hallen sind nett anzusehen, doch die Simulation des dreidimensionalen Raums hat am Stand selbst ein Ende.

Nichtsdestotrotz überzeugt die Grafik und das Konzept des Projekts, an dem auch Peter Marx (ehemals Nordis-Herausgeber und Veranstalter der »realen« Skandinavienmesse in Essen) beteiligt ist – und an dessen Quellcode mitzuarbeiten Polarpixel die Ehre hatte.

Man muss sehen, wie sich das Projekt langfristig entwickelt, da  sich die Zahl der Aussteller noch in Grenzen hält. Und natürlich kann eine virtuelle Messe niemals eine echte ersetzen, wo es ja vor allem gerade um persönliche Kontakte und ein individuelles Kennenlernen geht.

Doch es ist sicher sinnvoll, eine themenbezogene Präsentationsplattform zu schaffen, die sich in Optik und Feeling von all den anderen Portalen deutlich unterscheidet. Übrigens: Thorsten Blum hat bereits weitere virtuelle Messen eröffnet (oder arbeitet noch daran) – zu den Themen Aquaristik, Einrichtung, Garten, Reise, Sport, Pferde und Wellness …

25. Mai 2008

Eurovision Song Contest: Satz mit X …

…das war wohl nix. Den Exotenbonus Marke Lordi hatten Teräsbetoni nicht. Außerdem fehlten möglicherweise englische Texte, Horrormasken und vor allem: selbstausklappende Flügel. Die Finnen landeten gerade mal auf Platz 22, schlechter bewertet wurden nur noch Deutschland, Polen und Großbritannien.

Norwegen erreichte einen souveränen fünften Platz, musste sich nur Russland, Ukraine, Griechenland und  Armenien geschlagen geben.
Die restlichen Nordlichter dümpelten auf den hinteren Rängen vor sich hin: Dänemark (15), Island (14), Schweden (18). Mehr zum Finale findet ihr hier.

Hei Finnland, probier’s doch näxtes Jahr mal mit Stam1na, Bomfunk MCs — oder Eläkeläiset.

 
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