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Foto nordische Landschaft

03. Oktober 2006

Popkomm für Fortgeschrittene Teil 2

Warmes Bier! Irgendwie ist hier mit der Organistation etwas schiefgelaufen, Music Export Finland! Die Dänen haben die Sache besser im Griff, ihr Gerstensaft ist richtig temperiert. Bei der Nordic Drinks Party am zweiten Popkomm-Tag drängeln sich die Besucher in den frühen Abendstunden um die Stände der Skandinavier. Die auf der Messe mit massiver Präsenz punkten.

Zum Ausgleich gibt es, vom Chefkoch der finnischen Botschaft kreiert, leckeren landestypischen Käsekuchen und Insider-Informationen über die Original-Zutaten von karelischen Piroggen. Leicht angetütert erzählen die Finnen lustige Geschichten über die angeblich chaotischen Vorbereitungen für den European Song Contest 2007 in Helsinki und schaffen es nicht ganz, ihren Stolz auf die Gastgeber-Rolle zu verbergen. Gut gestärkt und bester Laune kann die Reise in den zweiten Popkomm-Abend beginnen. Der vor allem im Zeichen der Norweger steht. Den Appetithappen aber liefern die Dänen.

Zwölf Punkte für die größtmöglichste künstlerische Nähe zu Placebo heimsen gleich zu Beginn die blassen Jungs von Moi Caprice ein. Es ist immer schwierig, als erste Band des Abends das Eis zu brechen, gestehen wir ihnen zu. Aber muss das so schwerfällig und mit Leidensmiene geschehen? Und mit so wenig Ausstrahlung? Nicht überzeugend.

Über einen Mangel an Leidenschaft und Bühnenpräsenz kann das Publikum bei den norwegischen Cloroform nicht klagen: Das Trio, bei dem am Bass Øyvind Storesund von Kaizers Orchestra mitmischt, bringt das Publikum mit seiner  eigenwilligen Mischung aus Electronics, Rock, Freejazz und jeder Menge anarchischer Energie zum Tanzen. Schon ihr Album »CRACKED WIDE OPEN« überzeugte mit Unberechenbarkeit und reiner Spielfreude auf dem weiten Feld der härteren Populärmusik. Live sind die drei Musiker unverschämt gut.

Schnell gewechselt zum nächsten Schauplatz. Und endlich steht eine Frau zum Verlieben auf der Bühne. Marit Larsen aus Norwegen zeigt mit ihrer Band, dass sanfte Popmusik nicht seicht sein muss, sondern durch Leichtigkeit und mädchenhaften Charme punkten kann. Die Musikerin wickelt das kritische Berliner Publikum im Nu um ihre Finger, wechselt souverän zwischen Piano und Gitarre und hat eine positive Ausstrahlung, von der andere Zicken-Diven nur träumen können.  Larsen bewegt sich selbstbewusst und natürlich (auch das ist eine Kunst!) im Energiefeld Country-Chansonpop. Das kommt so gut an, dass die frisch bekehrten Popkomm-Besucher die Band kaum mehr von der Bühne lassen wollen. Eine echte Entdeckung.

Zwischendurch mal kurz bei den Schweden vorbeigeschaut und gerade noch das Ende des Sets von Daniel Cirera mitbekommen. Der Singer-Songwriter macht jede Menge launige Zwischenansagen, zieht ein bisschen über das böse Musikbusiness her und singt sich ansonsten die Seele aus dem Leib. Nicht schlecht, aber zu kurz, um wirkliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Cirera tourt ja gerne und spielt demnächst auch in meiner Stadt.

Im Gegensatz zum Kollegen Peter bin ich kein großer Folk-Fan. Aber da er die norwegischen Adjagas im Polarblog schon so lobend erwähnt hat, gehe ich neugierig hin und lasse mich verzaubern. Danke, Peter! Sänger Lawra Somby scheint auf der Bühne auf den ersten Blick die Rolle im Mittelpunkt kaum ausfüllen zu können: Ein kleiner, untersetzter, ungelenker junger Mann im schlecht sitzenden Folklore-Hemd. Aber was hat Sombry für eine Ausstrahlung und Präsenz als Sänger! Ich habe zwar nicht die geringste Ahnung, was Joiks sind, aber nach diesem Abend möchte ich mehr wissen.

Putzig wird es mit den Isländern.  Texas Lightning können einpacken. Baggalútur zeigen, dass Mexiko und Wyoming Nachbarstaaten der Atlantikinsel sind und zeigen, dass man mit größtmöglicher Zahl von Musikern auf einer Mini-Bühne Platz findet. Country, Bluegrass, Mexicana werden mit isländischer Inbrunst intoniert. Jeder Regisseur von Spaghetti-Western könnte froh sein, diese Band für den Soundtrack zu gewinnen. Sehr skurill. Sehr schön.

Dann zum Abschluss nochmal alle Kräfte gesammelt für die großen, die wunderbaren, die einmaligen Musiker von…Trommelwirbel….Kaizers Orchestra. Jedes Konzert mit den Norwegern ist ein Erlebnis. Die Kaizers-Fangemeinde in Deutschland ist groß, die Auftritte werden bis zum Delirium beklatscht. Sänger Janove Ottesen hat  inzwischen ein paar graue Haare bekommen, die kreischenden Mädchen stört das nicht.  Wuchtig auf  Felgen und Tonnen einzuschlagen,  das ist immer noch die Spezialität der Kaizers,  die unvermeidlichen Gasmasken immer  noch  im Gepäck, aber hey! So eine Show wie die Norweger legt keiner hin. Danach ist keine Steigerung mehr möglich. Den Kopf voller Musik nach Hause getrollt. Bis zur nächsten Popkonmm? Durchaus eine Überlegung wert. So viele Bands, die nicht alle Tage in Deutschland touren, an einem Ort konzentriert versammelt: Das ist ein sehr gewichtiges Argument.

20. September 2006

Würfelzucker

Ich bin maßgefertigt und ordentlich zusammengepresst. Ich wiege 2.5 Gramm. Meine Anwesenheit wird in den meisten Inhaltslisten ganz schön verschleiert. Seit Anfang September habe ich sogar einen eigenen, leider genauso verzichtbaren Musikclipkanal wie MTVIVA. Immerhin gibt´s bei mir keine amerikanisch frisierten Kuppelshows oder grenzdebile Dokus über Autos mit Springbrunnen im Kofferraum. Worüber ich mich heute aber am meisten gefreut habe: dass meine Lieblingsband die Friedenspfeife geraucht hat und vierzehn Jahre nach der Auflösung und ganze zwanzig Jahre nach ihrer Gründung wieder für ein Reunion-Konzert in Reykjavik die Instrumente schwingt. Darauf erst mal ´ne Tasse Tee!

28. August 2006

In Case You Need Bandnamen

 Die diplomatischste Art der Bandnamensfindung. Sind erst die Saiten des Gitarristen mit der Heckenschere durchtrennt und das Drumkit mit Cola gefüllt, kann man sich endlich zusammenraufen. Ob es sich denn lohnt, bei all dem herumfliegenden Equipment überhaupt noch weiter zu machen, oder ob die Aktion mit der abgebrochenen Bierflasche gerade eben unbedingt sein musste. Ein Name muss her. Etwas, was jeder mag. Was irgendwie noch politisch korrekt ist – schließlich stoßen die großen Plattenfirmen bei Namen wie »Made Out Of Babies«, »Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs« oder »FleischLEGO« angewidert spitze Schreie aus. Denkt man.

Was liegt also näher, als die gefühlte Neutralität der Nordländer zu bemühen und einfach mal ziel-, wahl- und lustlos auf Seite 80 des angegammelten Diercke-Atlas zu tippen, der gleich neben der schimmelüberwucherten Pizza von der letzten Probensession hier im dunkelfeuchten Keller seinen eigenen Rock'n'Roll-Mikrokosmos gegründet hat? Eben. Das dachten sich auch »Architecture In Helsinki«, die ein bisschen spinnerten und hibbeligen Australien-Pop veranstalten und noch niemals eine Sauna von innen gesehen haben. Hauptsache cool go north.

Aber während deren Album »IN CASE WE DIE« schon seit ein paar Monaten das CD-Regal im Order »A« bevölkert und es auf der nächsten Tour exklusiv das »WE DIED: THEY REMIXED«-Obuluswerk käuflich zu erwerben gibt, machen die Briten von »Copenhagen« eine eher schlechte Figur. Songwriterisch ist das eher Apfelkuchen mit Majonäse (Verhunzung: neue Rechtschreibreform) als Schwarzwälderkirsch mit Sahne.

Die Faszination an schlichten skandinavischen Städtenamen infizierte auch »Oslo« von der amerikanischen Westküste. Sie würden sich gerne als eine Mischung aus Interpol und Coldplay sehen, aber den Gefallen tun wir ihnen nicht. Zwei fehlen noch, dann können wir hinter den Hauptstädten überall ein Häkchen setzen. Also los, zieh das Keyboard aus der Bassdrum und fang an! First come, first serve! [x].

Stockholm [ ]

Reykjavik  [ ] 

21. August 2006

Und jetzt etwas ganz anderes: Kunst (Teil 1)

Es war schon ein merkwürdiger Sound, der da zu hören war: Ein Schaben und Scheuern, ein leichtes Klirren und manchmal auch schrilles Kratzen; zuweilen ertönte der Schrei eines Hahns. Was zu sehen war: eine in einem weißen Papieranzug gekleidete Frau lief in einem quadratischen Raum immer im Kreis, wie in einem Käfig. So ein weißer Anzug, wie ihn die Mitarbeiter kriminal-technischen Untersuchung immer tragen (man kennt das aus den TATORT Krimis), dazu waren die Arme und Beine, die Brust, der Rücken und der Kopf des Anzuges mit dichtstehenden Stacheln bestückt, mit denen sich die Frau immer wieder an den Wänden und an dem zum Raum gehörenden Fenster rieb und abarbeitete. Eine lange Stunde lang: eine Performance der Künstlerin Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir im Hamburger Kunsthaus FRISE, im einst zu Dänemark gehörenden Stadtteil Altona.

 Die letzten Wochen war sie hier zu Gast und ist dort jetzt mit einer kleinen, feinen Ausstellung mit Sprachzeichnungen vertreten: „Wie sehen Sie ihre Zukunft?“

Eine Frage, die ein Richter unlängst einem Angeklagten stellte, da saß die Künstlerin im Hamburger Landgericht und verfolgte diverse Prozesse von der Zuschauerbank aus. Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir spricht dank einiger Hamburgaufenthalte sehr gut Deutsch, doch geht es ihr bei ihren Aufzeichnungen aus dem Gerichtssaal nicht um eine irgendwie geartete soziologisch-künstlerische Auseinandersetzung anhand der Felder Verdacht, Beschuldigung, Lüge, Recht, Ohnmacht und Moral. Vielmehr hat sie alles, was gesprochen wurde, in Linien, Kurven, Schnörkel, Striche und Punkte übersetzt, die nun Blatt an Blatt in einem schneeweißen Raum prangen (ihr Lieblingstier ist das Schneehuhn), wie leichthändige Wandteppiche. Mal verknäulen sich die Zeichnungsnotizen, mal tummeln sie sich wie Noten von links nach rechts, mal auch schlagen sie spitz nach unten oder oben aus, wie die Diagramme eines EKGs oder eines Lügendetektors, auf das ein jeder und eine jede phantasieren kann, was sich dort im Gerichtssaal ereignet und wie man miteinander gesprochen, was man geleugnet, eingestanden und zugegeben hat. Titel wie EIN GRAMM HEROIN, HAT AUF EINEN PARKENPLATZ FÜR BEHINDERTE GEPARKT oder auch DER ANGEKLAGTE WIRD FÜR DIEBSTAHL EINER HOSE UND EINER FLASCHE ALKOHOL, DIE ER SEINEM VATER ALS GESCHENK GEBEN WOLLTE, VERURTEILT öffnen die Assoziationsräume.

Wer in Hamburg weilt, sollte sich dieses anschauen. Alle anderen sollten sich ihren Namen merken: Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir.

Die Ausstellung ist zu sehen vom Freitag, den 25.8. bis Sonntag, 27.8., jeweils 16-18 Uhr

Nächste und letzte Performance: Sonntag, 27.8., 16 bis 17 Uhr

08. Juli 2006

Das Polarblog-Mixtape

 Erst gerade hab ich den Tipp bekommen: Einen der schönsten Campingplätze Schwedens findet man am östlichen Vänern-Ufer bei Hällekis zwischen Mariestad und Lidköping. Camping »Kinnekulle« heißt er. Einige der schönsten Songs für den Campingsommer findet Ihr hier – zum Teilen und Liebhaben. Und natürlich, um passend den Sonnenuntergang am Vänern genießen zu können. Dabei sind einige schon bekannte Künstler und viele Newcomer, die durch ihre Frische, ihren Charme oder Einfallsreichtum bestechen.  

Wenn Euch die Songs gefallen, unterstützt bitte die Künstler und kauft ihre Alben. Sie haben es verdient.

 
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