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Foto nordische Landschaft

03. Februar 2018

The Winter Of My Discontent: Eurosonic 2018

Jetzt sind schon fast zwei Wochen ins Land gegangen, und ich habe immer noch kaum etwas über dass Eurosonic Festival in Groningen geschrieben, mit dem das Konzertjahr traditionell eingeläutet wird. In der nordniederländischen Stadt ist es Mitte Januar allein aus jahreszeitlichen Gründen recht ungemütlich, aber Gräue, Glätte, Kälte, Schneetreiben und schiefergraue Himmel gehören zum Eurosonic quasi dazu. Wie jedes Jahr präsentierten sich hier Anfang des Jahres die viel versprechendsten europäischen Newcomermusiker und hoffen darauf, bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was schwierig ist angesichts der Fülle der auftretenden Bands, von denen man selbst bei bestem Willen nur einen Bruchteil live sehen kann. Denn die Venues liegen zum Teil weit auseinander und bei ekligen Graupelschauern überlegt man es sich drei Mal, bevor man einen gemütlichen Club verlässt und eine Viertelstunde ans andere Ende der Innenstadt radelt. Realistisch gesehen wird nur ein sehr, sehr geringer Teil der hier auftretenden Bands den Durchbruch schaffen. Einige wenige werden gehypt. Der Rest verschwindet wieder in der Versenkung und begnügt sich mit kleinen Erfolgen auf den heimischen Musikmärkten. Der Grund, warum ich bislang nichts schrieb, hat nichts mit diesen Überlegungen zu tun. Sondern mit der Tatsache, dass nur sehr, sehr wenige der Bands, die ich auf dem Eurosonic hörte, Eindruck hinterlassen haben. Zu viel Durchschnittskost dabei. Und manche Band, die ich im Polarblog in der Vergangenheit lobend erwähnte, erwies sich live als unglaublich fade und beim Beherrschen der Instrumente auf Schülerkapellen-Niveau.

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20. November 2017

Kein blöder Nöler: Nicky William

Klampfende Singer-Songwriter gibt es zuhauf. Mitunter beschleicht einem das Gefühl, dass jeder blasse, bärtige junge Mann, der drei Akkorde klampfen kann, wehleidig den Mond anheult und die Welt an seinem persönlichen Elend teilnehmen lässt. Das klingt im Ergebnis häufig sehr belanglos, im schlimmsten Falle peinlich und noch öfters grauenvoll langweilig. Ich muss gestehen, dass ich in den vergangen Jahren eine gewisse Singer-Songwriter-Allergie entwickelt habe und mit zunehmender Ungeduld auf schüchterne Nöler reagiere, die das Publikum mit ihrem emotionalen Klein-Klein quälen und sich heimlich alle für den jungen Bob Dylan halten. Hinweg mit Euch, ihr Zeitdiebe! Nölt zuhause rum, da stört ihr keinen! Wer noch genauer wissen will, was ich meine, wird mit diesem ausführlichen Post zum Thema bestens bedient!

Umso erfreulicher ist es, wenn auch einmal ein Liedermacher daherkommt, der nicht über eine sehr spezielle Stimme verfügt, sondern auch ein Händchen für gute Melodien, und, noch viel wichtiger, einen Sinn für Selbstironie hat! Nicky William heißt der Nachwuchstroubadour aus dem schwedischen Städtchen Oxelösund, der auf Beschaulichkeit im wahrsten Sinne des Wortes pfeift und im zarten Alter von 19 Jahren bereits über eine Stimme verfügt, die allen Ernstes an den jungen Johnny Cash erinnert. Natürlich geht es auch im musikalischen Kosmos von Nicky William um verkorkstes Liebesleben und andere Fallstricke des modernen U-20-Lebens. Aber der Jungbarde verfügt zur Entlastung über einen gewissen Glamour-Faktor, der vielen Singer-Songwritern bestens zu Gesichte stehen würde. Merke: Auch Liedermacher dürfen einen schicken Haarschnitt haben, darunter leidet die Glaubwürdigkeit keineswegs! Und noch was: Während viele Nöle-Klampfer meinen, dick auftragen zu müssen und ihren tiefempfundenen Seelenschmerz mit einer Verve herausheulen, als lägen sie in den Presswehen, so hat dieser junge Mann bereits verstanden, dass Zurückhaltung durchaus ein hehrer Wert ist. »Hurricane«, die neue Single von Nicky William, ist angenehm entspannt, leicht verschmitzt und auf angenehme Weise melodieverliebt. Das Debütalbum »SET YOUR LOVED ONES FREE, WE HAVE YOU SURROUNDED« ist in Mache und hält hoffentlich das bisherige Niveau!

13. November 2017

Death Pop passt in den November, Agent Blå!

Eigentlich müssten Agent Blå den perfekten Soundtrack für den November liefern: Die Schweden bezeichnen den eigenen musikalischen Stil als »Deathpop«. Hört sich so weit so düster an, aber völlig dunkelschwarz kommen diese fünf dekorativen Jungmenschen aus Göteborg erfreulicherweise nicht daher. Es ist eher dunkel treibender Wave-Rock, der sehr an die großen britischen 80er-Verzweiflungs-Kapellen wie Echo & The Bunnymen erinnert, was nicht die schlechteste Referenz ist. Erfreulicherweise fällt die Stimmungseintrübung sehr verhalten aus. Denn irgendwie platzen diese Sounds vor emotionaler Dringlichkeit und dunklem Überschwang aus allen Nähten. Insgesamt sind es aber doch sehr leichtfüßige, melodische Klänge, welche das Quintett auf seinem Debütalbum »AGENT BLUE« volller Energie zelebriert, trotz der nervösen Teenage Angst, die man hier versprüht. Merke: Dunkelblau ist das neue Schwarz!

Shoegazige Gitarren stechen wie die Wespen, und darüber liegt die helle Stimme von Sängerin Emelie Alatalo, der man Empfindsamkeit und Leidenschaft gleichermaßen abkauft. Thematisch geht es hier um das unerschöpfliche Sujet der »giftigen Freundschaften und der jungen Liebe«. Bei den Schweden klingt der sattsam bekannte Vorgang um Liebe und Verrat sehr frisch, sehr direkt. An der Liebe verweifeln tun diese Nachwuchskräfte jedenfalls nicht! Die Redakteure von Bandcamp haben Agent Blå schon mal vorsorglich zur Zukunft des schwedischen Indiepop ausgerufen. Der Saga nach haben sich die fünf Bandmitglieder ihre Instrumente erst selbst beigebracht, nachdem man beschlossen hatte, eine Bandprojekt aus der Taufe zu heben. Dafür klingen die Jungspunde aber schon ganz schön professionell! Das atemlose »Derogatory Embrace« ist jedenfalls schon mal eine sehr anständige Visitenkarte, die ihr hier abliefert, Agent Blå!

(Foto: Hilda Randulv)

04. Oktober 2017

Das traurigste Mädchen Schwedens: Sarah Klang auf dem Reeperbahn Festival 2017

Wenn man Sarah Klang lauscht, dann könnte man glatt auf die Idee kommen, dass sie das traurigste Mädchen Schwedens ist: So jung und schon so desillusioniert! Mit einer Stimme, die warm und lebenserfahren klingt. Und wenn man die Augen schließt und nur lauscht, dann könnte man meinen, dass die junge Frau aus Göteborg ihre prägenden Jahre in den USA verbracht hat. Dem ist aber mitnichten so. Zu ihrem Auftritt beim Reeperbahn Festival in der knallvollen Pooca Bar trägt Sarah Klang ein weißes Kleid. Größer könnte der Gegensatz zu ihren melancholischen, countryesken Balladen kaum sein! Die tiefe Traurigkeit des Blues schwingt hier ebenso mit wie die schwül-düstere Popmusik der 80er Jahre.

Um Bühnenpräsenz muss sich die Schwedin an diesem angenehm milden Abend nicht bemühen: Sie hat sie einfach. Einfühlsam unterstützt von ihrer Begleitband taucht Sarah Klang ab in düstere Gefühlswelten, die von zerbrochenen Beziehungen und schmerzhaften Abschieden künden. In innigen und doch opulenten Track “Strangers” geht es um eine gescheiterte Beziehung – und um die Belastung, dem Ex in der Kleinstadt fast täglich über den Weg laufen zu müssen. Unschön, das! Mit der privaten Sara hat dieser Seelenjammer allerdings nichts zu tun: Sie ist mit einem ihrer Bandmitglieder glücklich liiert, erzählt sie beim Konzert. Aktuelles Liebesglück und Herzschmerz in den Songs beißen sich also keineswegs! Von Sarah Klang dürften wir noch hören in den kommenden Monaten: Sie hat eben einen Plattenvertrag beim Hamburger Label Ferryhouse unterschrieben und bringt Anfang 2018 hierzulande ihr Debütalbum heraus.

(Foto: Linnéa Wilhelmsson)

30. August 2017

Summer Breeze 2017 – Samstag: Auf Händen getragen

Frühester Arbeitsbeginn des diesjährigen Summer Breeze. Die Veranstalter haben um elf Uhr zur jährlichen Pressekonferenz geladen – und hier sind ein paar Zahlen-Daten-Fakten rund ums Festival:

Dieses Jahr sind 40.000 Besucher anwesend. Aus den beiden Hauptbühnen wurde die Summer Breeze-Stage; sie besitzt die größte transportable Drehscheibe Europas auf einem Open-Air-Festival mit 20 Metern Durchmesser. 27 Kilometer Bauzaun wurden im Vorfeld aufgebaut.

Natürlich wird auch über das Unwetter von gestern gesprochen. Die gute Nachricht ist, dass es nicht so schlimm war wie befürchtet; niemand kam zu Schaden. Zwischendurch haben wir Mühe, die Antworten der Veranstalter zu verstehen: Auf der SB-Stage legen die Excrementory Grindfuckers dermaßen laut los, dass Veranstalter Achim Ostertag sanft grinsend ein »wen hab ich da gebucht?« entfährt.

Im Anschluss an die Pressekonferenz hätten wir uns mehr Zeit lassen sollen auf dem Weg zur SB-Stage. Primal Fear (D) liefern ein schauriges Gejaule ab, aber da müssen wir durch. Denn Delain (NL) spielen nach ihnen. Bei den Holländern sind ausgesprochen viele Männer anwesend. Muss wohl an den schönen Frauen auf der Bühne liegen – oder doch an der Musik? Frontfrau Charlotte Wessels versteht es jedenfalls das Publikum mitzureißen.

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