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Foto nordische Landschaft

27. Januar 2017

Schmerzensmänner im Schneesturm: Eurosonic 2017

Das Eurosonic Festival im holländischen Groningen bildet bei mir und vielen anderen Musikfans im Januar traditionell den Jahresauftakt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Das Wetter in der Universitätsstadt im Norden des Landes ist um diese Jahreszeit häufig grauselig, und der Januar 2017 macht keine Ausnahme. Wie gut, dass man sich am warmsouligen Weltschmerz von Albin Lee Meldau wärmen kann, bevor es wieder heraus aufs Fahrrad und in den Schneesturm geht! Der junge schwedische Schmerzensmann tritt passenderweise in einer Kirche auf: Die bildet den perfekten Rahmen dafür, über das eigene Schicksal nachzusinnen! Zwar hängen dunkle Wolken über dem musikalischen Universum des tiefdunkel gekleideten Troubadours, der mit souligen Tracks wie dem schwarzsamtigen »Let Me Go« auch mal den Himmel um Unterstützung anfleht. Mit diesem wärmenden Whiskey aus Klängen im Herzen trotzt nachts um eins auf dem Fahrrad entlang der Grachten den fiesesten Schneeflocken!

Leider nicht im Gotteshaus findet die Rückkehr von Mikko Joensuu nach Groningen statt. Vor sechs Jahren ist der finnische Musiker hier mit seiner Band Joensuu 1685 aufgetreten. Lange ist es her! Der Mann mit dem strähnigen Blondhaar hat sich seitdem mehrmals gehäutet. Unvergessen sein großartiger Auftritt beim Flow Festival in Helsinki vor einigen Jahren, als er als Mischung zwischen Waldschrat und wiedergeborenem Christen auftrat und seine gequälte Seele scheunentorbreit öffnete. Inzwischen hat Mikko die beiden sehr wundervollen EPs »AMEN 1« (Songwriting!) und »AMEN 2« (Elektrokrautrock)! vorgelegt, in denen es immer noch viel um Finsternis und Erlösung geht. Aber irgendwie fällt inzwischen warmes Licht in seine dunklen inneren Kammern. Bei Mikko Joensuus Auftritt in einen wunderbar altmodischen Theater gleich um die Ecke bei der Kathedrale kommt der Finne sehr bescheiden daher. Konzentriert sich auf seine americana-affinen, melancholischen, sanft taubengrauen Balladen von »AMEN 1«. Mit dem üblichen wehleidige Genöle der meisten Singer-Songwriter heutzutage haben diese Tracks voller Tiefgang nichts zu tun. Näher, mein Gott zu Dir: Mit Mikko Joensuu kann man sich mit diesem Gedanken peinlichkeitsfrei anfreunden. Und auf dem persönlichen Wunschzettel für dieses Jahr vermerken, dass die krautrockige Variante von »AMEN 2« live sehr wunderbar klingen würde! Dass Mikko Joensuu in all den Jahren auch außerhalb Finnlands nachhaltig Eindruck hinterlassen hat, beweist eine kleine Episode beim diesjährigen Eurosonic: Am Vorabend stehe ich in der Schlange an, um die wunderbare Anna Meredith zu hören und komme mit einer netten Österreicherin ins Gespräch. Erzähle ihr, dass ich am kommenden Abend Mikko Joensuu sehen werde. Die Augen der jungen Frau strahlen plötzlich auf wie Leuchtraketen. »Mikko Joensuu! Genau! Und dieser wunderbare Song von Joensuu 1685!« Ja, genauso ist es!

24. Oktober 2016

Unter Wasser ist alles besser: I Wish I Was A Fish

In einer Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät, könnte die Flucht in tiefe Wasser helfen. Dachte sich Frida Teresia Svensson, als sie ihr musikalisches Projekt I Wish I Was A Fish startete. Ihr neues Unterwasser-Refugium ist ein Rückzugsraum vor der immerwährend fordernden Erwachsenenwelt. Es muss doch möglich sein, anders zu leben, auch wenn man dafür zum Schuppentier werden muss! Frida Teresia Svensson ist eine Multiinstrumentalistin, die ihren Lebensmittelpunkt zwischen Stockholm, Berlin und anderswo hat. Die eben herausgekommene, selbst betitelte Debüt-EP ist in San Francisco unter tätiger Mithilfe von Elliott Peltzman, dem Keyboarder der Stone Foxes, als Produzenten entstanden. I Wish I Was A Fish wirbelt hier die Wasser auf, bis uns schier schwindelig wird. Die schwedische Chanteuse zeigt sich als eigenwillige, verspielte Meerjungfrau, die auf reichlich Unterwasser-Schabernack aus ist. Sie säuselt, sie fleht,sie kiekst und schauerballadet, bis sie vor unserem geistigen Auge als Mischung zwischen Seeräuber-Jenny und garstiger Melusine aufleuchtet. Man möchte Frida Teresia die nasse Schwester von Amanda Palmer nennen, wenn sie Miniatur-Melodramen im weiten Feld zwischen Bänkel- und Kabarettgesang und experimentellem Chanson entwirft und sich trotz aller aufmüpfigen Protesthaltung einen feinen Rest kindlicher Unschuld bewahrt. Am Piano ist diese Frau übrigens eine Naturgewalt, wie unschwer zu überhören ist, wenn sie im ausufernden Track »Emma« eine komplizierte Frauenfreundschaft besingt. Einfache Töne sind das nicht, aber zu gerne würde man mit I Wish I Was A Fish in unbekannten Tiefen abtauchen. Einige Tracks der Debüt-EP sind via Soundcloud verfügbar. Sich ins Meer verliebnen? Guter Gedanke!

09. Oktober 2016

Schöner leiden mit Erik Jonasson

Dem jungen Mann muss jemand gehörig das Herz gebrochen haben. Denkt man, wenn man »Like A Funeral« hört, die Debütsingle des Göteborger Singer-Songwriters Erik Jonasson. Und fast möchte man sagen: Gut so, grausame Schöne! Denn ohne die im Übermaß verwundeten Gefühle wären wohl nie solch zarte, tiefgründige und berührende Sounds entstanden. Die sehr fein arrangiert ist, aber nie zu dick auftragen. Jonasson ist einer, der mit seiner falsettaffinen Stimme lieber zu wenig als zu viel sagt. Und mit Singer-Songwriter ist hier die klassische Variante des Genres gemeint, und nicht die simple Klampferei plus Mond-Anheulerei. Gerade mal 23 Jahre alt ist Erik Jonasson, der hier zur zarter Pianobegleitung den Schmerz aufs Schönste sublimiert und die Synthies erfreulicherweise wohldosiert einsetzt. Melancholie wird hier zur Kunstform. Leiden wird hier ganz still. Das sind Klänge, die wir nachts auf einer langen Autofahrt nach Hause hören, um uns Herz und Seele zu wärmen. Irgendwann mal hast Du meine Hand gehalten, singt er. So war das, in einem anderen Leben. Ach, seufzt man.

27. September 2016

Der Anti-Held: Albin Lee Meldau. Reeperbahn Festival 2016

Albin Lee Meldau strolcht als letztes Mitglied seiner Band auf die Bühne des plüschigen Hamburger Imperial Theaters. Ein ungelenker Mensch mit schlenkernden Gliedmaßen und einem unordentlichen dunklen Haarschopf. Blass und leicht übernächtigt wirkt er am zweiten Tag des Reeperbahn Festivals. »Harry Potter ist erwachsen geworden, hat sich eine Gitarre gekauft und irgendeine blöde Schlampe hat ihm das Herz gebrochen«: Das sind die ersten Assoziationen, die einem durch den Kopf fahren, wenn man den jungen Schweden sieht. Vor allem dann, wenn er sich mit fahrigen Gesten die Brille aufsetzt. Deren runde Gläser unter Garantie verschmiert sind. Aber alles ändert sich, wenn dieser Anti-Held anfängt zu singen: Der Mann aus Göteborg hat eine warme, brüchige, soulige Schmerzensmann-Stimme von ungewöhnlicher Klangfarbe. Ist keinesfalls der junge Mick Hucknall. Schlösse man die Augen, dann würde man sich einen mindestens 40jährigen vorstellen, der im Leben schon so manches Mal Schiffbruch erlitten hat. Viel braucht Meldau nicht, um an diesem Abend zu beeindrucken. Süßliche Gefühle hat dieses schwedische Nachtschattengewächs nicht im Repertoire. Diese Außenseiter-Töne haben Tiefe. Kommen aus dem Herzen, um die Vokabel »Authentizität« hier nicht strapazieren. Die Songs seiner Debüt-EP »LOVERS« sind zurückgenommen arrangiert. Weniger ist hier definitiv mehr. Und besonders mürbe ums Herz wird uns dann, wenn dieser junge Mann zur Trompete greift.

Albin Lee Meldau kommt aus einer musikalischen Familie. War jahrelang Sänger einer Soulband. Hat in Kirchen, auf Hochzeiten und Beerdigungen gespielt und auf der Straße sowieso. Seit rund einem Jahr erfindet sich dieser uneitle junge Mann als Solokünstler. Weil er sich mehr Erfolgschancen ausrechnet. Und weil er zu ungeduldig ist, um sich mit sechs anderen zu arrangieren. Albin Lee Meldau strebt in Richtung nachtschwarzen Pop. Das sehr feine »Lou Lou« ist veritabler skandinavischer Pop Noir. Klar, dass die Dinge hier schlecht ausgehen. Dass der junge Schwede hier mit Björn Yttling von Peter Bjorn And John gearbeitet hat, mag man kaum glauben.

Dieser uneitle junge Mann hat eine unbestreitbare Bühnenpräsenz. Vielleicht gerade deswegen, weil er es nicht nötig hat, dick aufzutragen. Kein Geringerer als Quentin Tarantino zeigte sich von dem Schweden beeindruckt und bestellte bei ihm ein Mixtape. Das Reeperbahn Festival hat in diesem Jahr übrigens zum ersten Mal einen Preis für den besten Nachwuchskünstler ausgelobt, der von einer hochkarätig besetzten internationalen Jury ausgewählt wurde. Wer hat den ersten Anchor Award gewonnen? Albin Lee Meldau natürlich!

(Foto: Fredrik Skogkvist)

09. August 2016

Hel(l) aktuell XXIII: Tuska 2016, Sonntag: War was?!

Der Regen lässt kaum nach. Fast die ganze Nacht gewittert es. Als wir uns in Richtung Tuskagelände aufmachen, regnet es noch immer. Dort angekommen werden wir von Hatebreed aus den USA begrüßt. Wir ignorieren sie wohlwollend, denn das wollen wir unseren Ohren nicht antun.

Dann doch lieber Nervosa. Für den Old School-Thrash der drei Brasilianerinnen lohnt sich der Weg in die kleine Halle.

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