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Foto nordische Landschaft

28. August 2017

Summer Breeze 2017 – Mittwoch: Experiment 4.0

Nach einem Jahr Summer Breeze-Abstinenz wagen wir 2017 ein Experiment: In kurzfristiger Ermangelung eines eigenen Autos fahren wir am Mittwoch zusammen mit drei Freunden auf regulärem Weg nach Dinkelsbühl. Bis zur Fahrzeugkontrolle läuft es ohne größere Verzögerungen, der normale Anreisestau, kein Grund zur Sorge. Während die anderen samt Auto dahinkriechen, holen wir schon mal unsere Presse- und Fotopässe. Gemütlich laufen wir zum Auto zurück. Bei der Fahrzeugkontrolle angekommen, werden wir in eine der beiden äußersten Reihen gelotst (15:45 Uhr).

Anfangs sind wir noch guter Dinge, ab und an bewegt sich was. Irgendwann geht nichts mehr, langsam wird es anstrengend; bei mehr als 30° C  schleichen die Minuten dahin. Und über allem schwebt der Gestank der längsten Pissrinne Dinkelsbühls (=Absperrung), an der sich die Biertrinker erleichtern. Im Gegensatz zu unserer Reihe, geht in den zwei bis drei mittleren Reihen immer wieder was. Dass in den äußeren Reihen nichts vorwärts geht, ist kein Wunder: aus zehn oder mehr Reihen müssen zwei werden. Dabei will natürlich jeder der Erste sein.

Herrenlose, mitten im Weg abgestellte Autos erschweren das an sich logistisch schwierige Unterfangen; die Fahrer sind wie vom Erdboden verschluckt. Ordner, die den Verkehr regeln könnten, suchen die Wartenden vergebens. Langsam macht sich Unmut breit. Wenig später totaler Stillstand – für mehr als eine Stunde. Als wieder Bewegung in die Sache kommt, tauchen nach gut einer halben Stunde endlich die Fahrer der geparkten Autos wieder auf. Es geht weiter; zwar langsam, aber immerhin.

Wir reihen uns ein und fahren endlich Richtung Zeltplatz. Dort stehen dann zu unserer Überraschung auf 100 Metern mehr als vier Ordner. Beim Einweisen müssen wir gefühlt noch zehn Mal vor und zurückfahren, bis es dem Einweiser passt. Um 20 Uhr stellen wir den Motor ab. Fazit: Gute vier Stunden von »Black Earth« zum Zeltplatz.

Der Zeltaufbau muss dann ganz schnell gehen: die Einweiser lassen kaum Platz, d.h. es wird eng bei uns, und allen anderen. Nach ein paar klärenden Worten mit den Nachbarn weiß jeder, wo er sein Zelt aufbauen kann. Dann endlich ist es soweit: Zelte und Pavillon stehen (20:45 Uhr).

Auf der Pressekonferenz am Samstag werden wir den offiziellen Grund für die lange Warterei erfahren: Kompletten Beitrag lesen …

02. Juli 2017

Tuska 2017, Freitag: Zum 20. gratulieren ST, Mayhem, Sabaton – und Pekko Käppi

Punktlandung in Suvilahti: Exakt zu den ersten Takten von Suicidal Tendencies’ »You Can’t Bring Me Down« betrete ich das Gelände des Tuska-Open-Airs. Die Kalifornier liefern auf der Haupt-/RadioRock-Bühne ein gewohnt soldides, sauberes Set – und Fronter Mike Muir wirkt als hätte er nach stolzen 36 Jahren immer noch Spaß daran.

Dagegen ist Gitarrist Dean Pleasants (seit 1996 dabei) nahezu ein Bandküken, ganz zu schweigen von den letztjährig dazu Gestoßenen, alias Basser Ra Díaz, Ex-Slayer-Schlagzeuger Dave Lombardo sowie Gitarrist Jeff Pogan. Apropos dazu stoßen: Gegen Ende des Sets spielen die Crossover-Thrash-Veteranen wie immer, so auch in Helsinki, das wie-viele-Menschen-passen-auf-die-Bühne-Spiel, und lassen so viele Fans wie möglich zu sich hoch klettern – und jetzt alle: »Pledge Your Allegiance«.

Von den Urgesteinen ziehe ich weiter zu einem für mich bis dato unbekannten Künstler – zumindest live. Auf Alben ist der Finne Pekko Käppi für nordische-musik ein alter Bekannter, sowohl gemeinsam mit K:H:H:L als auch mit dem Jouhiorkesteri. Die Folk-Blues-Rocker auf der Inferno-Bühne sind die positive Überraschung des Tages. Sie sind nicht nur erstaunlich laut und mächtig, sondern haben auch einen satten Groove – und das zu dritt: Ein Basser, ein Gitarrist der gleichzeitig Schlagzeug spielt (zugegeben: nur die Hi Hat) und natürlich Pekko Käppi an der Jouhikko. Wer die Chance hat diese Truppe live zu erleben: Hingehen!

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27. Januar 2017

Schmerzensmänner im Schneesturm: Eurosonic 2017

Das Eurosonic Festival im holländischen Groningen bildet bei mir und vielen anderen Musikfans im Januar traditionell den Jahresauftakt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Das Wetter in der Universitätsstadt im Norden des Landes ist um diese Jahreszeit häufig grauselig, und der Januar 2017 macht keine Ausnahme. Wie gut, dass man sich am warmsouligen Weltschmerz von Albin Lee Meldau wärmen kann, bevor es wieder heraus aufs Fahrrad und in den Schneesturm geht! Der junge schwedische Schmerzensmann tritt passenderweise in einer Kirche auf: Die bildet den perfekten Rahmen dafür, über das eigene Schicksal nachzusinnen! Zwar hängen dunkle Wolken über dem musikalischen Universum des tiefdunkel gekleideten Troubadours, der mit souligen Tracks wie dem schwarzsamtigen »Let Me Go« auch mal den Himmel um Unterstützung anfleht. Mit diesem wärmenden Whiskey aus Klängen im Herzen trotzt nachts um eins auf dem Fahrrad entlang der Grachten den fiesesten Schneeflocken!

Leider nicht im Gotteshaus findet die Rückkehr von Mikko Joensuu nach Groningen statt. Vor sechs Jahren ist der finnische Musiker hier mit seiner Band Joensuu 1685 aufgetreten. Lange ist es her! Der Mann mit dem strähnigen Blondhaar hat sich seitdem mehrmals gehäutet. Unvergessen sein großartiger Auftritt beim Flow Festival in Helsinki vor einigen Jahren, als er als Mischung zwischen Waldschrat und wiedergeborenem Christen auftrat und seine gequälte Seele scheunentorbreit öffnete. Inzwischen hat Mikko die beiden sehr wundervollen EPs »AMEN 1« (Songwriting!) und »AMEN 2« (Elektrokrautrock)! vorgelegt, in denen es immer noch viel um Finsternis und Erlösung geht. Aber irgendwie fällt inzwischen warmes Licht in seine dunklen inneren Kammern. Bei Mikko Joensuus Auftritt in einen wunderbar altmodischen Theater gleich um die Ecke bei der Kathedrale kommt der Finne sehr bescheiden daher. Konzentriert sich auf seine americana-affinen, melancholischen, sanft taubengrauen Balladen von »AMEN 1«. Mit dem üblichen wehleidige Genöle der meisten Singer-Songwriter heutzutage haben diese Tracks voller Tiefgang nichts zu tun. Näher, mein Gott zu Dir: Mit Mikko Joensuu kann man sich mit diesem Gedanken peinlichkeitsfrei anfreunden. Und auf dem persönlichen Wunschzettel für dieses Jahr vermerken, dass die krautrockige Variante von »AMEN 2« live sehr wunderbar klingen würde! Dass Mikko Joensuu in all den Jahren auch außerhalb Finnlands nachhaltig Eindruck hinterlassen hat, beweist eine kleine Episode beim diesjährigen Eurosonic: Am Vorabend stehe ich in der Schlange an, um die wunderbare Anna Meredith zu hören und komme mit einer netten Österreicherin ins Gespräch. Erzähle ihr, dass ich am kommenden Abend Mikko Joensuu sehen werde. Die Augen der jungen Frau strahlen plötzlich auf wie Leuchtraketen. »Mikko Joensuu! Genau! Und dieser wunderbare Song von Joensuu 1685!« Ja, genauso ist es!

24. Oktober 2016

Unter Wasser ist alles besser: I Wish I Was A Fish

In einer Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät, könnte die Flucht in tiefe Wasser helfen. Dachte sich Frida Teresia Svensson, als sie ihr musikalisches Projekt I Wish I Was A Fish startete. Ihr neues Unterwasser-Refugium ist ein Rückzugsraum vor der immerwährend fordernden Erwachsenenwelt. Es muss doch möglich sein, anders zu leben, auch wenn man dafür zum Schuppentier werden muss! Frida Teresia Svensson ist eine Multiinstrumentalistin, die ihren Lebensmittelpunkt zwischen Stockholm, Berlin und anderswo hat. Die eben herausgekommene, selbst betitelte Debüt-EP ist in San Francisco unter tätiger Mithilfe von Elliott Peltzman, dem Keyboarder der Stone Foxes, als Produzenten entstanden. I Wish I Was A Fish wirbelt hier die Wasser auf, bis uns schier schwindelig wird. Die schwedische Chanteuse zeigt sich als eigenwillige, verspielte Meerjungfrau, die auf reichlich Unterwasser-Schabernack aus ist. Sie säuselt, sie fleht,sie kiekst und schauerballadet, bis sie vor unserem geistigen Auge als Mischung zwischen Seeräuber-Jenny und garstiger Melusine aufleuchtet. Man möchte Frida Teresia die nasse Schwester von Amanda Palmer nennen, wenn sie Miniatur-Melodramen im weiten Feld zwischen Bänkel- und Kabarettgesang und experimentellem Chanson entwirft und sich trotz aller aufmüpfigen Protesthaltung einen feinen Rest kindlicher Unschuld bewahrt. Am Piano ist diese Frau übrigens eine Naturgewalt, wie unschwer zu überhören ist, wenn sie im ausufernden Track »Emma« eine komplizierte Frauenfreundschaft besingt. Einfache Töne sind das nicht, aber zu gerne würde man mit I Wish I Was A Fish in unbekannten Tiefen abtauchen. Einige Tracks der Debüt-EP sind via Soundcloud verfügbar. Sich ins Meer verliebnen? Guter Gedanke!

09. Oktober 2016

Schöner leiden mit Erik Jonasson

Dem jungen Mann muss jemand gehörig das Herz gebrochen haben. Denkt man, wenn man »Like A Funeral« hört, die Debütsingle des Göteborger Singer-Songwriters Erik Jonasson. Und fast möchte man sagen: Gut so, grausame Schöne! Denn ohne die im Übermaß verwundeten Gefühle wären wohl nie solch zarte, tiefgründige und berührende Sounds entstanden. Die sehr fein arrangiert ist, aber nie zu dick auftragen. Jonasson ist einer, der mit seiner falsettaffinen Stimme lieber zu wenig als zu viel sagt. Und mit Singer-Songwriter ist hier die klassische Variante des Genres gemeint, und nicht die simple Klampferei plus Mond-Anheulerei. Gerade mal 23 Jahre alt ist Erik Jonasson, der hier zur zarter Pianobegleitung den Schmerz aufs Schönste sublimiert und die Synthies erfreulicherweise wohldosiert einsetzt. Melancholie wird hier zur Kunstform. Leiden wird hier ganz still. Das sind Klänge, die wir nachts auf einer langen Autofahrt nach Hause hören, um uns Herz und Seele zu wärmen. Irgendwann mal hast Du meine Hand gehalten, singt er. So war das, in einem anderen Leben. Ach, seufzt man.

 
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