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Foto nordische Landschaft

11. Oktober 2011

Heidenfest 2011 – Part II: Wintersun, Finntroll, Turisas, Trollfest, Skálmöld

Hier ist Teil I, weiter geht’s mit Teil II: Gerade rechtzeitig komme ich zurück um Turisas zu sehen … mal wieder. Doch eine Neuerung gibt es heute: Akkordeonistin Netta und Basser Hannes haben die rot-schwarz angemalten Krieger verlassen. Der neue Bassist heißt Jukka-Pekka Miettinen, auf das Akkordeon wird verzichtet, stattdessen steht jetzt Robert Engstrand am Keyboard.

Wie (fast) immer starten Turisas ihre Show mit »The March Of The Varangian Guard« (… und enden wie fast immer mit »Battle Metal«). Die geändert Bestzung fällt zunächst kaum auf, zumindest musikalisch … optisch wird so mancheinem Metaller die schöne Akkordeonistin fehlen.

Bei »One More« wird mitgesungen, das mysteriöse »SUAF« auf der Setlist entpuppt sich als »Stand Up And Fight« und wird ebenso begeistert angenommen wie »The Great Escape«, beide vom aktuellen Album »STAND UP AND FIGHT«.  Beim instrumentalen »Sahti-Waari« fehlt Netta dann doch, selbst wenn Geiger Olli Vänskä alles gibt.

Endlich erhört das Sextett die »Rasputin«-Schreie des Publikums, lässt sich während des Songs aus vollen Kehlen unterstützen, immerhin angeblich 1400 Besucher. Zum Finale gibt es den Band-Hit, der so gut zur Musik passt: »Battle Metal«.

Fazit nach der x-ten Turisas-Show: Es scheint, als ob Turisas fast so beliebt in Deutschland werden könnten, wie ihre Landsmänner Ensiferum.

Umbaupause für Finntroll, die etwas früher anfangen als im Terminplan steht.

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10. Oktober 2011

Heidenfest 2011- Part I: Wintersun, Finntroll, Turisas, Trollfest, Skálmöld

Die »Herbstausgabe« des immer im März stattfindenden Paganfests nennt sich Heidenfest – und wie schon beim Paganfest 2010 / 2011 gibt es am 7. Oktober 2011 im Stuttgarter LKA wieder eine »extended show«. Zusätzlich zu Finntroll, Turisas, Alestorm, Arkona, Trollfest, Skálmöld stehen Wintersun, Dornenreich plus Todtgelichter auf der Bühne, dehnen das Festival so auf satte neun Stunden aus.

Als alte Bekannte vom Paganfest 2010/2011 sind mit dabei die russischen Arkona, die schottischen Alestorm und die finnischen Trolle namens Finntroll; ich bin schon fast irritiert, dass heute weder Varg noch Eluveitie am Start sind.

Den undankbaren Opener-Posten haben die Viking Metaller Skalmöld aus Island. Die Truppe um Björgvin Sigurðsson schafft es aber ruckzuck die (rauchende) Masse hinein zu ziehen, das eben noch leere LKA zu füllen.

Der Gesang, genauer: das Growlen, ist etwas gewöhnungsbedürftig, doch die Mixtur aus Black, Thrash und Folk Parts richtig gut. Leider stammen letztere alle aus der Konserve. eingestreut von Keyboarder Gunnar Ben.

Ja, ich muss mir dringend das Album organisieren. Schade, dass der Auftritt des Sextetts nur eine halbe Stunde dauert, die Truppe kommt verdammt gut an.

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08. Oktober 2011

Wie viel Mimas steckt in Dad Rocks!?

Snævar Njáll Albertsson ist ein Mann mit einem Überschuss an Energie. Der Sänger und Gitarrist der dänischen Querdenker-Indiepopper Mimas schaut aus dem Fenster, macht sich seine eigenen Gedanken und entwickelt mit seinem neuen Soloprojekt Dad Rocks! einen eigenwilligen Blick auf die Dinge, wie er von den Mimas ohnehin gerne gepflegt wird. Schon von daher steckt eine Menge Mimas in Dad Rocks!, allein von der charakeristisch tiefen Stimme Albertssons her. Der Musiker entdeckt das Abenteuer im Alltag, indem er an den einfachsten Stellschrauben dreht und eine andere Perspektive einnimmt. Im Ergebnis klingt das liebevoll handgemacht und mühelos souverän. Klingt verträumt, klug und eigensinnig und fein federleicht arrangiert, so dass Songs wie »Mount Modern« unter Streicherbeleitung plötzlich Flügel bekommen und abheben. Wie das Auto von Thelma und Louise, als sie über die Klippe des Grand Canyon fahren.

Dad Rocks! – Mount Modern from Iceland Music Export on Vimeo.

Der ursprünglich aus Island stammende Albertsson, der heute in Dänemark lebt, ist nur auf den ersten Blick dem folkigen Gitarrenpop verpflichtet. Immer wieder nähert er sich euphorisch-schrulligen Gegenwelten an, die einen dezidierten Gegenentwurf zur bankenzwangsabhängigen aktuellen Variante des Turbokapitalismus bilden. »Warum haben wir all diese Jahre vergeudet, um die falschen Wörter zu lernen?«, wie der Musiker in »Language« sanft provozierend fragt. Diese Sprache war niemals seine, deshalb sucht er sich jetzt eine neue und widmet sich bewusst den kleinen Dingen wie dem Betrachten von Haar. Eine traurige Trompete irrlichtert dazu über das Moor. Sorgen kann man sich schon machen über die Kids von heute, die keine Bücher mehr lesen und sich viel zu sehr aufs Internet verlassen, aber Grund zur Verzweiflung bietet das Starren auf elektronische Gerätschaften dann doch nicht. Albertsson schreibt eben einen halb mahnende, halb ironischen und unbedingt springlebendigen Song namens »Kids«, der mit der Frage endet, ob die Mitvierziger-Eltern heute nicht einfach Angst davor haben, mit ihren Kindern zu reden.

Eine leise Melancholie treibt durch diese Songs wie Nebelfetzen über Flusstälern im Frühherbst. Diese zarte Schwermut aber wird durch ein Übermaß an Herz und Hingabe verwandelt in leuchtende Lust am Leben. Diese blauen Seelenzustände sind auf eine unaufdringliche Weise feierlich.

Mit »DIGITAL AGE« hat Dad Rocks! bereits seine Debüt-EP vorgelegt, die sich wie ein wärmender Schal um Herz und Ohren schmiegt. Das Album »MOUNT MODERN« folgt im November. Und die Polarbloggerin freut sich jetzt schon kringelig darauf, Mimas und Dad Rocks! in der kommenden Woche live und unplugged beim Iceland Airwaves Festival in Reykjavik zu hören. Im Nordic House, dem schönste Off-Venue-Veranstaltungsort von allen draußen an der Uni auf den Marschwiesen!

Digital Age EP by Dad Rocks!

27. September 2011

Björkverliebt, beschwingt, betüdelt: Reeperbahn Festival 2011

Weil allen Journalisten, auch den guten, zur Musiknation Island mit entnervender Regelmäßigkeit stets nur Björk und Sigur Rós einfällt, darf ihnen auch einmal ein unerwarteter Lapsus passieren. Bei »Ray´s Reeperbahn Revue«, der täglichen Spielwiese des schwarzhumorigen britischen Entertainers auf dem Reeperbahn Festival, bittet Ray täglich vier Bands auf die Bühne, die er selbst aus einem Pool von rund 200 Kandidaten handverlesen hat. An diesem Samstag befindet sich auch die isländische Indie-Kapelle Dikta darunter, die sich dem herzschmerzigen, heimeligen Gutmenschen-Rock verschrieben hat. »Ach Island«, schwärmt Mr. Cokes, als das Quartett in karierten Hemden neben ihm auf der Couch zum Interview sitzt, »ach Island! Ich war war ja früher mal schwer in Björk verliebt!« Dikta grinsen sich eins, der Björk-Bewunderer rudert wieselflink zurück, »ist ja alles so lange her!«, und erkundigt sich lieber danach, wie man als Musiker auf der nur knapp der Staatspleite entronnenen Vulkaninsel existieren kann: »Schickt uns Geld«, antwortet Sänger Haukur Hauksson trocken. Geldmangel hält die aufrechten Vier aber nicht davon ab, melodramatische Hymnen zu schreiben, die den Vergleich zu Snow Patrol nicht zu scheuen brauchen.

Dikta – Goodbye (Official Music Video) from Dikta on Vimeo.

Um das Verhältnis von Musikjournalisten zu den Objekten ihrer Schreibkunst geht es an diesem Tag bereits bei den Campus-Veranstaltungen auf dem Festival. Zu lernen gibt es wenig, außer mahnenden Ratschlägen: Journalisten, erscheint nicht mit vorformulierten Artikeln zum Interview und fragt niemals! niemals!, wo der Bandname herkommt! Musiker, lügt nicht! Und überhaupt: Respektiert einander! Einfache Einsichten. Und dass hinter jedem Musikjournalisten ein unheilbar infizierter Fan steckt, diese Einschätzung ist anzuzweifeln. Dem einen oder anderen Schreiberling gelingt es durchaus, den nötigen Abstand zum Musiker einzuhalten und nicht in kuhäugiger Bewunderung zu verharren.

Weniger Theorie und definitiv mehr Lebendigkeit gibt es beim dänischen Abend im Indra, dem legendären Club, in dem die Beatles zuerst in der Hansestadt aufspielten. Den Anfang machen bei einbrechender Dunkelheit Darkness Falls: Sängerin Josephine Philip und Basserin Ina Lindgreen haben sich an diesen Abend Herrenverstärkung mitgebracht und versinken wohlig in schwüler B-Film-Melancholie mit viel Gefühl und subtiler Trash-Barschlampen-Attitüde. Hauptförderer der beiden Schneeweißchen- und Schneewittchen-Damen (die eine blond, die andere dunkelhaarig) ist Dänemarks derzeit vielleicht herausragendster Elektronik-Soundtüftler Anders Trentemøller, der das Debütalbum von Darkness Falls auch selbst produziert und auf seinem Label veröffentlicht hat. Zu diesen erotisch aufgeladenen Nachtschwärmereien passt Bourbon sehr viel besser als Bier. Aber wäre ein bisschen früh! Darkness Falls geben die flüchtig-innigen Nachwuchshexen gleichwohl mit Verve.

Darkness Falls – Noise on the line – Live from Onetakeconcerts.com on Vimeo.

Zuckersüß und überkandidelt geht es beschwingt weiter mit Treefight For Sunlight, an diesem Abend die einzig wahren Erben des Electric Light Orchestra, was das dicke Auftragen von Gefühlen angeht. Emotionen in Cinemascope und satte Synthies, Harmoniegesänge, die Dornröschen aus 1.000 Jahren Tiefschlaf aufwecken könnten und eine selbstbewusste, großäugige Naivität sind die Markenzeichen des Quartetts, das äußerlich bewusst verstrubbelt und bescheiden daherkommt. Extrapunkte in der künstlerischen Gesamtwertung gibt es für den Drummer, der Schöngesang und Schlagwerkeinsatz scheinbar mühelos zusammenbringt. Mit Treefight For Sunlight taucht man in ausgefeilte Pastell-Gegenwelten und eigentlich fehlt zum Abschluss nur noch das Feuerwerk, damit man völlig ungehemmt oooooh! und aaaaaah! seufzen kann.

Treefight For Sunlight – What Became Of You And I? (Live Session) from The Line Of Best Fit on Vimeo.

Schnell rübergewechselt ins Café Keese, um den Rest des Auftritts von Firefox AK mitzulerleben, die sich vom Elektronik-Indiegirl zur eleganten Dancefloor-Chanteuse gehäutet hat und wie Juliette Gréco ganz in schwarz gewandet auftritt. Den hippen, urbanen, selbstbewusst-femininen Beat pflegt, der aber an diesem Abend einen Tick zu sehr inszeniert wirkt. Andrea Kellerman hat ihre Gefühle im Champagnerkelch auf Eis gekühlt, pflegt die Coolheit der modernen Großstadtfrau mit Audrey-Hepburn-Zerbrechlichkeit. Ob sie bei Tiffany´s frühstücken geht, das wissen wir nicht, aber Faktum ist, dass die emotionale Temperatur auf der Bühne um mindestens 20 Grad ansteigt, als sie ihren Ehemann Rasmus Kellerman alias Tiger Lou zum Duett mit auf die Bühne bittet. Und sofort ziehende Sehnsucht nach dessen verwundbarer Indierock-Intensität aufkommt.

Firefox AK – Boom Boom Boom from Four Music on Vimeo.

Ganz zum Schluss die unmittelbare Dringlichkeit der Dänen von Kisskisskiss erfahren, die zu sehr später Stunde im Silber mit jungen Augen Richtung frühe 8oer schauen und bei ihren Eltern die Police- und Clash-Platten geklaut haben müssen, aber heimlich auch bei Wham! und Visage hereingehört haben. Den Nachwuchs-Musikern ist an diesem Abend eine schnodderige Abgeklärtheit eigen, als wollten sie sich energisch dagegen verwehren, dass ihnen irgendjemand jemals wieder den Rotz mit dem Taschentuch von der Nase wischt. Die Gitarren stechen wie Hornissen, der Sänger ist müde und betüdelt, aber sehr wohl souverän und die Attitüde gegenüber der vernünftigen Erwachsenenwelt ist definitiv trotzig. Die Beine setzen sich dazu schon fast automatisch in Bewegung.

Kiss Kiss Kiss @ JBL Nite, Bremen from Bryce Williams on Vimeo.

24. September 2011

Krawalle und Liebe: Reeperbahn Festival 2011

Eine seltsame Mischung konträrer Emotionen an diesem Freitag Abend auf dem Reeperbahn Festival: Enttäuschte Fußbfallfans, da St. Pauli ganz unerwartet sein Heimspiel gegen Erzgebirge Aue verloren hat, Kegelclubs aus der Provinz auf Großstadtour mit dem Glanzlicht leichte Mädchen gucken, eine Demo gegen die Vertreibung von Obdachlosen, die einfach nur unter der Brücke schlafen wollten – und jede Menge Musikfans, die sich zwischen den Clubs treiben lassen. Polizeisirenen, blinkerndes Blaulicht und martialisches Auftreten beider Seiten – da passt es doch bestens, als Einstieg die norwegischen Düster-Jünglinge von Honningbarna zu goutieren, die Arbeiterlieder aus den 20ern oder 30ern auflegen, bevor sie wie Wikinger auf Raubzug auf die Bühne stürmen und mit einer energetischen Melange aus Punk und Heftigerem eine Art der gesunden Aggressions-Abfuhr betreiben. Die Honigkinder sind jung und wild und rennen, in ihrer Landessprache singend, alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Sänger und Cellist Edvard Valberg muss fein den alten Apocalyptica-Scheiben gelauscht haben und bearbeitet seinen Cellobogen mit Berserker-Stärke, so dass man sich ernsthaft Sorgen um das gute Teil machen muss. Honningbarna sind die wütenden Kerle aus Kristiansand mit den politischen Texten, wollen Palästina befreien und singen Kinderlieder über Spinnen, und irgendwie scheinen sie aus dem Jahrzehnt gefallen zu sein: In Maggie Thatchers England würden sie bestens passen und wahrscheinlich bei jeder Solidaritätsveranstaltung zu Gunsten der Minenarbeiter spielen. Die Jungspunde lassen das Herz schmerzhaft schneller schlagen.

Sehr viel gesitteter und definitiv stylisher geht es bei den vier dänischen Retro-Elektronik-Popstern When Saints Go Machine zu, die passenderweise im Café Keese aufspielen, wo die Tanzfläche so bunt blinkert wie in den legendären Tagen des Saturday Night Fever. Man würde sich nicht wundern, wenn John Travolta im weißen Anzug mit Schlag um die Ecke böge. Sänger Nikolai Manuel Vonsild ist von überwältigend ungelenker Introvertiertheit und windet sich schlangengleich um sein Mikrofon. Die Dänen halten fast gottesdienstartig die hehren Werte der 80er hoch, mit crooniger Eleganz und hingebungsvollem Hedonismus. Vonsild klingt abweschselnd wie Jimi Somerville und Roland Gift und seine sehr blauen Augen sind so groß wie Zwei-Euro-Stücke und werden im Verlauf des Konzertes immer größer. Die Dänen bewegen sich so geschmeidig und souverän wie Katzen auf Raubzug in ihrem Elektrobeat-Universum – aber sind dabei von einer wunderbar untergründigen Zärtlichkeit zu sich selbst und zur Welt getrieben. Erzählen trotz aller Brüche tröstliche Geschichten. Wie ihr Landsmann Hans-Christian Andersen. Gefällt!

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