Home
Foto nordische Landschaft

18. November 2008

Stefan Erdmanns »ISLAND 63° 66° N«

Es ist die schönste Liebeserklärung die je gemacht wurde – jedenfalls an ein Land. »ISLAND 63° 66° N« ist ein emotionaler Naturfilm, in dem der Filmemacher Stefan Erdmann sehr viel von sich preisgibt und gerade dadurch, sowie in Kombination mit Isgaards Musik, die Zuschauer berührt.

Er berührt Isländer »Stefan, Deinen Text ins Isländische zu übersetzen hat mir viel Spaß gemacht… und mich auch ziemlich stolz gemacht, Isländer zu sein. Danke dir. Kærar kveðjur, Óli« genauso wie Islandtouristen: »Ich habe immer behauptet: Island kann man nicht fotografieren oder filmen, man muss es selbst erleben (…) aber von diesem Film, den Sie da gedreht haben, bin ich so begeistert, das ich schon fast sagen möchte: Ja, der Stefan hat es geschafft. Er hat geschafft, die Landschaft, die Stimmung und das Gefühl dieses Landes einzufangen«.

Allerdings verärgert er einige Zuschauer auch: »Nun aber muss ich schon schimpfen mit Ihnen. Der Film ist der Hammer. Ich weiß nicht wie oft ich ihn schon angesehen habe, und mir dadurch die Zeit für unwichtige Dinge fehlt. Herzlichen Dank für dieses tolle Machwerk«.
Kompletten Beitrag lesen …

06. November 2008

Die Isländer sind die neuen Finnen: Bang Gang in Heidelberg

Barði Jóhannsson hätte an diesem Abend dem legendären finnischen Skispringer Janne Ahonen Konkurrenz machen können: Der isländische Musiker, derzeit mit seinem Projekt Bang Gang auf Tour, verzieht während des gesamten Konzert im Heidelberger Karlstorbahnhof keine Miene. Lächeln? Was ist das? Kleine Zwischenansagen, ein bisschen Smalltalk? Kann er nicht, will er nicht. Geradezu ein Gefühlsausbruch, dass er Heidelberg pflichtschuldig als»beautiful city« bezeichnet. Die Einheimischen quittieren das Kompliment mit Achselzucken.

Barði Jóhannsson kommt an diesem Abend wie der König aller Nerds daher: Strähniges Fransenhaar, überdimensionierte Brille, eckige Ungelenkheit. Ein großer, dürrer Mensch, der sich selbst im Wege zu stehen scheint, mit streng hochgeknöpftem Hemd, gekleidet in gedeckten Farben und den obligatorischen engen Jeans. Ein Mann, der nur aus spitzen Ellenbogen zu bestehen scheint.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend ein Magier des Melodramas. Ein Zauberer der großen Gefühle. Denn sein in diesem Jahr erschienenes, großartiges Album »GHOSTS FROM THE PAST« ist eine einziges großes Aufarbeiten eines gewaltigen Liebeskummers. Ein Aufschrei eines grandios verletzten Herzens. Ein Wüten, ein Flehen, ein Aufbegehren. Nur, und so lautet die große Frage des Abends: Wie ist das live zu vermitteln?

Barði Jóhannsson weiß die Antwort: Mit einer verhaltenen Hingabe. Mit einer zurückgenommenen, ernsten, auf den Punkt fokussierten Begleitband. Mit weißer Wut und Zartgefühl. Mit emotionalen Ausbrüchen und introvertierter Zurückgezogenheit. Und mit Rock! So laut, so ungestüm losstürmend – so hätten wir den romantischen Popgrübler nicht erwartet.

Barði Jóhannsson ist an diesem Abend im spärlich gefüllten Konzertsaal ein Meister der Überraschungen. Dem von Ville Valo und Natalia Avelon im letzten Jahr zu neuen Radiorotationen verholfenen Hazlewood-Sinatra-Klassiker »Summer Wine« als letzte Zugabe zu bringen – augenzwinkernd, ironisch, hingebungsvoll – dazu gehört etwas. Vielleicht ein Lächeln, Herr Jóhannsson?

29. Oktober 2008

Sin Fang Bous: Alleine ist’s noch schöner

Wie gut, dass es nur eine Wirtschaftskrise ist, die auf Island wütet, und keine Kreativkrise. Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein abseits gelegenes Eiland mit der Einwohnerzahl Bonns eine derart große Fülle an Bands und Projekten gebiert, die es locker mit Gesamtdeutschland aufnehmen kann.

Mit Seabear haben sie auch eine hoffnungsvolle Band aus der zweiten Reihe am Start, die bereits im letzten Jahr mit “The Ghost That Carried Us Away” einen bunten Akzent in Sachen Powerpop/Folk setzen konnten. Mit leckeren Violinen-Rhythmen ging es da zur Sache, mit Akustikgitarre wurde sich in die Grube geheimkrämert und überhaupt waren alle Songs einfach nett im besten Sinne.

Bevor es aber mit der Seabear-Saga weitergeht, gibt es einen Solo-Einwurf von Mastermind Sindri. Der nennt sein Nebenprojekt etwas sperrig Sin Fang Bous und wird im Februar auf Morr Music in Berlin seinen Albumeinstand feiern. Was man bei myspace hört, ist süß, bunt und verwuschelt. Ein bisschen wie Panda Bear, Caribou und Animal Collective unter der wärmenden Popdecke. Noch songgerichteter, noch mehr eingängige Melodien – und alles im Alleingang eingesungen, gespielt und geklappert. Die Klänge sind nicht so abseitig, nicht so widerspenstig oder fordernd wie bei den amerikanischen Kollegen, aber das ist kein Manko der Sin Fang Bous-Songs. Wir dürfen uns ganz sicher auf die zwölf Tracks freuen. Und Gott sei Dank ist das alles nicht so formelhaft wie diese letzte Bemerkung.

22. Juli 2008

Dieser Sommer wird empfindsam Teil 2: Bang Gang

Weiter gehts mit dem sanften Soundtrack für endlose Sommerabende auf dem Balkon. Wir wechseln nach Island.

Die Definition von Kitsch bereitet selbst Meyers Konversationslexikon Schwierigkeiten.  Denn: Kitsch hat immer mit Übertreibung zu tun. Was aber ist Liebeskummer anderes als ein Übermaß an Gefühlen? Das weiß der isländische Popmusiker Bardi Johannson alias Bang Gang genau. Und deshalb betreibt er auf seiner zweiten Veröffentlichung »GHOSTS FROM THE PAST« Trauerarbeit und Schmerzbewältigung in Cinemascope. Ennio Morricone könnte kein größeres Pathos erzeugen. Bisweilen geht es hart an die Kitschgrenze. Aber die magische Schwelle, den Tinneff von Tiefgang trennt, wird an keiner Stelle überschritten.

 Da geht einer völlig aus der Deckung, da gibt sich einer völlig hin, da macht sich einer völlig wehrlos.  Aus reiner Selbstverteidigung. Als einzig möglichem Mittel der Gegenwehr. Um mit Tocotronic zu sprechen: Die Kapitulation als Befreiung. Hört sich erstmal nach unerträglicher Beziehungsnabelschau an, ist es aber nicht! Bardi Johannsen gelingen traumwandlerische schöne Popsongs, die die Balance halten und nie ins Jammerige und Nölende kippen. Das ist hochmelodramatisch und wirklich wunderbar. Beim ersten Hören tief schlucken, dann sich ergeben. 

Denn immer wieder scheint der Trotz durch. »You Won´t Get Out« ist eine so mantrische Beschwörung an das Gute im Kern der geliebten Person, dass diese ein Herz aus Stein haben müsste, um nicht zu bleiben. Dass alles wieder gut wird. Und der letzte Song »Stay Home« gibt einem beim Hören emotional den letzten Rest.

Ob die Dame sich wohl erweichen ließ?

Achja. und die kleine Sommerserie geht in Schweden weiter.

02. Juli 2008

Island, charismatisch: Pétur Ben in Heidelberg

Es kommt bei Konzerten nicht häufig vor, dass die Vorgruppe den bleibenden Eindruck hinterlässt. Was nicht zwingend an der mangelnden Qualität des Hauptacts liegen muss, was in diesem Fall bei Mugison definitiv nicht der Fall ist. Auf den Tourplakaten von Mugison ist der Name Pétur Ben noch nicht einmal als Support Act abgedruckt – was ein unverzeihlicher Fehler ist, denn Herrn Ben müssen wir uns merken. Von dem werden wir noch hören, wenn sich Talent und unwiderstehliche Ausstrahlung irgendwann auf Erden durchsetzen dürfen.

 Ein heißer Sommerabend in Heidelberg. Selbst der Neckar neben dem Karlstorbahnhof scheint träger als sonst zu fließen, und die vielen japanischen Touristen sitzen längst brav auf ihren Hotelzimmern. Warum die Birkenstocksandalen-Fraktion an diesem Abend im Publikum so stark vertreten ist, darf zu den Rätseln gehören, die wir heute nicht mehr lösen müssen. Denn ein unberechenbarer Kobold in Menschengestalt mit Namen Pétur Ben ist uns erschienen und hat Nebelkerzen in die badische Beschaulichkeit geworfen.

 Ein junger Mensch mit stechenden, aber freundlichen Augen, mit straßenköterblonden Strubbelhaaren schnallt sich die Gitarre und wird zu einem gänzlich unberechenbaren Faktor. Er schreit, er fleht, er flüstert. Er haut auf die Gitarre ein, als gelte es sein Leben und bricht mit allen dummen Reinhard-Mey-Klischees, dass ein Singer-Songwriter brav, verständnisvoll und sensibel sein soll. Pétur Ben ist ein Berserker, der Angst und Schrecken unter den Kleinmütigen verbreitet. Von der Bühne springt, sich demonstrativ unters Publikum mischt und so heftig mit den Füßen aufstampfend den eigenen Takt vorgibt, dass der halbe Saal wackelt. Da traut sich kaum noch einer, der Aufforderung zum Mitsingen nicht nachzukommen.

 Pétur Ben ist einer, der brennt, der in Flammen steht. Der blass, dünn, unscheinbar, in viel zu engen schwarzen Jeans steckend einen unbestreitbaren Glamour verbreitet, der bisweilen an den jungen Bowie erinnert. Herr Ben würde dies vehement abstreiten und damit  Unrecht haben. Nicht Äußerlichkeiten zählen, sondern Persönlichkeit und Charisma. Und der Mut zu völlig unerwartetem Hakenschlagen in der Auswahl eines Coversongs: Dass Michael Jacksons »Billy Jean« noch unpeinlich in die Gegenwart zu retten ist, hätten wir vor diesem Abend nicht gedacht.

Gemein, aber wahr: Das Beste an Mugisons Auftritt ist die Tatsache, dass Pétur Ben dort die Leadgitarre spielt und sich zu allem Überfluss noch als Wunderkind an der Blues- und Rockklampfe entpuppt.

Als das Konzert vorbei ist, steht ein spilleriger, unauffälliger junger Mensch mit schmutzig-blonden Strubbelhaaren im Foyer und hält das neue Album von Pétur Ben hoch – zum Verkauf wie auf dem Wochenmarkt. Es ist natürlich der Künstler selbst, der an jedem Album drei Euro verdient, wie er selbstironisch dazu bemerkt. Der superfeste Händedruck und das intensiv strahlende Lächeln als Dank für das ausgesprochene Lob zum überzeugenden Auftritt beweisen, dass der junge Mann in der Menge alles andere als unauffällig ist.

 
Seite 6 von 11« Erste...345678910...Letzte »