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Foto nordische Landschaft

15. Juli 2007

Die Lieblingsurlaubsplatte: Sister Flo entdecken das Glück

Wer länger in die Sommerferien verreist, der kennt das Phänomen: Zwar hat man für lange Autofahrten vorsorglich einen Riesenstapel CDs für alle Gemütslagen eingepackt. Aber es gibt immer diese eine Platte, die sich als Favorit entpuppt, unentbehrlich wird, praktisch ununterbrochen läuft und in der Erinnerung noch Jahre später untrennbar mit dem Sommer dieses Jahres verbunden sein wird. Den Soundtrack für die Skandinavienfahrt 2007 steuern Sister Flo aus Finnland mit ihrem neuen Album »THE HEALER« bei.  Wie das Quintett aus der Kleinstadt Riihimäki es schafft, aus seiner verschrobenen Liebe zu vielerlei Herzenskrankheiten, aufschimmernden Todesphantasien und allerlei Nekrophilie ein herzzereißend zärtliches und zutiefst heiteres Album zu schaffen, ist ein kleines Wunder. Dieses selbstbewusst eigenwillige, angenehm widerborstige, zutiefst zeitgeistabgewandte und souverän uncoole Album setzt ein Ausrufezeichen in einer Welt selbstverliebter Popegomanie.

Allein wie die Band im Titelsong »The Healer« unversehens das Glück entdeckt; plötzlich Flügel bekommt und abhebt ist so überzeugend, dass das Stück derzeit das allerschönste Lied auf der ganzen Welt ist. Oder »Hyvinkää«, wo es schon wieder ums Verlassen, Abschiednehmen und ums Sterben geht – von Sänger Samae Koskinen  auf seine unnachahmlich nuschelige und zurückgenommene Weise interpretiert, entwickelt eine Wärme, die Lächeln macht. Als es mir dann bei einer Fahrt an der westfinnischen Küste endlich dämmert, dass es sich bei Hyvinkää um eine Kleinstadt gleichen Namens handelt, ist es sowieso um mich geschehen. »Hyvinkää, 126 km« steht auf dem Straßenschild. Zu dem Song gibt es ein sehr eigentümliches Video um einen verzweifelnden Weihnachtsmann. Einige Songs des neuen Albums sind auf der myspace-Seite von Sister Flo zu finden.

Ebenfalls immer in Griffweite sind Cats On Fire und »THE PROVINCE COMPLAINS«. Überraschenderweise sitzt Sänger Mattias Björkas (Foto) des Mittags in der Cafeteria der schwedischen Uni in Turku und trinkt Kaffee.  Allerdings sieht er so blasiert aus wie der Urenkel von Oscar Wilde, dass ich es mir verkneife, auf ihn zuzugegen, ihm zu danken und zu sagen, dass das Album ein ständiger Begleiter ist. Und auf dem  Lieblingsstapel ist auch »GIVE ME BEAUTY – OR GIVE ME DEATH« von EF zu finden, bestens geeignet für skandinavische Regennachmittage. Wunderbarerweise spielt die Band ausgerechnet an einem der drei Tage, die ich in Göteborg verbringe. Vor Heimatpublikum agieren die Fünf noch intensiver, zarter, konzentrierter und leidenschaftlicher als letztens beim Karlsruher Konzert. Das Herz schlägt schneller.

Mehr zum Ruisrock Festival 2007 bald. Deutsche subtropische Hitze ist überaus gewöhnungsbedürftig.

08. Juni 2007

Huuhkaja! Wie ein Uhu ein Fußballspiel entscheiden kann

»Huuhkaja! Huuhkaja!« könnte sich zum neuen Favoriten unter den Fangesängenn finnischen Stadien etablieren. Dass die finnische Fußballnationalmannschaft der Männer im Qualifikationsspiel gegen Belgien ihre theoretische Chance gewahrt hat, im kommenden Jahr zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft teilzunehmen, hat das Team  nicht zuletzt dem spekakulären Auftritte eines riesigen Uhus (Huuhkaja in der Landessprache) im Olympiastadion zu Helsinki zu verdanken.

Der imposante Uhu (Flügelspannweite zwei Meter) meinte zur Mitte der ersten Halbzeit, dass das bis dahin torlose finnische Team die Unterstützung der heimischen Fauna dringend nötig hatte. Wíe der Helsingin Sanomat berichtet, flog der im offenkundig im Olympiastadion lebende Nachtvogel mit mächtigem Flügelschlag vom Dach aufs Spielfeld, um sich ein genaues Bild von den Geschehnissen auf dem Rasen zu machen.  Der britische Schiedsrichter Mike Riley unterbrach die Partie. Keiner der Fussballer wagte sich in die Nähe des mächtigen Vogels (lateinisch Bubo Bubo), der es immerhin auf eine Größe von deutlich über einen halben Meter bringt. Eine rote Karte gegen das Tier hätte wohl wenig genutzt. Die belgischen Spieler staunten, die finnischen grinsten, und die 30.000 Zuschauer sangen begeistert einen neuen Song: »Huuhkaja! Huuhkaja«! Der Uhu ließ sich nicht lumpen, kreiste lässig über das Spielfeld und ließ sich theatralisch nacheinander auf beiden Toren nieder, bevor er schließlich in einigem Abstand im Seitenaus verharrte und die Partie weitergehen konnte. Wenig später schoss Johansson für Finnland zum 1:0 ein.

Der Uhu verschwand dann zur zweiten Halbzeit, hatte sich aber als Glücksbringer und wichtigster Mann auf dem Platz bereits in den finnischen Herzen unsterblich gemacht. Die Gastgebeber gewannen mit 2:0. Auf Youtube gibt es wunderbare Amateurvideos mit dem Helden des Abends in der Hauptrolle zu sehen.

Die Fotos haben Markus Jokela und Sami Keros vom Helsingin Sanomat gemacht.

04. Juni 2007

Was bleibt vom Stapel? Rubik, ganz klar!

Der Stapel mit den für »Nordische Musik« zu besprechenden CDs auf meiner Anlage wird irgendwie nie richtig kleiner. Der aktuelle Stapel liegt rechts, die Dauerbrenner an älteren Alben links. Auf dem »Altstapel« sammelt sich bisweilen der Staub. Schöne Ordnung. Aber Spaß machts! Sind die Scheiben besprochen, wandern sie ziemlich häufig in die Ablage unten im Regal, knapp über den alten Joggingschuhen. Nur einige wenige schaffen es jeden Monat an den exklusiven Platz, wo die überlebensnotwendigen Aufnahmen stehen.

Es gibt jede Menge mediokre Musik. Es gibt peinliche, selbstverliebte, langweilige und einfach schlechte Aufnahmen. Aber, hurra! Es gibt natürlich auch die guten. Und im idealen Fall ist es schon beim Reinhören der Beginn einer kleinen Liebesaffäre. Das kommt aber nicht zu häufig vor.  Und damit komme ich endlich zum Punkt: Unter die fünf, sechs, acht bisherigen Lieblingsplatten dieses Jahres haben sich die finnischen Indierocker Rubik mit ihrem Debütalbum »BAD CONSCIENCE PATROL« gespielt: Ungestüm, leidenschaftlich, mit dem Potenzial, unwiderstehliche Mitsing-Klassiker zu schreiben. Es sind zwei, drei RICHTIG grandiose Songs auf dieser Platte, die souverän mit allem spielt, was zwischen Rock und Prog und Glam und keybardverliebter Experimentierlust angesiedelt ist. Eine echte Entdeckung!

Rubik – und dabei komme ich endgültig zum entscheidenden Detail! – sind in dieser Woche zum ersten Mal überhaupt auf Deutschland-Tour. Live soll die Band sehr, sehr überzeugend sein, sagen meine finnischen Freunde unisono. Und die müssen es ja wissen.

Damit es den Jungs aus Helsinki nicht so ergeht wie letztens den famosen Synthierockern 120 Days aus Norwegen, die ihr erstes Konzert in Deutschland vor zwöf bis 15 Leutchen in Köln spielten, versteige ich mich hier erstmals zu einem Veranstaltungstipp:

Rubik spielen  am 5. Juni im Magnet in Berlin, am 6. Juni im Blue Shell in Köln, am 7. Juni im Elfer in Frankfurt, am 8. Juni im NATO in Leipzig und am 10. Juni im Haus 73 in Hamburg. Bisschen mehr als zwölf Besucher pro Abend wäre den Jungs zu gönnen.  

30. Mai 2007

Norwegen, sehr charmant: Sondre Lerche

Wie viele charmante Norweger kennen wir? Eine Minute lang intensiv überlegt und dann zum Schluss gekommen: Keinen einzigen! Dieser Missstand ist jetzt endlich aus der Welt. Sondre Lerche, der Poptroubadour aus Bergen, ist uns im Frankfurter Cooky´s erschienen und hat uns doch mit diesem Kinderschokolade-Lächeln, seinen verspielten Songs und mit den launig-augenzwinkernden Zwischenansagen in Nullkommanix um den kleinen Finger gewickelt.  Und nicht nur das: Er hat diese Mädchen dazu gebracht, direkt vor der Bühne Discofox zu tanzen und dabei äußerst abenteuerliche Figuren auszuprobieren. Das haben wir in diesem grundunsympathischen Club noch nie erlebt!

 Sondre hat seine Band Faces Down mitgebracht, um den rockigeren Songs des neuen Albums »PHANTOM PUNCH« eine gehörige Dosis Düsentrieb zu verleihen. Und das funktioniert so gut, dass selbst das legendär stoffelige Frankfurter Publikum ins Swingen gerät. Sich ein lebhafter Austausch zwischen Bühne und Bar entspinnt. Sondre ist ein Strahlemann, der geradewegs aus einer besonders glücklichen Ecke des Pophimmels ausgebüxt sein muss, um uns mit seinem Kulleraugen und seinen Händchen für seligmachende Popmelodien die Röte in die Wangen zu treiben. Hach! Irgendwie ist an diesem Kindchenschema-Ding doch etwas dran. Obwohl es draußen dauerregnet, geht hier drinnen gerade noch mal die Sonne auf.

Und die Norweger! Die gesamte norwegische Population Frankfurts muss sich an diesem Abend im Cooky´s versammelt haben, um in der hessischen Fremde in Heimatgefühlen zu schwelgen.  Die Nordmänner und -frauen konsumieren eifrig das grotesk überteuerte Bier im Cooky´s (der Preis bewegt sich auf dem Niveau von Oslo!) und werden im Laufe des Konzerts immer zutraulicher. Sie wagen sich zur ersten Zugabe sogar auf die Tanzfläche, wo sie freundschaftlich mit den Discofox-Mädels kollidieren.  Schön! Kollektives Grinsen auf allen Gesichtern. Herr Lerche verabschiedet sich mit einem ruhigen, akkustischen Song. »Schön, dass ihr heute alle bei mir auf dem Konzert wart und nicht bei Justin Timberlake!«, bedankt er sich zum Abschluss. Gern geschehen, Sondre! Wir hatten bestimmt sehr viel mehr Spaß als das Feuerzeuge schwingende Publikum in der Festhalle. Wenig später sitzt der junge Musiker neben seinem großen Bruder am Merch-Stand und wappnet sich gegen den Ansturm all der kleinen und großen Mädchen, die ihre CDs von ihm signieren lassen wollen.

Ach ja, und der Charmefaktor. Noch was passiert an  diesem Abend: Sondre schafft es mit seinem Konzert auf Anhieb, sich gleich in die erste Liga der skandinavischen Pop- und Singer-Songwriter-Charmeure in meinem musikalischen Universum zu schieben. Gleich hinter Teitur von den Faröern und Janne Laurila aus Finnland!

20. Mai 2007

Grey’s Anatomy oder: Frau Patsavas liebt skandinavischen Indiepop

Wenn in Filmen der Abspann läuft, erscheint irgendwann unter ferner liefen der/die Music Supervisor. Das sind die Leute, die die passenden Songs zum Film auswählen. Die etwa dafür verantwortlich sind, dass im britischen Gangsterfilm Layer Cake der Held im Sportwagen zum Treffen mit dem Big Boss fährt und punktgenau The Cults »She Sells Sanctuary« einsetzt. Das lässt einem fast aus dem Kinosessel hochspringen, so gut ist das. Music Supervisor sind die Leute, die ganz zum Ende im ironischen  Seeforscherdrama Die Tiefseetaucher dafür sorgen, dass sich die Crew zu den Klängen von Sigur Ros´ (Foto) »Staralfúr« endlich wieder liebhat. Atemberaubend schön.

Was für ein Leben. Music Supervisor verdienen ihr Geld damit, den lieben langen Tag Musik zu hören und über den perfekten Song für die jeweilige Szene nachzudenken. Sich im Team mit den Drehbuchschreibern und Produzenten darüber abzustimmen, welches die optimale Lösung für den Soundtrack ist. Die Wahl kann und muss sogar manchmal unorthodox ausfallen.

Music Supervisor hinterlassen ihre Spuren auch in Fernsehserien. So ist die Jugendseifenoper O.C. California dafür bekannt, dass ihre Music Supervisorin Alexandra Patsavas ein ausgesprochener Indiepop-Fan ist. Patsavas hat es fertiggebracht, Tiger Lous (Foto) Song »Warmth«  zur besten Sendezeit zu spielen. Allein dafür liege ich ihr schon zu Füßen. Die Dame ist auch Music Supervisor unserer derzeitigen Lieblingsseifenoper Grey´s Anatomy, einem ironischen Dramolett um die erotischen Liebeswirren aufstrebender Assistenzärzte.

Patsavas hat weiterhin ein ausgesprochenes Faible für skandinavischen Pop. Seit in der letzten Folge von Grey´s doch tatsächlich Peter Bjorn and Johns Sommerhit »Young Folks« erklang, ist Bestandsaufnahme angesagt. Eine kleine Recherche erbringt, dass sich diese Music Supervisorin erstaunlich gut auskennt mit Pop aus Schweden, Norwegen und Island. Die Cardigans werden ebenso zur musikalischen Untermalung der melodramatischen Amouren im Krankenhaus gespielt wie die Legends oder die Moonbabies. Schöne, traurige Frauenstimmen stehen ganz weit oben in der Gunst von Patsavas. Emiliana Torrini, Susanne And The Magical Orchestra (Foto)  mit dem wunderbaren Joy-Division-Cover »Love Will Tear Us Apart« und völlig unangefochten an der Spitze: Die norwegische Chanteuse Kate Havnevik , die bislang fast zehn Songs zur Serie beigesteuert hat. Neuerdings hat Patasvas The Whitest Boy Alive und vor allem die Labrador-Labellieblinge Mary Onettes zu Grey´s beigesteuert.

Schau einer an, und wir dachten, die Amerikaner hätten keine Kultur! Nur noch ein kleiner Tipp, Frau Patsavas: Auch in Finnland gibt es wunderbaren Indiepop! Wenn Sie mal eine Anregung brauchen: Mail an mich genügt!

Wer jetzt genau wissen möchte, wie er oder sie am besten Music Supervisor wird, ob man das studieren kann und dazu Tipps von der Expertin selbst bekommen will: Alexandra Patsavas hat inzwischen ihr eigenes Plattenlabel gegründet (!)  und gibt auf ihrer myspace-Seite ausführlich Auskunft über ihre Karriere.

 
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