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Foto nordische Landschaft

13. März 2011

Moddi, oder: das wilde Kind

Moddi sieht an diesem Abend so aus, als ob er wie Huckleberry Finn von zuhause ausgerissen sei. Leicht verstrubbelt, leicht demi-monde, aber superlebendig und neugierig. Die kaum zu bändigenden, sträunende-Katzen-blonden Locken unter die Streifenmütze verpackt, als ob dies gegen die Ungebärdigkeit der anarchischen Haarpracht irgendetwas nützte. Barfuß tritt er auf. Unbekümmert. Großäugig. Intensiv.

Aber gut, zurück auf Anfang: Der junge norwegische Singer-Songwriter ist schon auf dem letzten Iceland-Airwaves-Festival in Reykjavik im vergangenen Oktober durch an die Schmerzgrenze gehende Bekenntnislyrik positiv aufgefallen. Inzwischen hat Moddi mit »FLORIOGRAPHY« ein Debütalbum vorgelegt, bei dem sich die empfindlichen Härchen auf den Unterarmen hochstellen und die Außenseiter-Attitüde sein stärkster Fürsprecher ist. Nun denn, an diesem Abend im wunderbaren Heidelberger Karlstorbahnhof ist das erstaunliche Phänomen zu beobachten, dass es sich in Studenten- und arrivierten Bildungsbürgerkreisen gleichermaßen herumgesprochen hat, dass Moddi Herzen auf unkonventionelle Weise rührt. Ein Publikum, das aufmerksam und wohlwollend lauscht, wie der Jungspund mit der rauen Stimme emtionale Untiefen souverän auslotet und dabei zu blühen beginnt wie Treibhausrosen bei plus 30 Grad.

Moddi rührt durch seine charmante Unfertigkeit. Durch romantische Empfindsamkeit. Durch tief von Herzen kommende Ausbrüche gegen das deutsche Phänomen von Autobahnstaus und der Erleichterung darüber, es gerade noch rechtzeitig zum Konzert geschafft zu haben. Durch Funken schlagende Begeisterung für den schönen Konzertflügel im Karlstorbahnhof, dem er sehr barfuss seine Reverenz erweist. Durch einen klaren Blick aus jungerwachsenen Kinderaugen auf Phänomene und Konstanten. Als Referenzgröße kommt immer wieder der faröische Sänger Teitur in den Sinn, aber Moddi fehlt dessen souveräne Ironie. Was kein Fehler ist. Schmerzen sind da, und Moddi singt sie nicht weg.

Moddi “Rubbles” official music video from Propeller Recordings on Vimeo.

20. Februar 2011

By:Larm 2011: Your Headlights Are On, Casa Murilo, Burning God Little und Lars Wiik

Was man so alles verpasst, weil man diese Tage nicht in Oslo auf dem by:Larm-Festival ist, das heute abend zu Ende geht: Jede Menge entdeckenswerter Bands aus dem Gastgeberland des Spektakels, die man wohl auf absehbare Zeit in deutschen Konzertsälen nicht zu zu sehen und hören bekommt. Bleibt vorerst nur, sich auf der exzellent gemachten Hompage von by:Larm herumzutreiben und hier und dort reinzuhören und aufzuhorchen. Wie bei Your Headlights Are On aus Trondheim, einem Quintett, bei dem die Frauenquote in vorbildlicher Weise übererfüllt ist. Die Youngster pflegen den hysterischen, eigenwilligen, traumverloren-aggressiven und sehr unterkühlten Intellektuellen-Indienoisepop, der leicht retro klingt. Sperrige Querdenkerinnen von PJ Harvey über die frühe Nathalie Merchant bis zu Hazel O´Connor in Bestform stehen hier Patin und wachen ordentlich darüber, dass eine gebrochen-wütende Düsternis entsteht, die intelligent funkelt.

When We Collide by Your Headlights Are On

Britischer als die Briten geben sich Casa Murilo aus Oslo, die den infektuösen Indiepop auf so hingebungsvolle Weise pflegen, dass selbst die Housemartins neidisch werden könnten. Wer zu diesem ansteckend-animierten und leichtfüßigen, aber sehr energiegeladenen Gitarrenpiano-Spielkram nicht bis zum völligen Durchgeschwitzsein tanzt und lächelt, dem ist auf dieser Welt nicht mehr zu helfen. Das Debütalbum des Sextetts heißt LIFTING SHIPS und erscheint im März beim renommierten Spoon Train-Label.

Casa Murilo – Show Some Restraint from iD. on Vimeo.

Euphorisierenden, aber eigentümlichen Elektronik-Dancepop hat sich ein junger Mensch aus Oslo namens Martin Hartgen auf sein Banner geschrieben, das er mit stolzem Blick vor sich herträgt. Sein Projekt hat er auf den sperrigen Namen Burning God Little getauft. Hmm. Das klingt beim ersten Hineinhören sehr luftig und trotzdem ansteckend und unerwartet fröhlich. Der Mann aus Tromsø lebt jetzt in Oslo und will die Hauptstädter mit einer Mischung aus elektronischer Verspultheit und großäuiger Popverliebtheit zum Tanzen bringen. Man kann ihn durchaus im Auge behalten.

Wir brauchen mehr Verwirrung. Wir brauchen mehr aufbegehrenden, aber trotzdem tanzbaren, angstlustvollen Indierock, der sich nicht scheut, Altmeister Bob Dylan zu zitieren und kräftig auf die Klampfe zu hauen. Dann brauchen wir wir einen blassen, leidenschaftlichen jungen Barden namens Lars Wiik, der sich viele Male gehäutet hat. 1998 war er mit einem Metal-Album (!) für den renommierten norwegischen Spelemannspreis nominiert. Heute trägt er Mütze und Seemannsjacke und hat sich dem elaborierten, anspruchsvollen, leidenschaftlichen Indierock zugewandt und durchaus kritische Töne anschlägt. Da kann man nicht ganz kalt bleiben.

18. Februar 2011

By:Larm 2011: 120 Days, Babyjaws, Alexander von Mehren

Heute abend. Oslo. Die erste Nacht des by:Larm-Festivals, der größten skandinavischen Musikmesse mit jeder Menge Konzerten, mit einem bewussten Schwerpunkt auf norwegische Newcomer. Oder Zurückkommer und Wiederauftaucher. Obwohl das Polarblog leider nicht vor Ort ist, will ich die nächsten Tage trotz des mangelnden Live-Erlebnisses nutzen, einige der interessanteren Bands kurz vorzustellen.

Endlich wieder ein Lebenszeichen gibt es von einer persönlichen Lieblingsband, die jahrelang in der Versenkung verschwunden und in Nebenprojekten engagiert war oder bei Serena Maneesh mitmischte: 120 Days, die manisch-präzisen Kraut-Synthierocker, deren selbst betiteltes Debütalbum es zur CD des Monats bei Nordische Musik geschafft hatte. Ein neues Album ist in Arbeit, der erste Track klingt leichtfüßiger als das eher düstere Erstlingswerk, und warum nicht?

Dale Disco – 120 Days by Up Front Artists

Aber nun zu den Newcomern: Babyjaws sind die schwül-dekadenten, klirrend kalten Elektronikhedonisten mit der sehr blonden Trip-Hop-Heroine Viktoria Wingen an den Vocals. Das Trio kultiviert einen sinnlichen, sehr tanzbaren Mix aus wavigem Rock, Dubstep und Computerklangspielereien, der sehr viel Wert aufs Improvisieren legt und dabei das Kunststück fertigbringt, niemals zu glatt zu klingen. Wenn die Schneekönigin in Hans Christian Andersens Märchen cool wäre, würde sie Babyjaws als neue Hofband engagieren.

Gefühliger und temperamentvoller geht es zu bei Alexander von Mehren, einem der hoffnungsvollsten Newcomer aus der ohnehin schon hyperkreativen Bergen-Szene. Das Piano-Wizzkid strebt nach der großen Geste, unter heftiger Berücksichtigung von Postrock und Jazz. Klingt erdenschwer? Überhaupt nicht! Das 26-jährige Wunderkind holt unter Aufbietung aller orchestralen Mittel (wie viele Menschen sind im Video auf der Bühne? Hmmm, schwierige Frage!) zur großen Geste aus und will in jungen Jahren klingen wie ein Klassiker. Warum nicht? Er sollte die eigene Ansprüche nicht hoch genug setzen.

23. Januar 2011

“Keine Experimente mehr”: Die Clubs @Eurosonic

Eigentlich müssten die Clubbetreiber in ganz Europa glücklich sein: Die Besucherzahlen sind im vergangenen Jahr gestiegen, denn das Interesse an Livemusik ist ungebrochen. Die Clubbetreiber sind aber keineswegs fröhlich wie die Lerchen. Auf dem gut besuchten Panel zum Thema »Live Music Clubs Under Economic Pressure« beim Konferenz-Teil des Eurosonic-Festivals gab es von Budapest bis Brüssel bedröppelte Mienen auf dem Podium. Die neuen Sparprogramme vieler EU-Staaten machen auch vor den Clubs nicht halt, in Form kleinerer und größerer Nadelstiche: Mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Eintrittskarten oder Getränke etwa, oder mit dem Streichen öffentlicher Subventionen, die bei vielen Clubs ohnehin nicht sehr üppig ausfallen.

»Wir kratzen wie verrückt das Geld zusammen, um überhaupt wirtschaftlich überleben zu können. Das letzte Jahr war besonders hart«, berichtet etwa Zsuszanna Bonde vom A38 in Budapest. In Ungarn hat der Überlebenskampf des Clubs auf einem angedockten Donaudampfer sicherlich mit der allgemein schwierigen Wirtschaftslage in Ungarn zu tun. Aber auch die Kollegen aus Amsterdam, Brüssel und Hamburg berichten von ähnlichen Problemen. Die Konsequenzen könnten f0r Bands und Publikum auf Dauer schwerwiegender sein, als heute abzusehen ist: Die Clubs müssen auf Bewährtes und Bekanntes setzen, um kostendeckend arbeiten zu können. »Ich muss sehr sorgfältig auswählen, wen ich buche, und Experimente mit unbekannten Bands kannn ich mir kaum noch leisten«, berichtet Bonde. Dem Kollegen Herman Hulsens vom Ancienne Belgique in Brüssel geht es ähnlich. »Wir mussten mit unserem Angebot im vergangenen Jahr notgedrungen kommerzieller werden«, sagt Hulsens. Cor Schlosens vom legendären Amsterdamer Melkweg kann dazu nur zustimmend nicken. Was dies in der Konsequenz bedeutet: Es wird für junge, aufstrebende, noch nicht etablierte Bands künftig schwieriger werden, Auftrittsmöglichkeiten zu finden. Im Interesse der ohnehin strauchelnden Musikindustrie kann diese Entwicklung nicht sein. Kompletten Beitrag lesen …

18. Januar 2011

Depressive Labels, quietschlebendige Bands: Eurosonic 2011

Richtig lustig wird es auf Eurosonic, dem traditionell ersten Festival des Jahres im niederländischen Groningen erstmals, als im Konferenzteil mal wieder über die Zukunft der Labels diskutiert wird: Auf dem Podium sitzen Vertreter von europäischer Indie-Plattenfirmen, die wohl mit gutem Grund keinen sehr euphorischen Eindruck hinterlassen: Lasche Körperhaltung, depressive Grundstimmung, tonnenschwer lastende Ernsthaftigkeit. Unter anderem echauffieren sich die vier Herren, darunter Rockadillo Records-Obermufti Tapio Korjus, darüber, dass aus der Politik so wenig Unterstütung gegen die grassierenden Urheberrechtsverletzungen kommt. Ja, in der besten aller Welten, aber die Lobbymacht der Musikindustrie hat leider nicht die Durchschlagskraft der vereinigten Futtermittelindustrie. Irgendwann empört sich ein Verteter der neuen digitalen Garde im Publikum gegen die grassierende Schwermut der Altvorderen. Welches Allheilmittel aus der Online-Apotheke gegen den fortschreitenden Umsatzverlust der Branche der Rebell anbietet, ist der Polarbloggerin leider aus dem Gedächtnis entfallen, aber nicht der emotionale Inhalt des Ausbruchs. »Ich verstehe euch nicht! Ihr sitzt hier auf dem Podium, ihr habt keine Energie, ihr habt keinen Spaß, ihr habt keine Visionen, wo wollt ihr hin?!« Recht hat er, der Rebell. Wo soll das alles bloß enden? Überzeugende Zukunftswege für die Labels fehlten auch bei der 2011er-Ausgabe von Eurosonic. Verhungert sind die Plattenfirmen seit 2010 nicht. Auch wenn sich die Dinge dezidiert ändern. Alben? Brauchen wir noch Alben?

Die Melancholie der Musikindustrie steht indessen in diametralem Gegensatz zur Lebendigkeit und Kreativität der Bands. Oh! Denn die lieben sehr offenkundig das, was sie tun. Wie The Latebirds aus Finnland, die zwar schon in der Grand Ole Opry in Nashville aufgetreten sind, aber noch kaum auf dem europäischen Festland. Was ein Verlust ist! Der innige, dichte, intelligente Countrypop des Quintetts um Sänger Marcus Nordenstreng kommt live ebenso überzeugend daher wie auf Platte. Nordenstreng flirtet, fleht, flirrt und fabuliert. Spielerisch, aber mit viel Herz. Oh! Charmante Finnen, gibt es die? Tatsächlich!

Durch den Regen ans andere Ende der Groninger Innenstadt geradelt und das Indiepopherz unschuldig höher schlagen lassen: Lars Ludvig Löfgren bricht an diesem Abend Herzen mit eigensinniger Großäugigkeit und Hingabe zu melodisch-flotten Harmonien. Mitsingen, Mittwippen. Wohlfühlfaktor plus. Interaktion in der Band herzerweichend harmonisch. Tanzschrittchen im Publikum immer ausgeprägter. Großes Lächeln allenthalben! Hier ist sie, die auf der Konferenz so vermisste, die lebendige, die warm pulsierende Energie!

Ernsthafter wird es bei der norwegischen Chanteuse Ingrid Olava. Puuuh. Die blonde Dame am Klavier rekapituliert mit intensiver Ernsthaftigkeit die Geschichte all dieser gescheiterten Liebesbeziehungen. Diese Geschichte ist tausende Male erzählt, aber lässt unser Herz nicht unberührt. Wir wollen ja tapfer sein! Die Haare fliegen, die Interaktion mit dem Bassisten und dem Schlagzeuger so dicht, dass die Funken stieben. Nein, diese Sängerin ist kein armes Opfer, sondern eine nuancierte Chronistin feinster Seelenzustände. Mit selbstbewusst voller Stimme und den wackeligsten High Heels des Abends. Mit Riemchenverschluss am Knöchel. Das ist ein echtes künstlerisches Statement!

Warrior Song – Ingrid Olava from Daring Viola on Vimeo.

Die Überraschungen sind bei Festivals immer die Schokoglasur auf dem Fruchtkuchen. Es gibt eine kleine Pause auf dem Zettel mit den unbedingt zu sehenden Konzerten, und warum nicht um die Ecke biegen und in der Groninger Musikschule die verrückte dänische Disco-Großgruppe Vinnie Who anhören? Himmel, Lips Inc könnten hier neidisch werden! Was ein Spaß! Die Musikschule tanzt, und aus der Discokugel rinnen die Schweißbächlein. Sehr ästhetisch, natürlich! Wie viele Leute tummeln sich hier eigentlich auf der Bühne? Egal, es geht hier ums Spaßhaben und ums lächelnde Rumprobieren und Zitieren. Nicht verkehrt!

Ganz zum Schluss fein die Ohrstöpsel ausgepackt und aufs ins Vera zu den norwegischen Metalrebellen Kvelertak. Aua. Aua. Männerschweiß aus alkoholrundlichen Achselhöhlen fließt in Strömen. Gut so! Die Neo-Wikinger reißen das Publikum wie dummbrave Lämmer. Anarchie, Energie, unwiderstehliche Destruktion. Am Ende ist die gesamte Band halbnackig und Widerstand sowieso zwecklos. Alles explodiert, und der Sänger bringt die Wälle zum Einsturz und stürzt sich in die Menge. In triumphierender Macho-Pose. In diesem speziellen Fall ausnahmsweise erlaubt.

KVELERTAK – MJØD from BLÆST on Vimeo.

 
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