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Foto nordische Landschaft

09. Oktober 2016

Schöner leiden mit Erik Jonasson

Dem jungen Mann muss jemand gehörig das Herz gebrochen haben. Denkt man, wenn man »Like A Funeral« hört, die Debütsingle des Göteborger Singer-Songwriters Erik Jonasson. Und fast möchte man sagen: Gut so, grausame Schöne! Denn ohne die im Übermaß verwundeten Gefühle wären wohl nie solch zarte, tiefgründige und berührende Sounds entstanden. Die sehr fein arrangiert ist, aber nie zu dick auftragen. Jonasson ist einer, der mit seiner falsettaffinen Stimme lieber zu wenig als zu viel sagt. Und mit Singer-Songwriter ist hier die klassische Variante des Genres gemeint, und nicht die simple Klampferei plus Mond-Anheulerei. Gerade mal 23 Jahre alt ist Erik Jonasson, der hier zur zarter Pianobegleitung den Schmerz aufs Schönste sublimiert und die Synthies erfreulicherweise wohldosiert einsetzt. Melancholie wird hier zur Kunstform. Leiden wird hier ganz still. Das sind Klänge, die wir nachts auf einer langen Autofahrt nach Hause hören, um uns Herz und Seele zu wärmen. Irgendwann mal hast Du meine Hand gehalten, singt er. So war das, in einem anderen Leben. Ach, seufzt man.

27. September 2016

Der Anti-Held: Albin Lee Meldau. Reeperbahn Festival 2016

Albin Lee Meldau strolcht als letztes Mitglied seiner Band auf die Bühne des plüschigen Hamburger Imperial Theaters. Ein ungelenker Mensch mit schlenkernden Gliedmaßen und einem unordentlichen dunklen Haarschopf. Blass und leicht übernächtigt wirkt er am zweiten Tag des Reeperbahn Festivals. »Harry Potter ist erwachsen geworden, hat sich eine Gitarre gekauft und irgendeine blöde Schlampe hat ihm das Herz gebrochen«: Das sind die ersten Assoziationen, die einem durch den Kopf fahren, wenn man den jungen Schweden sieht. Vor allem dann, wenn er sich mit fahrigen Gesten die Brille aufsetzt. Deren runde Gläser unter Garantie verschmiert sind. Aber alles ändert sich, wenn dieser Anti-Held anfängt zu singen: Der Mann aus Göteborg hat eine warme, brüchige, soulige Schmerzensmann-Stimme von ungewöhnlicher Klangfarbe. Ist keinesfalls der junge Mick Hucknall. Schlösse man die Augen, dann würde man sich einen mindestens 40jährigen vorstellen, der im Leben schon so manches Mal Schiffbruch erlitten hat. Viel braucht Meldau nicht, um an diesem Abend zu beeindrucken. Süßliche Gefühle hat dieses schwedische Nachtschattengewächs nicht im Repertoire. Diese Außenseiter-Töne haben Tiefe. Kommen aus dem Herzen, um die Vokabel »Authentizität« hier nicht strapazieren. Die Songs seiner Debüt-EP »LOVERS« sind zurückgenommen arrangiert. Weniger ist hier definitiv mehr. Und besonders mürbe ums Herz wird uns dann, wenn dieser junge Mann zur Trompete greift.

Albin Lee Meldau kommt aus einer musikalischen Familie. War jahrelang Sänger einer Soulband. Hat in Kirchen, auf Hochzeiten und Beerdigungen gespielt und auf der Straße sowieso. Seit rund einem Jahr erfindet sich dieser uneitle junge Mann als Solokünstler. Weil er sich mehr Erfolgschancen ausrechnet. Und weil er zu ungeduldig ist, um sich mit sechs anderen zu arrangieren. Albin Lee Meldau strebt in Richtung nachtschwarzen Pop. Das sehr feine »Lou Lou« ist veritabler skandinavischer Pop Noir. Klar, dass die Dinge hier schlecht ausgehen. Dass der junge Schwede hier mit Björn Yttling von Peter Bjorn And John gearbeitet hat, mag man kaum glauben.

Dieser uneitle junge Mann hat eine unbestreitbare Bühnenpräsenz. Vielleicht gerade deswegen, weil er es nicht nötig hat, dick aufzutragen. Kein Geringerer als Quentin Tarantino zeigte sich von dem Schweden beeindruckt und bestellte bei ihm ein Mixtape. Das Reeperbahn Festival hat in diesem Jahr übrigens zum ersten Mal einen Preis für den besten Nachwuchskünstler ausgelobt, der von einer hochkarätig besetzten internationalen Jury ausgewählt wurde. Wer hat den ersten Anchor Award gewonnen? Albin Lee Meldau natürlich!

(Foto: Fredrik Skogkvist)

09. August 2016

Hel(l) aktuell XXIII: Tuska 2016, Sonntag: War was?!

Der Regen lässt kaum nach. Fast die ganze Nacht gewittert es. Als wir uns in Richtung Tuskagelände aufmachen, regnet es noch immer. Dort angekommen werden wir von Hatebreed aus den USA begrüßt. Wir ignorieren sie wohlwollend, denn das wollen wir unseren Ohren nicht antun.

Dann doch lieber Nervosa. Für den Old School-Thrash der drei Brasilianerinnen lohnt sich der Weg in die kleine Halle.

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08. August 2016

Hel(l) aktuell XXII: Tuska 2016, Samstag: Wechselhaft

Nicht auszuhalten ist die Sonne am zweiten Tuska-Tag. Heute gibt es endlich eine Sonnenbrille. Während die irischen Primordial noch gute 25 Minuten spielen, besorge ich mir eine. Man merkt, dass Samstag ist. Gestern um diese Zeit war nicht so viel los.

Ab ins Zelt vor die Helsinki Stage. Tsjuder aus Norwegen ist die erste Band, die wir sehen wollen. Drei mit Corpsepaint beschmierte, martialisch aussehende Typen, die richtig geilen Black-Metal spielen. Eine der besten Bands des gesamten Festivals.

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05. Juli 2016

Die Frau für Sonntagmorgen um fünf: Elin Ivarsson

Schon merkwürdig, über welche Umwege man manchmal über neue Musikerinnen stolpert: Im Fall der schwedischen Chanteuse Elin Ivarsson war es der Newsletter des Frankfurter Yellowstage Sound System, die immer mal interessante Veranstaltungen im Programm haben, auch wenn sie leider, leider, den schönen alten Standort in Rödelheim verlassen mussten. Für mich war das ein historischer Ort, weil ich dort zum ersten Mal die von mir sehr geschätzten isländischen Postrocker For A Minor Reflection hörte, die mir nach dem Konzert schwer ans Herz legten, doch unbedingt mal nach Reykjavík zum Iceland Airwaves Festival zu kommen: Einer der besten Empfehlungen meines Lebens, diesen Herbst fahre ich das achte Mal hin! Ich schweife ab und komme zurück zu Miss Elin: Sie spielt Ende des Monats in Frankfurt in einer mir völlig neuen Location namens Lotte Lindenberg. Ein Tonstudio in Sachsenhausen, ab und zu umfunktioniert zu einer Live-Location. Da sollte man doch mal hin! Und da sage mal einer, Frankfurt sei langweilig!

Natürlich in die Musik der jungen Schwedin mit derzeitigem Wohnsitz in Brighton hereingehört und sehr angetan! Denn Elin Ivarsson ist eine klassisch ausgebildete Gitarristin, die erst spät zur Singer-Songwriterei gefunden hat. Und sie unterscheidet sich von der Masse der langweiligen Klampfenliesen dadurch, dass sie eine begabte Geschichtenerzählerin ist. Und mehr als nur einen Funken Temperament besitzt! Die schrullige kleine Ballade »Sunday 5 AM« a hebt nach gemächlichem Beginn langsam ab und fängt das hochlebendige Maunzen an. Und dann geht doch tatsächlich die Sonne auf! Stimmlich erinnert Elin Ivarsson mitunter ein wenig an die leider aus den Augen geratene Edie Brickell.

Immer nur die gleiche Mär von Herz- und Seelenschmerz, den diese Liedermache(Innen) inszenieren wie eine Kleinstadt-Beerdigung, puuh, wie ist das öde! Lieber auf Alltags-Abenteuerfahrt gehen wie im sehr feinen »No Name«, in dem das Cello die zweite Hauptperson ist. Oder folkig schwelgen in »Laurels«, die Fiedeln auf die Bühne rufen und in Lagerfeuer-Chorgesänge ausbrechen! Elin Ivarssons selbst betiteltes Debütalbum ist im April beim Brightoner Qualitätslabel Hidden Trail Records herausgekommen, wo auch Musiker wie die fabehafte Troubadeuse Roxanne de Bastion vertreten ist. In das Album kann man zur Gänze via Bandcamp hereinhören. Für lange, faule Sommerabende auf dem Balkon zu empfehlen! Und am 22. Juli werde ich mich wohl abends in das geheimnisvolle Lotte Lindenberg aufmachen, um Miss Elin live zu lauschen!

 
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