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Foto nordische Landschaft

09. März 2014

Moderne Liebe aus Oslo: LOVELOVELOVE

Vielleicht sieht moderne Liebe heute so aus: Eine Mischung aus Schepperei und Zärtlichkeit. Bewusst unfertig. Eine Absage an vorgefertigte Klischees, wie romantische Gefühle auszusehen haben. Auf diese Idee könnte man zumindest kommen, wenn man LOVELOVELOVE lauscht, ziemlich ausgefuchsten Nachwuchsspielkindern aus Oslo. Die kürzlich ihr Debütalbum »KALEIDOSCOPE« vorgelegt haben und sich dabei mit angenehmer Schlunzigkeit zwischen poppiger Empfindsamkeit und postrockockiger Lärmerei bewegen. Dabei angenehm überschwänglich daherkommen. Die Fünf umarmen psychedelische Buntheit nur kurz und gehen dann weiter. Über die Frisuren der Jungspunde kann man geteilter Meinung sein, über ihre musikalische Meriten nicht: Denn zu selbstbewusst fallen diese Töne aus, die irgendwo zwischen nerdigem Shoegaze, rockigem Aufbegehren und rotziger Romantik changieren. Und es dabei immer wieder fertigbringen, ungeniert euphorisch zu sein! Die nervöse Gitarre, die sich im fein unruhigen Track »Eye See You« mit einer eigensinnigen Posaune duelliert, ist ein unbedingt gebrochener Held!

Über die Vita von LOVELOVELOVE ist nur so viel zu erfahren, dass man als Nebenprojekt von Simon Dolmen Bergseth startete, der bei den Post-Hardcore-Rockern Aristillus die Rolle des kreativen Rumpelstilzchens und nervigen Wunderkindes innehatte. Aber auch dunkel gewandete Wunderkinder ziehen weiter und entdecken auf ihren Streifzügen in Richtung Erwachsenwerden auch die leichten und lichten Töne. Finden heraus, dass das Glockenspiel ein sehr nützliches Instrument zum Ausdruck schwankender Gefühle ist. Und diese sensible, unwiderstehliche Violine erst, die sich ganz zum Ende des feinen »Eyes Closed« selbstbewusst in den Vordergrund schiebt! Da wird uns fast blümerant ums Herz! Also doch Dreampop? Nein, nicht wirklich, dazu schwingt hier immer noch zu viel Härte im Hintergrund mit. Aber die Gangart ist hier ein großäugiges Schlendern. Durchaus für den weiteren Lebensweg zu empfehlen!

04. März 2014

Wer sind IKI? Meerjungfrauen, freche Gören?

Acht junge Frauen, die sich IKI nennen. Und ihr gemeinsames Projekt folgendermaßen beschreiben: »IKI ist ein neugeborenes Baby, eine freche Göre, eine Meerjungfrau oder eine weise alte Frau« . Upps, Mädels, da habt ihr euch ja eine Menge vorgenommen! Und vor allem deshalb, weil ihr das alles auf die Reihe bekommen wollt, ohne dass euch ein einziges Instrument dabei unterstützt. Nur mit den Stimmen also! Das Ergebnis sind ungewöhnliche Töne: experimentell, jazzig, poppig, soulig, opernhaft, unerwartet björdesk und so schwer zu fassen wie die Schwestern im Geiste von Coco Rosie. Die jungen Frauen haben eine all-skandivische All-Star-Vocal-Girlgroup gegründet und kommen aus Finnland, Dänemark, Island und Norwegen. Man muss sie allein schon wegen ihrer wunderbaren Bühnenkostüme loben! Einfach zu goutierende Kost bietet das Oktett mit Tracks wie der hoffnungslosen Liebesgeschichte zwischen der Meerjungfrau und dem Matrosen keinesfalls, dafür aber tropfen die Wassertropfen hier aus weiblichen Kehlen. Von schauriger Romantik ist das!

»Alles kann bei uns passieren«!, kündigen die acht IKIs an, und das ist nicht gelogen. Man lässt sich mit den Mädels auf eine rasante Geisterbahnfahrt der Stimmen ein, die mögliche Schrecken elegant umkurvt und uns mitunter mit putzmunteren und gummiballhüpfenden Experimentaltracks wie »Quisandolete« ein breites Lächeln ins Gesicht zaubern. Im Jahr 2011 ist ihr erstes, selbst betiteltes Album erschienen, das rein aus Improvisationen entstand und innerhalb von nur drei Tagen aufgenommen wurde. Aktuell arbeiten die Mädels am Zweitling, einer Zusammenarbeit mit dem sländischen Gitaristen Hilmar Jensson. Aufgenommen wurde im ehemaligen Studio von Sigur Rós in Island. In Deutschland live erleben kann man die IKIs etwa beim Festival Nordischer Klang Anfang Mai in Greifswald. Man braucht dort wahrscheinlich irgendeinen soliden Gegenstand, an dem man sich festhalten kann: denn so rasant und unvorhersehbar sind die Stimmen dieser Sängerinnen unterwegs!

Iki_Quisanadolele from louise from on Vimeo.

27. Februar 2014

Wir mögens auch sakral! iampsyencefiction

Seit gestern abend tobt in den Clubs und Bars von Oslo das alljährliche by:Larm Festival, natürlich mit jeder Menge Bands aus der quirligen norwegischen Szene und den Nachbarländern, aber, man höre und staune, auch mit einem Deutschland-Schwerpunkt. Wo uns mittlerweile sogar die Briten cool finden und Angela Merkel mit der Queen Tee trinken darf, da können die Skandinavier nicht hinten anstehen! Der Keynote-Vortrag vom Chef des Reeperbahn-Festivals interessiert an dieser Stelle aber weniger, denn mir hat es mit fortschreitender Dämmerung eher eine norwegische Nachwuchsband mit dem komplizierten Namen iampsyencefiction angetan, die mit schön schwermütigen und beseelt hymnenhaften Herrengesängen daherkommt. Und wenn wir schon von Hymnen sprechen: Ihr neues Video zum Song »Spy Vs. Spy« haben die Osloer passenderweise in einer Kirche aufgenommen. Damit uns schön feierlich ums Herz wird, wenn Streicher seufzen und wunde Männerseelen nach Seelentrost suchen. Selten hat Nachtrauern ehrlicher geklungen.

Das Quintett um Sänger Aleksander Johansen (der übrigens von den Lofoten stammt!) hat im vergangenen Herbst die EP »DON´T STALL« vorgelegt, in der sich die Dinge auf innige Weise verlangsamen und man sich in Einsamkeit und Dunkelkheit zu orientieren versucht. Bei den Bandmitgliedern handelt es sich um eine überraschende Mischung aus Musikern aus der Band von Piano-Wunderkind Einar Stray, den Psychedelikpop-Träumern Dråpe und den lokalen Szenegrößen Lama und The Little Hands Of Asphalt. Offenkundig schauen diese melancholischen Fünf gerne gen Westen, denn wenn wir diesen reduzierten, melancholischen Geschichten vom Verlieren und Trotzdem-Weitermachen lauschen, sind Bon Iver oder The National als Referenzfiguren nicht weit. Aber ich will nicht kritteln, dafür geht diese sensible Erwachsenenmusik zu sehr ans Herz, während draußen die Straßenlaternen angehen. Den Norwegern kann man noch bis weit in die Nacht hinein zuhören, bis einem sanft mürbe ums Herz wird. Denn sie klingen tröstlich, sehr tröstlich.

29. Januar 2014

Die besten Geschichten sind die ohne Worte: Andre Bratten

Worte behindern die Phantasie nur. Denn die Bilder, die im eigenen Kopf entstehen, wenn man nur den Tönen lauscht, sind vielleicht die aufregendsten. So kommt es nämlich, dass auf dem Eurosonic Festival in Groningen ein Klischee-Nerd (blass, bebrillt, unscheinbar) namens Andre Bratten die Konzertgänger zu sehr später Stunde im Simplon auf eigenwillige, schrullige, aber ungemein tanzbare Abenteuerreisen mitnimmt. Die Nachwuchskraft aus Oslo tischt uns keine schlichten Bum-Bum-Beats auf, sondern entführt uns in unberechenbare Gegenwelten: Eine Mischung aus Geisterbahn, Jules-Verne-Roman, Huckleberry-Finn-Flussfahrt, verrücktem Versuchs-Laboratorium, Slapstick-Comic und romantischer, kosmischer Sinnsuche. Uff! könnte man jetzt denken und sich entsetzt von dannen wenden, aber das luftige »Aegis« ist ein Klangabenteuer in Kleinformat. Eigentlich wollte man nur zehn Minuten bleiben und dann in eine andere Location weiterziehen, um alternativen Verlockungen nachzugeben. Unmöglich! Man bleibt, ein leises Lächeln schleicht sich ins Gesicht und man ertappt sich dabei, die Umstehenden freundlichst anzugrinsen. Und das alles, ohne dass auch nur ein einziges Wort gesprochen wird!
Das Bratten-Debütalbum »BE A MAN YOU ANT« ist im vergangenen Jahr beim Full Pupp herausgekommen, dem Label von Prins Thomas. Sollte man wohl mal genauer reinhören.

Und bleiben wir doch gleich bei den Elektronikpopstern: Postiljonen aus Schweden sind elegante Luftikusse, die hörbar weniger experimentell daherkommen als der norwegische Kollege und auf Worte nicht verzichten wollen. Das Trio präsentiert sich in der Minerva Art Academy (was es in Groningen nicht so alles gibt!) als luftige Traumtänzer, die demonstrieren, das ein Quäntchen Übermut nie schaden kann. Sängerin Mia Bøe hat sich reichlich Glitzer-Makeup unter die Augen gemalt, wie um schon optisch zu beweisen, dass das Trio knietief in 80er-Synthiewelten watet. Es dauert eine ganze Weile, bis man begreift, dass diese Drei keineswegs hochglänzende Schönmenschen sind, sondern Musiker, denen das intelligente Sich-Treiben-Lassen , das sanfte Versponnensein und das repektvolle Zitieren am Herzen liegen: So haben sie an diesem Abend ausgerechnet ein Whitney-Houston-Cover im Gepäck! Und es dauert vielleicht noch drei Minuten länger, bis man bei Tracks wie dem unterkühlt vergnügten »We We Raise Our Hearts« versteht, dass sich hinter der vordergründigen Fröhlichkeit eine sanfte Melancholie verbirgt. Und eine wache Popsensibiltät sowieso! Und dann steigen die Synthiefanfaren wie ein Feuerwerk am Nachthimmel auf und entladen sich, nochmal uff, in fein zurückgenommener Zärtlichkeit. Klingt kitschig, ist aber so! Das Debüt »SKYER« ist im vergangenen Jahr erschienen und die Blogkollegen von Allscandinavian haben es gar zu ihrem Album des Jahres gekürt. Via Soundcloud kann man dem Werk zur Gänze lauschen.

We Raise Our Hearts from Postiljonen on Vimeo.

(Foto: Tonje Thiesen).

23. Januar 2014

Musiker und Geeks, das neue Traumteam: Eurosonic 2014

Angesichts verschwimmender Machtverhältnisse im Musikgeschäft entstehen mitunter die merkwürdigsten Allianzen. Auf dem Eurosonic-Festivals im niederländischen Groningen gibt es einen anregenden Konferenzteil, wo unter anderem neueste technischen Trends disktutiert werden. Und was wurde nicht über das »Internet der Dinge« schwadroniert: alle Geräte miteinander verbinden und warum das für mich gut ist, wenn mein Kühlschrank mit mir kommuniziert: Der körnige Frischkäse droht auszugehen, Katastrophe! »Hardware ist die neue Software«, aha. Aber viel mehr interessiert doch, dass Geeks und Musiker eine unerwartete Allianz eingehen. Da ist der putzmuntere Brite von Strange Thoughts, die Werber, Wissenschaftler und Musikbusiness zusammenbringen und etwas erschaffen wollen, was sie »partizipierende Robotertechnik« nennen. »Es gibt viele coole Ideen, um neueste Technologie und Kampagnen für die Musikbranche zusammenzubringen«, sprudelt Ober-Geek Seth Jackson. Der sich etwa vorstellen kann, dass man über kombinierte Gehirnströme von Fans eine Plattform in die Höhe bewegen kann, auf der sich etwa Lady Gaga befindet. Die fände das sicher hip, aber tun wir das auch? Oder da ist Hilke Ros von den belgischen Dreampopstern Amatorski, die für ihr interaktives Musikprojekt Deleting Borders mit den Genter Nerds von We Work We Play zusammengearbeitet haben, um die Grenzen zwischen Musikern und Fans verschwimmen zu lassen. Die Geeks entwickelten ein Online-Tool, mit dessen Hilfe die Fans einen Amatorski-Track nach eigenem Gusto umgestalten können, ihre eigenen Fotos verwenden und das Ganze auch noch weltweit teilen. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht: einfach ausprobieren und herumspielen! In einer Welt, in der Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist, sind solche Tech-Tools ein Mittel, um sich aus der Menge hervorzuheben.

Deleting Borders from We Work We Play on Vimeo.

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