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Foto nordische Landschaft

02. Oktober 2014

Süße Mädchen, verknotete Jünglinge: Reeperbahn Festival 2014

Sind süße Mädchen, die über Liebe singen und dabei bescheiden die Augen niederschlagen, eigentlich hoffungslos altmodisch? Im Fall der finnischen Chanteuse Suvi muss das entschieden verneint werden. Denn Suvi kommt bei ihrem Gig in der plüschigen Prinzenbar so angenehm uneitel daher, dass man sie schon dafür einige Pluspunkte sammelt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die junge Frau bei ihrem ersten Hamburger Auftritt eine sehr reduzierte Instrumentierung wählt: Nur ihre Stimme und der einfühlsame Mann an den Keyboards. Denn das Debütalbum »BLEEDING FOR YOUR LOVE« tendiert auf zurückgenommene Art doch zum orchestralen Elektropop britischer Prägung. Zu dem sich bestens verlangsamt tanzen lässt. Die Konzentration auf das Wesentliche tut diesen Tracks durchaus gut, obwohl auch die opulentere Version gefallen mag. Mädchenhafte Stimme, verletzliche Attitüde. Aber trotzdem auf unauffällige Weise selbstbewusst: Suvi kann das. Im stylishen Video zum Erstling spielt sie übrigens gekonnt mit 60ies-Anleihen und Schwarz-Weiß-Ästhetik. Besser gefallen aber tut fast die unaufgebügelte Variante.

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29. September 2014

Kunstmärchen für Erwachsene: Reeperbahn Festival 2014

Da hat man naiverweise geglaubt, der Beruf des Music Supervisors sei ein Traumjob: Den ganzen Tag Musik hören und dann den Soundtrack für die coolsten Filme und TV-Serien auswählen. Leider sieht der Alltag ganz anders aus, wie drei Vertreter dieser Profession auf dem Konferenz-Teil des Reeperbahn Festivals berichten: Zum Alltag gehören 600 unaufgeforderte Mails pro Tag, alle von hoffnungsvollen Bands, die den Durchbruch schaffen wollen. Wie weiland die unbekannte Band Snow Patrol, die durch die Ärzte-Soap Grey´s Anatomy zu Ruhm gelangte. Zum Alltag gehört vor allem das Hausaufgabenmachen: Zu 100 Prozent abklopfen, dass mit der Verwendung eines Songs als Soundtracks rechtlich alles in Ordnung ist. Zum Alltag gehört, regelmäßig zwischen allen Fronten zu vermitteln: Produktionsgesellschaften, Regisseur, Band, Manager, Rechteverwerter, you name it. Zum Alltag gehört, regelmäßig gestalkt zu werden. Uff! Dass der Job trotzdem Spaß macht, versicherten die drei Music Supervisor auf dem Hamburger Podium gleichwohl glaubhaft. Ihr Rat an aufstrebende Musiker. Wenn ihr uns schon unaufgefordert eure Tracks zumailt, dann macht vorher zumindest eure Hausaufgaben, mit wem ihr es zu tun habt! Und erzählt eine Geschichte dazu, die überzeugend klingt. Und vor allem, übertreibt es nicht, müllt uns nicht voll!

Wie schnell sich Hoffnungen zerschlagen können, dass der eigene Song auf einem Serien-Soundtrack landet, beschreibt der junge, bebrillte Manager der norwegischen Elektronik-Dreampopsters Sea Change in der anschließenden Fragerunde: Song vom Music Supervisor tatsächlich ausgewählt, Rechte gewährt, und dann wird doch nichts draus! Nicht entmutigen lassen, heißt die Parole. Denn beim Auftritt von Sea Change am späteren Abend wollen so viele Menschen den elegant verdüsterten, angenehm komplizierten Tracks von Ellen A. W. Sunde lauschen, dass sich vor dem Eingang eine veritable Schlange bildet. Die Musikerin hat sich übrigens nach einem Beck-Album benannt und lässt sich bei ihren live-Auftritten von zwei Mitmusikern verstärken. Die Kunst der eleganten Verlangsamung – Frau Sunde beherrscht sie perfekt. Ihre Songs gedeihen am besten bei zu eingedunkelten Spätdämmerzuständen, in denen die Orientierung langsam verloren geht. Loopspielereien bilden den flüchtigen Grund, auf dem Sea Change mit heller Stimme die geheimnisvolle Sirene gibt, die sich in Andeutungen verliert. Das sind elektronische Kunstmärchen für Erwachsene, zu denen sich in Zeitlupe tanzen ließe. Wenn man nicht in den Plüschsesseln des Imperial Theaters säße.

In Nachtwelten gedeiht auch die schwedische Chanteuse Jennie Abrahmason bestens. Wobei es bei ihr deutlich lebhafter zugeht als bei der Norwegerin. Und ihre Bubblegum-Stimme hat so gar nichts von rätselhaftem Nachtschattengewächs, sondern passt viel eher in eine 80er-Disco, wo die bunten Lichter glitzern und wo man die Freitaggnacht bevorzugt verbringt, wenn man unter 25 und spaßaffin ist. Das klappt auf dem Spielbudenplatz sogar noch vor Einbruch der Dunkelheit! Dass sie ihrer Landsfrau Lykke Li genau gelauscht hat, ist bei Tracks wie »Give It Up« nicht zu überhören. Aber hey, sei´s drum: Die Schweden haben eben ein Händchen für gehobene Popmusik. Und so blubbert und schmachtet sie abseits ihrer nachdenklichen Momente hier im besten Material-Girl-Modus, bis sich die letzte Fußzehe in Bewegung setzt.

Wenn schon Frauentag auf dem Reeperbahn Festival, dann aber richtig! Deshalb schnuppere ich noch kurz bei der schwedischen Musikerin Jenny Wilson herein, die sich – Überraschung! ebenfalls in tanzverliebten Popuniversen der schickeren Art tummelt. Allerdings gibt es hier statt Minnie Mouse eher Lady Morticia zu goutieren. Wilson ist eine Stockholmer Szene-Veteranin, ein Steh-Auf-Frauchen, Mutter zweier Söhne und selbstbewusste Kritikerin des Lebens im Kapitalismus. Das klingt so künstlich wie Waldmeisterbrause, so hibbelig wie Teenager ohne iPhone in der Hand und so grenzwerthysterisch, wie man es Frauen im Zustand der Prämenstruation gerne nachsagt. Und fürs Tageslicht taugen diese Töne nur bedingt. Aber einer gewissen dunklen Faszination kann sich die Polarbloggerin nicht entziehen, ehe sie in dunkle Nebenstraßen abtaucht.

JENNY WILSON – THE FUTURE from DAEMON FILM on Vimeo.

08. September 2014

Hohe blaue Himmel mit Siv Jakobsen

Die junge norwegische Singer-Songwriterin Siv Jakobsen mag sich an diesem Abend mit dem milchig verhangenen Sonnenuntergang über dem Offenbacher Main im positiven Sinn über die Deutschen gewundert haben. Nein, das sind keine verwöhnten Dauernörgler, sondern kälteresistente und außerordentlich höfliche Menschen! Denn wer kommt den Anfang September auf die Idee, ein Konzert draußen zu veranstalten? Wenn es wie an diesem Abend schon wintermantelkühl wird? Klar, es ist das Ende der Open-Air-Saison im Hafen 2, aber die Macher wollen den Sommer eben noch nicht endgültig ziehen lassen. So mummelt man sich also in vorsorglich mitgebrachte Schals und Mützen ein und lässt sich von den zarten, zurückgenommenen Tönen der spindeligen jungen Frau mit dem akkurat geschnittenen Pony wärmen. Die mitunter tapfer gegen den Lärm der Flugzeuge ansingt, die sich im Landeanflug auf Frankfurt befinden. Was eine ganz besondere Atmosphäre schafft. Und wir lernen, dass die Musikerin mit aktuellem Wohnsitz in Brooklyn das Erzählen von Witzen nur in Ansätzen beherrscht, wenn sie ihre vor lauter Abendkälte bibbernde Gitarre nachstimmem muss. Wir frösteln zwar auch, aber schauen zum Trost mit der Sängerin in die hohen blauen Himmel, von denen sie auch in ihren Songs berichtet. Liebeslieder für stille Stunden sind das, mit reduzierten, aber feinen Arrangements, die hier fast schon einen Hauch angejazzt klingen. Dass Frau Jakobsen dabei auch ein wenig zur Feierlichkeit tendiert, stört nicht im Geringsten. Das tut ja auch ihre Landsfrau Ane Brun, an der sie sich stimmlich hörbar orientiert. Und über deren eingefleischten deutschen Fans sie sich ein wenig lustig macht. So lautet ein beliebtes Spielchen für sie auf dieser Tour »Let’s spot the creepy Ane Brun fans«. An diesem Offenbacher Abend ist diese Spezies aber kaum vorhanden. Gottseidank.

Auf die bescheidene Folkliese will sich Siv Jakobsen aber nicht reduzieren lassen! Im Hafen 2 wird sie von der Bostoner Freundin und Kollegin Jesse Hanson unterstützt, deren Violine eine willkommene Lebhaftigkeit adiert. Und mit dem beschwingten Track »Dreams« biegt die Norwegerin fast schon auf die Blumenwiesen des Folkpop ab. Was nicht schadet! Ihr erstes Album »FOR THOSE I USED TO KNOW« hat Siv Jakobsen Ende vergangenen Jahres vorgelegt. Und wie dies dieser Tage so ist, kann man dem Album auf Bandcamp lauschen und bei Gefallen auch erwerben. Und nach diesem Abend, an dem das Lächeln der beiden Sängerinnen den fehlenden Glühwein adäquat ersetzt, kann man das reinen Herzens empfehlen! Und sich überdies noch darüber freuen, dass das höfliche Hafenpublikum trotz frösteliger Temperaturen bis zum Ende draussen ausgeharrt hat!

06. September 2014

Summer Breeze – Samstag: Sonnenstundenrekord

Du lieber Metaller, komm geh’ mit mir!
Gar schöne Lieder, spiel ich vor Dir,
Manch Bierblumen gibt es an dem Stand,
Meine Mutter näht Dir ein schwarzes Gewand.

Der letzte Tag beginnt: kalt, windig, und Regen. Wer hätte auch anderes erwartet? Doch welch Ironie, passend zu Kampfar herrscht strahlender Sonnenschein. Auf dem Summer Breeze kommen mir die Norweger ziemlich langsam vor, im Gegensatz zum Party.San, wo ich sie eine Woche zuvor erleben durfte. Der Show schadet das jedoch nicht.

Weiter geht’s mit Thyrfing aus Schweden auf der Main-Stage. Stark geschminkte Männer spielen vor viel Publikum scheinbar immer denselben Song. Das aber immer noch bei Sonnenschein.

Man könnte meinen es regnet mal wieder, da das Zelt vor der T-Stage wahnsinnig voll ist. Aber weit gefehlt:
Die Schwarzwälder  Kombo Imperium Dekadenz gibt ihren coolen, lässig groovenden Black Metal zum Besten. Die Beleuchtung der Bühne passt sagenhaft gut zur Musik und das Publikum würdigt die starke Leistung der Band. Eindeutig eine Aha-Band des Festivals.

Imperium Dekadenz (D)

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03. September 2014

A charming man: Tellef Raabe

Was Herr Morrissey dieser Tage an politischen Statements von sich gibt, will ich nicht bewerten. Und oute mich gleich mal als unverbesserliche Traditionalistin, die alles für zweitrangig hält, was Herr M. nach Trennung der Smiths von sich gab. Nun denn! Aber irgendwie tröstlich, dass das Gesamtwerk der Band aus Manchester heute noch Spuren im Schaffen junger Musiker hinterlässt. Etwa bei Tellef Raabe aus dem norwegischen Ålesund, der seine eigenen Töne fein als »dark folk/weird pop« bezeichnet und sich als blasser, schlauer Verlierer durchaus in der Tradition der Smiths sieht. Und auf die Idee, einen gesamten Song auf Smiths-Zitaten zu basieren, auf die muss man erstmal kommen. Und eine ganze EP daraus zu produzieren, das benötigt schon ein gesundes Selbstbewusst sein. Aber keine Angst, bei Herrn Raabe handelt es sich nicht um einen dummblöden Jünger von Klängen, die vor mittlerweile 30 Jahren als stilbildend galten. Nein, seine Interpretationen gehen durchaus eigenwillige Wege. Punkten mit irrlichternden elektronischen Einsprengseln. Ein Track wie »Of Smith`s Friends« beunruhigt auf subtile Weise.

Dass die in stylishes Schwarz gekleidet norwegische Nachwuchskraft der zeitgenössische Club-Melancholie durchaus zugeneigt ist und überkandidelte mag, macht der knapp 22jährige in Songs wie »Stranger Than The Rest« deutlich. Bei dem sich Raabe auf einen Nick-Cave-Song als Inspiration bezieht. Er denkt gerne über Liebe, Existenzialismus, Religion und Politik nach, sagt Raabe. Hehre Ansprüche, das! Aber die braucht man wohl, um zu Höhenflügen anzusetzen, bei denen die Melancholie das Glitzern lernt. Und kein Wunder, dass der junge Mensch als Kenner beseelter Töne als Filmkompomponist angefragt wurde: Für Zustände des Suchens in blauen Stunden stiller Verzweiflung. Die sich nicht über emotionale Eintrübungen lustigmachen, sondern diese respektvoll akzeptieren.

 
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