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Foto nordische Landschaft

20. September 2006

Würfelzucker

Ich bin maßgefertigt und ordentlich zusammengepresst. Ich wiege 2.5 Gramm. Meine Anwesenheit wird in den meisten Inhaltslisten ganz schön verschleiert. Seit Anfang September habe ich sogar einen eigenen, leider genauso verzichtbaren Musikclipkanal wie MTVIVA. Immerhin gibt´s bei mir keine amerikanisch frisierten Kuppelshows oder grenzdebile Dokus über Autos mit Springbrunnen im Kofferraum. Worüber ich mich heute aber am meisten gefreut habe: dass meine Lieblingsband die Friedenspfeife geraucht hat und vierzehn Jahre nach der Auflösung und ganze zwanzig Jahre nach ihrer Gründung wieder für ein Reunion-Konzert in Reykjavik die Instrumente schwingt. Darauf erst mal ´ne Tasse Tee!

28. August 2006

In Case You Need Bandnamen

 Die diplomatischste Art der Bandnamensfindung. Sind erst die Saiten des Gitarristen mit der Heckenschere durchtrennt und das Drumkit mit Cola gefüllt, kann man sich endlich zusammenraufen. Ob es sich denn lohnt, bei all dem herumfliegenden Equipment überhaupt noch weiter zu machen, oder ob die Aktion mit der abgebrochenen Bierflasche gerade eben unbedingt sein musste. Ein Name muss her. Etwas, was jeder mag. Was irgendwie noch politisch korrekt ist – schließlich stoßen die großen Plattenfirmen bei Namen wie »Made Out Of Babies«, »Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs« oder »FleischLEGO« angewidert spitze Schreie aus. Denkt man.

Was liegt also näher, als die gefühlte Neutralität der Nordländer zu bemühen und einfach mal ziel-, wahl- und lustlos auf Seite 80 des angegammelten Diercke-Atlas zu tippen, der gleich neben der schimmelüberwucherten Pizza von der letzten Probensession hier im dunkelfeuchten Keller seinen eigenen Rock'n'Roll-Mikrokosmos gegründet hat? Eben. Das dachten sich auch »Architecture In Helsinki«, die ein bisschen spinnerten und hibbeligen Australien-Pop veranstalten und noch niemals eine Sauna von innen gesehen haben. Hauptsache cool go north.

Aber während deren Album »IN CASE WE DIE« schon seit ein paar Monaten das CD-Regal im Order »A« bevölkert und es auf der nächsten Tour exklusiv das »WE DIED: THEY REMIXED«-Obuluswerk käuflich zu erwerben gibt, machen die Briten von »Copenhagen« eine eher schlechte Figur. Songwriterisch ist das eher Apfelkuchen mit Majonäse (Verhunzung: neue Rechtschreibreform) als Schwarzwälderkirsch mit Sahne.

Die Faszination an schlichten skandinavischen Städtenamen infizierte auch »Oslo« von der amerikanischen Westküste. Sie würden sich gerne als eine Mischung aus Interpol und Coldplay sehen, aber den Gefallen tun wir ihnen nicht. Zwei fehlen noch, dann können wir hinter den Hauptstädten überall ein Häkchen setzen. Also los, zieh das Keyboard aus der Bassdrum und fang an! First come, first serve! [x].

Stockholm [ ]

Reykjavik  [ ] 

21. August 2006

Und jetzt etwas ganz anderes: Kunst (Teil 1)

Es war schon ein merkwürdiger Sound, der da zu hören war: Ein Schaben und Scheuern, ein leichtes Klirren und manchmal auch schrilles Kratzen; zuweilen ertönte der Schrei eines Hahns. Was zu sehen war: eine in einem weißen Papieranzug gekleidete Frau lief in einem quadratischen Raum immer im Kreis, wie in einem Käfig. So ein weißer Anzug, wie ihn die Mitarbeiter kriminal-technischen Untersuchung immer tragen (man kennt das aus den TATORT Krimis), dazu waren die Arme und Beine, die Brust, der Rücken und der Kopf des Anzuges mit dichtstehenden Stacheln bestückt, mit denen sich die Frau immer wieder an den Wänden und an dem zum Raum gehörenden Fenster rieb und abarbeitete. Eine lange Stunde lang: eine Performance der Künstlerin Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir im Hamburger Kunsthaus FRISE, im einst zu Dänemark gehörenden Stadtteil Altona.

 Die letzten Wochen war sie hier zu Gast und ist dort jetzt mit einer kleinen, feinen Ausstellung mit Sprachzeichnungen vertreten: „Wie sehen Sie ihre Zukunft?“

Eine Frage, die ein Richter unlängst einem Angeklagten stellte, da saß die Künstlerin im Hamburger Landgericht und verfolgte diverse Prozesse von der Zuschauerbank aus. Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir spricht dank einiger Hamburgaufenthalte sehr gut Deutsch, doch geht es ihr bei ihren Aufzeichnungen aus dem Gerichtssaal nicht um eine irgendwie geartete soziologisch-künstlerische Auseinandersetzung anhand der Felder Verdacht, Beschuldigung, Lüge, Recht, Ohnmacht und Moral. Vielmehr hat sie alles, was gesprochen wurde, in Linien, Kurven, Schnörkel, Striche und Punkte übersetzt, die nun Blatt an Blatt in einem schneeweißen Raum prangen (ihr Lieblingstier ist das Schneehuhn), wie leichthändige Wandteppiche. Mal verknäulen sich die Zeichnungsnotizen, mal tummeln sie sich wie Noten von links nach rechts, mal auch schlagen sie spitz nach unten oder oben aus, wie die Diagramme eines EKGs oder eines Lügendetektors, auf das ein jeder und eine jede phantasieren kann, was sich dort im Gerichtssaal ereignet und wie man miteinander gesprochen, was man geleugnet, eingestanden und zugegeben hat. Titel wie EIN GRAMM HEROIN, HAT AUF EINEN PARKENPLATZ FÜR BEHINDERTE GEPARKT oder auch DER ANGEKLAGTE WIRD FÜR DIEBSTAHL EINER HOSE UND EINER FLASCHE ALKOHOL, DIE ER SEINEM VATER ALS GESCHENK GEBEN WOLLTE, VERURTEILT öffnen die Assoziationsräume.

Wer in Hamburg weilt, sollte sich dieses anschauen. Alle anderen sollten sich ihren Namen merken: Sigrídur Dóra Jóhannsdóttir.

Die Ausstellung ist zu sehen vom Freitag, den 25.8. bis Sonntag, 27.8., jeweils 16-18 Uhr

Nächste und letzte Performance: Sonntag, 27.8., 16 bis 17 Uhr

08. Juli 2006

Das Polarblog-Mixtape

 Erst gerade hab ich den Tipp bekommen: Einen der schönsten Campingplätze Schwedens findet man am östlichen Vänern-Ufer bei Hällekis zwischen Mariestad und Lidköping. Camping »Kinnekulle« heißt er. Einige der schönsten Songs für den Campingsommer findet Ihr hier – zum Teilen und Liebhaben. Und natürlich, um passend den Sonnenuntergang am Vänern genießen zu können. Dabei sind einige schon bekannte Künstler und viele Newcomer, die durch ihre Frische, ihren Charme oder Einfallsreichtum bestechen.  

Wenn Euch die Songs gefallen, unterstützt bitte die Künstler und kauft ihre Alben. Sie haben es verdient.

21. Juni 2006

Fünf Köstlichkeiten

Bandkarrieren zu prophezeien ist manchmal ein bisschen wie auf WM-Spiele tippen. Tschechien – Ghana? Klare Sache, oder? Nur zu blöd, dass die Gefahr des Unterschätzens immer irgendwo lauert. Tschechien: 0, Ghana: 2. Sicher ist eben nichts. Na klar, wenn man The Next Big Thing ausrufen möchte, dann tut man es nicht mit einer Gruppe, die gerade auf einem viertklassigen Label mit null Marketingbudget ihre Debüt-EP veröffentlicht. Aber nichtsdestotrotz ist es spannend, im Untergrund zu buddeln – auch ganz ohne Prognosen auf die Zukunft. Fünf skandinavische Länder, fünf Künstler, fünf kleine oder große Entdeckungen!

Island geht mit Jakobínarína ins Rennen. Eine Band, die im Deutschunterricht richtig gut aufgepasst hat (man höre den Track auf der Myspace-Seite) und ausnahmsweise mal nicht aus der Hauptstadt Reykjavik stammt, sondern aus Hafnarfjörður. Infos abseits der ersten krachigen, aber melodiösen Hörproben ihres Rocksounds sind über die sechs Jungspunde noch spärlich gesät und ohne Kenntnisse der Sprache mit den vielen ð, í, æ, þ noch deutlich spärlicher. Call them »Jako« and keep an eye on them! Geben wir ihnen aber vorher noch die Chance, kurz erwachsen zu werden.

Crunchy Frog, das knusprige dänische Label vermeldet mit Wolfkin (Christian Wolf und Lars Vognstrup) einen Neuzugang. Im pornomäßigen 60er-Soundsalat lässt sich so einiges entdecken: Drumbeilagen aus Programmierern, gepitchter Synthiekäse und psychedelische Soßen. Als Backing-Gitarrist von Junior Senior und bei Money Your Love hat sich Lars das Popmelodieschreiben schon mal abgeguckt. Zumindest die erste Single »A Vacant Heart« versprüht schon genügend Wärme und Tiefe.

Joaquin aus Norwegen hat zwar spanische Wurzeln, macht aber nur halb so heißblütige Popmusik. Neben einer emphatischen und recht sehnsuchtvollen Stimme gibt es immer den Panoramablick gen Mainstream. Aber immerhin kümmert sich der überaus freundliche Nordmann trotz Sony-Deal (in Norwegen schon bei MTV, in Dänemark bereits Radiostar) höchst eigenständig um seine deutsche Promo. Das gibt Fleißpünktchen! Trotzdem steht das Trendbarometer aber tendentiell auf ZDF-Fernsehgarten.

»Please Wait!« bitten die Consequences und bieten genug Platz für Liebhaber von gefühlsechtem Schwedenpop. Gerade wird mit den Produzenten von Mando Diao und den Shout Out Louds (manchmal denkt man, die haben da nur einen Produzenten in ganz Schweden) noch am Debüt-Album gefeilt, aber ein bisschen mehr Eigenheit würde man sich schon wünschen. Die Luft wird in diesem Genre immer dünner, zumal sich an dieser und dieser Stelle genug landeseigene Konkurrenz befindet, die noch die Nasen vorn hat. Von Finnland gar nicht erst zu sprechen.

Bleibt für heute noch eine nette Band aus eben jenem Finnland zu suchen und zu finden. Früher solo unterwegs – jetzt mit Verstärkung – raschelt Vuk mit ihrer Avantgarde-Mischung aus LoFi-Singsang und folkloristischem Unterbau auf ganz bezaubernd eigenen Pfaden. Das erinnert nicht nur zufällig zwischendurch von der Sprechgestik an Björk oder PJ Harvey, denn die Einflüsse von Vuk sind weit gestreut. Hauptsache: atmosphärische Musik, die schon beim ersten Hören Aufmerksamkeit verlangt. In richtige Wege kanalisiert, darf man weiteren Veröffentlichungen dieser Dame schon mal entgegenfiebern!

 
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