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Foto nordische Landschaft

01. Dezember 2011

Auf eine blaue Stunde mit Immanu El

Blau ist die Farbe der Romantik. Das wissen Immanu El ganz genau. Die Bühne im Offenbacher Hafen2 ist an diesem Abend in einem intensiven Dunkelblau ausgeleuchtet. Ein idealer Ausgangspunkt, um die Augen staunend zu öffnen und die Gedanken ziellos schweifen zu lassen. Sich mit den Schweden auf die Suche nach der blauen Blume zu machen. Nach der ultimativen Schönheit also, die sich tief im Wald versteckt hat und nur von dem gefunden wird, dessen Herz ohne Arg ist. Diese Gralssuche übt einen unwiderstehlichen Reiz aus, weil sie sich endlos hinzieht und das Unterwegssein das Ziel ist. Klingt abgehoben? Die Band um die Strängberg-Zwillinge Per und Claes, die sich weiträumig unter dem Banner des Postrock sammelt, hat für einen allzu ausgetüftelten ideologischen Überbau nur ein Achselzucken übrig. Sie wollen vor allem schwelgen und sich in schimmernden Sehnsuchtswelten verlieren.

Zwischen Immanu El und EF aus Göteborg gab es ganz zu Beginn noch einige personelle Überschneidungen, doch inzwischen geht man nach diversen Umbesetzungen völlig getrennte Wege. Hatten EF ihre »kleinen Brüder« zunächst noch lächelnd in die Popecke gestellt, so trifft das heute nur noch ein Drittel der Wahrheit. Immanu El verlieren sich mit Vorliebe in ausufernden Songstrukturen, die sich harmonisch ineinander verschlingen wie Kunststickereien, die aus vielen kleinen Fäden ein flüchtiges Aufblitzen von Harmonie ergeben, je nach Lichteinfall. Sanftheit ist der Monarch, der im Königreich der fünf Jungspunde regiert. Ein liebeskranes Piano leidet. Die Gitarren legen repetitiv ausgefeilte Harmonien darüber. Und wie Wolken am spätnachmittäglichen Herbsthimmel verlieren sich die sanft nuschelnde Stimmen der Gebrüder Strängberg darüber. Für die dieser Auftritt im wohlgefüllten Hafen2 ein besonderer ist: Zwillingsgeburtstag heute! Ein Ständchen für »dear Per and Claes« aus dem (weiblichen) Teil des Publikums rührt die beiden Blondschöpfe dann doch.

Sarkastisch aufgelegte Zeitgenossen mögen die Musik von Immanu El als grenzwertkitschig bewerten, denn die seufzende Hingabe an ein unbekanntes Wunderland oder ferne Idealwelten spielen für die Schweden eine zentrale Rolle. »IN PASSAGE« heißt ihr neues, feines Album, auf dem sie mit dem Boot hinaus in die blauen Wasser der Ozeane stechen, großäugig, in Erwartung herzzreißender Begegnungen mit allen Circen und Zauberern dieser Welt. Aber eigentlich kommt es nie zur Klimax, das lockende Vorspiel ist es, was die Schweden reizt. Das Sich-Ergeben und im sanftesten Mahlstrom hin in unbekannte, blaue Tiefen ziehen zu lassen von den lockenden Melusinen. Sie werden noch lange davon singen, in Songs, die in Schönheit dahinsinken, wie der hingebungsvollen Hymne »On Your Shoulders« oder dem fahnenflatternd romantischen »Skagerak«. Hach! Man ergibt sich, sinkt mit der Wange an die nächste einladende Schulter und schließt die Augen.

IMMANU EL NEW ALBUM ‘IN PASSAGE’ (VISUAL) from IMMANU EL on Vimeo.

(Foto: Per Möller)

26. November 2011

I don´t know, but I think we have to walk: Solander live in Darmstadt

Bloß nicht stehenbleiben. Bloß nicht auf der Stelle treten! Unterwegs sein! Solander tun dies, und nicht nur musikalisch. Spät abends um viertel nach elf spielen die Schweden im neogotischen Schauerschloss Oetinger Villa in Darmstadt das letzte Konzert ihrer aktuellen Tour. Irgendwie erschöpft, aber trotzdem euphorisiert. Verhalten fangen sie an, aber treffen von Anfang an als Kollektiv den warmen Ton des Cellos von Anna Linna. Kaum ein Blick geht zurück in Richtung Weltschmerz-Folkpop des ersten Albums: Die Fünf spielen fast ausschließlich die Songs vom sehr feinen Zweitling »PASSING MT. SATU«, bei dem Mastermind und Sänger Fredrik Karlsson die Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brechen lässt. Trotziger ist, selbstbewusster ist. Der Blick richtet sich nicht hinunter auf die Schuhe, sondern schweift neugierig in den Raum. Es könnten sich ja neue Möglichkeiten ergeben! Von ihrer Zärtlichkeit wollen sie etwas abgeben!

Dass derzeit Doppelstudienjahrgänge die Hochschulen überrennen, das muss für Musiker kein Nachteil sein: Erfreulich voll ist es an diesem Abend in der Villa, ein sehr junges Publikum, das andächtig auf dem Boden sitzt, artig aneinandergelehnt, und aufmerksam lauscht. Girrenden Glockenspiel, sehnsüchtigem Cello, puckernden Banjos. Und darüber liegt die Stimme von Karlsson, der es längst nicht mehr nötig hat, sich unter einer roten Basecap schüchtern zu verstecken. Der die Zwischentöne liebt und den Zweifel. Und die bescheidene Variante der Euphorie. Der die kleinen Geschichten erzählt, vom Vielleicht-Scheitern und Gegen-Wände-Rennen, aber vor allem: Vom Trotzdem-Tun. Es ist irgendwie heimelig in der Welt von Solander, aber nie zu sehr, dass man sich wirklich sicher sein könnte. Eine kleine, beunruhigende Unterströmung zieht sich die Songs. Es kann auch sein, dass wir ertrinken. Vielleicht. Wir sollten in Bewegung bleiben. »I don´t know, but I think we have to run«, heißt es im vielleicht schönsten Song des zweiten Albums, »The Garden«.

Karlsson flirtet verhalten mit dem Publikum und ist zum Schluss so angetan vom sorgsam lauschenden Zuhörern, dass er sich nach dem Gig mit interessierten Konzertgängern am riesigen Marmorkamin der Villa treffen will. Morgen sind sie wieder unterwegs, die Schweden, und fahren endlose 1.500 Kilometer nach Hause, nach Malmö. Und die Polarnbloggerin radelt endlich einmal nach Hause von einem Konzert und friert trotz Beinahe-Minusgraden fast gar nicht, weil diese Musik noch lange nachwärmt.

Foto: Ola Lindgren

19. November 2011

Alle Jahre wieder: Nordische Weihnachten im »Süden« 2011


Lucia-Weihnachtsmarkt, Kulturbrauerei (Berlin) © Foto: Jochen Loch

Wer nordische Weihnachten erleben will, hat auch im Jahr 2011 die Wahl zwischen dem Berliner Lucia-Weihnachtsmarkt und den bereits fest etablierten finnischen Weihnachtsdörfern in Stuttgart, Hannover oder Leipzig. Ferner gibt es diverse mehrtägige nordische Weihnachtsbasare, wie in Frankfurt oder Hamburg.

Lucia Weihnachtsmarkt in Berlin

Alle Jahre wieder… gibt es den Lucia Weihnachtsmarkt in Berlin: 2011 gastiert er von Montag,  21. November bis Sonntag, 22. Dezember in der Kulturbrauerei (Prenzlauer Berg). Das burgartige Bauensemble der Kulturbrauerei mit seinen Höfen ist die malerische Kulisse für diese kleine nordische Weihnachtswelt, die jeden Tag ein kulturelles Programm bietet.

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11. November 2011

Neckbreakers Ball 2011: Dark Tranquillity im Stuttgarter LKA

… alle Monate wieder feiern Rockthenation im Stuttgarter LKA ein Festival: Nach dem Heidenfest Anfang Oktober locken am 7. November 2011 die Doppelheadliner Dark Tranquillity / Eluveitie Freunde härterer Klänge in die Landeshauptstadt.

Leider haben im Vorfeld die angekündigten Death Angel abgesagt – die Westküsten-Metaller touren wohl lieber mit Anthrax und Testament) – und wurden nur notdürftig durch die Schweizer mit dem »lustigen« Namen Gurd ersetzt. Geplant hatte ich nach den finnischen Omnium Gatherum und Gurd rechtzeitig zum Auftritt der dänischen Mercenary da zu sein; doch dank widriger Umstände kam ich erst zur Umbaupause für den Auftritt Vargs.

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16. Oktober 2011

We´ll be singing songs! Iceland Airwaves 2011

Wie wunderbar! Eine Band genau dort ankommen zu sehen, wo sie hingehört: In einen Saal mit bester Akustik und um die 500 aufmerksam lauschenden und leicht zu euphorisierenden Zuhören. Auf der Bühne: Vier junge Dänen mit verklärten Gesichtern: Treefight For Sunlight. Die Größe des Raums kommt dieser bewusst dick aufgetragenen, sentimentalen Reise durch plüschige Emotionen ungemein entgegen. Ihre Glitzerball-Discohymne »What Became Of You And I« tönte hier dem Iceland-Airwaves Festival vor Konzertbeginn aus jedem zweiten Lautsprecher. Treefight For Sunlight haben hier endlich den Raum, ihren Falsett-Schöngesang sich majestätisch entwickeln zu lassen. Und sie nutzen ihn mit Verve. »Ach, so muss das richtig klingen!«, denkt man erstaunt, wenn man die Band bislang nur in kleinen Clubs mit niedrigen Decken erlebt hat. »We´ll be singing songs!« , stellten die Dänen so einfach wie selbstverständlich klar.Der große Saal im Harpa kocht über, als Treefights mit ihrem Cover von Kate Bushs »Wuthering Heights« überraschen und singt textgenau mit. Selbst diejenigen, die 1978 noch lange nicht geboren waren! Überhaupt ist der Airwaves-Samstag der Tag der Dänen.

Denn ganz spät zettelt die blutjunge dicke-Lippe-Retropunktruppe Iceage im bereits schweiß- und biertriefenden Club Gaukur Á Stöng mächtig Randale an mit ihrer präzisen und gleichzeitig anarchischen Mischung aus Old-School-77, Goth und Hardcore. Kein Song, der die Drei-Minuten-Grenze überschreitet. Kein Song, in dem sich der Dennis-The-Menace-Wiedergänger-Sänger nicht bis zum völligen stimmlichen Ruin verausgabt. Zeit zum Atemholen bleibt nicht, hier geht es aufs Ganze, scheppernd, kraftvoll, unerwartet dicht. Widerstand umöglich. Der halbe Club pogot, Stagediving ist wegen der niedrigen Decke lebensgefährlich. Gegen diese aufmüpfige Oberschultruppe wirken die Toten Hosen wie Miss Sophie und ihr Butler James.

Iceage – Youre Blessed from iceage on Vimeo.

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