Home
Foto nordische Landschaft

15. November 2014

Ein guter Start! Iceland Airwaves 2014: Der Mitttwoch

Der Mittwoch ist der Tag der Unschuld auf dem Iceland Airwaves Festival: Noch keine langen Menschenschlangen bei den angesagten Bands. Eine überschaubare Anzahl an Konzerten. Der Enthusiasmus des Beginns. Die Neugier auf die Wiederbegegnung mit den Lieblingslocations der Vorjahre wie dem Nordic House: Was gibts Neues? Und das alles noch ohne schmerzende Füße und übernächtigte Augen, welch ein Luxus! Also auf in das von Alvar Aalto erbaute Kulturrzentrum nahe der Universität, wo am frühen Nachmittag der Nashville-inspirierte Singer-Songwriter Kalli spielt, alias Karl Henry Hákonarson. Der so schüchtern ist, dass er kaum von der Gitarre hochschaut. Wobei der blasse junge Barde gar nicht so bescheiden zu sein braucht, hat er doch eines seiner beiden Alben beim renommierten britischen Label One Little Indian heraugebraucht. Es sind heimelige, herzwerwärmende Töne, die Kalli hier ohne falsche Sentimentalität pflegt. Verbindet bluegrassige Südstaaten-Verlierergeschichten mit blaugrauem isländischem Feingefühl. Ach Kalli, du präsentierst dich hier als Veilchen, das im Verborgenenen blüht!

Kompletten Beitrag lesen …

05. November 2014

Reykjavík, Stadt der mies bezahlter Musiklehrer: Iceland Airwaves

Nach der Krise ist vor der Krise? Das könnte man in Reykjavík fast glauben. Im ganzen Stadtgebiet sieht man nur Kräne. Unten am Hafen ist ein schickes neues Stadtviertel entstanden, das mit gleich zwei neuen Museen aufwartet. Und jeder Menge edler Bars und Kneipen. Wobei man irgendwie das Gefühl nicht los wird, dass hier ein neues Disneyland für Touristen hochgezogen wurde. Stell dir vor, Du bist zahlender Besucher der Vulkaninsel und unverschämterweise ist kein Polarlicht am Abendhimmel zu sehen? Lieber Tourist, dir kann jetzt geholfen werden! Auf ins Aurora Reykjavík, wo man das Naturphänomen in Form von Hochglanzvideos bewundern kann! Sieht sowieso viel schöner aus als in Natura! Und frieren muss man auch nicht, dafür aber deftig Eintritt bezahlen. Entlang der einzigen isländischen Einkaufsstraße Laugavegur gibt es inzwischen so viele austauschbare Souvenirshops, das man nur noch den Kopf schüttelt: Wer soll denn all diese Plüschtier-Papageientaucher eigentlich kaufen? Und wie viele neue Hotels und Gäste-Appartments sind hier binnen Jahresfrist entstanden? Man verliert den Überblick.

Die ersten Protestschilder gegen die Gentrifizierung von Downtown Reykjavík sind gemalt. Und Singer-Songwriter Svavar Knútur hat am Montag eine Demonstration mit organisiert, in der es unter anderem gegen die miese Bezahlung von Musiklehrern ging. Damit bekommt man in Reykjavík mehrere tausend Menschen auf die Straße!

Heute startet das Iceland Airwaves Festival 2014. Die schlecht bezahlten isländischen Musiklehrer bringen immer noch so viele talentierte Nachwuchsmusiker hervor, dass diese es kaum erwarten können, bis sie sich der Welt vorstellen dürfen. Deshalb spielen verschiedene Youngsters bereits seit Montag im Plattenladen am Busbahnhof! Wie Hide Your Kids, die trotz der rauchigen Stimme des Sängers alle so aussehen, als hätten sie gerade das 16. Lebensjahr beendet. Man hält sich in den schwelgerischen Landen zwischen Synthop und Nachtschwärmer-Rock auf und musiziert mit solcher Inbrunst, als ob Leib und Leben davon abhingen. Zehn Songs hat man bereits im Repertoire, womit man die Arctic Monkeys zu Beginnn ihrer Karriere locker überholt (unvergessen das erste Monkeys-Konzert in Frankfurt mit einer Länge von 25 Minuten!). Und man freut sich mit den Nachwuchskräften, dass sie sich gleich an die schwülen Töne trauen und Sänger Dániel Jón im Plattenschrank seiner Eltern möglicherweise den Alben von Bryan Ferry besonders aufmerksam gelauscht hat. Das geht ja alles gut los: Happy Airwaves!

13. Oktober 2014

Zuckerherzen mit Young Karin, Zauseliges mit Júníus Meyvant

Ach, Vorfreude ist doch eine wunderbare Sache! In drei Wochen um diese Zeit will ich im Kex Hostel in Reykjavík sitzen, mit einen hoffnungslos überteuerten Oktoberfest-Bierglas in der Hand, und den wunderbaren Blick über die Bucht der isländischen Hauptstadt genießen. Und werde natürlich an der unmöglichen Aufgabe scheitern, einen persönlichen Zeitplan für das Iceland Airwaves Festival auszutüfteln. Kommt sowieso immer irgendwas dazwischen! Oder man lässt sich von interessanten Klängen unverhofft in irgendeine Nebengassen locken. Mit den Off-Venue-Konzerten, die improvisiert in Buchhandlungen, Kneipen oder Schwimmbädern stattfinden, wird das Angebot schier unüberschaubar. Schön, dieser Luxus!

Dass auf Island nicht alle Elfenklischees der Wahrheit entsprechen, beweist ein neues Duo mit dem simplen, aber einprägsamen Namen Young Karin. Das den Zuckerguss bewusst dick auf diese elektronischen Dancefloor-Tracks aufträgt, die aber trotzem nicht überladen wirken. Das blubbert schön künstlich, knistert viel versprechend und versprüht jede Menge Disco-Gefunkel. Die weiblichen Vocals sind mädchenhaft, was dieser Mixtur dann doch einen unschuldigen Charme verleiht. Ach, gegen ein bisschen Zuckerwatte ist doch nichts einzuwenden, die schmilzt doch so schön klebrig auf der Zunge! So weit ich das überblicke, sind Jungmann und- frau hinter Young Karin bereits alte Bekannte in der Reykjavíker Szene: Sie mischen auch bei den Spaßfolkpopstern Retro Stefson mit, aber wollen hier keinen arktischen Karneval feiern, sondern die coolen Disco-Träumer geben. Und so mag es kaum verwundern, dass es in einem der ersten Songs des Duos um Herzen geht, worum sonst!

Traditioneller geht es bei einem Newcomer in der islandischen Singer-Songwriterszene zu, bei Unnar Gísli Sigurmundsson alias Júniús Meyvant. Aber mit feiner Zurückhaltung hat auch dieser bärtige Zausel nichts am Hut. Der in seinem sehr wunderbaren Track »Color Decay« zu großer Geste ausholt und mit Streichern und Bläsern ins Symphonische abschweift, bis unsere Herzen ins mächtig Schwitzen kommen. Aber den freakfolkigen Unterton verlierert der rauhstimmige Sonderling trotzdem nicht, und das lässt diese euphorischen Zustände niemals in Zuckerige kippen. Gut so! Hier könnte glatt Konkurrenz für Ásgeir heranwachsen, der auf dem Airwaves vor zwei Jahren den Durchbruch schaffte. Der Herr Júniús steht unbedingt auf meiner Liste der nicht zu verpassenden Acts!

08. Oktober 2014

Óbó oder: Das Feingefühl im Sprechgesang

Einfach machen tut er es uns nicht, der Herr Óbo. Es sind vertrackte Miniaturen, die Ólafur Björn Ólafsson, der Tour-Keyboarder von Sigur Rós, auf seinem Solo-Debütalbum »INNHVERFI« vorlegt. Was übersetzt übrigens ein Wortspiel zwischen den isländischen Vokabeln für »Vorstadt« und »introvertiert« ist. Der Musiker aus Reykjavík erschafft mit minimalen, aber raffinierten Mitteln ein latent beunruhigendes und bewusst zurückgenommenes musikalisches Universum, in dem die Zwischentöne die Weltherrschaft ergreifen. Dass es hier um komplizierte Sachverhalte geht, denen man mit Worten kaum gerecht werden dürfte, erschließt sich auch ohne jegliche Kenntnis der isländischen Sprache. Es sind nur sieben Tracks, die der Musiker hier vorlegt. Aber diese kann man immer wieder hören und wird wunderbarerweise nicht schlauer dadurch. Und irgendwann einmal beginnt man zu begreifen, dass Óbo der verschollene isländische Cousin von blassen französischen Chansonniers wie Benjamin Biolay ist. Weil die Kurzform des Chansons komplizierte Gefühlszustände mit leichter Feder zu zeichnen weiß. Und dabei keinesfalls harmlos ist: Biolay pflegt wie Óbó das Feingefühl im Sprechgesang und kann kleine Garstigkeiten mit mitleidloser Präzision scheinbar flüchtig hinwerfen. Der Franzose hat zuletzt ein ganzes Album zum Thema Rache vorgelegt. Der Isländer singt über die ganz eigene Ödnis der wuchernden Reykjavíker Vorstädte.

Óbó nimmt die kleine Form und lässt sie dennoch zum großen Gemälde erblühen. Ein stolperndes Piano, Streicher und Vibraphon, darüber der nebelig sanfte Sprechgesang des Musikers: Das reicht, um Soundtracks für suburbane Schauermärchen zu erschaffen. Die sich erst auf den dritten Blick als solche entpuppen. Dass Óbó bereits Soundtracks zu Filmen beigesteuert hat, verwundert nicht wirklich. Am poppigsten ist auf diesem Album, das natürlich nirgendwo anders als beim Qualitätslabel Morr Music erscheinen kann, och der Track »Rett Eda Rangt« ausgefallen, der fast jazzig beginnt, um dann Fahrt aufzunimmt und einen Zustand verschatteter Zärtlichkeit erreicht. Es geht in diesem Song um nichts Geringeres als den Unterschied zwischen richtig und falsch. Und konkret um den Tag, an dem der Musiker getauft wurde. Ein ganz glückliches Datum kann das nicht gewesen sein. Fragen bleiben auf spielerische Weise offen. Ich kann diesen Track zehn Mal hören und entdecke immer neue, feine Stimmungen.

26. September 2014

Reeperbahn Festival 2014, die neue Seltsamkeit

Es gibt einen Song aus der mittleren Schaffensphase von Tocotronic, in dem die schönen Zeilen vorkommen: »Und alles, was bis jetzt noch war, sei dann auf einmal nicht mehr da«. Genauso fühlt sich die Polarbloggerin, als sie nach einjähriger Abwesenheit den Spielbudenplatz auf St. Pauli betritt, das Herz des Reeperbahn Festivals. Die westliche Hälfte des Platzes ist zur Hälfte weg. Nicht, dass die so genannten Esso-Häuser ein Ausbund an architektonischer Schönheit gewesen wären, aber sie beherbergten immerhin das Molotow, einen der bekanntesten Musik-Clubs der Hansestadt. Der ist zwar Mitte September an anderer Stelle wieder auferstanden, aber trotzdem. Die Gentrifizierung der »sündigen Meile« ist also in vollem Gang. Am Wochenende sieht man so viele Stadtführer mit ihren Schäflein im Schlepptau auf dem Kiez, dass die Einheimischen fast in der Minderzahl sind. Am Spielbudenplatz soll zwar ein Clubhaus mit fünf Musikschuppen entstehen, aber im sterilen Neubau? Kaum vorzustellen. Schnell also die Flucht ind die Hasenschaukel, den liebevoll gestalteten kleinen Veranstaltungsraum für die leiseren Töne. Wo an diesem Abend die Folkpop-Hobos NovemberDecember aus Århus spielen und sich nach Erlösung sehnen. Diesem Zustand wollen sie durch gefühligen Schöngesang nahekommen, was durchaus honorig ist. Die traurige US-Prärie und die sanften Hügel rund um die dänische Hafenstadt müssen einiges gemeinsam haben! Freuen tut man sich aber vor allem darüber, dass mit der Hasenschaukel der charmanteste kleine Musikclub im Kiez wieder eröffnet hat und viele nette Menschen per Crowdfunding gespendet haben, um das möglich zu machen. Und Kayan, der supernette Türsteher, ist ohnehin schon ein Grund, dort vorbeizugucken und einen Schwatz zu halten.

Der Donnerstag ist offenkundig der Singer-Songwriter-Abend der Polarbloggerin, denn weiter geht es zu Olöf Arnalds, die barfuß und bloßbeinig auftritt und die Kunst der verschnörkelten Kargheit pflegt, nur von der Gitarre begleitet. Die Schnörkel kommen hier von der hellen, eigenwilligen, katzenhaft maunzenden Stimme. Gerne lässt man sich von Ólafur Arnalds Kusine in schrullige Gegenwelten entführen, in denen die Dinge wie bei Lewis Carroll anmutig aus dem Ruder laufen. Dass in ihren musikalischen Welten Elfen existieren, wollen wir gar nicht erst bezweifeln. Verwunschen geht es hier zu. Die isländische Musikerin kann aber auch anders: Dieser Tage stellt sie ihr viertes Album »PALME« vor, auf dessen Cover sie als Wiedergängerin von Twin-Peaks-Heroine Laura Palmer posiert. Und die neuen Töne klingen sehr elektronisch, auch nicht verkehrt!

Da geht es bei ihrer Landsfrau Lay Low erdiger und handfester zu, die sich als selbstbewusste Alternative-Country-Musikerin gerne auf Dolly Parton als Vorbild beruft. Aber ihre eigene, sehr sinnliche Stimme im weiten Feld von Alternative Country, Blues und Texicana bewegt. Gerne lotet die Chanteuse die Schattenseiten des amerikanischen Traums aus. Erzählt reduzierte Geschichten von Verlierern und Strauchlern. Vom Abkommen vom rechten Wege sowieso. Bei Schlaflied-affinen Tracks wie »Why Do I Worry« will aber keine süße Ruhe aufkommen, sondern eher eine nagende kleine Beunruhigung. Holla, von solchen kunstvoll düsteren Balladen brauchen wir mehr! Die ansonsten so laute Fangemeinde beim Reeperbahn Festival hört hier so mucksmäuschenstill zu, dass kaum ein Atmen zu hören ist.

Ach Hamburg, immer wieder anregend dort, auch wenn sich das Stadtbild sichtbar wandelt. Und auch die belgischen Pop-Jungspunde Douglas Firs und US-Chanteuse Angel Olsen spielen an späten Abend noch famos auf.

 
Seite 5 von 29« Erste...23456789...Letzte »