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Foto nordische Landschaft

21. Februar 2016

Ein zärtliches Grau: Mette Henriette

Ach, ein graues Wochenende, an dem der Regen nicht aufhören will. Ach, ein magisches Wochenende, an dem man 20 Minuten lang davon träumen konnte, dass Darmstadt 98 mit seiner B-Mannschaft Bayern München besiegen würde. Ach, ein überraschendes Wochenende mit einem Wohnzimmerkonzert und einem bestens aufgelegten Ian Fisher und seiner Band. Der mit dem Spielen gar nicht mehr aufhören will!

Ein ruhiger Sonntagmorgen. Und zur Abwechslung höre ich Jazz. Sehr eigenwilligen Jazz an der grünen Grenze zwischen Minimalismus, Filmmusik und, hüstel, intelligenter Meditation. Mette Henriette heißt die junge norwegische Saxofonistin, die jüngst beim deutschen Qualtätslabel ECM ein unbetiteltes Doppelalbum vorgelegt hat. Zu hören sind ebenso intime wie intensive Töne, die den Gedanken mit sanftem Nachdruck Flügel verleihen. Das Saxofon nimmt sich bewusst zurück und interagiert behutsam mit dem Piano von Johan Lindvall und dem Cello von Katrine Schiøtt. Es sind musikalische Landschaften aus einem zärtlichen Grau. Die alle kleinen Schattierungen dieser zu Unrecht unterschätzten Farbe ausleuchten! Es sind intelligente, im besten Sinne kontemplative Töne, die hier entstehen. Dazu kann man die Welt vergessen. Und ruhig beobachten, wie die Regentropfen die Scheibe herunterperlen. Ruhe in dieser hibbeligen, überlauten Welt, in der es vielen immer schwerer fällt, einfach einmal zur Ruhe zu kommen und nur dazusitzen und zu lauschen. Mit Mette Henriette lässt sich das wieder lernen. Und übrigens: Das sehr stimmige Album-Cover mit einem Portrait der Musikerin stammt von Meister Anton Corbijn. Hereinhören in diese magische Welt kann man via Soundcloud. Zudem gibt es ein sehr persönliches, poetisches Video.

(Foto: Anton Corbijn)

07. Februar 2016

5.000 Laternen mit Oakland Rain

Ich bin ein großer Fan der Schweiz. Eine grandiose Nation der Fußballtorhüter! Roman Bürki, wir vermissen dich beim SC Freiburg! Und dass Gladbach-Goalie Yann Sommer neuerdings ein eigenes Kochblog schreibt, das ist sehr cool! Merci vielmals für das tolle Kuchenrezept letztens! Ich finde im Übrigen, dass die Schweiz in diesem Jahr Fußball-Europameister werden soll. Oder Zweiter hinter Island. Die Schweiz ist auch deshalb so wunderbar, weil dort jedes Jahr im Februar in St. Gallen das feine Nordklang-Festival stattfindet. Die Eidgenossen haben ein sehr gutes Händchen dafür, interessante Newcomer aus dem hohen Norden zu entdecken. In diesem Jahr sind mir im Line-Up besonders die rothaarigen Zwillingsschwestern aus Norwegen aufgefallen. Oakland Rain heißen die beiden 19jährigen Grazien mit den Kulleraugen, die frischen, sehr romantischen und mitunter rotzfrechen Folkpop zelebrieren. Mit der Betonung auf Pop! Mit Betulichkeit haben Charlotte und Maren Wallevik Hansen nichts zu tun, und Scheu vor Grenzüberschreitungen kennen sie auch nicht. So flirten im Disco-Track »Elephant Nation« offenkundig mit dem Mainstream, aber hey! Zumindest sind sie keine langweiligen Klampenliesen, wie es sie zuhauf gibt! im Song »Shotgun« umarmen sich Country und Electronica und harmonieren erstaunlich. Die Zwillinge sind bekennende Kalifornien-Fans, seitdem sie ein Jahr an der Westküste verbracht haben. Die offene Attitüde der Kalifornier haben sie sich zu eigen gemacht, und Angst vor großen, überkandidelten Tönen haben sie auch nicht. Im vergangenen Jahr haben sie eine erste EP vorgelegt. Die ruhige, herzschmerzige Piano-Ballade »5000 Lanterns« gefällt sehr.

06. Januar 2016

So wundervoll traurig: Antler

Was ist nur im Moment in Norwegen los? Die interessantesten neuen Töne kommen aus dem Fjordland. Das fällt nicht nur bei der Vorbereitung auf das Eurosonic Festival in Groningen statt, das genau in einer Woche startet, wo ich bei den norwegischen Künstlern besonders häufig ein Kreuzchen mit “unbedingt sehen” gemacht habe. Stöbern in Festivalprogrammen ist sowieso eine große Inspirationsquelle. Denn beim digitalen Flanieren durch das Programm von Trondheim Calling, das Anfang Februar in der nördlichen Metropole stattfindet, bin ich über das neue Elektronikpoptrio Antler aus Oslo gestolpert. Und länger hängegeblieben! Allein die himmlisch fragile Stimme von Sängerin Natali Abrahamsen Garner ist ein Grund, Tracks wie die das traumtänzerische “Quiver” lange auf Repeat zu stellen. Die irische Bloggerkollegin DervSwerve fragt sich verwundert, wie das bloß kommt: Dass norwegische Chanteusen die klarsten Stimmen der Welt haben? Ich kann nur die Frage anschließen: Und die zärtlichsten Stimmen dazu? Antler liefern jedenfalls den perfekten Soundtrack für die dunkellblaue Zeit zwischen Tag und Traum. Und sind dabei von einer wundervollen Grenzwert-Traurigkeit. Das ist Synthie-Chanson-Romantik fern allen Kitsches! Antler werkeln derzeit an ihrem Debütalbum, da voraussichtlich im Frühjahr herauskommen soll. Unbedingt im Auge zu behalten!

Foto: Marius Svaleng Andresen

30. Dezember 2015

Ary und Carl Louis erkunden das Universum

Zum Jahresende mag man gerne hoch zu den Planeten schauen. Auch wenn man sein Jahreshoroskop in der Buntpresse noch nicht gelesen hat! Wie schön, dass sich zwei der begabtesten Newcomer der norwegischen Elektropopszene jüngst zusammengetan haben, um die endlosen romantischen Rätsel des Universums zu erkunden. Die himmlisch helle Stimme stammt von Ary, einer jungen Multiinstrumentalistin aus Oslo, die jüngst vom renommierten Antwerpener Label Eskimo Recordings unter Vertrag genommen wurde. Dort ist man hin und weg von diesen fragilen, schwärmerischen Vocals! Dass Ary aussieht wie die schüchterne kleine Schwester von Prinzessin Leia muss auch kein Nachteil sein! Die geschmeidigen Beats hat Carl Louis beigetragen, der sich als Produzent und DJ schon einige Meriten erworben hat und nun auf Solopfaden wandert. Offenkundig auf der Suche nach wärmeren, organischeren Tönen, die sich himmelwärts schwingen und unbestimmte Sehnsüchte wecken. Carl Louis ist, klar, ein Sternengucker und hat kürzlich sein Mini-Album »TELESCOPE« herausgebracht, wo Sternschnuppen über blaue Abendhimmel flitzen. Gemeinsam irrlichtern die beiden im Titelstück durch ferne Galaxien und finden auf ihrer Sinnsuche doch nur vertraute Dinge wie Angst vor Verlust und Furcht vor Vergänglichkeit. Aber sie tun das mit einer solch naiven und herzzereißenden Intensität, dass man kurz vorm Taschentuchzücken ist. Ary ist übrigens einer der Acts, die in zwei Wochen beim Eurosonic Festival in Groningen auf meiner Liste der »unbedingt zu sehenden« Acts steht!

22. November 2015

Fliegende Frösche mit Østfrost: Iceland Airwaves 2015

Reykjavík ist wieder die Stadt der Kräne und Baugruben geworden. Entlang der einzigen ernstzunehmenden Einkaufsstraße des Landes, dem Laugavegur, stehen Baugerüste en masse. Und an der wie ein Krater klaffenden Baugrube vor dem Konzerthaus Harpa tut sich nach jahrelangem Stillstand etwas: Es entsteht, Überraschung!, ein riesengroßes Luxushotel mit gehobenem-Spa-Bereich, das wohl ab kommendem Jahr den spektakulären Blick von der Innenstadt aufs Harpa blockieren wird. Die neue Therme im Herzen Reykjavíks wird auch dringend benötigt, denn in der Blauen Lagune muss man die Eintrittskarten inzwischen vorbestellen, so voll ist es. Island hat also vom Krisen- wieder in den Wachstumsmodus umgestellt. So mancher Einheimische sieht schon die neue Blase am Immobilienmarkt heraufdämmern. Das ging doch alles fast wieder zu schnell! Und die Touristen lieben die Atlantikinsel. Was im kommenden Juni zu Problemen führen könnte: Denn seit sich die isländische Fußballnationalmannschaft sensationell erstmals für eine Europameisterschaft qualifizieren konnte, steht die Insel Kopf. “Im Juni fliegt die eine Hälfte des Landes nach Frankreich, um die isländische Mannschaft anzufeuern. Und die andere Hälfte sitzt vorm Fernseher und wird nicht im Traum daran denken, zu arbeiten”, sagt ein Insulaner. Aber es soll in Downtown Reykjavík sogar erstmals Public Viewing geben. Also, liebe Touristen: Am besten einfach dazugesellen!

Schön, dass es am Laugavegur neben all den Touristenshops auch weiterhin kruschelige, alteingesessene Plattenläden wie das Smekkleysa gibt, wo beim Iceland Airwaves 2015 die sympathischen norwegischen Nachwuchs-Folkpopsters Østfrost im Rahmen eines kleinesn akustischen Sets auftreten und unsere Herzen mit allerliebsten, auf Spielzeuginstrumenten eingespielten Songs erfreuen! Die Band aus Trondheim mit dem suchmaschinen-unfreundlichen Namen überzeugt mit viel Zärtlichkeit, großäugiger Naivität und einem echten Händchen für Songs, die gekonnt zwischen Euphorie und Melancholie irrlichtern. Die Vier, deren corporate colour wohl ein sanftes Dunkelblau ist, setzt auf hymnische Vocals und träumt mitunter zu Geigenklängen. Was nicht heißt, dass sie nicht auch ein wenig lauter werden können. Wie in “Wooden Floors”, wo Østfrost kurioserweise von fliegenden Fröschen träumen und uns in eine delikate und aufregende Phantasiewelt entführen. Das Quartett hat eben seine erste EP vorgelegt. Reinhören lohnt!

 
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