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Foto nordische Landschaft

17. Dezember 2009

Hafdís Huld oder: Wir glauben jetzt an Elfen

Immer wenn es um Island-Klischees geht, dann tauchen sie auf, diese Geschichten: Dass eine Straße wegen der Elfen, Kobolde oder sonstiger Fabelwesen nicht gebaut werden ann. Oder ein riesiger Umweg gemacht werden musste, damit diese kleinen Leute weiter in Frieden leben können.

Seit wir Hafdís Huld gesehen haben, glauben wir unbenommen, dass es in Island Elfen gibt. Und Kobolde sowieso. Die isländische Sängerin, die schon als 15jährige mit den isländischen Elektronik-Ikonen GusGus durch die Welt tourte, hadfis4hat sich selbständig gemacht. Hat in Island bereits ihr zweites Solo-Album vorgelegt. In dem sie eine sehr eigene Mischung aus poppiger Verspieltheit, verschrobener Eigenwilligkeit, widerborstiger Zickigkeit und mädchenhafter Verspieltheit zelebriert. Mit einer Stimme mit hohem Wiedererkennungswert.

Bei ihrem Konzert im Frankfurter Ponyhof sammeln Hafdís und ihr musikalischer Begleiter Alisdair Wright  schon mal Pluspunkte dadurch, dass sie sich respektvoll und neugierig die lokale Vorband anhören, deren Name mir leider wegen extensiven Schwatzens mit dem Hafdís-Tourpromoter und dem Clubbetreiber entfallen ist. Sorry!

Hafdís Huld herself entpuppt sich als ein Zwitterwesen zwischen Kobold und Elfe. Kaum einen Meter fünfzig groß, rotbestrumpft, kurzberockt, witzig und launig. hafdis-3Nur von ihrem Gitarristen begleitet, spielt sie das wunderbarste Mädchen-Melodram. Mit großer Stimme, mit großem Herzen, mit Spaß an der Absonderlichkeit und dem lustvollen Erzählen von Anekdoten. Wobei sie ihren isländischen Akzent mit dem rollenden Rrrrrs mit Hingabe pflegt. Und das Frankfurter Publikum mit Leichtigkeit um den Finger wickelt, weil sie so neugierig war, die lokale Spezialität Kartoffeln mit grüner Soße auszuprobieren. Goethes Leibgericht! Nicht unbedingt affin zum Reykjaviker  Geschmack.

Es wird ein Abend, an dem viel geschwärmt wird. Hafdís wird angeschwärmt. Und es wird viel gelacht und es wird schon fast geschunkelt, weil es sich zu den garstigen Texten so schön liebhaben lässt. Und fast zum Schluss, man mag es kaum glauben, kriegt man noch Gänsehaut: Dann nämlich, wenn Hafdís Huld es tatsächlich schafft, dem abgenudelten Sam-Brown-Klassiker »Stop« ihre ganz eigene Interpretation abzuringen. Wir staunen. Aber für eine Elfe vielleicht eine Kleinigkeit?

Foto: Betrand Bosredon und Jason Sheldon

03. Dezember 2009

Weihnachtsgeschenke gesucht?

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Wer noch verzweifelt Weihnachtsgeschenke für Freunde von Musik, Norden oder nordischer Musik sucht – wie wär’s damit:

Verschenkt doch die »Promised Land Of Heavy Metal«-DVD, ein Ticket fürs Dúné-Konzert, einen der Island-Filme von Stefan Erdmann, ein »Early Bird Ticket« fürs Reeperbahnfestival, einen Gutschein für die neue Lapko-Scheibe oder ein anderes, gutes Album voll nordischer Musik. Oder weihnachtlicher nordischer Musik.

© Fotos: Kimmo Kuusniemi & Tanja Katinka Karttunen, Reeperbahn Festival

16. November 2009

Tipps für Island-Fans: Fotografie und Film

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Island-Fans können noch bis zum 31. Januar 2010 die Foto-Ausstellung in der Stadtbibliothek Eppelheim (bei Heidelberg) besuchen.

Gezeigt werden etwas andere Fotos von Natur und Menschen in Island: »Island ist für uns mehr als die faszinierende Landschaft, die in zig Fotos, Postkarten und Bildbänden gezeigt wird«, erklären Claus Sterneck und Tina Bauer.
»Wir wollen auf Details, kleine Geheimnisse, das Leben der Menschen in der rauen Natur – und dieses Mal speziell im Chaos der Finanzkrise – aufmerksam machen.«

Mehr Informationen findet ihr auf der Website der Stadtbibliothek Eppelheim.


»Island 63° 66° N«

Außerdem tourt Stefan Erdmann mit seinem Live-Filmvortrag »Island 63° 66° N« wieder durch (Süd)Deutschland.
Kompletten Beitrag lesen …

08. November 2009

Lady & Bird: Die Sinfonie des kleinen Popsongs

Was wärmt uns im November? Es kann nur das ganz große Gefühl sein. Und das gelungene Experiment. Dazu gehören: Eine französische Chanteuse, ein eigenwilliger isländischer Nerd und ein 8o-köpfiges Sinfonieorchester. Eine live eingespielte Aufnahme. Voilà die Protagonisten: Die französische Sängerin Keren Ann, der isländische Pop-Weirdo Bardi Johannsson und das Icelandic Symphonic Orchestra. »LA BALLADE Of LADY & BIRD« lautete das Ergebnis dieser Zusammenarbeit.

Keren Ann und Bardi Johannsson arbeiten als Duo Lady & Bird bereits seit einigen Jahren regelmäßig zusammen und haben ein gemeinsames Album vorgelegt. Keren Ann ist in Frankreich eine der bekanntesten Vetreterinnen des Nouvelle Chanson Johannsson hat mit seinem Projekt Bang Gang und dem Debüt »GHOSTS FROM THE PAST« ein episches Herz-Schmerz-Album vorgelegt.

Am 5. Juni 2008 haben beide Musiker, ladybegleitet vom Icelandic Symphony Orchestra unter Leitung von Daniel Kawka, das Abschlusskonzert des Kunstfestivals Reykjavik bestritten. Mit ihren eigenen und ihren gemeinsamen Songs, opulent und einfühlsam neu arrangiert von Thorvaldur Bjarni Thordvaldson. Ein Experiment, das auch hätte danebengehen können – denn lassen sich fragile Popsongs in die symphonische Form übertragen? Funktioniert das?

Die Antwort kann nur lauten: Ja, ja ja! Denn das kleine, das private Gefühl intimer Seelenzustände in den Songs der beiden Musiker läuft in der symphonischen Form zum großen Melodrama auf, das Herzen auf die wunderbarste Weise bricht. Ohne dasss die Zartheit auf der Strecke bliebe. Mit wunderbarem Sinn für den Aufbau von Spannungsbögen kulminiert die Aufnahme im Lady & Bird-Song »Run In The Morning Sun« , gesungen von einem Mädchenchor. Wer danach nicht glaubt, dass das reine Glück auf Erden möglich ist, dem ist auf dieser Welt nicht mehr zu helfen.

26. Oktober 2009

Iceland Airwaves: Der Regen hört doch auf

Sollten Pascal Pinon jemals so berühmt werden wie ihre Landsfrau Björk, dann habe ich an diesem Tag ein Sammlerstückchen erworben: Eine CD mit vier Demosongs, dessen Cover aufwändig mit Buntstiften ausgemalt ist. Der Umschlag, in dem die CD steckt, ist selbst gebastelt, die Songtitel mit Kugelsschreiber fein säuberlich vermerkt. Und den Copyright-Vermerk, den haben diese  schlauen Teenagermädchen nicht vergessen. Allerliebst! Ein Samstag, an dem der Regen nicht aufhören will, aber an dem man sich trotzdem unverzagt auf den Fußmarsch zum Kulturzentrum Nordic House macht, weil man sich dort schon fast wie zuhause fühlt. Weil die Bibliothekarin die Frage, wann Alvar Aalto das Gebäude entworfen hat, mit einer kostenlosten Führung beantwortet. Weil der Kellner mit den netten Augen nicht nur freundlichst den Kaffee ausschenkt, sondern auch Nase und Ohren immer wieder in den improvisierten Konzertsaal steckt und aufmerksam zuhört. Und weil man vom Café aus so schön dem Regen zuschauen kann, der unermüdlich auf die Sumpfwiesen fällt.

Pascal Pinon sind vier 14- bis 5jährige Reykjavikerinnen, die sich an diesem frühen Nachmittag in den Kleiderschränken ihrer großen Brüder und der Altkleiderkiste hrer Mütter gewühlt haben müssen und sich extra zum Auftritt die unschönsten Kassengestellbrillen aufgesetzt haben.pascal Schüchtern sind sie, ungelenk und bühnenunerfahren. Aber die Songs! Leicht wie Federwölkchen dahinschwebender Folktweepop. Zart, aber selbstbewusst und erstaunlich reif. »You wish you were that amazing when you were 14« , steht sehr treffend im Progammheft. Glockenspiel, Harmonika und Blöckflöte regieren. Naivität und Selbstbewusstsein ebenso.. Was Poesie ist, haben diese auf englisch und isländisch singenden Mädchen instinktiv verstanden. Dass man kein jahrlanges Musikstudium benötigt, um sich musikalisch auszudrücken, stellen die Vier später im Interview klar: Keine spielt ihr Instrument länger als ein Jahr. Auf die Frage, was sie inspiriert, antworten Pascal Pinon mit absoluter Selbstverständlichkeit. »Vor allem wir selbst«.

Erwachsener geht es bei dem nächsten Gästen im Nordic House zu, dem schwedischen Duo The Tiny. Frau, Mann, Klavier und Bass. Ein Ehepaar, wie sie hinterher erzählen. the-tinyDas Duo spielt eine sehr eigenständige Mischung aus Singer-Songwriter-Elementen, Jazzigem und verhaltenem Weird Folk. Getragen von den eigenwilligen Vocals Ellekari Larssons, die die Eigentümlichkeiten der Alltagsbeobachtung hochhält. Verhaltene Balladen vom Nicht-Hereinpassen in gängige gesellschaftliche Muster singt. In ihrer intensiven Reduziertheit sind The Tiny eine der Entdeckungen des Festivals. Später im Interview erzählen sie von den Vor- und Nachteilen des verheirateten Musikerlebens – und obwohl sie die eine oder andere scherzhafte Spitze gegeneinander abschießen, wird eines klar: Ein anderes Leben können und wollen sie sich nicht vorstellen.

Durch den Regen an den Hafen gekämpft und gedacht, dass das Gepladdere wohl nie nehr aufhört. In der Jugendherberge ist der Aufenthaltsraum zur improvisierten Bühne umgestaltet worden und Útidúr, eine weitere dieser vielköpfigen isländischen Spaßgroßgruppen, lassen sich von den paar Tropfen von oben die Laune nicht verderben. utidurÚtidúr sind im Geiste die isländischen Verwandten von I´m From Barcelona, die aber sympathischerweise nicht ganz so dick auftragen müssen wie die Schweden, um ausgelassene Kirmes-gebrannte-Mandel-Stimmung aufkommen zu lassen. Die genau wissen, dass die leicht traurigen Töne hinter all der Fröhlichkeit und Selbstironie den Songs erst ihre Tiefe geben. Hin- und Her zwischen den Vocals von Mann und Frau geht es bei diesem Schlagabtausch zwischen den Geschlechtern, den dennoch keiner richtig ernst nimmt. Irgendwie schimmert zwischen all diesen Songs durch, dass die Isländer ein Volk von Fischern sind, denn hier wird reichlich Seemansgarn gesponnen und die schlagerhafte Shantietradition hochgehalten. Alles in Technicolor. Und noch Stunden später singt man den Refrain dieses einen Liedes: »You should not lie when you are talking on the telephone«.

Nach so viel Lebendigkeit und Lebensfreude haben es die stillen Rökurró anschließend mit ihren der eigenen Innerlichkeit verpflichteten, verhaltenden Songs fast schwer, das Jugendherbergspublikum auf ihre Seite zu bringen. Langsamer, klarer, klassisch inspirierter Folkpop, der im Rhythmus der Regentropfen am Fenster herunterperlt. Und zum wiederholten Mal denkt man, die sehen alle so jung aus, unglaublich, die sind höchstens 18!« Rökurró arbeiten in diesem (geschätzten) Alter bereits an ihrem zweiten Album.

Dem Regen von oben ist nur mit wohliger Feuchtigkeit von allen Seiten zu begegnen. Im Gegensatz zu den Bierpreisen am Abend ist der Eintritt in die zahlreichen Schwimmbäder der Stadt für alle erschwinglich. Beim entspannten Treibenlassen in 42 Grad heißem Wasser wird der verhangene isländische Spätnachmittag ein überaus wundersamer Ort.

Dass die Krise, die auf den ersten Blick im Straßenbild nirgendwo sichtbar ist, doch ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlässt, wird auf dem Nachhauseweg von Schwimmbad in flüchtigen Beobachtungen und Begegnungen klar: Zum ersten Mal eine Frau gesehen, die in öffentlichen Papierkörben nach Leergut fischt. Und zum ersten Mal von einem Mann angebettelt werden, der so offenkundig ungeübt im Betteln ist, dass man gerne gibt. Island im Spätherbst 2009. Und vor dem Parlament in der Stadt versammeln sich immer wieder spontan Protestierende, die wütend dagegen aufbegehren, dass der Staat seinen Bürgern die immensen Schulden der Privatbanken aufbürdet, die vor einem Jahr verstaatlicht worden sind.

Der Abend gehört den isländischen Hoffnungen. Vor allem den Postrockern For A Minor Reflection, deren selbstproduziertes Debütalbum für mich eine kleine Offenbarung und ein großer Triumph waren. Schon wieder 19jährige. Die Vier werden noch in diesem Jahr ihr erstes reguläres Album herausbringen. Durch ihre Touren in diesem Frühjahr und Sommer haben sie bereits auf sich aufmerksam gemacht. Das liebevoll restaurierte traditionelle Kulturzentrum Iðnó ist an diesem Abend brechend voll. Hier könnte heute abend vor all den ausländischen Besuchern, viele davon aus dem Musikbusiness, eine der nächsten Entdeckungen gemacht werden. for-a-minorFor A Minor Reflection strahlen an diesem Abend im heimatlichen Revier eine große Freude und ein gereiftes Selbstbewusstsein aus. Spielen ausschließlich Stücke vom neuen Album, die sich wieder  in endlos strukturierten, repetitiven, leidenschaftlichen instrumentalen Soundschleifen verlieren. Intelligent und hingebungsvoll und gewalttätig. Dass sie auch anders können, leise können, beweisen die beiden Gitarristen Gúffi und Kjartan (übrigens der kleine Bruder vom Sigur-Rós-Bassisten Georg) vierhändig am Klavier. Der blonde, stämmige Kjartan und der dunkelhaarige, feingliedrige Gúffi wirken wie ein Sinnbild für ihre eigene Musik: Das Mächtige und das Zarte. Das Brutale und das Feine. Das könnte noch was werden mit dem Bekanntwerden, denkt man, in die Zukunft blickend. Hingebungsvolle Begeisterung im Publikum.

Ólafur Arnalds ist an diesem Abend schon einer der Arrivierten. Der in Londoner Konzertsälen vor 1.500 Menschen spielt, wie er plaudernd von der Bühne herunter erzählt. Auch er arbeitet an seinem neuen Album. Tastendes Piano, feinfühlige Streicher und sorgsam programmierte Beats. Filmmusik für ein wortloses Roadmovie. Nur: An diesem Abend will der Funke nicht überspringen, trotz Ólafurs gekonnt eingesetztem naiv-selbsbewussten Jünglingsscharme. Hört sich irgendwie genauso an wie Album zwei, denkt man sich zwischenzeitlich. Vor 1.500 Leuten spielen gut und schön, aber sich dabei auch weiterentwickeln? Zudem hängt auch noch eine Dreiviertelstunde später der Rest der eindringlichen Energie von For A Minor Reflection in der Luft. Dann stürzt auch noch der Computer ab und das letzte Stück hängt wie ein abgebrochener Ast in der Luft. Irgendwie ein derzeit uneingelöstes Versprechen, dass Herr Arnalds einmal gegeben hat.

Auf dem See gleich am Iðnó hoffen die Enten und Schwäne auf späte Fütterung durch die Konzertbesucher. Umsonst. Aber der Regen hat aufgehört. Endlich.

Das Foto von Pascal Pinon hat Flippism Is The Key, gemacht, sorry, ich habe erstmals die Fotoquelle vergessen! :)

 
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