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Foto nordische Landschaft

12. Juni 2015

Sanfte Paranoia mit Broen. Und die Tuba spielt dazu

Norwegen und Griechenland: Eine ungewöhnliche Kombination, das. Die Mitglieder von Broen nennen Oslo und Mykonos als ihre Heimatstädte. Wer nun völkerfreundschaftliche Folkore erwartet, sieht die Dinge zumindest aus konventioneller Sicht ziemlich falsch. Aber sehr bunt ist er, dieser Stilmix, den das Quintett auf seiner Debütsingle Iris vorlegt: Ein nur vordergründig ruhiger Track, durch den eine leise Paranoia weht. Da nutzen auch die feierlichen Tuba-Töne und die Uha-Uha-Chöre nichts, die hier im Mittelteil erklingen. Es geht nämlich um eine bröckelnde Beziehung, durch die der Zweifel wabert wie eine giftige Wolke. Ist die geliebte Person wirklich dort, wo sie zu sein vorgibt? Häufen sich nicht die merkwürdigen Abwesenheiten? In der Stimme von Marianna Røe schwingt bereits ein gewisser Fatalismus mit. Denn da tun sich ungute Dinge im Hintergrund, so viel ist klar. Und diese latente Unruhe spiegelt sich auch in der Musik wider, einem eigenwilligen Stilmix zwischen Indiepop, Surftunes, absonderlichen Elektronika, altmodischer Blasmusik und einer hochnervösen Gitarre. Marianna Røe zelebriert hier eine perfide Grenzwert-Hysterie, die sich hinter vordergründiger Heile-Welt-Paranoia versteckt. Und klingt wie eine leicht depressive Variante von Kate Nash. Auf der Bühne tummeln sich die Fünf übrigens in absonderlicher knallbunten Phantasiekostümen, die von der Großmutter von Tuba-Spielerin Heida Mobeck gefertigt werden. Noch ein Grund, mehr von dieserr Band hören zu wollen!

22. April 2015

Die Poesie von Maulwurfshügeln: Firewoodisland

Auf die Idee, einen poetischen Song über Maulwurfshügel zu schreiben, auf die muss man auch erstmal kommen. Das wäre doch mal eine Rechercheaufgabe für trödelige Samstage: Eine Playlist über Maulwürfe zusammenstellen! Nun aber zurück zum Thema! Denn die norwegisch-walisischen Folkpopopsters Firewoodisland um Mastermind Stian Vedøy und seine Mitstreiter Abi Newbould, Stephen Allen und Rowan Blake stecken hinter dem feinen Track »Molehills«. Und haben somit dem scheuen braunen Tier, das man nur selten zu Gesicht bekommt, einen kleines musikalisches Denkmal gesetzt. Putzmunter, grenzwert-melancholisch, sehr sanft und schwärmerisch hebt man hier zu kleinen Höhenflügen ab. Dass man den nördlichen Nachbarn Of Monsters And Men sehr aufmerksam gelauscht hat, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber auch die ruhmreiche Tradition des britischen Folkpop hat hier ihre Spuren hinterlassen (jawohl, wir erinnern uns an die fabelhaften Fairport Convention!). Eine gewísse poppige Unbeschwertheit hängt trotz aller Akustikklampferei und aller Flötentöne über diesen Klängen. Man klingt erfreulicherweise ein bisschen naiver als die Zeitgenossen von Mumford & Sons: Das muss die gute Seeluft von Cardiff sein! Die Debüt-EP »ILD«, der man zur Gänze via Bandcamp lauschen kann, ist noch ein bisschen traditioneller ausgefallen, überzeugt aber mit frischer Unbekümmertheit. Und wenn man länger darüber nachsinnt, ist eine sanfte Revolution durch massenhaftes Auftauchen von Maulwurfshügeln durchaus möglich. Wir errichten nämlich irgendwann mal Berge aus den kleinen Erdhügeln!

12. April 2015

Lichtblau schwebende Welten mit We Float

Ein Bandfoto, das stutzen macht: Drei Frauen, ein Mann. Üblicherweise ist die Sache umgekehrt: Die hübsche Sängerin, eingerahmt von ihren männlichen Bandkollegen. Bei We Float, dem Projekt um die norwegische Bassistin Anne Marte Eggen, sind die Dinge etwas anders: Filip Bensefelt ist für die Sektion Rhythmik zuständig, Dazu gesellen sich die sensible Pianistin Fanny Gunnarsson, der zurückgenommene Bass von Eggen und die schlafwandlerisch entrückte Stimme von Linda Bergström. Und jetzt denken wir mal eine halbe Sekunde darüber nach, warum das denn so ist: Dass die Band-Kombination »drei Männer, eine Frau« die Norm ist und die Kombination »drei Frauen, ein Mann« die absolute Ausnahme. Und darüber, was uns an Kreativität und Möglichkeiten verlorengeht, nur weil die Dinge eben so sind, wie sie sind. We Float jedenfalls sind nicht nur in Sachen Geschlechter-Stereotypen Grenzgänger: Das Quartett erkundet hier ohne jegliche Scheu vor puristischer Genretreue die Grauzonen zwischen sanften Electronica, coolem Jazz und poppiger Empfindsamkeit. Benannt haben sich die Vier übrigens nach einem PJ Harvey-Song. Und um die etwaige Verwirrung komplett zu machen: Anne Marte Eggen, die Jazz am Konservatorium in Malmö studiert hat, ist noch in verschiedenen Nebenprojekten aktiv, darunter im experimentellen Jazz-Quartett Kvalia and in der Folkjazztruppe Ljom. Bunter denken und bloß nicht nur in eine musikalische Richtung schauen, so könnte die Devise lauten!

We Float haben vor wenigen Tagen ihr Debütalbum »SILENCE« vorgelegt, auf dessen blauen Cover sich die großen Walfische tummeln. Die Band hat sich vom Wasser und dessen tiefen Geheimnissen inspirieren und kreiert im sehr feinen Track »Mysticeti« eine lichtblau schwebende Welt voller Geheimnisse. Klingt dabei puristisch und schwelgerisch zugleich. Ist ausufernd nachdenklich, aber mit weit ausgebreiteten Flügeln so. Verleitet zum schlauen Träumen. Schwelgt in präzisen Tagträumen und entzieht sich mühelos allen vorschnellen Vereinnahmungen. Dieser Band exakt passende Etiketten überzustülpen, das sollte man tunlichst unterlassen. Sondern lieber mit ihr abtauchen in sanfte, unbekannte Tiefen.

07. April 2015

Hoch lebe die kleine Schwester: Burning God Little

Kleine Schwestern können mitunter nerven, keine Frage. Aber es kann genausogut geschehen, dass man plötzlich ganz neue Seiten an ihnen entdeckt: Etwa eine Stimme, die ein gewisses Etwas hat. So ähnlich mag es Martin Hartgen gegangen sein, dem Mastermind hinter dem norwegischen Weird-Electronikpop-Projekt Burning God Little. Für sein Debütalbum »ET E I MORKE VI LYSE« suchte er nach einer schwebenden, geheimnisvollen und ätherischen Stimme. Und wurde bei seiner kleinen Schwester Kristine fündig. Im sehr feinen Track »Hver Natt« (jede Nacht) zieht einem diese Stimme wie eine Wassernymphe in lichtblaue Tiefen. Mädchenhaft klingt diese Stimme, aber keinesfalls naiv. Da steckt eine zarte Kraft dahinter! Der nixenhafte Charme dieser Stimme kontrastiert wunderbar mit den unberechenbaren elektronischen Störgeräuschen des Songs. Der sich wunderbarerweise nicht zwischen Eleganz und Lo-Fi-Attitüde entscheiden kann. Die Grundrichtung ist klar: Eigenwilliger Shoeganze-Dreampop. Aber mit vielen Widerhaken! Und Hartgen will sich sowieso nicht mit Klein-Klein zufriedengeben und bezeichnet den eigenen Stil selbstbewusst als »Future Pop«. Auch eine Ansage!

Burning God Little werkelt seit Jahren an den Rändern der experimentierfreudigen norwegischen Elektronikszene herum und ist inzwischen von Tromsø nach Oslo gezogen. Der Masterplan könnte durchaus so aussehen, dass er die Massen mit einer Mischung aus elektronischer Verspultheit und großäuiger Popverliebtheit zum Tanzen bringen will. Und ganz nebenbei will Hartgen offenkundig noch beweisen, dass Euphorie und Eigentümlichkeit bestens zusammengehen! Weil diese Töne zwar durchaus komplex, aber überaus infektiös daherkommen. Offenkundig íst die anarchische Energie der respektlosen Fröhlichkeit im Elektronik-Dancepop bislang noch gänzlich unterbewertet!

01. März 2015

Gehobene Melancholie mit Simen Mitlid

Dass norwegische Musiker Meister der gehobenen, verlangsamten Melancholie sind, wissen wir spätestens seit den Kings Of Convenience. Ein junger Mensch aus dem Örtchen Os in Østerdalen mit dem schönen Namen Simen Mitlid macht sich nun daran, die Schönheit der ruhigen Töne zu entdecken. Eine sanfte Nachdenklichkeit prägt diese traumverlorenen Tracks, in denen Mitlid seine Gedanken zur Gitarre schweifen lässt und sich dabei alle Zeit der Welt nimmt. Es sind die kleinen Dinge, von denen der Musiker mit feiner Beobachtungsgabe erzählt. Große Gesten hat er nicht nötig. Es geht hier um Zwischentöne. Und die scheinbar belanglosen Dinge, die uns das Herz brechen, wenn wir uns mit den Frösten des Erwachsenenlebens auseinandersetzen müssen. Mitte Februar hat der Jungspund beim norwegischen Label Koke Plate die EP »WHILE WE WAIT« vorgelegt, wo sich der sehr schöne Track »Thoughts« findet. Auf der Mitlid Assoziationen an gehobene Americana-Gefühle entstehen lässt, aber ebenso klar macht, dass er dem melancholischen Pop keineswegs abgeneigt ist. Es geht auch flotter auf den weiten Weiden des norwegischen Hinterlandes!

Verwirrung als kreative Energie nutzen: Auf diese Idee muss man erstmal kommen. Und seinen Frieden damit schließen. Simen Mitlid singt mit heller, empfindsamer Stimme von kleinen Niederlagen und dem Verteidigen der eigenen Träume. Im sehr feinen Video zu »Pictures From The Past« klingt der junge Mann an Stellen wie Teitur in seinen Anfangstagen. Was keine schlechte Referenz ist! Ein nostalgischer Blick zurück? Ach nein, lieber eine sanft schmerzende Sehnsucht nach etwas, das sich sowieso nicht so richtig benennen lässt. Für das Video wurde ausschließlich historisches Bildmaterial verwendet. Und zu diesen Klängen entwickelt sich eine ganz eigene Poesie. Unter den vielen jungen skandinavischen Singer-Songwritern ist Simen Mitlid eine Stimme, die sich schwerelos vom Gros der Mittelmäßigen abhebt.

 
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